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011 Thora Ruth

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Die besseren Argumente

Während bei CDU und FDP die enge Verbindung zur Grossindustrie allgemein bekannt ist, erhofften sich viele Arbeiter von der SPD eine bessere Politik – und müssen allmählich feststellen, dass auch diese „Arbeiterpartei“ mit den scheinbar bekämpften Bossen versippt ist. Hierin liegt die Chance einer nationalen Opposition. Wir haben einfach die besseren Argumente – nicht nur auf dem Gebiet der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die Idee des Befreiungsnationalismus ist in ganz Europa – von Irland und der Bretagne bis zu den unterdrückten Völkern Osteuropas – auf dem Vormarsch.

Bei uns kann die nationale Selbstbestimmung von keiner der grossen Parteien durchgesetzt werden. Die CDU hängt ständig an Washingtons Rockschössen – das wurde besonders bei ihrer Chinapolitik deutlich, als sich Erhard von den Herren im Weissen Haus zurückpfeifen liess, obwohl eine Zusammenarbeit mit China wünschenswert ist, sagte doch der „grosse Vorsitzende“: „Ich kenne kein Kaliningrad, ich kenne nur Königsberg!“ Und über die SPD, die ihre Hauptaufgabe in der Erfüllung sowjetischer Wünsche sieht, braucht man kein Wort mehr zu verlieren. Wir wenden uns sowohl gegen den sowjetischen Panzerkolonialismus als auch gegen den US-Dollarimperialismus.

Wir haben die besseren Argumente – doch wie zeigen wir das dem Otto Normalverbraucher? Dass uns die bundesdeutschen Meinungsmanipulatoren kein Wohlwollen entgegenbringen, ist uns eine Ehre. Aber es erschwert natürlich unsere Arbeit. Die Linke ist nur durch das stillschweigende Wohlwollen der Presse im Wachsen. Doch Klagen darüber sind Zeitverschwendung. Wir müssen unsere Aussagen so gestalten, dass sie nicht mehr ins Klischee des „Ewig-Gestrigen“ passen. Eine Werbeagentur muss sich auch nach dem Geschmack des Publikums richten und nicht nach dem eigenen. Und wenn Kariert Mode ist, darf man kein Produkt mit Pünktchen anpreisen. Der Sinn unserer Aussagen muss freilich der gleiche bleiben. Hier sind Zugeständnisse an die Mode zwecklos. In der Fremdarbeiter-Frage etwa erntet man mit der Argumentation „Die sollen doch heimgehen“ nur verständnisloses Grinsen. Aber welcher Linke würde nicht zustimmen, wenn man fordert: „Dem Grosskapital muss verboten werden, nur um des Profites willen ganze Völkerscharen in Europa zu verschieben. Der Mensch soll nicht zur Arbeit, sondern die Arbeit zum Menschen gebracht werden.“ Der Sinn bleibt der gleiche: Fremdarbeiter raus! Die Reaktion der Zuhörer aber wird grundverschieden sein. Wollen wir ausgelacht oder angehört werden?

Thora Ruth,
74 Tübigen
Sieben-Höfe Strasse 49

Quellennachweis

Thora Ruth, Die besseren Argumente, in: La Plata Ruf / La Voz del Plata. Unabhängige Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur 6 (September 1973), Nr. 65, S. 25 (DISS-Archiv, Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung).