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002 Kern Sex als Sprengstoff

Text/Transkript

Sex als Sprengstoff gegen die Gesellschaft

Die politische Manipulation mit der Pubertät / Von ERICH KERN

Seit die Menschheit besteht, gibt es für jeden jungen Menschen, wenn er der Kindheit entwächst, gewisse Entwicklungsschwierigkeiten. Man nennt diesen Lebensabschnitt die Pubertät. Bisher ist jede junge Generation mit diesem Problem mehr oder minder ohne fremde Hilfe fertig geworden. Der unwiderlegbare Beweis dafür ist die steigende Zahl der Weltbevölkerung durch alle Jahrhunderte. In der Dritten Welt gar, wo die farbigen Völker sich noch nicht so weit von der Natur entfernten, gibt es auch heute noch diesbezüglich alles eher als Schwierigkeiten. Allein bei den weißen Völkern, vor allem in der Wohlstandsgesellschaft der Industriestaaten glaubt man, mit den bisherigen Erfahrungen nicht auskommen zu können und ganz „neue“ Wege beschreiten zu müssen.

Eigentlich begann alles mit der psychoanalytischen Erkenntnis des Prof. Dr. Siegmund Freud, der als Grundlage aller seelischen Vorgänge den Geschlechtstrieb betrachtete. Diese Überbewertung eines Teils der natürlichen Vorgänge unseres Körpers bewog schließlich den amerikanischen Professor Alfred Kinsey zu seinen Reporten über das sexuelle Verhalten der Frau und des Mannes und führte pfeilgerade in die Laboratorien der St. Louis University in Missouri des Dr. William Masters und seiner Mitarbeiterin Virginia E. Johnson, wo der Gipfel der Geschmack- und Taktlosigkeit der sogenannten Sexualforschung erreicht wurde. Mit Kamera, Ton- und Meßgeräten die Intimsphäre der Menschheit zu belauschen, hat wohl nichts mehr mit Wissenschaft zu tun, sondern gehört in jene abgründigen Bereiche einer Pseudowissenschaft, die nicht unwesentlich an der völligen Entseelung der Liebe Schuld trägt.

Nichts Neues

Von diesen Auswüchsen abgesehen, bringt die ganze „Sexualwissenschaft[“] nichts wesentlich Neues. Es hat schon immer Prostitution auf der Welt gegeben, und immer Ehepartner, die fremdgegangen sind. Ja selbst der jetzt mit soviel Geschrei proklamierte Gruppensex, der Massenfamilie, ist nichts Neues: Wir treffen diese Dinge heute noch bei vielen auf tiefster Kulturstufe stehenden Völkerstämmen in Afrika und Asien an. Manche dieser Dinge haben sich nur – mit der Bevölkerungsexplosion der Welt – vermehrt und so haben wir heute in der Bundesrepublik rund 60 000 Prostituierte (Kenner behaupten sogar, illegal würden sich mindestens noch einmal 120 000 Damen des ambulanten Gewerbes tummeln); in den USA gibt es derer sogar zwei Millionen.

Es ist von besonderer Pikanterie, daß die damals christdemokratisch geführte Bundesrepublik mit dem Urteil des Bundesgerichtshofes vom 2. März 1965 die Prostitution offiziell anerkannte: „Die weibliche Prostitution ist als solche weder strafbar noch rechtswidrig. Sie ist unsittlich und wird daher von der Sitte mißbilligt, vom Recht dagegen geduldet.“ Diese Verbeugung war in dem Augenblick notwendig, in dem sich der Staat entschloß, an dem Sündengeschäft der Dirnen in Form von Steuern teilzunehmen.

Mit der fragwürdigen Sexual-„Wissenschaft“ verbreitete sich der Wunsch einer weitgehenden Aufklärung der Jugendlichen, die sich in unserer sozialistisch-liberalistischen Gesellschaft geradezu überschlägt. Zweifelsohne ist gegen eine biologische Unterrichtung der Jugend, wenn sie in die Pubertät eintritt, nichts zu sagen, wenn sie nicht, wie das heute in vielen Fällen der Fall ist, das Schamgefühl der Jugendlichen verletzt. Daß aber sozusagen mittels Sexatlanten und Aufklärungen bereits die Volksschüler über die intimen Vorgänge des Geschlechtsverkehrs unterrichtet werden, ist geradezu verantwortungslos. Schon zeigen sich in manchen Fällen die grauenhaften Schattenseiten dieser Aufklärungs-Verirrungen. Erst kürzlich versuchte ein 11jähriger Schüler in Düsseldorf ein 15jähriges Mädchen zu vergewaltigen, vor der Polizei gestand der Knabe: „Ich habe zu Hause Aufklärungsbücher gelesen. Darum wollte ich auch mal etwas mit einem Mädchen versuchen.“ Der 15jährige Schüler Bernhard, der im Vorjahr in Duisdorf eine 35jährige Mutter ermordete, gab an, daß er besonders durch Aufklärungsschriften den Wunsch hatte, die hübsche Frau, in deren Nachbarschaft er lebte, nackt zu sehen. Wer glaubt, daß diese erschütternden Dokumentarbeweise eine Änderung des Irrwegs dieser verfrühten und rein auf die materiellen Vorgänge ausgerichteten „Aufklärung“ erwartet, der ist ein Illusionist.

Die Illustrierten, die westdeutsche Filmindustrie, überschlagen sich mit Nacktfilmen, Bildern, Sexreportagen, und selbst die Werbung hat sich längst des Sexes bemächtigt. Das Verhängnisvolle dabei ist, daß diese Form von Sexualerziehung und Sexual-„Wissenschaft“ pfeilgerade in eine beinahe schrankenlose Enthemmung führt. Das Leben wird schon im Kindesalter in allen Phasen ausgeschöpft. Einschlägige Literatur berät die Jugendlichen detailliert mit aller Raffinesse.

 

Sex-Jahrmarkt mit Exhibitionismus

So wurde alles Mini, die Röckchen, die Bikinis, und da dies noch zu wenig war, folgte man begeistert dem Ex-Wiener Gernreich und warf zuerst oben – vielleicht schon bald unten – alles ab, um sich mit deutlichen Merkmalen eines Exhibitionismus mehr oder minder gut gewachsen auf dem Sex-Jahrmarkt zu präsentieren. Schließlich führt die Pille zur Empfängnisverhütung dazu, daß die letzten Hemmungen zusammenbrachen. Wenn sogar das Oberhaupt der anglikanischen Kirche, Erzbischof Michael Ramsey, im Meinungsstreit der busenfreien Mode auf einer Pressekonferenz in Durham zur Toleranz aufrief, fallen die letzten Hemmungen selbst bei den gläubigsten Christen.

Die logischen Folgen sind nicht zu beschreibende sexuelle Abwegigkeiten und als letzte Rettung aus der trostlosen Misere das Rauschgift. Die Leere aber bleibt trotzdem. Der Jugendliche, der vorzeitig alles bekam, hat nichts mehr, was erstrebenswert wäre. Wer alles schon besitzt, oder geschenkt bekommt, kann eben nichts mehr wünschen, nichts mehr erhoffen. Das Ende für die 20jährigen ist ein erschreckendes Nichts.

Daß dabei die venerischen Krankheiten sprunghaft ansteigen, ist eine, wenn auch sehr bedrückende Randerscheinung. Es kann wenig beruhigen, wenn diese Ansteckungen uns mit Fremdarbeitern und tropischen Reisen erklärt werden. Auch dort und da mußten zuerst die Hemmungen fallen, um sich in Masse den venerischen Gefahren auszusetzen. Zahlen waren aus der Bundesrepublik auf diesem Gebiet nicht zu erhalten. Doch in den USA, wo alles statistisch errechnet wird, stieg in den letzten Jahren die Syphilis bei männlichen Jugendlichen unter 18 Jahren um 56 Prozent. Wir sehen, wir gehen auch hier herrlichen Zeiten entgegen.

Der sexuelle Klassenkampf

Die kleine Gruppe der „neuen Linken“ kam lange Zeit bei der Jugend nicht so recht voran. Schließlich sind Herbert Marcuse, Theodor Adorno, Max Horkheimer und Genossen längst keine Jünglinge mehr. Diese Opas der „Jugendrevolution“ zogen einfach nicht. Selbst die teilweise sehr berechtigten Forderungen nach Universitätsreformen und Schulverbesserungen vermochten die Massen nicht in Bewegung zu setzen. Da kam einigen cleveren Managern der Studenten- und Schülerrevolte die grandiose Idee, den enthemmten Sex vor ihren linkgedrallten Karren zu spannen. Alle Studenten- und Schülerzeitungen bemächtigten sich schlagartig des schrankenlosen Sexes und predigten im Detail, nur kümmerlich theoretisch verbrämt, alle seine Formen. Natürlich folgten alle jene kommerziellen Magazine, die mit der Jugendrevolte viele kapitalistische DM machen. Dieser verlockenden Lektüre, die aus teils getarnter, teils aus offener Pornographie besteht, konnte ein Teil der akademischen und Oberschuljugend nicht widerstehen. So kamen schließlich Karl Marx, Che Guevara, Mao Tse tung, Rosa Luxemburg und Genossen über die propagierte Massenprostitution in die Reihen des verirrten Teils der westdeutschen Jugend. Es wird seither offiziell die optimale Triebbefriedigung als Voraussetzung für die Charakterbildung gepredigt. Die eventuelle Triebversagung wird als „bürgerliche Deformation“ hingestellt. Das Lustprinzip als solches wird durch die Polit-Pornographie offiziell proklamiert. Das Bündnis der Pornographie mit der Revolution lohnte sich: Der sexuelle Klassenkampf wurde geboren. So wurde der Sex zum Sprengstoff gegen die Gesellschaft!

Das immer bestehende Generationsproblem wurde natürlich systematisch angeheizt und führte in vielen Fällen zu einem Aufstand gegen das Elternhaus, die Schule und den Staat. Diese nunmehr aufgehetzte, zum Teil verluderte Gruppe der Jugend, fühlt sich bei allem und jedem vergewaltigt – „frustiert“. Vergewaltigung ist für sie vor allem, daß sie lernen und Prüfungen ablegen sollen; Vergewaltigung ist die Leistung an sich und natürlich jede Pflicht. Man will frei sein. Ganz frei sein. Vom Gesetz, von Vorschriften und Auflagen aller Art. Man will also nicht mehr und nicht weniger als die Anarchie.

Pubertäts-Neurosen

Die verschwommenen Ziele sind eine Mischung von Mehrheitsbeglückern der Vergangenheit, von Proudhon, Marx, Bakunin bis Mao Tse Tung, zeigen alle Züge echter Pubertäts-Neurosen, ihre Sprache, ein oft kaum verständlicher Slang, kommt zum Teil aus der Analsphäre. Dabei sind diese Rebellen gegen jede Autorität, die ihren Großvätern und Vätern nicht verzeihen können, weil sie auch unter einer Diktatur an Deutschland glaubten, die heute noch bei jeder NPD-Versammlung den versäumten Widerstand gegen Adolf Hitler nachholen wollen, die aus triefender Menschenliebe den Wehrdienst verweigern, und gegen jeden, natürlich nur amerikanischen, südafrikanischen, griechischen und portugiesischen, Militarismus marschieren, von einer aufreizenden Widersprüchlichkeit. Denn diese antiautoritäre Jugend ist im höchsten Maße und brutal autoritär. Sie duldet keine andere Meinung; sie brüllt jeden nieder, der anders denkt als ihre kommunistisch-anarchistischen Götter. Sie setzt Gebäude in Brand, sie zerschlägt und beschmutzt Einrichtungen, zertrümmert Fensterscheiben, sie schlägt ganz und gar unpazifistisch politisch Andersdenkende nieder, sie geht gegen die ihre Pflicht erfüllenden Polizeibeamten los und sie legt schließlich sogar Bomben und Höllenmaschinen. In einem förmlichen Veitstanz strebt sie nur nach einem: Der Zerstörung aller Werte und Einrichtungen. Freilich hat dieser anarchische Bazillus bisher nur einen kleinen Teil der studierenden westdeutschen Jugend erfaßt. Bezeichnenderweise blieben vor allem die jungen Arbeiter und die jungen Bauern davon verschont. Sie leben aber dank der propagandistischen Förderung der Zersetzung durch die Massenmedien beinahe in einem seelischen Ghetto. Sauber zu sein ist ja heute in der öffentlichen Meinung idiotisch, Jungfräulichkeit glattweg verdächtig.

Wohlstandskinder

Das verblüffendste ist, daß die Träger der sittlichen Entartung und der anarcho-kommunistischen Revolution keineswegs die proletarischen oder bäuerlichen Teile der westdeutschen Jugend sind. Die Meuterer gegen Zucht und Ordnung, gegen Staat und Recht stellt, nach dem Jargon der Marxisten, die junge westdeutsche Bourgeoisie. Nichtstuer und Nichtskönner, zum größten Teil vom Monatswechsel ihrer allzu nachsichtigen Väter finanziert, stellen die Masse der Zerstörungssüchtigen, sexbesessenen Pubertätsrevoluzzer. Selbst unter diesen befinden sich noch manche fehlgeleitete Idealisten, die mit dem Widerspruch der Theorie und Praxis unserer durch und durch vermorschten Gesellschaft nicht fertig werden. Um sie braucht niemand bange zu sein. Denn auch heute noch gilt die Weisheit: Wer mit 18 nicht Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer es mit 40 noch ist, der aber hat einen Dachschaden.

Viel größeren Schaden als die politischen Entgleisungen eines Teils der studentischen Jugend wird der Nation durch die propagierte sittliche Verluderung zugefügt. Denn so unglaublich es scheint: Auch aus den Reihen dieser Sexenthemmten kommen die Väter und Mütter von morgen.

 

Kapitalistische Nackedeis

Der Experte des Institutes für Allgemeine Kulturwissenschaft der Karl Marx-Universität Leipzig, Dr. Slooma, kam in der Erforschung von Sex-Fotos zu folgendem Ergebnis. „Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen sozialistischer und kapitalistischer Nacktheit Die kapitalistische Gesellschaft löst sexuelle Gegensätze auf privatem Weg, z. B. durch Heirat; die innere Leere der Form wird durch äußeren Prunk übertüncht. Die Beziehung der Geschlechter wird auf ein tierisches Verhältnis herabgewürdigt Um von den Sex-Fotos zu sprechen: Man steht spätbürgerlicher Afterkunst gegenüber.“

Es wird langsam schwierig, diesem „Experten“ zu widersprechen!

 

[Bildunterschrift:]

Die Familie, ironisch „Einfamilie“ genannt, steht im Mittelpunkt des Angriffes der anarcho-kommunistischen Sex-Revolutionäre. Die Massenfamilie wird propagiert. ln „Kommunen“ (unser Bild zeigt die Kommune 1 mit ihren männlichen Vertretern Kunzelmann, Teufel, Langhans, Enzensberger mit Kommunekindern) soll ein neuer Lebensstil erprobt werden. Die meisten dieser Kommune-Experimente sind unterdessen gescheitert.

Quellennachweis

Erich Kern [Pseudonym von Erich Johann Kernmayr], Sex als Sprengstoff gegen die Gesellschaft. Die politische Manipulation mit der Pubertät, in: Deutsche Wochen-Zeitung, Nr. 3, 16.1.1970, S. 5.