Europa-Enthusiasmus in rechtsradikal:
Maurice Bardèches Weg nach vorn

Jahr
1952
Bild
Cover: Maurice Bardeche, Der Weg nach vorn

Das ideologisch prägende nationalistische Programm der Europäischen Sozialen Bewegung in der Fassung von Maurice Bardèche erscheint im Verlag von Karl-Heinz Priester. Hinter der Übersetzung steht ein international-publizistisches Netzwerk ehemaliger Nationalsozialisten und Faschisten.

1952 erschien im rechtsradikalen Plesse-Verlag Karl-Heinz Priesters die deutsche Übersetzung von Maurice Bardèches programmatischer Schrift L’Oeuf de Christophe Colomb unter dem Titel Der Weg nach vorn. Bardèche hatte sein Buch ein Jahr zuvor in seinem eigenen Verlag Les Sept Couleurs veröffentlicht, um das Programm der Europäischen Sozialen Bewegung (ESB) in Frankreich bekannter zu machen. Bei der ESB, zu deren Präsidium sowohl Bardèche als auch Priester gehörten, handelte es sich um eine internationale Organisation ehemaliger NS-Kollaborateure, Waffen-SS-Angehöriger und anderer Faschist*innen. Als einer der Erfinder des Negationismus war der frühere Literaturprofessor Bardèche in rechtsradikalen Kreisen bereits recht gut bekannt. Der ehemalige Hitler-Jugend-Führer Karl-Heinz Priester wiederum bot in seinem Verlag insbesondere Holocaustleugnern eine Plattform.

 

Die Europäische Soziale Bewegung

Zum Gründungstreffen der Europäischen Sozialen Bewegung in Malmö vom 11. bis 15. Mai 1951 kamen zwischen 60 und 100 Delegierte faschistischer Parteien und politischer Kleingruppen aus ganz Europa. Gemeinsam berief man sich auf die Werke des britischen Faschisten Oswald Mosley und des Gastgebers, des pronationalsozialistischen schwedischen Politikers und Publizisten Per Engdahl. Gleichzeitig zeichneten sich bereits deutliche Differenzen innerhalb der ideologischen Ausrichtung ab. Bardèche, der zum Vizepräsidenten der Bewegung ernannt wurde, stand Priester inhaltlich nahe und setzte sich gegen seinen französischen Kollegen René Binet durch. Dieser hatte 1950 eine Théorie du racisme veröffentlicht und war wiederum vom Rassenantisemitismus des Schweizers Gaston-Armand Amaudruz angezogen. Priester und Bardèche jedoch plädierten ebenso wie Präsidiumsmitglied Engdahl für eine gemäßigtere Sprache. Rassismus und insbesondere Rassenantisemitismus würden zu sehr mit dem Nationalsozialismus verbunden, von dem es nun zumindest strategisch gelte, Abstand zu nehmen. Eine weitere Differenz bestand in der Frage, welche Rolle die europäischen Kolonien zukünftig spielen sollten. Für Bardèche, Priester und Engdahl gehörten sie zu ihrer Vorstellung eines europäischen Reiches, Amaudruz und Binet lehnten den Prokolonialismus ihrer Mitstreiter ab.

 

Wer ist schuld an der Teilung Europas?

Bardèche erhielt vom Präsidium den Auftrag, ein Buch zu den Thesen der Bewegung zu schreiben: L’Oeuf de Christophe Colomb. Dabei handelt es sich um ein Essay mit zwei Teilen. Den Rahmen bildet ein „Bericht“ von Bardèche, um den ihn angeblich ein amerikanischer Senator gebeten habe – Robert Taft, ein republikanischer Kontrahent des Präsidenten Harry Truman. Bardèche präsentiert ihm zunächst seine Ansicht, die USA hätten sich in ihrer Außenpolitik auf fatale Weise geirrt. Nicht das nationalsozialistische Deutschland hätten sie bekämpfen sollen, sondern Stalins UdSSR.[1] Diesen Irrtum sieht er als Ausgangspunkt der unglücklichen Lage Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Somit entlastet er Hitler und das nationalsozialistische Deutschland, um den Westalliierten alle Schuld an den verheerenden Kriegsfolgen zu geben. Die US-Außenpolitik sei dabei zudem noch, wie er verschwörerisch formuliert, „veranlasst“ und „geführt“ worden (S. 9/10). Dies erinnert an antisemitisches Raunen von ‚gewissen einflussreichen Kreisen‘. Das Ergebnis dieser fehlgeleiteten US-Außenpolitik ist laut Bardèche das gespaltene Europa.

 

Der Autor als Opfer der Justiz

In diesen „Bericht“ hineingeschoben ist eine Rede (S. 89–111), die für ein deutsches Publikum geschrieben wurde. In der Fußnote des Übersetzers heißt es, dass Bardèche sie auf einer „Vortragsreise“ in „geschlossenen Veranstaltungen mehrerer Städte Süddeutschlands“ gehalten habe. Er führt aus, dass diese Reise „unmittelbar vor einem von dem Plesse-Verlag in Göttingen vorbereiteten Vortragsabend“ abgebrochen werden musste, nachdem Bardèche von britischen Besatzungsbehörden in Gewahrsam genommen und schließlich ausgewiesen worden sei (S. 89). Diese Information kann im Kontext der in der radikalen Rechten üblichen Selbstviktimisierung auch als Werbung gelesen werden. Deutlicher werbend ist Priesters Nachwort; darin skandalisiert er den Prozess gegen Bardèches Buch Nuremberg ou la terre promise, das den Holocaust verharmlost, und stellt den Autor als Opfer der französischen Justiz dar, hinter der „[j]üdische Kreise und die Widerständler“ stünden. Korrekt ist lediglich, dass eine Organisation jüdischer Frontsoldaten und ein Verband ehemaliger Résistancekämpfer als Nebenklagende im Prozess auftraten. Dass Maurice Bardèches Strafe von „einem Jahr Gefängnis“ am Ende nur aus wenigen Tagen im Juli 1954 bestehen sollte, bevor er begnadigt wurde, konnte Priester indes noch nicht wissen.

 

Großmacht Europa?

Der eingeschobene Vortragstext skizziert das Programm der ESB und bildet damit den Kern von Bardèches Weg nach vorn. Als politische Vision benennt er ein Europa, das auf der nationalistischen Euphorie der Zwischenkriegszeit aufbauen solle. Zu dieser Vision zählt zunächst ein gemeinsamer Wirtschaftsraum, wobei unbedingt auch die Ausbeutung der europäischen Kolonien miteinzubeziehen sei. An zweiter Stelle nennt Bardèche eine „organische Auffassung von der Gemeinschaft“, die wiederum die „Lösung der sozialen Probleme“ liefere, „vor der Kapitalismus und Kommunismus gleichmässig versagt haben“ (S. 97). Dazu gehöre ein Europa ohne Arbeitslosigkeit. Weiter plädiert Bardèche für ein Europa, das „nicht an der Elbe aufhört“ (S. 99), also für ein geeintes Deutschland. Ein „starkes Deutschland“ sei keine Gefahr, sondern eine „Bedingung für die Sicherheit Europas“ (S. 99). Um Deutschland wieder volle Souveränität zu geben, fordert er obendrein eine „moralische Gleichberechtigung“, also eine Art Schlussstrich unter die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus zu ziehen (S. 105). Er legt ausführlich dar, dass Europa von den USA und der Sowjetunion politisch unabhängig werden müsse, insbesondere militärisch, aber auch ideologisch: „Die europäische Gemeinschaft wird also gleichzeitig der demokratischen Hysterie und dem Kreuzzuge gegen die Sowjets fremd gegenüberstehen. Ihre politische Unabhängigkeit wird erst dann komplett sein, wenn sie auf eine völlige ideologische Unabhängigkeit hinausläuft.“ (S. 101) Während er Verständnis für die Machtinteressen beider Blöcke zeigt, beschwört er ein unabhängiges Europa, das aber auch nicht „neutral“ sein, sondern wohl eher taktierend zwischen den beiden Blöcken stehen solle. Ein demokratisches Europa hingegen könne immer nur Teil des amerikanischen Blocks sein, und diese Zugehörigkeit lehnt Bardèche genauso ab wie die zum kommunistischen Block.

Die neue „Großmacht“ Europa sieht er garantiert durch die Kolonien, die eines Tages europäisch verwaltet werden sollten. Diese Idee eines „Eurafrika“ unter rechten Vorzeichen stammt aus der Zwischenkriegszeit und war auch von Mosley propagiert worden. Afrika werde unter europäischer Kolonialverwaltung „einen ungeheuren Aufschwung“ erleben. Gleichzeitig gelte es, „eine Verständigungsbasis mit den arabischen Nationalisten“ zu finden (S. 103). Die „ideologische Unabhängigkeit“ sei zu erreichen, wenn der Kommunismus und die westliche Demokratie nicht nur auf Parteien-Ebene bekämpft würden. Vielmehr müssten auch „gewisse fremdländische Elemente“ zurückgedrängt werden, die den Kommunismus stützten, womit Bardèche an das Feindbild des ‚jüdischen Bolschewismus‘ anknüpft. Die Waffe dieser „fremdländische[n] Elemente“ sei der Antifaschismus. Bardèche kennzeichnet diesen als Trick des Kreml, ohne Krieg die Köpfe seiner Gegner*innen zu erobern. Er bezeichnet darüber hinaus all das, was Autor*innen vor ihm als „Dekadenz“ beschrieben haben, als „Antifaschismus“. Im Gegensatz dazu stehend sieht er „[d]ie Liebe zum Boden, die Liebe zur Arbeit, die Liebe zu Kindern, alle diese bäuerlichen Eigenschaften der Franzosen, und nicht nur der Franzosen, sondern aller Völker des Abendlandes“ (S. 21). Bardèches Europa-Utopie ist der rechtsradikale Gegenentwurf zur europäischen Einigung unter westlichen Vorzeichen wie des 1949 gegründeten Europarats.

 

Verbreitung und Rezeption

Der Verleger Priester organisierte eine aufwändige Werbekampagne für die deutsche Übersetzung des Buches. Dazu zählte vermutlich bereits die Wahl des Titels. Er kopiert einerseits den Titel der Zeitschrift Per Engdahls, Vägen Framåt, andererseits ist er allgemeinverständlicher als „Das Ei des Kolumbus“ des französischen Originals. Unter diesem Titel veröffentlichte der befreundete Dürer-Verlag aus Buenos Aires im selben Jahr eine zweite, „für den Vertrieb in Südamerika vervollständigte Auflage“, die ansonsten identisch mit Priesters erster Auflage ist.[2]

Die internationale Vernetzung der ESB fand zwar politisch in einem luftleeren Raum statt, da sie auf keiner staatlichen Ebene Fuß fassen konnte. Als publizistisches Netzwerk war sie allerdings nicht nur kurzfristig erfolgreicher, sondern konnte auch die Ideologie der „alten“ Rechten mitprägen. Der umtriebige Karl-Heinz Priester gab für die Deutsch-Soziale Bewegung, der er vorstand, den Infobrief Die europäische Nationale heraus. Übersetzungen von Bardèches Buch zirkulierten in zahlreichen Ländern, Auszüge und Rezensionen erschienen in rechtsradikalen Zeitschriften. Der Rezensent der rechtsradikalen Nation Europa bezeichnete das Buch „unseres Kameraden und Mitarbeiters“ als „inhaltsschwer“ und von „noch größerer Bedeutung“ als die revisionistischen Bücher Bardèches.[3] Das publizistische Netzwerk der ESB war zudem ein Hort für Holocaustleugner und ‑verharmloser, das ihnen half, Ländergesetze durch die Verbreitung von Übersetzungen oder Umwege über die Schweiz zu umgehen.

Nach dem Tod Priesters im Jahr 1960 zerfiel die ESB, deren innere Konflikte sie bereits im Laufe der 1950er-Jahre geschwächt hatten. In seinen Memoiren aus dem Jahr 1993 bescheinigte Bardèche dem „Ei des Kolumbus“, das er nun vor allem antikapitalistisch deutete, einen sehr geringen Erfolg. Seine Ideen und Formulierungen sind allerdings eingeflossen in zahlreiche kleinere Veröffentlichungen in rechtsradikalen Zeitschriften von Buenos Aires bis Paris, von Malmö bis Rom. Bardèches Buch sowie seine eigene Zeitschrift Défense de l’occident spielten bei der Verbreitung seiner Europa-Ideen inklusive einer deutsch-französischen Versöhnung von rechts eine zentrale Rolle.
 


[1] Maurice Bardèche, Der Weg nach vorn, Göttingen: Plesse Verlag, 1952, S. 9; siehe im Folgenden die Seitennachweise in Klammern im Text.

[2] Maurice Bardèche, Das Ei des Kolumbus, Buenos Aires: Dürer-Verlag, 1952.

[3] P.C.B., Maurice Bardeche: DER WEG NACH VORN, Nation Europa 8/1952, S. 64.

Digital Object Identifier
2983
Auswahlbibliografie
  • Ghislaine Desbuisson, Itinéraire d’un intellectuel fasciste: Maurice Bardèche, Paris: Dissertation am IEP Paris, 1990.

  • Nicolas Lebourg, Les nazis ont-ils survécu? Enquête sur les internationales fascistes et les croisés de la race blanche, Paris: Seuil, 2019.

  • Graham Macklin, Very Deeply Dyed in Black. Sir Oswald Mosley and the Resurrection of British Fascism after 1945 (International Library of Political Studies; 14), London/New York: I.B. Tauris, 2007.

  • Janosch Steuwer, Die andere Europäische Einigung: Entwicklungslinien der transnationalen Kooperation rechtsextremer Parteien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen 46 (2011), S. 87–96.

Erscheinungsdatum

Chronologie

Publikationsorgane

Zitationsempfehlung

Marie Müller-Zetzsche, Entsorgung der NS-Geschichte: Armin Europa-Enthusiasmus in rechtsradikal: Maurice Bardèches Weg nach vorn, in: Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000. Eine kommentierte Online-Quellensammlung, 28.11.2025, https://radikale-rechte.de/comment/022-mueller-zetzsche-bardeche-weg-nach-vorn, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2983.  

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