Europa-Enthusiasmus in rechtsradikal:
Maurice Bardèches Weg nach vorn

Jahr
1952

Chronologie

1950–1959

Erscheinungsdatum

Digital Object Identifier
2983

Themenfelder

Ideologie und Publikationen

Publikationsorgane

Text

1952 erschien im rechtsradikalen Plesse-Verlag Karl-Heinz Priesters die deutsche Übersetzung von Maurice Bardèches programmatischer Schrift L’Oeuf de Christophe Colomb unter dem Titel Der Weg nach vorn. Bardèche hatte sein Buch ein Jahr zuvor in seinem eigenen Verlag Les Sept Couleurs veröffentlicht, um das Programm der Europäischen Sozialen Bewegung (ESB) in Frankreich bekannter zu machen. Bei der ESB, zu deren Präsidium sowohl Bardèche als auch Priester gehörten, handelte es sich um eine internationale Organisation ehemaliger NS-Kollaborateure, Waffen-SS-Angehöriger und anderer Faschist*innen. Als einer der Erfinder des Negationismus war der frühere Literaturprofessor Bardèche in rechtsradikalen Kreisen bereits recht gut bekannt. Der ehemalige Hitler-Jugend-Führer Karl-Heinz Priester wiederum bot in seinem Verlag insbesondere Holocaustleugnern eine Plattform.

 

Die Europäische Soziale Bewegung

Zum Gründungstreffen der Europäischen Sozialen Bewegung in Malmö vom 11. bis 15. Mai 1951 kamen zwischen 60 und 100 Delegierte faschistischer Parteien und politischer Kleingruppen aus ganz Europa. Gemeinsam berief man sich auf die Werke des britischen Faschisten Oswald Mosley und des Gastgebers, des pronationalsozialistischen schwedischen Politikers und Publizisten Per Engdahl. Gleichzeitig zeichneten sich bereits deutliche Differenzen innerhalb der ideologischen Ausrichtung ab. Bardèche, der zum Vizepräsidenten der Bewegung ernannt wurde, stand Priester inhaltlich nahe und setzte sich gegen seinen französischen Kollegen René Binet durch. Dieser hatte 1950 eine Théorie du racisme veröffentlicht und war wiederum vom Rassenantisemitismus des Schweizers Gaston-Armand Amaudruz angezogen. Priester und Bardèche jedoch plädierten ebenso wie Präsidiumsmitglied Engdahl für eine gemäßigtere Sprache. Rassismus und insbesondere Rassenantisemitismus würden zu sehr mit dem Nationalsozialismus verbunden, von dem es nun zumindest strategisch gelte, Abstand zu nehmen. Eine weitere Differenz bestand in der Frage, welche Rolle die europäischen Kolonien zukünftig spielen sollten. Für Bardèche, Priester und Engdahl gehörten sie zu ihrer Vorstellung eines europäischen Reiches, Amaudruz und Binet lehnten den Prokolonialismus ihrer Mitstreiter ab.

 

Wer ist schuld an der Teilung Europas?

Bardèche erhielt vom Präsidium den Auftrag, ein Buch zu den Thesen der Bewegung zu schreiben: L’Oeuf de Christophe Colomb. Dabei handelt es sich um ein Essay mit zwei Teilen. Den Rahmen bildet ein „Bericht“ von Bardèche, um den ihn angeblich ein amerikanischer Senator gebeten habe – Robert Taft, ein republikanischer Kontrahent des Präsidenten Harry Truman. Bardèche präsentiert ihm zunächst seine Ansicht, die USA hätten sich in ihrer Außenpolitik auf fatale Weise geirrt. Nicht das nationalsozialistische Deutschland hätten sie bekämpfen sollen, sondern Stalins UdSSR.[1] Diesen Irrtum sieht er als Ausgangspunkt der unglücklichen Lage Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Somit entlastet er Hitler und das nationalsozialistische Deutschland, um den Westalliierten alle Schuld an den verheerenden Kriegsfolgen zu geben. Die US-Außenpolitik sei dabei zudem noch, wie er verschwörerisch formuliert, „veranlasst“ und „geführt“ worden (S. 9/10). Dies erinnert an antisemitisches Raunen von ‚gewissen einflussreichen Kreisen‘. Das Ergebnis dieser fehlgeleiteten US-Außenpolitik ist laut Bardèche das gespaltene Europa.

 

Der Autor als Opfer der Justiz

In diesen „Bericht“ hineingeschoben ist eine Rede (S. 89–111), die für ein deutsches Publikum geschrieben wurde. In der Fußnote des Übersetzers heißt es, dass Bardèche sie auf einer „Vortragsreise“ in „geschlossenen Veranstaltungen mehrerer Städte Süddeutschlands“ gehalten habe. Er führt aus, dass diese Reise „unmittelbar vor einem von dem Plesse-Verlag in Göttingen vorbereiteten Vortragsabend“ abgebrochen werden musste, nachdem Bardèche von britischen Besatzungsbehörden in Gewahrsam genommen und schließlich ausgewiesen worden sei (S. 89). Diese Information kann im Kontext der in der radikalen Rechten üblichen Selbstviktimisierung auch als Werbung gelesen werden. Deutlicher werbend ist Priesters Nachwort; darin skandalisiert er den Prozess gegen Bardèches Buch Nuremberg ou la terre promise, das den Holocaust verharmlost, und stellt den Autor als Opfer der französischen Justiz dar, hinter der „[j]üdische Kreise und die Widerständler“ stünden. Korrekt ist lediglich, dass eine Organisation jüdischer Frontsoldaten und ein Verband ehemaliger Résistancekämpfer als Nebenklagende im Prozess auftraten. Dass Maurice Bardèches Strafe von „einem Jahr Gefängnis“ am Ende nur aus wenigen Tagen im Juli 1954 bestehen sollte, bevor er begnadigt wurde, konnte Priester indes noch nicht wissen.

 

Großmacht Europa?

Der eingeschobene Vortragstext skizziert das Programm der ESB und bildet damit den Kern von Bardèches Weg nach vorn. Als politische Vision benennt er ein Europa, das auf der nationalistischen Euphorie der Zwischenkriegszeit aufbauen solle. Zu dieser Vision zählt zunächst ein gemeinsamer Wirtschaftsraum, wobei unbedingt auch die Ausbeutung der europäischen Kolonien miteinzubeziehen sei. An zweiter Stelle nennt Bardèche eine „organische Auffassung von der Gemeinschaft“, die wiederum die „Lösung der sozialen Probleme“ liefere, „vor der Kapitalismus und Kommunismus gleichmässig versagt haben“ (S. 97). Dazu gehöre ein Europa ohne Arbeitslosigkeit. Weiter plädiert Bardèche für ein Europa, das „nicht an der Elbe aufhört“ (S. 99), also für ein geeintes Deutschland. Ein „starkes Deutschland“ sei keine Gefahr, sondern eine „Bedingung für die Sicherheit Europas“ (S. 99). Um Deutschland wieder volle Souveränität zu geben, fordert er obendrein eine „moralische Gleichberechtigung“, also eine Art Schlussstrich unter die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus zu ziehen (S. 105). Er legt ausführlich dar, dass Europa von den USA und der Sowjetunion politisch unabhängig werden müsse, insbesondere militärisch, aber auch ideologisch: „Die europäische Gemeinschaft wird also gleichzeitig der demokratischen Hysterie und dem Kreuzzuge gegen die Sowjets fremd gegenüberstehen. Ihre politische Unabhängigkeit wird erst dann komplett sein, wenn sie auf eine völlige ideologische Unabhängigkeit hinausläuft.“ (S. 101) Während er Verständnis für die Machtinteressen beider Blöcke zeigt, beschwört er ein unabhängiges Europa, das aber auch nicht „neutral“ sein, sondern wohl eher taktierend zwischen den beiden Blöcken stehen solle. Ein demokratisches Europa hingegen könne immer nur Teil des amerikanischen Blocks sein, und diese Zugehörigkeit lehnt Bardèche genauso ab wie die zum kommunistischen Block.

Die neue „Großmacht“ Europa sieht er garantiert durch die Kolonien, die eines Tages europäisch verwaltet werden sollten. Diese Idee eines „Eurafrika“ unter rechten Vorzeichen stammt aus der Zwischenkriegszeit und war auch von Mosley propagiert worden. Afrika werde unter europäischer Kolonialverwaltung „einen ungeheuren Aufschwung“ erleben. Gleichzeitig gelte es, „eine Verständigungsbasis mit den arabischen Nationalisten“ zu finden (S. 103). Die „ideologische Unabhängigkeit“ sei zu erreichen, wenn der Kommunismus und die westliche Demokratie nicht nur auf Parteien-Ebene bekämpft würden. Vielmehr müssten auch „gewisse fremdländische Elemente“ zurückgedrängt werden, die den Kommunismus stützten, womit Bardèche an das Feindbild des ‚jüdischen Bolschewismus‘ anknüpft. Die Waffe dieser „fremdländische[n] Elemente“ sei der Antifaschismus. Bardèche kennzeichnet diesen als Trick des Kreml, ohne Krieg die Köpfe seiner Gegner*innen zu erobern. Er bezeichnet darüber hinaus all das, was Autor*innen vor ihm als „Dekadenz“ beschrieben haben, als „Antifaschismus“. Im Gegensatz dazu stehend sieht er „[d]ie Liebe zum Boden, die Liebe zur Arbeit, die Liebe zu Kindern, alle diese bäuerlichen Eigenschaften der Franzosen, und nicht nur der Franzosen, sondern aller Völker des Abendlandes“ (S. 21). Bardèches Europa-Utopie ist der rechtsradikale Gegenentwurf zur europäischen Einigung unter westlichen Vorzeichen wie des 1949 gegründeten Europarats.

 

Verbreitung und Rezeption

Der Verleger Priester organisierte eine aufwändige Werbekampagne für die deutsche Übersetzung des Buches. Dazu zählte vermutlich bereits die Wahl des Titels. Er kopiert einerseits den Titel der Zeitschrift Per Engdahls, Vägen Framåt, andererseits ist er allgemeinverständlicher als „Das Ei des Kolumbus“ des französischen Originals. Unter diesem Titel veröffentlichte der befreundete Dürer-Verlag aus Buenos Aires im selben Jahr eine zweite, „für den Vertrieb in Südamerika vervollständigte Auflage“, die ansonsten identisch mit Priesters erster Auflage ist.[2]

Die internationale Vernetzung der ESB fand zwar politisch in einem luftleeren Raum statt, da sie auf keiner staatlichen Ebene Fuß fassen konnte. Als publizistisches Netzwerk war sie allerdings nicht nur kurzfristig erfolgreicher, sondern konnte auch die Ideologie der „alten“ Rechten mitprägen. Der umtriebige Karl-Heinz Priester gab für die Deutsch-Soziale Bewegung, der er vorstand, den Infobrief Die europäische Nationale heraus. Übersetzungen von Bardèches Buch zirkulierten in zahlreichen Ländern, Auszüge und Rezensionen erschienen in rechtsradikalen Zeitschriften. Der Rezensent der rechtsradikalen Nation Europa bezeichnete das Buch „unseres Kameraden und Mitarbeiters“ als „inhaltsschwer“ und von „noch größerer Bedeutung“ als die revisionistischen Bücher Bardèches.[3] Das publizistische Netzwerk der ESB war zudem ein Hort für Holocaustleugner und ‑verharmloser, das ihnen half, Ländergesetze durch die Verbreitung von Übersetzungen oder Umwege über die Schweiz zu umgehen.

Nach dem Tod Priesters im Jahr 1960 zerfiel die ESB, deren innere Konflikte sie bereits im Laufe der 1950er-Jahre geschwächt hatten. In seinen Memoiren aus dem Jahr 1993 bescheinigte Bardèche dem „Ei des Kolumbus“, das er nun vor allem antikapitalistisch deutete, einen sehr geringen Erfolg. Seine Ideen und Formulierungen sind allerdings eingeflossen in zahlreiche kleinere Veröffentlichungen in rechtsradikalen Zeitschriften von Buenos Aires bis Paris, von Malmö bis Rom. Bardèches Buch sowie seine eigene Zeitschrift Défense de l’occident spielten bei der Verbreitung seiner Europa-Ideen inklusive einer deutsch-französischen Versöhnung von rechts eine zentrale Rolle.
 


[1] Maurice Bardèche, Der Weg nach vorn, Göttingen: Plesse Verlag, 1952, S. 9; siehe im Folgenden die Seitennachweise in Klammern im Text.

[2] Maurice Bardèche, Das Ei des Kolumbus, Buenos Aires: Dürer-Verlag, 1952.

[3] P.C.B., Maurice Bardeche: DER WEG NACH VORN, Nation Europa 8/1952, S. 64.

Auswahlbibliografie
  • Ghislaine Desbuisson, Itinéraire d’un intellectuel fasciste: Maurice Bardèche, Paris: Dissertation am IEP Paris, 1990.

  • Nicolas Lebourg, Les nazis ont-ils survécu? Enquête sur les internationales fascistes et les croisés de la race blanche, Paris: Seuil, 2019.

  • Graham Macklin, Very Deeply Dyed in Black. Sir Oswald Mosley and the Resurrection of British Fascism after 1945 (International Library of Political Studies; 14), London/New York: I.B. Tauris, 2007.

  • Janosch Steuwer, Die andere Europäische Einigung: Entwicklungslinien der transnationalen Kooperation rechtsextremer Parteien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen 46 (2011), S. 87–96.

Quelle:

022 Bardeche Weg nach vorn

Text/Transkript

H e r r   S e n a t o r ,

Sie haben einen Bericht von mir erbeten: hier ist er. Er ist rücksichtslos ehrlich. Mir scheint es angebracht, mit Ihnen in dieser Weise zu sprechen. Sie finden hier eine Analyse, nämlich die Ihrer augenblicklichen Lage. Sie finden hier aber auch Schlussfolgerungen. Ich weiss nicht, ob Ihnen die Analyse richtig und die Schlussfolgerungen durchführbar erscheinen werden. Sie haben mich aber nach meiner Meinung gefragt und so sage ich sie Ihnen aufrichtig und ohne Schmeichelei. Etwa so, wie es Christoph Kolumbus mit jenem Ei machte: das Ei rollt fort und ich sage Ihnen, warum; hierauf zeige ich Ihnen, dass es stehen bleiben kann und erkläre, wieso. Dann allerdings ist es an Ihnen, zu handeln.

„Wir haben das falsche Schwein geschlachtet!“ gestand Churchill eines Tages. Dieser Ausspruch erklärt kurzerhand alles. Wie war Europa schön vor dem Kriege; wie waren wir des nächsten Tages sicher! Wer möchte nicht zurückkehren in jene Zeit, da es z.B. noch Polen gab?

Jedoch man kann nicht zurückkehren, man kann niemals rückwärts schreiten. Ein Polen wird es vielleicht nie mehr geben. Dafür kann es aber etwas anderes geben. Die Toten, die man nicht wieder ins Leben zurückrufen kann, können durch Lebende ersetzt werden. Die Willenskräfte, die Sie närrischerweise zerbrochen haben und die heute verstreut sind wie die Perlen eines zerrissenen Rosenkranzes, kann eine neue Idee vereinen. Auf den zerstörten Wällen kann sich eine Mauer aus Stahl erheben. Aber Sie müssten verstehen, Herr Senator, was Sie angerichtet haben oder besser, was man Sie anzurichten veranlasst hat. Es genügt nicht, dass die USA ihre strategischen und politischen Fehler begreifen, sie müssen [9] auch ihre grundlegenden Fehler und deren Ursachen erkennen. Sie müssen erkennen, wer sie geführt hat und wohin man sie geführt hat. Es genügt nicht, allein das Übel anzuklagen, man muss auch der Ursache des Übels die Maske herunterreissen. Sie gleichen heute nämlich einem Trunkenbold, der sich dadurch heilen möchte, dass er noch mehr Whisky trinkt. Sie wollen die Fehler Ihrer Politik wiedergutmachen, indem sie die Grundursache dieser Politik beibehalten.

Der Zweck dieser Schrift ist, Ihnen zuvor diesen unlösbaren Widerspruch und seine logischen Folgen vor Augen zu führen. Sein Zweck ist gleichfalls, zu zeigen, dass es einen anderen Weg gibt. Es ist nicht der Weg der Vergangenheit, es ist der Weg der Zukunft. Es ist der Weg, den heute Millionen Menschen in Europa dunkel erahnen; das Heil, nach dem dunkel Millionen Stimmen rufen, die bisher geschwiegen haben. Es wäre gut, Herr Senator, wenn Sie diese Stimmen hörten.

[…]

[10]

 

[…] Es ist wichtig, dass Sie ohne Bemäntelung und ohne Vertuschung erfahren, was einige Tausende von Männern billigen, die – so glaube ich wenigstens – die Gedanken von Hunderttausenden anderer repräsentieren.[1])

Die Grundlage unserer politischen Überlegung ist folgende: wir haben die Überzeugung, dass in der Führung der Weltangelegenheiten seit 1941 ausserordentlich schwere Fehler begangen worden sind. Die Führung dieses Krieges erscheint heute als ein Verbrechen gegen die Zivilisation. Dieser Krieg war vermeidbar: man hat ihn nicht vermeiden wollen. Von 1942 an und in den folgenden Jahren hat dieser Krieg immer mehr den Charakter einer Verteidigung Europas gegen die bolschewistische Gefahr angenommen: man hat sich geweigert, diesen Charakter zu erkennen. Deutschland hat Fehler begangen, wahrlich, und schwere Fehler: aber schliesslich, und das ist das Ausschlaggebende, [89] hat die Niederlage Deutschlands Europa in die dramatischste und verzweifeltste Lage seiner Geschichte gebracht. Die Niederlage Deutschlands 1945 erscheint uns heute als die grösste Katastrophe der neuesten Zeit.

Wenn wir die Geschichte der zehn letzten Jahre einer Analyse unterziehen, bemerken wir, dass selbst bei Anerkennung der Fehler jedes einzelnen, der Ursprung dieser dramatischen Situation in Europa in der antifaschistischen Raserei Roosevelts und seiner Umgebung zu suchen ist. Diese Hysterie hat sie jeden Kontakt mit der Wirklichkeit verlieren lassen. Roosevelt hat sein Land freiwillig in einen ideologischen Krieg gestürzt, den der Schutz der amerikanischen Interessen nicht erheischte. Roosevelt hat diese Situation noch dadurch erschwert, dass er in Casablanca der fanatischen These von der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands zur Annahme verhalf, aus der der völlige Bankrott der Nachkriegszeit hervorgegangen ist. Und als ob ihn ein Dämon des Bösen mit verbundenen Augen in die von vornherein vorauszusehenden Katastrophen geführt hätte, setzte er allen begangenen Fehlern dadurch die Krone auf, dass er den Plan einer Landung in Jugoslawien, der die amerikanische Offensive direkt über die Weichsel vorgetragen haben würde, ablehnte und den stumpfsinnigen Angriff über die französische Küste vorzog, der die Hälfte des deutschen Bodens den Russen auslieferte. Als Roosevelt starb, hatte er alles Unheil, das er überhaupt anrichten konnte, schon bewerkstelligt. Die Unerfahrenheit seines Nachfolgers machte diese fürchterlichen politischen Verirrungen endgültig, als er diskussionslos alle Bedingungen annahm, die Stalin auf der Konferenz zu Potsdam vorschlug. So hatte die antifaschistische Verschwörung ihr Ziel erreicht. Sie hatte den Feind vernichtet, aber den falschen Feind. Deutschland war zerschlagen, vernichtet, es war auf der Karte Europas ausradiert. Aber diese Nichtswisser und Narren hatten nur eines vergessen: dass nämlich die Zeit die Kontinente und die Nationen nicht vergeblich erschafft, dass die Geographie Gesetze ausdrückt, die ebenso notwendige und absolute sind, wie die physikalischen Gesetze, und dass dort, wo Deutschland aufgehört hatte, zu leben, auch Europa aufgehört hatte, zu bestehen. [90]

Als der antifaschistische Gehirntrust ein politisches Gleichgewicht zerstörte, das seit Jahrhunderten bestand – denn das neuzeitliche Deutschland hat die Aufgabe des Hauses Österreich zu erfüllen –, brachte er damit alle Hindernisse zum Verschwinden, die sich der Ausbreitung der riesigen russisch-mongolischen Macht in den Weg stellten. Niemals ist Deutschland notwendiger gewesen als heute. Gerade diesen Augenblick aber wählte man, um es zu zerstören. Und mit seiner Zerstörung öffnete man nicht nur die Ebenen Brandenburgs den russischen Armeen, sondern machte ihnen ganz Europa zum Geschenk. Man braucht nur eine Landkarte zu betrachten. Es ist unsinnig, zu glauben, dass mit dem Verschwinden Deutschlands die im Innern der Halbinsel Europa kauernden Mächte sich dem asiatischen Aufbäumen entgegenstellen könnten. Es handelt sich hier um ein einfaches physikalisches Gesetz, eine Anwendung des Gesetzes von der Schwerkraft. Ohne den deutschen Wall muss das Gewicht des asiatischen Kontinents die äusseren Glieder der Halbinsel Europa mühelos und selbst ohne Krieg erdrücken. Das alles haben viele Menschen schon seit langem gesehen: aber man hat nicht auf sie hören wollen. Und seit dem Ende des Krieges hat sich in unseren Ländern, die einem Zwangs- und Polizeiregime unterworfen waren, keine Stimme hören lassen dürfen, die den Umfang der Fehler, die man beging, aufgezeigt hätte.

Ein ebensolcher und parallel laufender Fehler wurde zur gleichen Zeit begangen und für ihn ist dieselbe ideologische Hysterie verantwortlich. Das moralische Weltall hat seine Gesetze, die die gleichen sind, wie die des geographischen Weltalls. Die Ideen wirken wie Kräfte; sie ergänzen sich oder heben sich gegenseitig auf; sie bilden Gegengewichte und halten sich die Waage. Jede der grossen Gemeinschaftsideen einer Epoche hat ihre geschichtliche Rolle und ihren notwendigen Platz im politischen Gleichgewicht. Es ist ebenso gefährlich, eine von ihnen zum Verschwinden zu bringen, wie die Karte eines Kontinents zu verändern. Der Nationalsozialismus hatte Fehler begangen. Wie alle Ideen, die der Kraftprobe politischen Hochdruckes ausgesetzt werden, hatte er, ganz wie der Faschismus, eine neue Interpretation nötig, die das [91] bewahrte, was er an Gutem in sich barg und das zum Verschwinden brachte, was ein Zeichen der Schwäche schien. Aber mit allen Umformungen und Verbesserungen, die man wünschen mochte: er blieb eine notwendige Idee; er war auf der ideologischen Weltkarte ein notwendiges Gegengewicht gegen den Kommunismus, wie Deutschland auf der Karte Europas ein notwendiger Wall gegen den asiatischen Imperialismus darstellte.

Die Ereignisse mussten dies mehr und mehr zeigen. Die Parteien-Demokratie in Europa ist abgenutzt. Sie verursacht kein Herzklopfen mehr; sie bringt keine Hingabe mehr hervor. Das, was sie seit 1945 in allen Ländern Europas zur Schau gestellt hat, die Heuchelei ihrer Versprechungen und die Grausamkeit ihres Regimes, haben diese Abneigung nur vertieft. Wir wissen alle, dass es sicherlich eine klügere, vernünftigere Demokratie gibt als die Demokratie der Volksfront, die wir am Werk gesehen haben. Aber die Völker machen diese Unterscheidungen nicht. Die Parteiwirtschaft erscheint immer mehr als Herrschaft des Auslands. Sie ist das Werkzeug der Knechtschaft Europas. Ein Teil der Parteien liefert uns den Sowjets, der andere den internationalen Finanzleuten aus. Sie bekämpfen sich; aber das geschieht am Ende nur, um uns irgend einen aus der Bukowina oder Georgien Gebürtigen zur Anbetung vorzuschlagen. Die Demokratie der Volksfront verjagt uns aus unserem Zuhause; sie raubt uns die Freiheit und das Eigentumsrecht auf unseren Boden. Und endlich entzieht sie uns unter dem Vorwand, jedermanns Rechte zu sichern, noch unser Lebensrecht. Diese Parteigänger-Demokratie verteidigen, heisst nicht, uns verteidigen, sondern unsere Unterdrücker verteidigen; heisst, die Nutzniesser der Katastrophe verteidigen. Die Völker beginnen heute, das zu bemerken. Das Ergebnis davon ist folgendes: in den meisten Ländern Europas, und das gilt für Frankreich, wie für Italien und Deutschland, gibt es keine Männer, die bereit wären, für die Verteidigung der gegenwärtigen Regimes in den Tod zu gehen. Es gibt keine Mystik der Demokratie. So sieht die politische Wirklichkeit aus. Es gibt in Europa überhaupt keine Mystik mehr, die man der kommunistischen Mystik entgegenstellen könnte. Das ist das Ergebnis von fünf Jahren Volksfrontregierung. [92]

Soweit sind wir also infolge der Führung der Weltangelegenheiten durch die antifaschistische Hysterie gekommen. Vom geographischen Standpunkt aus sind alle Nationen Europas eine wehrlose Beute, die einer sowjetischen Offensive preisgegeben ist und können dieser Lage nur dadurch entgehen, dass sie einwilligen, Werkzeuge der amerikanischen Politik zu werden. Selbst so ist der uns gewährte militärische Schutz wenig wirksam. Jedermann weiss, dass wir im Fall eines sowjetischen Angriffs gegenwärtig in Europa über keine Kräfte verfügen, die fähig wären, eine Offensive aufzuhalten oder sie auch nur in Erwartung beträchtlicher Verstärkungen zu verlangsamen, und die selbstgefälligen Versicherungen unserer Staatsmänner (wir werden da oder dort kämpfen) ändern an dieser Feststellung gar nichts. Auch vom ideologischen Standpunkt aus ist dieses von allem entblösste Gebiet schlecht verteidigt. In allen Ländern Europas breitet sich der kommunistische Verrat nach Belieben aus und von keiner Seite wird er energisch bekämpft. Die Volksfrontregierungen wagen es nicht oder wollen den Kommunismus nicht bekämpfen. Sie sind ihm durch geheime Mitschuld verbunden. Allein die nationalen Parteien sind fähig, den Kommunismus rücksichtslos zu bekämpfen.

Die Arbeit, die wir zu tun haben, ist also unermesslich gross und andererseits dringend. Dieser Charakter unserer Aufgabe muss uns dahin bringen, dass wir vor allem nach sofortigen und praktischen Lösungen suchen, nachdem wir uns vergewissert haben, dass wir über die hauptsächlichsten Ziele einig sind.

Wir glauben, dass die Aufgabe der Männer unserer Generation darin besteht, einen europäischen Länderblock zu verwirklichen; einen militärisch und politisch starken Block, in dem wir unsere eigenen Herren sind; aus dem ausländische Agenten ausgeschlossen sind und der nicht die Politik der anderen macht, sondern seine eigene Politik, deren hauptsächlichstes Ziel es sein muss, uns aus dem Krieg herauszuhalten.

Eine der wesentlichsten Bedingungen der Entstehung eines solchen Europa ist, einzusehen, dass die strategischen und politischen Gegebenheiten der modernen Welt sich tiefgehend verändert haben, und dass Europa nur lebensfähig ist, wenn es auf der Ver- [93] söhnung und dem Bündnis zwischen Frankreich und Deutschland begründet ist.

Die modernen Erfindungen haben die Entfernungen verkürzt. Das sowjetische und asiatische Russland ist heute für Frankreich nicht mehr eine weit entfernte Gefahr; Russland ist in Wirklichkeit ein an unser Land angrenzender Staat geworden. Die Verteidigungsaufgaben, die sich einst dem französischen Generalstab in Bezug auf Deutschland stellten, stellen sich heute hinsichtlich Russlands. Wenn wir heute auf unseren Manövergeländen beschönigend sagen, „ein Angriff von Osten her“, bezeichnet dies eine russische Armee. Ein deutsch-französischer Krieg ist etwas Undenkbares geworden. Andererseits hat das Bestehen von Riesen-Staatsgebilden, die Folge der Industrialisierung der Kontinente, die Nationalstaaten von gestern überholt, genau wie das Erscheinen eines neuen Flugzeugtyps die Modelle von vor zehn Jahren in den Schatten stellt. Die Nationalstaaten, auf denen einst das ganze politische Leben fusste, sind heute nicht mehr lebensfähig. Sie haben heute keine grössere politische Existenzberechtigung mehr, als das Grossherzogtum Baden oder das Grossherzogtum Modena von vor hundert Jahren. Sie haben aufgehört, als politische Einheiten zu bestehen, weil sie aufgehört haben, als politische Mächte zu existieren. Wenn sie sich darauf versteifen, in ihrem gegenwärtigen Zustand weiterzuleben, sind sie alle dazu verurteilt, Satellitenstaaten zu werden.

Diese Feststellungen sind alles andere als neu. Sie werden augenblicklich überall ausgesprochen. Gerade diese Einheitlichkeit ist beunruhigend, und deshalb möchte ich hierüber mit Ihnen nachdenken.

Zuerst bestimmt das, was ich weiter vorn gesagt habe, unsere Haltung in einem wesentlichen Punkt: wir werden Europa nicht mit irgendwem und für irgend etwas bilden. Die Männer der antifaschistischen Hysterie, die seit zehn Jahren alles, was sie konnten gegen Europa getan haben, und die es in Lebensgefahr brachten, scheinen uns nicht die geeignetsten Ärzte, um es zu erretten. Wenn es der Gedanke gewisser Leute ist, ein antifaschistisches und vaterlandsloses Europa zu schaffen, das sozusagen von [94] New York ferngelenkt würde, dann interessiert uns dieses Europa nicht im geringsten; wir glauben andererseits, dass eine solche Konzeption nur die kommunistische Infiltration und den Krieg vorbereiten würde. Die antifaschistische Hysterie ist nicht allein für die Zerstückelung Europas verantwortlich, sie ist es auch für den Verfall und die Ordnungslosigkeit der einzelnen Staaten, die sie geleitet hat. Sie ist überall, entgegen allem Anschein, der Handlanger des Kommunismus gewesen und ist es heute noch. Den Antifaschismus von der nationalen Ebene auf die europäische Ebene verlegen, hiesse ganz einfach, die Ursachen der Schwäche und der Zerstörung auf die kontinentale Stufe auszudehnen und das Europa, das wir schaffen wollen, zum Tode verurteilen.

Andererseits scheinen mir die Ideologie und die Ideologen aus diesem Stoff, wie auch sonstwie, gefährlich. Wir trauen diesen Theoretikern nicht. Europa kann nicht auf dem Papier geschaffen werden. Dies ist eine Frage der Praxis; lebensfähige Lösungen werden wir nur mit praktischem Sinn und politischem Realismus finden. Wir misstrauen also allzu ehrgeizigen Plänen, übereilten Behauptungen, die nur zur Entmutigung und einer allgemeinen Art all der schönen Erfindungen führen können, die aus dem Geist der Utopie geboren sind.

Unser erster Vorschlag ist also folgender: wir haben zu den Männern, die heute in Europa an der Macht sind, keinerlei Vertrauen; wir wollen nicht ihre Werkzeuge sein und glauben, dass die Vorbedingung jeder fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen den Staaten Europas das Zurmachtkommen der nationalen Kräfte in jedem dieser Staaten ist. Nur diese Männer sind ständige und entschlossene Feinde des Kommunismus gewesen. Nur sie fühlen zutiefst, was jedes unserer Völker an seinen eigenen Boden, an seine eigene Sprache und an seine eigenen Gesetze bindet und demgemäss sind sie allein zu sagen berechtigt, worauf man bei einer Vereinigung verzichten muss und worauf zu verzichten unvernünftig wäre. Nur sie haben das Gefühl für das Konkrete und das Reale und misstrauen den Hirngespinsten der Intellektuellen. Da sie Bauern auf eigener Scholle und Brüder durch das Blut und die Vergangenheit der Bauern und Arbeiter ihres Landes sind, haben [95] sie schliesslich allein das Recht, in ihrem Namen zu sagen, warum ihre Kameraden bereit sind, zu kämpfen; was sie verteidigen oder nicht verteidigen. Herr Jules Moch kann darüber nichts aussagen, weil er es nicht fühlt. Sein Europa ist nicht das unsere. Über den Nationalismus hinauszugehen vermögen nur die Nationalisten. Denn wenn es sich nicht durch sie vollzieht, wird es sich gegen sie vollziehen und für alle eine Katastrophe werden.

Es sind also nationalbewusste Kräfte jedes europäischen Landes, die ganz selbstverständlich die Aufgabe haben, diese neue politische Macht zu schaffen, deren Werden für die Wiederherstellung des törichterweise zerbrochenen Gleichgewichts unumgänglich nötig ist. Und man sieht auch nach dem, was ich soeben sagte, dass sie nach meiner Meinung auch die Aufgabe haben, für Europa eine neue Mystik zu finden.

Über diesen letzten Punkt kann ich hier nicht reden, ohne mir Grenzen aufzuerlegen. Aber es ist unmöglich, dass ich ihn mit Stillschweigen übergehe. Wir leben in einer zerstörten Welt. Nicht nur unsere Städte sind zerstört, es sind ganze Systeme von Werten und Anschauungen, es sind alle Systeme von Werten und Anschauungen zerstört worden. Diese Ruinen sind unsichtbar, aber sie sind fürchterlicher als die sichtbaren Ruinen. Die Worte, mit denen man sich an uns wendet, sind wie die tönender Marionetten: die Menschen unserer Generation glauben an gar nichts mehr; sie werden sich zu nichts mehr hergeben; sie werden nur noch auf sich selbst hören. Sie haben begriffen, dass sie in einer tragischen und närrischen Welt leben, in der man die Städte im Namen der Menschlichkeit in Trümmer legt; in der man im Namen der Freiheit einsperrt; in der man im Namen der Vaterlandsliebe den Verrat fordert; in der man Wasser zum Feueranzünden nimmt; in der man hinter einer Mauer die Generäle erschiesst, die den Bolschewismus bekämpft haben, während man sie am gleichen Ort zu den Waffen ruft, um gegen ihn zu kämpfen. Sie haben seit fünf Jahren dem Karussell des Aberwitzes und der Verrücktheit zugesehen. Heute ruft man sie zu Hilfe. Sie aber antworten mit einem Nein. Sie werden einzig und allein nur sich selbst gehorchen. [96]

Die Kriegsgeneration hat in allen Ländern Europas den endgültigen Verfall der Werte festgestellt, auf Grund derer die amtliche Propaganda uns zusammenzurufen beansprucht. Diese Generation verkündet, dass Europa sich nur dadurch retten kann, indem es sich der neuen Werte bewusst wird, welche diejenigen unserer Zeit sein werden. Und in allen Ländern der Erde hat sie das Gefühl, dass ihre wesentliche Aufgabe darin besteht, diese neue Weltanschauung ins Leben zu rufen und in der Welt zur Geltung zu bringen. Sie bekämpft den Kollektivismus, der aus dem Menschen eine Maschine macht und ihm sein Eigenleben und seine Seele raubt. Sie weist die Eigenbrötelei zurück, welche die Gemeinschaft zersetzt. Sie drängt auf einen anderen Weg, den, welchen ihr die eigene Erfahrung vorschreibt. Unter den Männern dieser Generation ist das Bindeglied nicht nur das aus dem Krieg geborene Fronterlebnis, sondern auch die Erinnerung an die Hoffnungen, die sich einst erhoben hatten. Alle haben wir mehr oder weniger den mächtigen Strom der Hoffnungen und der Brüderlichkeit gekannt, der kurz vor dem Kriege durch alle Völker Europas ging, und ihn mehr oder weniger stark empfunden. Niemals erschien uns die Vereinigung so nahe; niemals schien sie uns so leicht. Es ist unmöglich, dass wir uns dieser Hoffnung nicht mehr erinnerten. Auf ihrer Grundlage wird sich Europa bilden.

Wie wird dieses Europa beschaffen sein? Ich kann nur in einem zwangsläufig beschränkten Rahmen die Wünsche anführen, die man in Frankreich oft äussern hört und von denen ich hoffe, dass Sie in ihnen bisweilen Ihre eigenen Wünsche wiedererkennen. Wir glauben, dass Europa eine natürliche wirtschaftliche Einheit ist, wobei wir im besonderen den Erträgnissen unserer Besitzungen in Afrika Rechnung tragen, und dass die wirtschaftlichen Probleme, die auf nationaler Ebene keine Lösung finden könnten, auf ganz natürliche Weise eine europäische Lösung finden. Wir glauben auch, dass eine organische Auffassung von der Gemeinschaft erlauben muss, eine Lösung der sozialen Probleme zu finden, vor der Kapitalismus und Kommunismus gleichmässig versagt haben; denn wir betrachten die sowjetische Gesellschaftsordnung als einen Misserfolg in der Lösung der sozialen Frage. Wir glauben, dass [97] die Arbeit kein Fluch ist, sondern dass sie zur Freude werden kann; dass gerechte und anständige Lebensbedingungen und zufriedenstellende Arbeitsbedingungen für alle geboten werden müssen; dass ein geeintes Europa die Arbeitslosigkeit zum Verschwinden bringen kann, die herabzusetzen die Nationalstaaten nicht in der Lage sind. Wir glauben auch, dass der Platz eines jeden in der Gemeinschaft von dem Beitrag abhängt, den er zu diesem gemeinschaftlichen organischen Leben leistet, von dem wir alle abhängen; dass es gerecht ist und der Natur der Dinge entspricht, dass dem so sei. Ebenso wie die gesunde Zelle, die am Leben des Gesamtlebewesens voll und ganz teilnimmt, mehr Lebenskraft empfängt, als die ausgezehrten und im Schwinden begriffenen Zellen, so muss derjenige, der ein volles und starkes Gefühl für die gemeinschaftliche Solidarität hat, notwendigerweise glücklicher sein, weil sein Leben und seine Arbeit durch ebendiese Solidarität befruchtet werden. Es ist gerecht, dass die soziale und auch die politische Ordnung dieser menschlichen, dieser sozialen Gesundheit Rechnung tragen, die den einzelnen mitten in die Gemeinschaft stellen, aus der er hervorgegangen ist. Hierdurch, so glauben wir, können wir neue Formen des politischen Lebens zum Entstehen bringen, die die Freiheit und die wesentlichen Rechte des einzelnen nicht beeinträchtigen; die aber durch eine dynamische Auffassung vom sozialen Leben die Ablösung verjährter und machtlos gewordener Formen sichern werden.

Wir wissen auch, dass sich das alles nicht an einem einzigen Tage tun lässt. Wir misstrauen Versprechungen und allzu ehrgeizigen Plänen. Vor allem aber misstrauen wir den Versprechungen und Plänen der anderen. Wir haben Vertrauen nur zu uns selbst und zu unseren Kameraden. Wir wissen auch, dass nicht alles auf einmal getan werden kann; dass es unendlicher Vorsicht und gesunden Menschenverstandes bedarf, um an die Verwirklichung solcher Gedanken heranzugehen. Aber wir sind alle Bauern derselben europäischen Erde; wir leben alle aus derselben Vergangenheit, von der Vendée bis nach Franken. Es genügt uns, wenn wir uns auf die Begeisterung stützen, welche diese Abstammung in jeden von uns gelegt hat und die uns gemeinsam ist; wir werden [98] daher die praktischen Wege finden, um das, was wir wünschen, zu verwirklichen.

Ich habe Ihnen dargelegt, unter welchen Vorstellungen sich Franzosen unserer Generation zusammenfinden, wenn sie von Europa sprechen. Ich möchte Ihnen sagen, wie wir die europäische Gemeinschaft politisch sehen. Zuvor muss ich Ihnen erklären, dass es eine Frage gibt, in der wir einen kategorischen Standpunkt eingenommen haben. Wir meinen, dass Europa nicht an der Elbe aufhört; es umfasst das ganze Deutschland, und die deutsche Einheit ist eine der Vorbedingungen der europäischen Einheit. Die asiatische Gefahr, die eines der einigenden Elemente für Europa ist, hat in einem grossen Teile der französischen öffentlichen Meinung die angeborene Furcht vor einem starken Deutschland zum Verschwinden gebracht. Wir sind der Meinung, dass ein starkes Deutschland keine Gefahr für Frankreich ist, sondern eine Bedingung für die Sicherheit Europas; dass in dem Europa, das wir schaffen wollen, jede Nation völlige Gleichberechtigung haben muss und keine die Hegemonie oder Führung beanspruchen darf. Die ewig Gestrigen oder Hysteriker sprechen noch von der deutschen Gefahr. Ihre Zahl wird von Tag zu Tag geringer und ihr Einfluss vermindert sich immer mehr. Wir strecken auf jeden Fall allen Ländern Europas, wer sie auch sein mögen, ehrlich die Hand hin und tun dies ohne Berechnung und ohne Hintergedanken. Unter uns sind ebenfalls viele Männer bereit, mit unseren deutschen Kameraden gegen die willkürliche Grenzziehung im Osten zu protestieren, in Ansehung dessen, dass es sich hierbei nicht nur für Deutschland, sondern auch für andere, bereits als Opfer ausersehene Länder nicht um eine endgültig geschaffene Lage handeln kann, sondern einen Übergangszustand, dessen Revision unerlässlich ist, und im Namen Europas die Rückkehr derjenigen Völker in die europäische Gemeinschaft zu verlangen, die mit Gewalt von ihr getrennt worden sind.

Ausserdem muss die europäische Gemeinschaft notwendigerweise eine absolut unabhängige politische Einheit bilden. Die Worte „absolut unabhängig“ beziehen sich gleicherweise auf die beiden Nachbarn Europas, nämlich Russland und die Vereinigten [99] Staaten. In diesem Punkte geben vielleicht die Gedanken, die ich vortragen möchte, nicht getreu das wieder, was man in Frankreich denkt. Sie tragen einen mehr persönlichen Charakter, aber ich halte sie für vernünftig und nicht für unmöglich, dass zahlreiche Franzosen sich ihnen anschliessen. Europa darf nicht zu einem vorgeschobenen Posten der Vereinigten Staaten im Kriege gegen den russischen Imperialismus werden. Es darf auch nicht das Werkzeug oder der bedingungslose Verbündete der Vereinigten Staaten sein. Die politische Unabhängigkeit Europas bedeutet vor allem, dass Europa das Recht hat, allein zu bestimmen, ob es Krieg führen will oder nicht. Wohlverstanden: im Augenblick ist eine solche Unabhängigkeit nicht sofort herstellbar. W i r   w i s s e n   a l l e ,   d a s s   e i n e   P e r i o d e   d e s   Ü b e r g a n g s   e i n t r e t e n   w i r d ,   w ä h r e n d   d e r   d a s   B ü n d n i s   u n d   d e r   S c h u t z   d u r c h   d i e   V e r e i n i g t e n   S t a a t e n   f ü r   E u r o p a   a b s o l u t   u n e n t b e h r l i c h   s i n d . Aber ich glaube, dass in Zukunft, sobald die politische und militärische Macht Europas gebildet sein wird, es im Interesse der Vereinigten Staaten wie dem unseren liegt, Europa allein seine Politik bestimmen zu lassen; dass es völlig unabhängig ist, und dass es gegebenenfalls sogar als versöhnendes Element zwischen den Vereinigten Staaten und Russland vermitteln kann.

Im Hinblick auf Russland glaube ich, dass die Unabhängigkeit Europas sich durch seine militärische Stärke und seine industrielle Kraft offenbaren muss, und dass die europäische Gemeinschaft versuchen muss, so schnell wie möglich eine politische Einheit zu errichten, die imstande ist, jedem imperialistischen Unternehmen Russlands entgegenzutreten. Diese Unabhängigkeit Europas muss sich in gleicher Weise durch die völlige Vernichtung aller Positionen der kommunistischen Propaganda in Europa kennzeichnen. Wenn Europa leben will, muss es militärisch und politisch gesund sein. Aus seinem Gebiet muss jeder kommunistische oder verborgen kommunistische Stützpunkt, jede fünfte Kolonne hinausgeworfen werden. Nachdem dies aber gesagt ist, meine ich, dass Europa hinsichtlich Sowjetrusslands keine systematische Feindschaft unter dem Vorwand zeigen darf, dass sein Regime und seine Lebensauf- [100] fassungen sich von den unsrigen unterscheiden. W i r   h a b e n   u n s   z u   v e r t e i d i g e n ,   a b e r   w i r   h a b e n   k e i n e n   K r e u z z u g   z u   v e r a n s t a l t e n !  Wir wollen keinen Kommunismus bei uns und müssen die hierzu erforderlichen Massnahmen ergreifen. Wir wünschen ihn auch nicht in unseren Kolonien und ganz allgemein auch in keinem der Länder, an welchen Europa ein Recht auf Rücksichtnahme oder ein lebenswichtiges Interesse hat. Aber wir haben nicht den Kommunismus in Russland selbst anzugreifen. Dort geht er uns nichts an. Wenn die Vereinigten Staaten einen Präventivkrieg gegen die Sowjets führen wollen, so ist das eine Frage, über welche sie selbst zu entscheiden haben. Wenn aber dieser Präventivkrieg nicht ausbricht, müssen wir es so halten, dass Europa – den Sowjets unzugänglich – ein Element des Friedens und der Eintracht werden kann; dass seine gerechten und vernünftigen Schritte das Misstrauen des Kreml beruhigen, und dass es den beiden grossen Gegnern bisweilen nützlich werden kann, sich der politischen Erfahrungen der europäischen Staatsmänner zu bedienen, um einen Boden zur Verständigung zu suchen.

Die europäische Gemeinschaft wird also gleichzeitig der demokratischen Hysterie und dem Kreuzzuge gegen die Sowjets fremd gegenüberstehen. Ihre politische Unabhängigkeit wird erst dann komplett sein, wenn sie auf eine völlige ideologische Unabhängigkeit hinausläuft. Gerade da liegt hauptsächlich der amerikanische Irrtum. Ein „demokratisches“ Europa wollen, heisst, ein Europa wollen, das einem der beiden Lager angehört.

Ich lege besonderes Gewicht auf diesen Gedanken, denn ich betrachte ihn als das Wichtigste für unsere gemeinsame Zukunft. Ein „demokratisches“ Europa ist ein Gefangener des „demokratischen Lagers“; es kann nur ein Satellitenstaat der Vereinigten Staaten sein; dementsprechend ist es ein Kriegsfaktor und seine Struktur macht die Lösung der internationalen Probleme unmöglich. Es ist klar und vollkommen berechtigt, dass Russland auf keinen Fall damit einverstanden ist, wenn amerikanische Militär-Flugplätze in Deutschland errichtet werden. Das Bestehen dauernder amerikanischer Militärstützpunkte in Deutschland ist eine Bedrohung Russlands, und Russland ist im Recht, wenn es dies so [101] ansieht. Wenn die Rote Armee versuchen würde, sich auf Kuba festzusetzen, so würden die Vereinigten Staaten dieses Festsetzen als casus belli, als Grund zum Kriege, betrachten. Man muss logisch denken. Wenn die amerikanische Wehrmacht versucht, sich endgültig in Deutschland festzusetzen, so schafft dies eine nicht minder ernste Lage. Demgegenüber ist das Vorhandensein eines ,nichtdemokratischen’ und nichtkommunistischen Europa eine Garantie zugleich für die Vereinigten Staaten und für Russland. Es ist ein Pufferstaat, von dem Russland nichts zu befürchten hat, wenn die Einstellung dieses Pufferstaates ebenso klar gegen demokratische Einmischung ist, wie sie es gegen kommunistische ist. Einem Pufferstaat kann Russland in der Zukunft sogar Konzessionen machen, die es den USA nicht machen kann. Denn was für Russland wichtig ist – und dies mit Recht –, ist nicht, in Deutschland etwa eine Vasallenmacht zu haben, sondern vor allem, in ihm keine feindliche Macht sehen zu müssen; einen Staat, der Russland nicht angreifen wird und der auch kein Interesse daran hat, es anzugreifen. Von dieser Haltung, nicht der Neutralität – denn es ist im Gegenteil notwendig, dass Europa militärisch, industriell und politisch aufs Beste gerüstet ist –, sondern der Unparteilichkeit, hängt die ganze Zukunft ab.

Es wäre falsch, zu glauben, dass diese Ansicht utopisch sei. Argentinien hat es sehr gut verstanden, einen antikommunistischen Kampf zu führen und dennoch ausgezeichnete Beziehungen zu Sowjetrussland zu unterhalten. Russland sieht sich zur Zeit vor ein ernstes politisches Problem gestellt: entweder, es denkt tatsächlich an die ideologische Eroberung der ganzen Welt, dann weiss es aber, dass es diese Eroberung mit einem dritten Weltkrieg wird bezahlen müssen; oder es sucht sich, wie die Vereinigten Staaten, ein Sicherheitsglacis zu sichern, und dann ist oben geschildertes Vorhaben für Russland durchaus annehmbar. Es ist in gleicher Weise für die Vereinigten Staaten annehmbar, als eine Frage politischer Intelligenz. Vollkommen klar, dass die Amerikaner zunächst ziemlich überrascht sein werden, wenn man ihnen sagt: „Helft uns aufrüsten, wir brauchen Euch, und dann wird unsere Haltung neutral sein.“ Dennoch liegt dies für die Zukunft in ihrem [102] Interesse. Denn das Gleichgewicht in der Welt und ein starkes Europa sind letzten Endes für die USA ein interessanteres Ergebnis, als der zweifelhafte Besitz eines Aufmarschraumes und ein zweideutiges Bündnis mit wenig zuverlässigen Söldnern. Die Amerikaner müssen nur ihre Furcht vor Russland überwinden. Wenn ihnen das gelingt, werden sie sehr rasch merken, dass es für sie viel interessanter ist, uns ungestört und frei unsere Rolle der Dritten Macht spielen zu lassen, als den russischen Stier fortwährend dadurch zu reizen, dass man den grell beklecksten fadenscheinigen Lappen einer zugleich atlantischen und demokratischen Allianz vor ihm schwenkt, welche ihre Hauptaufgabe in der Errichtung eines Stapelplatzes für Bomben der Vereinigten Staaten 500 km vor Leningrad sieht.

Es liegt also im Interesse aller – das wiederhole ich – dass Europa zu keinem der beiden Lager gehört, sondern dass es sein eigenes Leben lebt und sich seinem eigenen Geiste entsprechend entwickelt. Europa ist kein minderjähriges Kind. So, wie wir es in Zukunft sehen, ist es eine Grossmacht. Da es die industriellen Hilfsquellen der verschiedenen europäischen Länder besitzt, kann es eines Tages als gleichberechtigter Partner mit den Vereinigten Staaten und mit Russland reden. Schliesslich stützt es sich ja auf den afrikanischen Kontinent. Wir wünschen, dass eines Tages, wenn Europa zu einer politischen Einheit geworden ist, die Kolonien der verschiedenen europäischen Länder allen Nationen der europäischen Gemeinschaft weitgehendst geöffnet werden. Und wir sind überzeugt, dass Afrika alsdann einen ungeheuren Aufschwung nehmen kann. Wir sind auch überzeugt, dass diese Weltanschauung, welche man die europäische nennen wird, uns befähigt, eine Verständigungsbasis mit den arabischen Nationalisten zu finden. Wenn wir ihnen mit völlig neuen Begriffen über die gleichzeitige Anwesenheit der Europäer und der Araber in gemeinsamen Gebieten entgegentreten, glauben wir, die meisten der Schwierigkeiten lösen zu können, an denen die bisherige Heuchelei und die überlebten Kolonialbegriffe immer scheiterten. Wir Europäer wenigstens werden diese Diskussionen mit anständiger und vornehmer Gesinnung gegenüber dem arabischen Volke beginnen, [103] dessen Wert und geschichtliches Alter als Rasse und Kultur wir anerkennen.

Hier erhebt sich ein Problem, das ich nicht stillschweigend übergehen kann; es ist das Problem England. Die gegenwärtige Haltung Englands zwingt uns, nicht mit England zu rechnen. Das ist eine Feststellung, die wir ohne Bitterkeit und ohne Feindseligkeit machen müssen: es ist möglich, dass es notwendig ist, Europa ohne England zu schaffen. Und vielleicht ist es besser so. Die Beschaffenheit des englischen Kolonialreiches muss die Blicke Englands notgedrungen in andere Richtungen lenken. Andererseits haben wir den Eindruck, dass es noch sehr weit von den fundamentalen Vorstellungen derer entfernt ist, die den Wunsch haben, die europäische Einheit zu verwirklichen. Es wäre vielleicht ein unfruchtbares Unternehmen und ein grosser Zeitverlust, zu versuchen, der Natur der Dinge Gewalt anzutun. Ich meine, dass Europa den Wunsch haben muss, mit England gut nachbarliche Beziehungen anzuknüpfen. Im Augenblick aber darf Europa nicht auf England warten. Vielleicht ändern sich in Zukunft die Dinge. Wir glauben, dass wir alsdann bereit sein müssen, England jeden Augenblick in die europäische Gemeinschaft aufzunehmen, wenn es deren Erfordernisse anerkennt. Im Augenblick aber müssen wir ohne es handeln und wünschen, dass diejenigen, welche in England mutig daran arbeiten, ihre Landsleute in den Vorstellungen, die uns vereinen, zusammenzufassen, recht bald in ihrem Unternehmen Erfolg haben.

Unter diesen Bedingungen sind die Ergebnisse des deutsch-französischen Zwiegespräches besonders wesentlich. Frankreich und Deutschland stellen Europa nicht allein dar. Der europäische Gedanke ist eine Idee, die alle europäischen Völker in gleichem Masse interessiert, und alle haben das gleiche Recht, in dieser Hinsicht ihren Standpunkt kundzutun. Aber wir wissen, dass ohne eine tiefgehende und fundamentale Entente zwischen Deutschland und Frankreich alles übrige nur auf reichlich nutzlose Redereien hinausläuft. Nun, diese Verständigung ist möglich. Wir glauben, dass ihre Stunde gekommen ist. Zwischen Deutschland und Frankreich bestehen Bande der gegenseitigen Wertschätzung und [104] Achtung. Es sind die, welche notwendigerweise immer zwischen zwei Ländern bestehen, die so lange ihre Kräfte gemessen haben und nun ihre beiderseitigen Qualitäten kennen. Die Kriege, welche uns in der Vergangenheit getrennt haben, können jetzt dazu dienen, uns zu einigen. Die durch den Krieg hervorgerufenen Leiden werden eines Tages der Vergangenheit angehören; wir müssen beide verstehen, sie zu überwinden. Bleiben wird davon nur die Feststellung, dass wir zwei grossen Völkern angehören, deren Zusammenarbeit ungeheure und fruchtbare Ergebnisse zeitigen kann.

Im Grunde genommen ist es also notwendig, dass man durch die Massnahmen, die man hinsichtlich Deutschlands trifft, zeigt, ob man sich als Anhänger oder wirklicher Gegner Europas bekennt. Diese Auffassung mag brutal erscheinen, aber sie ist wahr. Denn es sind weder Zollvereine noch die teilweise kunstreichsten Übereinkommen, die Europa bilden werden, sondern nur die grundlegende Aussöhnung.

Wir werden also die Anhänger und Gegner jeder wahren europäischen Einheit daran erkennen können, ob sie folgende Vorschläge anerkennen oder verwerfen: 1. Zwischen Deutschland und den anderen Völkern Europas muss die Gleichheit der Rechte vollständig und absolut sein. Das heisst, dass das Besatzungsstatut in Deutschland ein Ende finden muss; dass die alliierten Truppen nur noch Schutzeinheiten sein dürfen, die in Deutschland untergebracht sind, und dass in allen Dingen Deutschland von nun an als souveräner und verantwortlicher Staat handeln muss. 2. Zwischen Deutschland und den anderen Völkern Europas muss die moralische Gleichheit vollständig und absolut sein. Das heisst, dass es von nun an keine Sieger und Besiegte mehr geben darf; dass die These von der Schuld Deutschlands radikal aufgegeben werden muss, und dass niemand aus irgend einem Gesichtspunkt heraus Deutschland auffordern darf, etwas wiedergutzumachen oder sich auf Grund irgend welcher vergangener Dinge für minderwertiger zu halten. Wir sagen, dass nur diejenigen, die diesen gerechten und klaren Bedingungen der europäischen Zusammen- [105] arbeit zustimmen, unsere Freunde und die wahren Anhänger Europas sind.

Natürlich, und als Folge hiervon, müssen alle Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten, die seit 1945 in den verschiedenen Ländern Europas vorgekommen sind, eingestellt werden. Es muss eine gemeinsame Front aller wirklichen Feinde des Bolschewismus hergestellt werden. Und diese gemeinsame Front muss ihre Grundlage in der Versöhnung aller haben. Wir haben keine Kräfte zu vergeuden, und jede Trennung ist eine Kräftevergeudung. Wir haben nicht zu fragen: wo, wann und mit welchen Mitteln haben Sie den Bolschewismus bekämpft? Das Wesentliche ist, alle in einem fugenlosen Block zu einen, die unsere Zivilisation retten wollen. Unser neues Europa will die Bürgerkriege vergessen und sie in die Vergangenheit verweisen; es hält allen denen die Hand hin, die entschlossen sind, mit uns die Agenten des Auslands zu bekämpfen; es vergisst nichts, aber vor der gemeinsamen Gefahr hat es den Willen, die Gegensätze von gestern zu überbrücken; es bietet allen Versöhnung und Verbrüderung an: aber es fordert, dass alle erhobenen Hauptes in diesen Bund eintreten.

Natürlich ist es auch die erste Aufgabe Europas, sich seine eigene Kraft zu schmieden; das heisst, sich zu rüsten. Eine politische Macht ist nichts, wenn sie nicht zugleich eine militärische Macht ist. Alle Länder Europas müssen in gleicher Weise und mit allen ihren Kräften an dieser Wiederaufrüstung teilnehmen. Die Wirksamkeit und Schnelligkeit dieser Wiederaufrüstung sind es, die unsere Sicherheit gewährleisten. Diese Wiederaufrüstung darf niemand ausschliessen: sie ist ein Recht und eine Pflicht aller, in der jeder absolut gleiche Rechte hat. Es ist wünschenswert, dass diese Wiederaufrüstung auf einen gemeinsamen Einsatz des europäischen militärischen und industriellen Potentials und auf einen gemeinsamen Oberbefehl hinausläuft. Aber wir machen auf jeden Fall zur Bedingung, dass dieser Oberbefehl nur ein europäischer und nicht ein ausländischer Oberbefehl sein darf, und dass in diesem europäischen Oberbefehl die Verantwortlichkeiten allein nach der Fähigkeit und nicht nach der Nationalität oder dem vergangenen Verhalten verteilt werden müssen. Denn wir glauben, [106] dass die europäischen Völker nur für sich selbst und nicht für fremde Interessen zu kämpfen gewillt sind.

Diese materielle Wiederaufrüstung muss in ganz Europa von einer moralischen Wiederaufrüstung begleitet sein. Die bolschewistische Infiltrierung in Europa muss in allen unseren Ländern und mit allen unseren Kräften bekämpft werden. Dies ist eine für die Unabhängigkeit Europas ebenso wichtige Bedingung wie seine militärische Wiederauferstehung. Wir dürfen den Kommunismus nicht mit Hass bekämpfen. Viele kommunistische Kämpfer sind Männer von hohem Wert, und der Kommunismus ist in unseren Ländern oft nur ein verzweifelter Protest gegen soziale Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Wir müssen den Kommunismus eliminieren, weil er das Werkzeug einer ausländischen Macht ist; aber wir müssen es so machen, dass wir die Menschen schonen und versuchen, sie zu verstehen. Andererseits ist es für uns sehr wichtig, zu wissen, dass die bolschewistische Infiltrierung nicht nur in den eigens so bezeichneten kommunistischen Parteien bekämpft werden darf, sondern in allen ihren Formen. Die besten Agenten des Kommunismus stehen oft ausserhalb der kommunistischen Partei in Parteien, die sich antikommunistisch nennen; deren ganze Tätigkeit aber darin besteht, in Wirklichkeit die Machtergreifung durch den Kommunismus vorzubereiten. Die angeblich sozialistischen Elemente, die für die Auflösung Europas seit fünf Jahren verantwortlich sind, sind nicht weniger gefährlich, als die Kommunisten, deren Vorläufer sie sind. Unter ihnen gibt es ebenfalls gewisse fremdländische Elemente, die immer systematisch die prokommunistischen Thesen gestützt haben. Diese Verwandten des Kommunismus haben Europa oft mehr geschadet, als die Kommunisten. Und im Grunde kann man sagen, dass, politisch gesehen, die marxistische Infiltrierung nur eine geschicktere Form der bolschewistischen Infiltrierung und Eroberung ist. Gegen alle diese Kräfte müssen wir Europa errichten. Ein unabhängiges Europa bedeutet ein starkes und gesäubertes Europa.

Diese beiden wesentlichen Bedingungen der europäischen Wiederaufrichtung haben mehr Bedeutung als alle Konferenzen und Verträge. Ich glaube, dass wir einer schlechten Methode [107] folgen, wenn wir uns zur Herstellung der Einheit Europas von geschichtlichen Vorgängen beeinflussen lassen, wie dem des deutschen Zollvereins. Wir werden mit Projekten wie einer Zoll- und Wirtschaftsunion auf unüberwindliche Schwierigkeiten stossen. Hiermit dürfen wir also nicht beginnen. Dagegen können nationale Regierungen, die von gleichem Geist und gegenseitigem Vertrauen beseelt sind, ohne Schwierigkeiten praktische und begrenzte Pläne verwirklichen, wie etwa die Aufstellung einer europäischen Armee unter einheitlichem Oberbefehl; die Festlegung einer europäischen Aussenpolitik und die Schaffung eines besonderen Organismus zu ihrer Anwendung; die Organisierung einer europäischen Innenpolitik zum Kampf gegen die Agenten des Auslandes. Ein Europa, das schon ein gemeinsames Kriegsministerium, ein gemeinsames Aussenministerium und ein gemeinsames Innenministerium hätte, besässe schon die hauptsächlichsten Charaktermerkmale eines einheitlichen Staates. Man könnte dann an wirtschaftliche Vereinigungen und an eine Angleichung der Gesetzgebungen denken. Diese verwickelteren Aufgaben müssten nach und nach verwirklicht werden und dabei den Interessen aller Rechnung tragen. Sie sind von dem Augenblick an nicht mehr unüberwindlich, in dem die Länder Europas sich ihres gemeinsamen Schicksals bewusst werden und die Notwendigkeit von Konzessionen besser bemerken, die von ihnen verlangt werden und ihnen nützen. Und wenn man schliesslich Europa marschieren sieht; eine Armee in ihm sieht; eine politische Spitze; einen europäischen Geist, wird man auch bemerken, dass die vorhandenen Schwierigkeiten durch den guten Willen aller und ohne dass jemand abdankt, gelöst werden können.

Wir wissen auch, welche Vorsicht in dieser Angelegenheit an den Tag gelegt werden muss. Die Grenzen lassen sich nicht wie Kartenhäuser umlegen. Die Nationen sind das Werk der Zeit; die Zeit allein kann sie zusammenschweissen. Die nationalen Wirtschaften sind lebenden Organismen vergleichbar: sie können voneinander eine mächtige Hilfe erhalten; aber umgekehrt kann ihnen eine brutale Blutübertragung tödlich werden. Und die Seele jeder unserer Nationen ist etwas Kostbares und Empfindliches; sie ist das Leben unserer Völker selbst; sie ist ihre Einheit und ihre [108] Kraft und muss behütet werden. Eine europäische Föderation ist keine Konstruktion, die man improvisieren kann. Es ist möglich, dass sie zuvörderst nichts anderes sein kann, als eine „ewige Allianz“ zwischen den Kantonen Europas, die sich darauf beschränkt, mit der Schaffung der unentbehrlichen Organismen dieser gemeinsamen Leitung zu beginnen. Und dieses Resultat ist in Wirklichkeit nur möglich, wenn sich eine gemeinsame politische Gesinnung in den bedeutendsten europäischen Ländern entwickelt. Im Geiste dieser ewigen Allianz müssten auch die ersten Dinge Gestalt annehmen. Darum müsste die Europaarmee mehr als eine vom Misstrauen diktierte Mischung, die Aneinanderreihung grosser europäischer Einheiten sein, die von einem europäischen Grossen Generalstab wieder aufgerichtet werden. Und ebenso würde das System der „Pools“[2]) hauptsächlich den Wunsch nach einer Planung in der europäischen Produktion gemäss der heutigen Lage zum Ausdruck bringen und kurz gesagt, die provisorische Skizzierung einer wirtschaftlichen Leitung Europas viel mehr zur Tatsache machen, als dass es – wie es augenblicklich ist – in einem System beiderseitiger Garantien besteht, die von dem Stärksten vertreten werden. Es ist also ein politischer Entwurf auf lange Sicht und ein anständiger, weitreichender und ehrenwerter Entwurf, der uns unsere Schritte und Lösungen vorschreiben muss; es ist daher die manchmal zugleich engstirnige und weltfremde Gesinnung der Nur-Juristen und Nur-Wirtschaftler, die ich fürchte. Mich interessiert es nicht, wie der Europarat gewählt wird: ich glaube nicht an den Europarat. Mich interessiert nicht die Frage, wie heute das europäische Parlament zu wählen sein würde: das ist ein verfrühter Gedanke. Mich interessiert es nicht, wie die Waren umlaufen werden: Europa drückt sich nicht nur in einer gewissen Tonnenzahl von Waren aus, die auf einer abgeschlossenen Halbinsel produziert werden; wir werden das mit den Kaufleuten und den Waren schliesslich schon in Ordnung bringen; das ist nicht das Wesentliche. Das Ausschlaggebende sind Geist und Wille und nicht Waren; Geist, [109] Wille und das Gefühl unserer Solidarität und der Trieb unserer Brüderlichkeit und die Achtung vor der Anständigkeit und der Gerechtigkeit, ohne die man nichts Gutes ausrichtet. Das wird die zerstreuten Stücke einen, die heute wirr umherliegen und sich herumstossen, und nicht die Rechenbücher der Händler.

Wohlverstanden; zu diesem Aufbau braucht es Zeit. Wenn sie ihm fehlt, ist alles für Europa verloren. Der Frieden ist für uns eine unbedingte Notwendigkeit. Wenn wir uns durch unsere Regierungen in den Krieg stürzen lassen, wird das verwüstete und entvölkerte Europa nur noch eine Kolonie Amerikas oder Russlands sein. Unsere Länder, wie auch Europa, werden aufgehört haben, zu bestehen. Aber der Krieg ist nicht unvermeidlich. Es hängt im Gegenteil von uns ab, wenn wir unseren antikommunistischen Willen und unseren Friedenswillen zugleich kundgeben, diejenigen zu entmutigen, die uns gegen unseren Willen in den Krieg ziehen möchten. Das ist die Aufgabe der nationalen Parteien Europas; sie ist die heiligste von allen, da sie ja schliesslich unser letztes Mittel, nicht nur zur Rettung unserer Freiheiten, sondern auch unserer Existenz ist, um die schwerste und letzte von allen Pflichten zu erfüllen, die Rettung der Rasse. Ich aber glaube fest daran, dass uns diese Zeit bewilligt werden wird. Europa erwacht. Es reisst sich schrittweise von den Ideologien los, die es seit fünfzig Jahren an den Rand des Abgrunds geführt haben. Wir müssen uns mit allen unseren Kräften an dieser Freiheitsbewegung beteiligen, die auch eine Friedensbewegung ist. Wenn wir ohne Schwäche zu kämpfen verstehen, werden wir unseren Friedens- und Unabhängigkeitswillen durchsetzen und Zeit bekommen, um Europa zu der festen und gesunden Insel, diesem „Igel“ zu machen, in dem kein Platz mehr für Ideologen sein wird, die von einer Fremdherrschaft träumen. Ich glaube an dieses Europa und ich glaube an den Frieden. Ich glaube, wenn wir mit Entschlossenheit unseren Willen kundtun, bei uns zu Hause die Herren zu sein, dass dann so entgegengesetzte Regime, wie die von Washington und von Moskau, ohne Krieg miteinander leben können, oder dass sie ihre Streitigkeiten anderswo austragen, als [110] bei uns. Ich glaube an Europa unter der Bedingung, dass es Europa ist und weder Washington noch Moskau gehorcht.[3])

[…]

[111]


[1]) Der nachfolgende Text gibt den Inhalt eines Vortrages wieder, den der Verfasser in geschlossenen Veranstaltungen mehrerer Städte Süddeutschlands hielt. Professor Bardèche wurde während dieser Vortragsreise unmittelbar vor einem von dem Plesse-Verlag in Göttingen vorbereiteten Vortragsabend von der britischen Besatzungsmacht verhaftet und musste für die Dauer der geplanten Vortragszeit im Gewahrsam der britischen Besatzungsmacht bleiben. Im Anschluss hieran wurde ihm die Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland mit der Auflage entzogen, Deutschland innerhalb von 24 Stunden zu verlassen.

[2]) „Pools“, industrielle Interessengemeinschaft.

[3]) Ende des Textes des weiter vorn erwähnten Vortrags.