Quelle:

020 Hoffmann Mauerwerk

Text/Transkript

Ist altes Mauerwerk politisch?

Erwirbt eine Privatperson ein heruntergekommenes, kulturhistorisch wertvolles Anwesen in der Absicht, es zu erhalten, so sollte dies allgemein als glücklicher Umstand und grundsätzlich von jedermann als lobenswert beurteilt werden. Finden sich nun dazu noch jung Leute bereit, statt in stickigen Kneipen herumzulungern[,] ihre Arbeitskraft freiwillig und unentgeltlich für die Erhaltung dieses gefährdeten Kulturdenkmales einzusetzen, so sollte dieser, für die heutige Zeit vollkommen unübliche Umstand ebenfalls allgemein Anerkennung finden.

So sollte man meinen!

Leider können gewisse Kreise in diesem komplexbeladenen Lande nicht umhin, so gar [sic] die Instandsetzung eines erhaltungswürdigen Baukörpers nach politischer Interessenlage zu beurteilen.

Im konkreten Falle geht ein abgewirtschaftetes Schloß aus privater Hand in den Besitz einer anderen Privatperson über. Staat und Gemeinde sind zwar erst einmal froh, daß sich jemand findet, der den Mut hat, die Sanierung anzugreifen, dann aber stellt sich heraus, daß die Wehrsportgruppe Hoffmann den Ausbau betreibt, und sofort ist der Teufel los. Regierungsdirektor Hofmann vom Landratsamt Forchheim äußert, wie einem Artikel der Nürnberger - bzw. Erlanger Nachrichten zu entnehmen war: „Wir wußten nicht, welche Laus wir uns da in den Pelz gesetzt haben.“

Naja. als Regierungsdirektor weiß man eben hierzulande, was man dem Zeitgeist schuldig ist.

Ebenso unerträglich empfindet man auch, gelegentlich das Berichterstattungsniveau der Nürnberger Nachrichten. Im Zusammenhang mit der gigantischen, von oben empfohlenen, propagandistischen Aufbereitung der Reichskristallnacht wurde unter besonderer Herausstellung der damaligen Ereignisse in Ermreuth per Artikel vom 25.4.78 durch die in diesem Zusammenhang völlig unzutreffende Formulierung ‚brandschatzen‘ fälschlich der Eindruck erweckt, als sei die dortige Synagoge seinerzeit total zerstört und niedergebrannt worden. Auch ist es, am Rande vermerkt, selbstverständlich bedauerlich, wenn ein gewisser Herr Wassermann während der Kristallnachttumulte eine Ohrfeige erhielt, aber als besonderes Ereignis von umwälzend historischer Bedeutung kann man diesen Vorfall wiederum nicht gelten lassen. Für Gewalttätigkeiten auf der Straße kennen wir ja auch genügend Beispiele aus unserem heutigen „demokratischen Rechtsstaat“. Auf jeden Fall steht die Ermreuther Synagoge, allen überzogenen Formulierungen zum Trotz[,] heute noch, dazu in einem, am Alter gemessenen, relativ guten baulichen Erhaltungszustand. Leider profan als Lagerschuppen genutzt, seit langer Zeit ohne Fensterscheiben, verwahrlost. Mit anderen Worten ein Opfer der Interesselosigkeit unserer Gesellschaft und nicht zuletzt der jüdischen Kultusgemeinde. Wenn es schon ausgeschlossen erscheint, junge Juden zu finden, die bereit sind, ihre Kulturstätten auf deutschem Boden in freiwilligem Arbeitseinsatz zu pflegen, so sollte wenigstens der Einfluß kultivierter Juden ausreichen, um die Erhaltung auf andere Weise zu sichern.

Dieser Vorwurf muß sich in erster Linie gegen den Landesverband der israelitischen Kultusgemeinde richten (Vorsitzender Rabbi Schlomo Levin). Umsomehr als der Freistaat Bayern und der Bund die erforderlichen Mittel zweckgebunden für derartige Maßnahmen regelmäßig zur Verfügung stellen. Die jährlichen Zuwendungen liegen bei etwa einer halben Million DM. Mit diesen Mitteln soll der Landesverband die notwendigen Instandsetzungsmaßnahmen der israelitischen Kultstätten bestreiten.

Im Bulletin der Bayerischen Staatsregierung 11/76 vom 24. März 1976 heißt es dazu:

„Zum Pflegen gehört es insbesondere auch, die Grabdenkmäler sichern und umgestürzte Grabsteine wieder aufrichten zu lassen, sowie das regelmäßige Grasschneiden und die Beseitigung von Unkraut. Den Umfang der Arbeiten bestimmt der Landesverband selbst.“

Der Ermreuther Judenfriedhof sieht leider ebensowenig wie die Synagoge danach aus, als ob sich in den letzten Jahren jemand darum gekümmert hätte. Wenn es jedoch darum geht, die jüdischen Kultstätten gegen uns, die in Ermreuth weilende WSG zu nutzen, dann kommt den Propagandisten der verkommene Zustand offenbar nicht ungelegen.

Karl Heinz Hoffmann

Quellennachweis

Karl Heinz Hoffmann, Ist altes Mauerwerk politisch?, in: Kommando. Zeitschrift der WSG für den europäischen Freiwilligen 1 (März 1979), Nr. 2, S. 11.