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024 Roeder Rechenschaft

Text/Transkript

Ich gebe Rechenschaft

von Manfred Roeder

Genau 10 Jahre habe ich öffentlich gewirkt, zuerst von allen Seiten bejubelt und unterstützt, weil wir mit deftigen Mitteln gegen Pornographie und Behördenwillkür vorgegangen sind. Bischöfe, Geistliche, viele Gemeinden, berühmte Professoren und andere Persönlichkeiten haben uns geholfen und ihren Segen gegeben. Als ich ihnen aber sagte, daß man die Pornographie nicht beseitigen könnte, solange die Regierungspartei selber die größte Pornodruckerei betreibt und aller Gewinn – wie der SPIEGEL schrieb – in die Parteikasse fließt, da wurde ich einigen schon zu radikal.

Bei der Mistaktion vor der Dokumenta, [sic] lachte noch einmal das ganze Volk – alle waren nun auf unserer Seite, aber diejenigen, die diesen Dreck finanzierten und organisierten und dem Volk aufzwangen, wurden unsere Todfeinde.

Als dann die „A[u]schwitz-Lüge“ erschien, machten sich eine ganze Reihe frommer Christen in die Hose, weil wir eine heilige Kuh geschlachtet, ein Tabu angerührt hatten, was eben tabu war. Was ist nur mit unserem Volk passiert? Eine lähmende Angst hält alle gefangen. Das hat mich immer am meisten deprimiert. Aus Angst haben mir viele Freunde schon mehr Schwierigkeiten bereitet, [sic] als die Gegner aus Gemeinheit.

Ich wollte diese Angst brechen. Ich wollte beweisen, daß man ein Pornokino am hellichten Tage bekleistern kann, statt am Stammtisch darüber zu schimpfen. Ich habe bewiesen, daß man eine Porno-Messe vor den Augen der Polizei mit Buttersäure ausräuchern kann. Mit der Mistaktion haben wir bewiesen, wie man mit harmlosen[,] aber humorvollen Mitteln eine verrückte Stadtverwaltung öffentlich bloßstellen kann. Mit der „Auschwitz-Lüge“ haben wir bewiesen, daß man ein Tabu brechen kann, selbst wenn man eine Gefängnishaft in Kauf nehmen muß.

Ich habe nie versucht eine neue Partei zu gründen – oder eine alte wiederzubeleben. Ich habe versucht, überall das Nächstliegende, das Natürliche, aber auch das Unerwartete zu tun. Tausende, Hunderttausende haben neuen Mut bekommen (bei der Pornographie hatten wir Unterschriften von Millionen hinter uns). Zehn Jahre Kampf hier und in aller Welt unter zunehmenden [sic] Druck, zunehmender Verfolgung durch Behörden und Justiz. Aber wir haben an den Grundfesten der Angst und Voreingenommenheit gerüttelt. Ja, darauf bin ich wahrhaftig stolz. Ich habe nie Schlagworte benutzt. Aber mich will man mit Schlagworten in ein Schubfach tun und erledigen.

Da ihnen das bisher nicht ganz gelungen ist – wir wirken immer noch und finden mit unseren Ideen überall Anklang – versuchen sie nun, einen neuen Ausdruck, ein Schlagwort uns anzuhängen. Die Beschimpfung als Nazi reicht nicht mehr, dann müssen wir eben Terroristen sein. Sogar der [sic] Bombenanschlag auf dem Bahnhof in Bologna hat man schon mit mir in Verbindung gebracht. Nach der Masche der alten Römer = Je mehr Verbindungen desto besser. Irgend etwas [sic] wird schon hängen bleiben. Die Schulkinder in Schwarzenborn sagen schon zu unserem kleinen Eckhart: „Dein Vater hat Türken umgebracht“. Nach den Hetzkommentaren, die ich im Radio hören konnte, keine Überraschung. Und ich sitze nun wehrlos im Gefängnis und muß alles über mich ergehen lassen. So wird mindestens die Stimmung für den Prozeß angeheizt, bis eine allgemeine Hysterie herrscht.

Meine Waffe war immer die Öffentlichkeitsarbeit. Noch nie habe ich anonyme oder heimliche Sache[n] gemacht. Alles lief unter meinen[sic] Namen. Aber man braucht das Gespenst des Terrorismus, um immer neue Beschränkungen, immer neue Kontrollen einzuführen – alles zur Verteidigung der Freiheit. Aus einer freiheitlichen Demokratie wird eine „freiwillige“ [sic] eingeschränkte und schließlich eine total überwachte. Das Ermächtigungsgesetz wurde damals auch vom Parlament verabschiedet. Man befand sich damals nach dem Reichstagsbrand in Panikstimmung. Und wie leicht kann man Stimmung machen „für“ oder „gegen“!

Quellennachweis

Manfred Roeder, Ich gebe Rechenschaft, in: Die Bauernschaft. Für Recht und Gerechtigkeit. Unabhängige Korrespondenz für Freunde und Förderer des Bauernstandes, Nr. 4/1980, Dezember 1980, S. 5/6.