023 Waldmann, Von der Linken lernen
Gert Waldmann
Von der Linken lernen
Respektlose Gedanken eines jungen Nationalisten
Verblüfft Sie diese Überschrift? Aber die Überschrift ist ernst gemeint! Und Ihre Verblüffung ist vielleicht der erste Schritt zum Nachdenken: Zum Nachdenken etwa über reaktionäre, traditionalistische Relikte rechts. Zum Nachdenken auch über die kritiklose Staatsbejahung und den ebenso unreflektierten Ruf nach Autorität, nach „Ordnung“, nach „Sicherheit“. Zum Nachdenken schließlich darüber, warum es bei der klassischen Rechten keine Aktionen und keine schlagkräftige Publizistik gibt, warum man „rechts“ zwar alles kritisieren, aber kaum irgendwo eine neue Konzeption anbieten kann.
Waren Sie einmal auf einer Veranstaltung einer rechtsgerichteten Organisation? Haben Sie sich schön erbaut am Urgrund der Seele, an Gläubigkeit und Hingabe? Dabei dürfte Ihnen dann ja auch klar geworden sein, daß die Jugend völlig amoralisch und anarchistisch ist, die moderne Kunst dekadent und entartet.
Haben Sie dabei aber auch einmal kritische Gedanken über den eigenen Standort gehört? Ich fürchte: Fehlanzeige!
Wenn Sie sich jetzt ärgern, sollten Sie mit der weiteren Lektüre aufhören. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erbauung und einen guten Schlaf. Träumen Sie davon, wie die Polizei junge Leute zusammenschlägt, freuen Sie sich auf die Vorbeugehaft für alle Kritiker des Establishment, und lesen Sie weiterhin Axel Springers Intelligenzpresse.
Für jene, die weiterlesen, sei nun gesagt, daß ich manches übertrieben habe. Ein harter Kern allerdings bleibt: Rechts fehlt die kritische Reflexion über die eigene Position, ist zu viel Irrationalität und zu wenig Mut zum Neuen. „Rechts“ geschieht – mit umgekehrtem Vorzeichen – genau das, was man den „Linken“ zum Vorwurf macht: das bedenkenlose Nachbeten von Phrasen. Aber einiges gibt es darüber hinaus bei der Neuen Linken, was die Rechte dringend nötig hätte. Ganz klar sei daher die Überschrift wiederholt: Wir müssen in mancher Beziehung von den Linken lernen – oder wir sollten schnellstens alle Politik vergessen.
Wir müssen von der Neuen Linken lernen.
Lernen etwa, daß die Gesellschaft revolutioniert werden muß,
daß in der Politik keine Tradition heilig ist,
daß Staat niemals von vornherein gut ist,
daß das Establishment auch unser Gegner ist.
Lernen auch, daß Unruhe die erste Bürgerpflicht ist,
daß nur Aktionen Erfolge bringen.
Wir müssen viel lernen. Und wir müssen den eigenen Standort völlig neu bestimmen. Neue Konzeptionen sind nötig, um das linke Bla-blah zu überwinden. Mit den Mitteln der Linken müssen wir die linke Unruhe nach rechts umfunktionieren.
Rechts: Das muß in Zukunft heißen: nicht reaktionär, sondern fortschrittlich; nicht bürgerlich, sondern sozialrevolutionär; nicht antiintellektuell, sondern bewußte Einbeziehung der Rationalität in die Politik; nicht staatsnationalistisch, sondern im Sinne eines modernen, europäischen Nationalismus.
Rechts – das bedingt auch radikale Kritik an Germanenkult und Kirche, an Faschismus und Kommunismus. Neue Denkmodelle müssen entstehen, kontrolliert vom kritischen Intellekt, orientiert an den Ergebnissen der Wissenschaft und dann – aber erst dann – durch Emotionen umgesetzt zur politischen Aktion.
Vielleicht ist ein moderner Nationalismus in diesem Sinne die Ideologie der Zukunft: gleichweit entfernt von der klassischen Linken wie der klassischen Rechten.
Gert Waldmann, Von der Linken lernen? Respektlose Gedanken eines jungen Nationalisten, in: Nation Europa 19 (1969), H. 8, S. 23–24.