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021 DKEG-Briefe

Text/Transkript

Deutsches Kulturwerk Europäischen Geistes

7. BRIEF

 

„Ich rufe die Jugend der Welt“

 

Unser Brief

an den Herrn Bundespräsidenten!

Die Erniedrigung der deutschen Kultur wächst sich zu einer Schande für das ganze deutsche Volk aus, daß wir nicht länger schweigen können und uns deshalb an den Repräsentanten unseres deutschen Kulturwillens, den Herrn Bundespräsidenten, gewandt haben, Einhalt zu gebieten. Wir geben der deutschen Öffentlichkeit bekannt, was wir schrieben, und bitten um Zustimmung auf anhängender Karte. Hier geht es nicht mehr um irgendeine literarische Spielart, die jeder nach seiner Anlage billigen oder abwehren mag, sondern um die Würde des Volkes ebenso wie um die olympische Idee. Das deutsche Kulturwerk europäischen Geistes verwahrt sich deutlich mit aller Entschiedenheit gegen den Versuch, Pornographie mit olympischem Geist zu verwechseln.

Der Text unseres Briefes an den Herrn Bundespräsidenten lautete:

 

8032 Lochham, den 23. August 1967

Hochverehrter Herr Bundespräsident!

Wir nahmen mit Erschrecken Kenntnis, daß der Schriftsteller Günter Grass als Kulturbeirat für die Olympischen Spiele 1972 berufen wurde, und drücken hiermit für viele Tausende deutscher Bürger Protest und Empörung aus. Es ist einfach ungeheuerlich, von Repräsentanten eines Volkes, das sich rühmen darf, Goethe der Menschheit geschenkt zu haben, und selbst bemüht bleiben sollte, in seinem Geiste den Geist Olympias zu erfahren, einen Mann eingesetzt zu wissen, der nachweisbar in seinem Schaffen Pornographie betreibt und Werte stürzen hilft, die unsere Nation im besten Sinne kennzeichnen. Wir erinnern hier nicht nur an die sattsam bekannten Stellen aus seinem Buche „Katze und Maus“, an die aufwieglerischen Reden mit dem Tenor, daß wir kein Volk seien. Hier hätte der Staatsanwalt als Hüter der Verfassung längst einzugreifen Gelegenheit gehabt. Offenbar aber wurden derartige Stellen, die Presse und Fernsehen lauthals verbreiteten, nicht bekannt. Wir sehen uns deshalb nicht nur genötigt, auf derartige Ungeheuerlichkeiten wie etwa in seinem Buche „Die Blechtrommel“ hinzuweisen, in dem eine [25] Krankenschwester auf dem Abort von der mißgebildeten Hauptperson, einem Kretin, in widerlichster Weise obszön vergewaltigt wird, wodurch zugleich die Ehrfurcht vor jenen Menschen genommen wird, die in christlicher Nächstenliebe und aufopfernder Menschlichkeit Gutes tun, sondern mehr noch, wir zitieren eine Stelle wörtlich, um die abgrundtiefe Darstellungsweise in Ihr Gedächtnis und Gewissen zu rufen.

Verantwortet die Staatsführung, daß dieser Mann den Geist Goethes und Olympias in Deutschland repräsentieren darf, dann allerdings ist es um unser deutsches Ansehen in der gebildeten Welt geschehen und der Rufmord an unserem Volke von der eigenen Regierung gutgeheißen. Wir aber sind nicht gewillt, dies teilnahmslos hinzunehmen. Wir sind andererseits indessen davon überzeugt, daß auch Sie, hochverehrter Herr Bundespräsident, die getroffene Entscheidung nicht billigen und Ihrem sofortigen Einspruch Geltung verschaffen, damit gerettet wird, was wir nicht ungestraft preisgeben: Die Würde der Nation.

Die Stelle aus dem Roman „Die Blechtrommel“, die uns bezeichnend für diese Zerfallsliteratur zu sein scheint, lautet:

„Als die Gören eines Tages, wie Kinder es tun, neben seinem Schuppen eine Suppe kochten, bat Nuchi Eyke den alten Heilandt, dreimal in den Sud zu spucken. Der Alte tat es von weit herholend, verschwand dann in seinem Kabuff und klopfte schon wieder Nägel, als Axel Mischke der Suppe eine weitere Zutat, einen zerstoßenen Ziegelstein beimengte …

Als das Ziegelsteinmehl aufkochte, entleerte Hänschen Kollin seine Taschen und stiftete zwei lebende Frösche für die Suppe …

Zuerst machte Nuchi Eyke seine Hose auf und pinkelte, ohne auf Susi Rücksicht zu nehmen, in das Eintopf-Gericht. Axel, Harry und Hänschen Kollin taten es ihm nach. Als Klein-Käschen es den 10jährigen zeigen wollte, gab sein Schnibbel nichts her … Eigentlich wollte Oskar sofort gehen. Aber er wartete noch, bis sich Susi, die wohl kein Höschen unter dem Kleid trug, niederhockte, dabei die Knie umklammerte, sich zuvor den Topf unterschob, mit glatten Augen vor sich hinsah, dann die Nase krauste, als der Topf blechern klingelnd verriet, daß Susi etwas für die Suppe übrig hatte …

Siebeneinhalb war ich. Susi zählte vielleicht neun. Klein-Käschen war knapp acht. Axel, Nuchi, Hänschen und Harry zehn oder elf …

Was Wunder, wenn ich es heute noch nicht anhören kann, wenn Frauen auf Nachttöpfen urinieren …

Nuchi nahm sie den Löffel ab, wischte das Blechding an ihren Schenkeln silbrig, tauchte das Löffelchen in den dampfenden Topf, rührte langsam, den Widerstand des Breies auskostend, einer guten Hausfrau gleich, darin herum, pustete kühlend in den gefüllten Löffel und fütterte endlich Oskar, mich fütterte sie, ich habe so etwas nie wieder gegessen, der Geschmack wird mir bleiben. Erst als mich jenes um mein Leibeswohl so übermäßig besorgte Volk verlassen hatte, weil es Nuchi in den Topf hinein übel wurde, [26] kroch auch ich in eine Ecke des Trockenbodens, auf dem damals nur einige Bettlaken hingen, und gab die paar Löffel rötlichen Sud von mir, ohne im Ausgespieenen Froschreste entdecken zu können …“

Ehe wir weitere Maßnahmen treffen, warten wir gern Ihre Entscheidung ab und begrüßen Sie

hochachtungsvoll                  

Dr. Herbert Böhme

[...]

[27]

 

Deutsches Kulturwerk Europäischen Geistes

8. BRIEF

 

Zweiter Brief

an den Herrn Bundespräsidenten!

 

Unsere Antwort!

In einer Zeit so grausamen Zerfalls sittlicher Hochwerte unseres Volkes und des fort­gesetzten, von der Staatsregierung geduldeten Angriffs auf die uns innewohnende und unserem Leben gemäße Ordnung wurde der Exponent linksgedrallter Literatur, Günther Grass, zum Kulturbeirat für die Olympischen Spiele 1972 berufen.

Das Deutsche Kulturwerk hat sofort und im guten Glauben, es für viele Deutsche in aller Welt zu tun, dagegen beim Herrn Bundespräsidenten Einspruch erhoben. Günther Grass kann und darf nicht der Repräsentant deutscher Dichtung vor aller Welt sein. Wir glaubten, daß der Repräsentant unseres Staates, der die Olympischen Spiele letztlich verantwortet, dafür zuständig sein mußte. Die Antwort des Herrn Bundespräsidenten auf unseren Protestbrief, den wir in gleicher Weise als Brief 7 veröffentlichten, ist im höchsten Maße unbefriedigend. Wir bringen ihn hiermit zur Kenntnis, um unseren zweiten Brief an den Herrn Bundespräsidenten damit zu rechtfertigen und bitten alle Gleichgesinnten, uns in diesem Kampfe für die Ehre der Nation durch Zusprache, Anschriften und Spenden zu unterstützen, eine Lawine der Empörung in unserem Volke auszulösen, um endlich diesem grausamen Spuk widerlicher und obszöner Kunstauffassung ein Ende zu bereiten. Deutschland und Olympia in einem Atemzuge mit Pornographie und Gotteslästerung bringen zu lassen, wäre ungeheuerlich, beschämend und bar jeder Vernunft. Dagegen müssen wir protestieren.

Das Deutsche Kulturwerk Europäischen Geistes

Der Präsident                         

[…]

[61]

Quellennachweis

Böhme, Herbert: Unser Brief an den Bundespräsidenten! (23.8.1967), in: Deutsches Kulturwerk Europäischen Geistes: Das deutsche Kulturwerk, 7. Brief, S. 25–27 [= Beilage zu: Klüter Blätter 18 (1967), H. 10].

Böhme, Herbert: Zweiter Brief an den Herrn Bundespräsidenten! (26.10.1967), in: Deutsches Kulturwerk Europäischen Geistes, Das deutsche Kulturwerk, 8. Brief, S. 61 [= Beilage zu: Klüter Blätter 18 (1967), H. 11/12].