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012 Der Pfeil

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SCHULSTRESS

„Politik, die wir heute machen, ist zugleich Politik für die Zukunft. Unser Land gestalten wir auch für unsere Jugend und die kommenden Generationen; wir stehen ihnen gegenüber in der Verantwortung.“ [1] „In allen Schulen sollen kleinere Klassen eingerichtet werden… so gab es an den allgemeinbildenden Schulen 1974 bereits 26 % mehr Lehrer als 1970, aber nur 10 % mehr Schüler.“ [2] „Die Oberstufe soll alle… Bildungsgänge, die mit einer beruflichen Qualifikation auch den Zugang zur Hochschule eröffnen, umfassen und verstärkt ausgebaut werden.“ [3] „In der Bundesrepublik Deutschland gibt es hervorragende Möglichkeiten für denjenigen, der sich fortbilden oder auf einen anderen Beruf umschulen lassen will.“ [4]

Vom wohlig-warmen Sicherheitsgefühl überwältigt, legten wir die duften siebenfarbig gedruckten, hochamtlichen Broschüren der Bundesregierung aus der Hand. Unsere Gedanken kreisten um die wunderschöne Schülerzukunft unserer Generation. Hätten wir auch noch die Broschüre „Gesagt – getan“ ebenfalls mit der selben Hingabe studiert, dann hätten wir einen der sieben Kartoffelhimmel erreicht.

Es ist schön, in einem Lande zu leben, wo die Politiker wissen, was die arbeitende und lernende Jugend braucht. Zwar gab es wochenlang keinen Deutschunterricht. Physik, Bio und neulich auch Mathe fallen gleich für ein halbes Jahr aus und bis heute haben wir nur eine einzige Klassenarbeit geschrieben. In Englisch sieht‘s schon besser aus: wir bekamen einen jungen, noch unverbrauchten – dafür etwas hilfslosen – Lehrer-Anfänger. Wir wären die letzten und fiesesten Radikalen, wenn wir uns daran stören würden. Na ja, in Niedersachsen, Hamburg und NRW streiken zwar die Schüler, auch die Eltern ziehen mit – aber die Mühe ist umsonst. Schon arbeiten drei Sonderkommissionen an den [Seite 1] Problemen. Die Untersuchungsergebnisse werden sie in einer traumhaften Broschüre zusammenfassen und der Öffentlichkeit zur Diskussion vorlegen.

Es ist schön, in einem Lande zu leben, wo jeder eine Schule besucht – daß ein jedes Bundesländle andere Richtlinien erlassen kann, ist noch lange kein Postkutschenföderalismus, sondern ein deutliches Zeichen der Souveränität der Länder.

Es ist schön, in einem Lande zu lernen, wo es keine erstarrten, althergebrachten Formen und Dogmen gibt – daß es an Schulexperimenten nicht mangelt und mancher Schüler sich als Versuchskaninchen fühlt, zeugt nur von der Einbildungskraft der jungen Generation. Beschränkung der Schulversuche auf das pädagogisch Sinnvolle können nur Faschisten fordern.

Es ist schön, in einem Lande zu leben, wo jeder seine Chance bekommt – daß gerade Kinder von armen und Arbeiterfamilien sich benachteiligt fühlen, ist reine Propaganda: schließlich geht es mit der Konjunktur bergauf und da müßten gerade die Arbeiterfamilien mehr in der Lohntüte haben!

Es ist schön, in einem Lande zu lernen, wo jeder nur danach beurteilt wird, was er leistet. Daß dabei sich allein in München binnen zehn Tagen drei Schüler erhängt haben – der eine mit dem Schal, der andere mit der Schnur, der dritte mit dem Strick [5] – na ja, der Leistungstest für die Realschule war nicht unbedingt leicht… Doch wo gehobelt wird, fallen auch Späne und es wäre destruktiv, die Verantwortlichen anderswo als bei den Schülern selbst zu suchen.

Es ist schön, in einem Lande zu studieren, wo jedem die Möglichkeit gegeben wird, eine Hochschule zu besuchen. Daß wir den leidlichen Numerus Clausus haben, ist eigentlich eine Wohltat: unsere Bundesrepublik braucht schließlich nicht nur Akademiker. Da bekanntlich Akademiker den meisten Müll produzieren, brauchen wir mindestens ebensoviele Müllmänner! Recht müssen die Jusos haben, wenn sie die Abschaffung des Abis und ein Hochschulzulassungssystem, unabhängig von schulischen Leistungsnachweisen fordern [6] denn – ganz ehrlich – ist es nicht eine Riesenschweinerei, daß man 1976 mit einem Abizeugnis in der Tasche an Hochschulen studieren kann??? Neue Leistungsnormen und Leistungskontrollen, zusätzliche Aufnahmeprüfungen müssen her. Wer anders denkt, ist Faschist.

Schulstress ist nur Mumpitz, keine echte Krankheit! Erst täglich achteinhalb Stunden Paukerei [7] füllen den schulischen Alltag sinnvoll aus. Was der Arzt und Studiendirektor Dr. Johannes Meinhardt diagnostiziert (Konzentrationsschwäche, motorische Unruhe, Schlaf- und Eßstörungen, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Depressionen, Suff, Drogenabhängigkeit, Lebensüberdruß) [5], sind nur die Phantasien eines Kleingläubigen, der das Vertrauen zu Tun und Wirken unserer demokratischen Parteien verloren hat. Wer etwa meinen könnte, es sei an der Zeit, nicht nur Librium oder Valium zu fressen, oder gar sich zu entleiben, sondern endlich mal auch anders zu wählen, der ist ein elender Faschist: demokratische Parteien sind grundsätzlich an ihren riesigen, siebenfarbendruck-Waschmittel-Werbeplakaten zu erkennen.

Resignation, huh, ist das ein Quatsch: die Schüler haben ja Fürsprecher: Eß-Emm-Vaus (zwar marxistisch angehaucht), aber ist es nicht toll, daß sie sich sogar um Chile kümmern, denn im eigenen Lande gibt es nichts mehr zu ändern: was sollen die faschistoiden Forderungen nach Entpolitisierung der SMVs und Bildung politischer Arbeitskreise, Abschaffung der Zensur am schwarzen Brett, Drittelparität in Gesamtkonferenzen, Sitz und Stimme in Fachkonferenzen, nach partnerschaftlicher Zusammenarbeit, allgemeine Lehr- und Lernmittelfreiheit („hat denn die Landesregierung die Lehrmittelfreiheit nicht gerade auf ein gesundes Mindestmaß beschränkt???“), Abschaffung des Zehntel-Noten-Terrors, Anhebung der nationalen Bildungsausgaben auf EG-Norm (d.h. z.Z. 8,5 % des Bruttosozialprodukts), was die Forderung nach einem Bundeskultusministerium, nach systematischer Bedarfsforschung, Bewältigung der Abiturientenlawine u.a. durch Errichtung von staatlichen Lehr- und Ausbildungsstätten und die Finanzierung derselben zu 50 % per Bund wie Länder und 50 % durch die Industrie im Umlageverfahren? [8]

[Seite 2]

[...]

Die Aufrechterhaltung der schulischen Ordnung erfordert auch, daß sich an Schulen nur pseudo-konservative Grüppchen breitmachen dürfen, wie z.B. die durch finanzielle Sondennahrung künstlich am Leben erhaltene Schüler-Union, die durch Harm- und Zahnlosigkeit glänzt und die wie in Münster, wenn sie mal eine mehrtägige „Konferenz“ abhält, sich durch alle Cafés der Stadt (auf Kosten der Mutterpartei CDU) frißt und im Streusel- und Kaffeerausch verkündet: „Wir haben beschlossen, was wir schon vorher gesagt haben.“ Keineswegs dürfen nationalistische Banden wie die Jungen Nationaldemokraten an Schulen Fuß fassen, denn sie sind von keinen Lobbys finanziert und deshalb unberechenbar. Es wäre schon verwerflich, wenn Schüler nun auch ihren Eltern nahelegen würden, ihre Wahlentscheidungen zu überprüfen, mit der Begründung, sie seien bislang zwar sehr systemkonform, aber unbrauchbar gewesen und nun gelte es endlich ein Zeichen zu setzen damit die Bonzen und Parasiten unseres Landes aus ihrem Tiefschlaf gerüttelt werden.

Es wäre aber ganz und gar verwerflich, am Wahltag nicht zu Hause zu bleiben und den Stimmzettel als Waffe zu benutzen.

Es sei aber hier zur geistigen und politischen Auseinandersetzung mit allen Demokratten der linke, aber treffende Spruch zitiert:

NUR DIE ALLERDÜMMSTEN KÄLBER
WÄHLEN IHREN METZGER SELBER.

(Literatur: Seite 7) 

Hugo Müller

[…]

[Seite 3]

[…]

Quellenangaben z. Schulstreß:

1     Arbeitsbericht der Bundesregierung 1974, S. 36

2     ebd., S. 38

3     ebd., S. 38

4     Regierungsbroschüre „Tips für Arbeitnehmer, S. 40

5     Der Spiegel, Nr. 8./1976, S. 59

6     Der Spiegel, Nr. 10./1976, S. 12

7     Bild der Wissenschaft, Heft April 1976

8     Alternative, Zeitschr. der Jungen Nationaldemokraten, Nr. 2 (Holzstr.49/1, 8 München) Seiten 13 ff.

[Seite 7]

Quellennachweis

Hugo Müller, Schulstress, in: Der Pfeil 1 (1976), Nr. 2, S. 1–3 und 7.