029 Hepp-Kexel
Odfried Hepp + Walther Kexel Offenbach, den 30.6.1982
Waldstr. 282
6050 Offenbach
ABSCHIED VOM HITLERISMUS
Diese Erklärung wurde nötig, da man in „nationalen“ Kreisen in immer größerem Umfang über uns Unsinn erzählte. Wir verabschieden uns nun mit dieser Erläuterung nicht nur vom Hitlerismus, sondern ebenso von allen bürgerlichen Erscheinungsformen des Nationalismus, insbesondere von den Fetischisten der sogenannten NS-Bewegung.
Der Hitlerismus von 1933–1945 hat das deutsche Volk konsequent in das Verderben von 1945 geführt, in dem wir heute noch stecken.
Nachdem der Westen 1919 Deutschland das Versailler Diktat aufgezwungen hatte, wuchs neben der KPD und den nationalrevolutionären Kräften auch die NSDAP zu einer Kraft gegen Versailles. Während anfänglich die NSDAP sehr gute revolutionäre Kräfte band, verließen diese im Laufe der Zeit die „Bewegung“ (Otto Strasser, Walther Stennes, Gregor Strasser usw.), weil diese sich immer mehr als bürgerliche Hitlerpartei entlarvte. Während z.B. Ernst Niekisch ganz klar erkannte, daß der Feind der westlich-bürgerliche Kapitalismus ist und nicht der russische Bolschewismus, begann man seitens der NSDAP schon damals mit dem Westen zu liebäugeln. Dies führte dann dazu, daß der Hitlerismus, nachdem er die Macht errungen hatte und die letzten Revolutionäre in der SA um Ernst Röhm, –ohne die Adolf Hitler niemals an die Macht gekommen wäre –, ermorden ließ, in entwürdigender Weise versuchte, um die Freundschaft Englands zu buhlen. Sogar, nachdem es dem Westen über sein Stiefkind Polen gelungen war, Hitler wie ein Schulkind in den Krieg zu führen, versuchte dieser und eine kleine Clique um ihn, immer noch einen Ausgleich mit den Westmächten zu finden. Nachdem man 1939 mit Rußland sehr schnell zu einem Bündnis gekommen war, überfiel man dasselbe am 22. Juni 1941, dem wohl unglücklichsten Tag [1] unserer Geschichte. Dieser „Ostfeldzug“ brachte unsägliches Leid für das deutsche- und das russische Volk. Beide Völker opferten in ihm die Elite ihrer Jugend. Der Westen vergalt Hitlers Liebeleien damit, daß er die deutsche Bevölkerung durch Bombenterror massakrierte. Dies alles ist die Schuld Adolf Hitlers, der als oberster Führer, Feldherr und Reichskanzler die alleinige Verantwortung über den Lauf der Dinge hatte. Das Resultat Hitlerscher Politik ist der Zustand, in dem wir heute leben.
Vielleicht noch einige abschließende Worte zum historischen Nationalsozialismus, den wir nicht mit dem Hitlerismus gleichsetzen. Der NS hat richtige und gute Ansatzpunkte gehabt, wie z.B. in der Sozial-, Familien-, Jugend- und Kulturpolitik. Dem Hitlerismus ist es dank der vorhandenen Fähigkeiten seines Führers gelungen, diese guten Seiten bruchstückhaft in die Tat umzusetzen, und so hat das dadurch begeisterte Volk dem anschließenden Amoklauf Hitlers kein Widerstand entgegengesetzt. Wie Recht hatte Ernst Niekisch als er 1932 voraussah, daß am Ende der Sarg stünde, in dem die deutsche Nachkriegsjugend, auf die Niekisch damals einige Hoffnung setzte, verschwinden würde, denn deren deutschen Widerstandswillen werde der Demagoge gründlich zu brechen wissen.
„Ein ermattetes, erschöpftes, enttäuschtes Volk bleibt dann zurück, das alle Hoffnung fahrenläßt und müde am Sinn jeder ferneren deutschen Gegenwehr verzweifelt. Die Versailler Ordnung aber wird gefestigter sein, als sie jemals war.“ – Ernst Niekisch, – Hitler – ein deutsches Verhängnis.
Mit Erschrecken mußten wir feststellen, daß die äußerste Rechte immer mehr in einen Hitler-Kult abgeglitten ist, der sich von anderen Sekten und Religionen nur dadurch unterscheidet, daß er noch keine Opfertiere schlachtet und sich mit Weihrauch einnebelt. Wer heute noch meint, Adolf Hitler sei unser Führer und Reichskanzler, dem können wir nur raten, solchen unrealistischen Quatsch nicht Politik zu nennen, sondern irgendeine Kirchengemeinde zu gründen, in der sie dann ja die Reliquien –Jesus Christus, Kreuz, Bibel usw. gegen Adolf Hitler, Hakenkreuz, „Mein Kampf“ austauschen und anbeten können. [2]
Dies soll vor allen Dingen ein Aufruf an junge Kameraden sein, die noch am Suchen sind, sich nicht dem Dogma Hitlerismus zu unterwerfen, sondern ihn kritisch zu überprüfen, wie wir es gemacht haben, die wir auch einmal in dieser Engstirnigkeit gefangen waren.
Ebenso wie den Hitlerismus verurteilen wir auf das Schärfste den bürgerlichen Nationalismus, der schon wieder mit dem kapitalistischen Westen liebäugelt oder sogar offen zu einem Bündnis mit demselben aufruft. Wir können inzwischen froh sein, daß es eine Mauer durch Deutschland gibt, denn diese gewährleistet, daß es im Ostteil unseres Landes immerhin noch 17 Millionen gesunde Deutsche gibt, während bei uns im Westen die Menschen geistig und seelisch am Absterben sind.
Zu diesen beiden Abarten des Nationalismus gesellt sich die dritte, die des NS- und Uniformfetischismus. Über diesen wollen wir keine Worte verlieren, denn wer sich aufgrund eines persönlichen Befriedigungsverlangens und mangelndem Persönlichkeitsbewußtseins an einem Fetisch aufbaut, ist politisch nicht ernst zu nehmen.
Somit bleibt festzustellen, daß diese drei Unarten des Nationalismus dem eigentlichen Anliegen unseres Volkes, dem antiimperialistischen Befreiungskampf mehr schaden als nützen. Wir bezweifeln nicht, daß es in dieser Szene noch gute, revolutionäre Kräfte gibt, doch ändert dies nichts an unserer grundlegenden Ablehnung. Unser Ziel ist es nicht, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und einen Staat Hitlerscher Prägung wiederzuerrichten, sondern einen undogmatischen Befreiungskampf zu führen, der unserem Volk das Überleben sichert. Bei diesem Kampf gegen den Amerikanismus ist uns jeder recht, der wie wir erkannt hat, daß nur, wenn die aktivistische Jugend, die es in linken und rechten Kreisen gibt, ihre Dogmen überwindet und sich zum Befreiungskampf zusammenschließt, wir eine Chance haben. Selbstverständlich heißen wir auch in der BRD lebende, ausländische Antiimperialisten die sich an unserem Kampf beteiligen wollen, -herzlichst willkommen. [3]
Abschließend möchten wir nochmals betonen, dass wir wieder „Rechts“ noch „Links“ sind und weder einen amerikanischen Bundesstaat, noch eine weitere Sowjet-Republik aus Deutschland machen wollen. Wir halten ein System, das auf Rußland passt, nicht auf unser Land für übertragbar. Wir verkennen aber auf keinen Fall die antibürgerlich-kapitalistische Stoßkraft des Bolschewismus und es ist unser Wunsch und Wille, als neutrales Deutschland in Friede und Freundschaft mit Sowjet-Rußland zu leben.
Wir haben versucht bei dieser Erklärung möglichst objektiv und emotionsfrei zu bleiben, obwohl dies bei unserer grenzenlosen Verachtung gegenüber einem Großteil der Rechten nicht immer einfach war.
In diesem Sinne,–
Vorwärts im antiimperialistischen Befreiungskampf
Walter Kexel + Odfried Hepp
Odfried Hepp/Walther Kexel, Abschied vom Hitlerismus, Offenbach 30.6.1982, Bundesarchiv (BArch), Ministerium für Staatssicherheit (MfS), AOPK 7896/91, Bd. 1, Bl. 26–29.