Zitationsempfehlung
Fabian Weber, Antisemitismus der Neuen Rechten: Hans-Dietrich Sanders Die Auflösung aller Dinge, in: Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000. Eine kommentierte Online-Quellensammlung, 28.11.2025, https://radikale-rechte.de/comment/035-weber-sander, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2993.
Antisemitismus der Neuen Rechten:
Hans-Dietrich Sanders Die Auflösung aller Dinge
Chronologie
Erscheinungsdatum
Themenfelder
Personen
Publikationsorgane
Der Publizist und spätere Zeitschriftenherausgeber Hans-Dietrich Sander hatte sich seit den 1960er-Jahren als einer der umtriebigsten und zugleich streitbarsten Autoren innerhalb der sich herausbildenden Neuen Rechten hervorgetan. Nach Propagierung eines Radikalnationalismus, wofür exemplarisch die 1980 veröffentlichte Aufsatzsammlung Der nationale Imperativ[1] steht, schickte sich Sander an, eine nicht minder radikale Feindbestimmung aufzurufen: das Judentum als Kraft der „Beschleunigung“ in der Moderne.
Intellektualisierung der „Judenfrage“
Sander betrieb enormen Aufwand, damit sein metaphysisch überfrachteter, in den Jargon geistesgeschichtlicher Disputation gekleideter Text nicht unmittelbar als wüste antijüdische Attacke aufgefasst würde, was sie de facto jedoch war. Er grenzte sich sowohl vom Antisemitismus alter und neuer Nazis ab als auch von einem Philosemitismus, der die angeblich von politischer Korrektheit (fremd-)gesteuerte öffentliche Meinung in Deutschland kennzeichne. Er war überzeugt, erneut „die heikle Judenfrage diskussionsfähig gemacht zu haben“, wie er 1989 an Criticón-Herausgeber Caspar von Schrenck-Notzing (1927–2009) schrieb.[2] Inspiriert von Vertretern eines intellektualisierten Antisemitismus aus der Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik formulierte Sander eine insbesondere an den politischen Begriffen Carl Schmitts der Jahre 1933 bis 1945 orientierte Agenda einer deutschen Reichsidee, in der die Vorstellung eines antisemitischen „Katechons“ tragende Säule war: das Reich als „Aufhalter“ von Auflösung und Zersetzung.
Tatsächlich kombinierte Die Auflösung aller Dinge klassischen Antisemitismus mit Motiven eines gewandelten Post-Shoah-Antisemitismus: An geläufige Stereotype von den Juden als Träger eines zersetzenden Liberalismus, als Verkörperungen von Heimatlosigkeit und Rachsucht heftete Sander die These, die Deutschen hätten ihre „Umerziehung“ durch alliierte und jüdische Propaganda zu einem solchen Grad internalisiert, dass sie heute selbst zu „künstlichen Juden“ geworden seien. Die Deutschen kopierten aus Selbstvergessenheit die jüdische Existenz, wie Sander im Schlusskapitel „Imitatio Ahasveri“ (S. 178–212)[3] ausführt, weshalb sie ebenso heimat- und identitätslos, von „Selbsthass“ getrieben und ohne alle „schöpferischen Fähigkeiten“ (S. 194) seien. Sander geißelte es als „geistige Knechtschaft“[4], dass den Deutschen die freie Verfügung über ihre nationale Geschichte entzogen werde, Hitler und auch die „produktiven Elemente“ (S. 194) des Nationalsozialismus inbegriffen. Damit charakterisierte er die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland nach 1945 in ähnlicher Weise zu dem, was den Propheten des modernen Antisemitismus im ausgehenden 19. Jahrhundert „Verjudung“ und „Judenherrschaft“ hieß.
Sander begriff sein Werk als „Akt der Selbstbehauptung, der Wiederherstellung des deutschen Geistes“ und lenkte von der historischen Schuld der Deutschen ab, um sie ihren Opfern aufzubürden: Denn seit 1945 stünden die Deutschen einem „unversöhnlichen jüdischen Haß“ (S. 10) gegenüber.
Feinde auf Augenhöhe?
Sander suchte die Diskussion mit dem erklärten Feind – „Aug in Aug“ mit dem jüdischen Gegenüber, wie er im einleitenden Kapitel eröffnete (S. 7–20). Vorangestellt war ein faksimilierter Brief aus dem Jahr 1980 des in Berlin lehrenden Judaisten und Philosophen Jacob Taubes (1923–1987).[5] Taubes war ein schillernder und distinkter Denker, der auch innerjüdisch umstritten war. Nichtsdestoweniger war er ein jüdischer Intellektueller, der den Kontakt zu Sander und anderen Autoren der extremen Rechten gesucht hatte.[6] 1986 war eine Studie zu Carl Schmitt (1888–1985) erschienen, den er intellektuell bewunderte.[7] Sander ging lapidar über Taubes‘ scharfe Kritik an ihm und seiner zum Nationalsozialismus wenig abgegrenzten Haltung hinweg. In sein Machwerk konnte er ihn integrieren, da Taubes im Vorjahr verstorben war. Sander benötigte dringend einen jüdischen Denker, um „die deutsch-jüdische Frage unter den Gesichtspunkten der politischen Eschatologie“ (S. 7) zu diskutieren. Er vereinnahmte Taubes als antipodische, typisierte jüdische Gestalt und machte ihn zum mustergültigen Repräsentanten des Judentums, durch dessen Einfluss das Abendland auf apokalyptisches Chaos zusteuere.
Im Folgekapitel, „Das Judentum als Vorläufer der Moderne“ (S. 20–41), beschrieb Sander diesen angeblich treibenden Einfluss des Judentums im Prozess der Modernisierung und Rationalisierung, der zum „Zerfall der bislang geschichtsbildenden Staaten, Reiche, Imperien“ geführt habe und dazu, „die entortenden Tendenzen zu fixen Dominanten in der Lage der Moderne aufsteigen“ (S. 35) zu lassen.
An den Ausgangspunkt eines solchen Prozesses stellte Sander eine Charakteristik, der pseudowissenschaftlichen Rassentheorie des Orientalisten Adolph Wahrmund (1827–1913) eng verwandt: Juden entstammten demnach einem „orientalischen Rationalismus“, welcher stets auf unmittelbaren Nutzen gerichtet, nicht erfinderisch oder schöpferisch und damit „der geistige Ausdruck des Nomadentums“ sei. Als dessen Träger hätten sich die Juden an sein Gegenstück, den „okzidentalen Rationalismus“ angeheftet, wie er aus der „Ackerbaukultur“ hervorgegangen sei, dabei aber dessen Lebensgrundlagen ausgehöhlt. Sander unterfütterte seine antisemitische Geschichtsdeutung mit einer gleichfalls antisemitischen Passage Oswald Spenglers (1880–1936) aus dem Untergang des Abendlandes (1923): Die Juden betrieben „Aufklärung bis zum Zynismus und schroffste[n] Atheismus gegenüber der fremden Religion, während die fellachenhaften Gebräuche der eigenen davon ganz unberührt bleiben.“ (S. 41) Das finde nach Sander Ausdruck bei jüdischen Denkern wie dem Neukantianer Hermann Cohen, dem Rechtstheoretiker und Schmitt-Gegenspieler Hans Kelsen, bei Husserl, Freud und Einstein bis zu Max Horkheimer und der Frankfurter Schule, die allesamt maßgeblichen Anteil daran gehabt hätten, „die traditionelle[n] Gemeinwesen in Gesellschaften“ (S. 36) aufzulösen.
Schließlich ging er auf Walter Benjamin ein, über dessen Werk Sander eine von dem deutsch-nationalen jüdischen Religionshistoriker Hans-Joachim Schoeps (1909–1980) betreute Dissertation verfasst hatte.[8] Schoeps hatte zeitweise für die Wiedereinführung der Hohenzollern-Monarchie oder die Änderung des Wahlrechts nach ständischen Prinzipien optiert. Seine konservativen Konzepte unterschieden sich von den Vorstellungen Neuer Rechter, als seit der unmittelbaren Nachkriegszeit etablierter konservativer Professor diente er aber durchaus als intellektueller Orientierungspunkt. Auch weitere spätere Akteure der Neuen Rechten wie Hellmut Diwald (1924–1993) und Robert Hepp (*1938) wurden bei Schoeps promoviert, wobei angesichts Schoeps‘ jüdischer Herkunft strategische Motive mit anzunehmen sind.
Mit Benjamin, wie auch Otto Weininger (1880–1903), führte Sander nun Belege für die These vom „Selbstmord als Quintessenz der Moderne“ an, wonach jeder jüdische Versuch der „Einortung“ zwangsläufig scheitern müsse: Anstatt Positives in der Welt zu finden, zelebrierten Juden den „Totentanz“; sie seien stets der „negativen Theologie“ verfallen und vermochten sich nicht dem „annihilierenden Sog der Gleichung von Revolution und Endzeit“ (S. 95) zu entziehen. Auf seiner verbissenen Suche nach geschichtsontologischen Beweisen dieser These wird Sanders ausgesprochener Zynismus augenscheinlich, den antisemitischen Suizid Weiningers mit dem verzweifelten Akt des vor den Nazis flüchtenden Benjamin zu parallelisieren.
Das Herzstück: Apologie des Nationalsozialismus
Ein Destillat seiner überladenen Geschichtsdeutungen bot Sander in den beiden Kapiteln „Thesen zum Dritten Reich“ (S. 161–168), ebenfalls in der rechtsextremen Zeitschrift Nation Europa[9] veröffentlicht, als deren ständiger Mitarbeiter Sander fungierte, und „Thesen zum Antisemitismus“ (S. 169–177). Der Nationalsozialismus sei als „Experiment, Grundlagen für einen neuen Weltzustand zu legen“ (S. 164), gescheitert, und zwar an der Person Hitlers und an einer nicht umfassend verwirklichten Volksgemeinschaft. Dieses Scheitern sei aber als „ein Versuch, die Krisen der Moderne mit richtigen und falschen Mitteln aufzuheben“ (S. 162) und „als Stück deutscher Geschichte“ (S. 167) anzuerkennen. Seine moralische Diskreditierung, so hieß es darin, sei lediglich das Werk der Siegermächte und diene politischen Zwecken der Unterdrückung. Es gebe keinen Grund, nur die Deutschen wegen des Antisemitismus anzuklagen. Denn Verfolgung sei stets Teil des Judentums gewesen, führte Sander in seinen „Thesen zum Antisemitismus“ aus. In erster Linie suchte er darin den Nachweis zu erbringen, dass die Juden selbst Schuld am Antisemitismus trügen. Das Judentum als „Ferment der Decomposition“, ein von Antisemiten mit Freuden zitiertes Wort des Althistorikers Theodor Mommsen (1817–1903), sowie die „Hybris [...], mit wachsendem Einfluß das Protektionsvolk zu dominieren“ (S. 171f.), und schließlich das archaische Rachegebot, das keine Vergebung kenne, erzeuge den Antisemitismus. Dessen Akteure handelten in Notwehr, behauptete Sander. Das Judentum sei jedoch nicht zu Selbstkritik fähig. Und so deutete Sander abschließend eine antisemitische Fundamentalontologie an: Die biblische Geschichte des Sündenfalls sei als projektive Verdrängung des Judentums zu begreifen. Am Anfang aller „Judenvertreibung“ habe ein „Erzgreuel“ (S. 177) gestanden, so schrecklich, dass es aus dem kollektiven Gedächtnis der Juden getilgt worden sei.
Flopp oder Coup?
Der große Wurf, den sich Sander von Die Auflösung aller Dinge versprochen hatte, war ihm nicht gelungen. Überhaupt wurde das Buch außerhalb des eigenen Lagers so gut wie nicht wahrgenommen. Eine Handvoll Vertreter der extremen Rechten besprach es durchaus anerkennend, wobei das Werk hinter vorgehaltener Hand Sanders Ruf als absonderliche Extremfigur festigte.[10] Erschienen war es im Eigenverlag Castel del Monte, der auf Mittel von Sponsoren angewiesen war. Wie Sander gegenüber Armin Mohler (1920–2003) behauptete, hatte ihn zuvor der Verleger Axel Matthes (*1936) zu dem Buch ermutigt, doch nach Einwänden der Gutachter Elisabeth Lenk und Boris Groys seine Zusage wieder zurückgezogen, wie kurz darauf auch der rechtsextreme österreichische Karolinger-Verlag.[11]
Ebenso unrühmlich wie die Verlegungsgeschichte des Buchs liest sich auch der Werdegang seines Autors. Nachdem Sander einst, 1950/51, bei Bertolt Brecht am Berliner Ensemble tätig gewesen war, ging er nach einer kurzen kommunistischen Phase in den Westen. Unter der Ägide Hans Zehrers zählte er neben Armin Mohler, Matthias Walden, Hans-Georg von Studnitz, Winfried Martini und William S. Schlamm zu einer Gruppe äußerst konservativer Autoren der Welt. Dort war er 1958 bis 1962 Redakteur, in den Jahren 1965–67 und 1978–88 steuerte er weiterhin Artikel bei. Nach seiner Promotion 1969 war ihm 1978/79 auf deren Grundlage von Taubes eine Gastdozentur an der Freien Universität Berlin vermittelt worden. Sander war für die Zeitbühne des radikal antikommunistischen Publizisten Schlamm ebenso wie für das Flaggschiff der Neuen Rechten, Criticón, tätig. In den 1980er-Jahren zählte er zu den Stimmen, die am lautesten einen neuen deutschen Nationalismus, gar ein „4. Reich“, einforderten. Zwischen 1983 und 1986 koppelte er als Herausgeber der Deutschen Monatshefte zugleich einen verbissenen Geschichtsrevisionismus daran. Sein 1990 anlaufendes Zeitschriftenprojekt Staatsbriefe stilisierte einen intellektualistischen Rechtsextremismus, vermochte aber sein Nischendasein nie zu überwinden und größeren Einfluss auf die extreme Rechte zu entfalten. Anfangs hatten sich immerhin prominente Namen als Autoren gewinnen lassen: Neben Mohler steuerten der Historiker Hellmut Diwald, der Netzwerker Hans-Michael Fiedler, die ex-linken Renegaten Reinhold Oberlercher und Horst Mahler, aber auch Neo-Nationalsozialisten wie Michael Kühnen Texte bei. In den ersten Ausgaben war zudem Salcia Landmann vertreten. Trotz seines Antisemitismus war es Sander gelungen, mit ihr eine bekannte jüdische Publizistin zur Diskussion der Auflösung aller Dinge zu bewegen und sie in seine publizistische Strategie einzuspannen. Sie kritisierte das Buch, ehrte es mit ihrer Besprechung aber auch als diskussionswürdig.[12] Als sich Landmann weigerte, Sanders Thesen über den unterstellten Zersetzungsgeist des Judentums zu bestätigen, dieser in ihre Manuskripte eingegriffen und schließlich auch in der privaten Korrespondenz ganz unverhohlenen Antisemitismus offenbart hatte, schied Landmann bei den Staatsbriefen aus. Einige Jahre später wurde Sander schließlich wegen Holocaustleugnung verurteilt. Seine Texte finden indes unter heutigen Neuen Rechten wieder zunehmende Wertschätzung.[13]
[1] Hans-Dietrich Sander, Der nationale Imperativ. Ideengänge und Werkstücke zur Wiederherstellung Deutschlands, Krefeld: Sinus-Verlag, 1980.
[2] Hans-Dietrich Sander, Brief an Caspar von Schrenck-Notzing, 9.1.1989, Bibliothek des Konservatismus (BdK), Korrespondenz Criticón, Korrespondenz S.
[3] In eckigen Klammern angegeben sind auch im Folgenden Belegstellen aus der Quelle: Hans-Dietrich Sander, Die Auflösung aller Dinge. Zur geschichtlichen Lage des Judentums in den Metamorphosen der Moderne, München: Castel del Monte [Eigenverlag], 1988.
[4] Hans-Dietrich Sander, Von der geistigen Knechtschaft der Deutschen und ihrer möglichen Aufhebung, in: Criticón 11 (1980), H. 57, S. 15–22.
[5] Jacob Taubes, Brief an Hans-Dietrich Sander, 4.3.1980, als Faksimile in Sander, Auflösung, S. 12–17.
[6] Jerry Z. Muller, Professor of Apocalypse. The Many Lives of Jacob Taubes, Princeton/Oxford: Princeton University Press, 2022, S. 500f.
[7] Jacob Taubes, Ad Carl Schmitt. Gegenstrebige Fügung, Berlin: Merve, 1987.
[8] Hans-Dietrich Sander, Marxistische Ideologie und allgemeine Kunsttheorie, Basel: Kyklos-Verlag, 1970. In einer Fußnote darin war erstmals ein Dankesbrief Walter Benjamins an Schmitt erwähnt, der über Sander und Mohler auch an Taubes gelangte, der ihn „zu einem Schlüsseldokument der Weimarer Konstellationen [erhob]“; Reinhard Mehring, „Geist ist das Vermögen, Diktatur auszuüben.“ Carl Schmitts Marginalien zu Walter Benjamin, in: ders. (Hg.), Kriegstechniker des Begriffs: Biographische Studien zu Carl Schmitt, Tübingen: Mohr Siebeck 2014, S. 137–154, hier S. 138.
[9] Hans-Dietrich Sander, Thesen zum Dritten Reich, in: Nation Europa 39 (1989), H. 1, S. 12–15.
[10] Robert Hepp, Manuskript „Eine Wiederherstellung der Judenfrage? Kritische Bemerkungen zur neuen Streitschrift von H.D. Sander“ [unveröffentlicht], 1989, Deutsches Literaturarchiv Marburg (DLA), Nachlass A: Mohler, Armin, HS.1999.1; Hans-Joachim Arndt, Politische Theologie unter antäischem Vorzeichen, in: Staatsbriefe 1 (1990), H. 2, S. 39–40; Horst Lummert, Auflösung und Griechentum, in: Sleipnir. Zeitschrift für Kultur, Geschichte und Politik 1 (1995), H. 5, S. 36–39.
[11] Hans-Dietrich Sander, Brief an Armin Mohler, 2.1.1989, DLA, Nachlass A: Mohler, Armin, HS.1999.1.
[12] Salcia Landmann, „Die Auflösung aller Dinge“ aus jüdischer Sicht, in: Staatsbriefe 1 (1990), H. 3, S. 32–36.
[13] Eine Festschrift seines Herausgebers versammelt prominente Akteure der extremen Rechten, die Sander würdigen: Heiko Luge (Hg.), Grenzgänge. Liber amicorum für den nationalen Dissidenten Hans-Dietrich Sander zum 80. Geburtstag, Graz: Ares-Verlag, 2008; Martin Lichtmesz, Die Auflösung aller Dinge, in: Staatspolitisches Handbuch, 16.12.2016, https://wiki.staatspolitik.de/index.php?title=Die_Aufl%C3%B6sung_aller_Dinge (letzter Zugriff: 12.10.2024); Siegfried Gerlich, Der letzte Ghibelline. Über Werk und Wirken Hans-Dietrich Sanders, in: Sezession 15 (2017), H. 81, S. 4–9; Götz Kubitschek, Hans-Dietrich Sander – eine Ausschreibung, Sezession online, 25.1.2019, https://sezession.de/60080/hans-dietrich-sander-eine-ausschreibung60080 (letzter Zugriff: 12.10.2024). Auch in einer apologetischen Darstellung nimmt Sander einen prominenten Platz ein: Sebastian Maaß, Die Geschichte der Neuen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland, Kiel: Regin-Verlag, 2014, S. 106–132.
-
Rainer Erb, Staatsbriefe (1990–2001), in: Wolfgang Benz (Hg.), Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Bd. 6: Publikationen, Berlin: de Gruyter, 2013, S. 664–667.
-
Susanne Mantino, Die ‚Neue Rechte‘ in der ‚Grauzone‘ zwischen Rechtsextremismus und Konservatismus, Frankfurt a.M.: Peter Lang, 1992, S. 124–135.
-
Volker Weiss, Rolf Peter Sieferles „Finis Germania“. Der Antaios Verlag und der Antisemitismus, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 28 (2019), S. 123–146.
035 Sander Aufloesung
Inhalt
1. Aug’ in Aug’ 7
2. Das Judentum als Vorläufer der Moderne 20
3. Sinn des Sinnlosen 42
4. Ein Totentanz 54
5. Entortung und Umweltzerstörung 96
6. Der Streit um die Moderne 113
7. Monumentum aere perennius 147
8. Thesen zum Dritten Reich 161
9. Thesen zum Antisemitismus 169
10. Imitatio Ahasveri 178
[…]
8. Thesen zum Dritten Reich
Karl Löwith hat, ohne es zu wollen, in seinen autobiographischen Skizzen eine fabelhafte Ausgangsposition für eine Betrachtung des Dritten Reiches entworfen, die den hohen Ansprüchen der Historiographie vor ihrem Absturz in die Niederungen des Weltbürgerkrieges genügt hätte. Er schrieb über die deutsche und jüdische Intelligenz im Kreis um Stefan George: „Sie haben dem Nationalsozialismus Wege bereitet, die sie dann selbst nicht gingen. Aber wer von den radikaleren Menschen der im Kriege gereiften Generation hätte ihm nicht den Weg bereitet, nämlich durch die Anerkennung der Auflösung und die Kritik des Bestehenden, mit der auch die von Gundolf und Wolters herausgegebenen ‚Jahrbücher für die geistige Bewegung‘ schon vor dem Krieg eingesetzt hatten. In der Einleitung zum dritten Jahrgang (1912) hieß es: ‚Kein Mensch glaubt noch ehrlich an die Grundlagen des heutigen Weltzustandes. Diese schwarzseherischen Ahnungen und Witterungen sind noch das echteste Gefühl der Zeit, und diesem gegenüber nehmen sich alle Hoffnungen, die auf dem Nichts ein Etwas bauen wollen, schon verzweifelt aus.‘“[1] [161]
Das ist in keinem anderen Land so früh, so genau und so zusammenhängend gesehen worden. Daß die Dinge in Deutschland eine radikale Wendung nehmen würden, lag in der Luft. Bei der katastrophalen Auflösung des Bestehenden war das auch natürlich. Der Erwartungshorizont und die Aufbruchstimmung gründeten mehr in dieser allgemeinen Lage als in den besonderen Verhältnissen des nationalsozialistischen Experimentes. Jene Zustände spendeten diesem Versuch einen beträchtlichen Vertrauensvorschuß, der bis zum Kriegsende hielt; daß er nicht verbraucht worden war, verdankt sich indessen weniger einer germanischen Gefolgschaftstreue, von der man nicht sprechen kann, ohne sie auf die komplementäre Verratsbereitschaft zu beziehen, als der profund antideutschen Kriegsführung der Alliierten und ihrer Zielsetzung. Nach ihrem Siege setzten die Sieger ihre Sicht der Dinge durch, von der nichts wirklich erfaßt wird. Eine sachgerechte Einschätzung des Dritten Reiches ist allein auf der Höhe möglich, die von der Kritik der Moderne in Deutschland erreicht worden war. ln diesem Sinne soll mit den folgenden Thesen ein realgeschichtlicher Anfang gesetzt werden.
I
Das Dritte Reich war ein Versuch, die Krisen der Moderne mit richtigen und falschen Mitteln aufzuheben.
II
Eine Verwerfung des Ganzen wird weder der Geschichte [162] noch den Nachfolgeproblemen des Dritten Reiches gerecht. Sie wäre stichhaltig, wenn man die Fragen, die es heraufführten, besser gelöst hätte. Das war nicht der Fall.
III
Die Verwerfung ist eine Auflage, mit der die Sieger des Zweiten Weltkrieges ihre politischen und militärischen Positionen legitimieren. Sie wird von Denkverboten geschützt, die das unterworfene deutsche Volk an seiner Wiedererhebung hindern. In den drei Nachfolgestaaten des Reiches herrschen kollaborierende Systeme mit der Zuchtrute von Komplexen, deren Klärung moralisch diskreditiert und gesetzlich verboten ist.
IV
Der Triumph der Sieger war ein Triumph der alten Mächte des Liberalismus und des Sozialismus. Er löste keines der wesentlichen Probleme. Er verschärfte jedes. Vergleiche mit der Heiligen Allianz entzifferten die Weltordnung der Amerikaner und der Russen als eine Ära der Restauration.[2] Sie hat die Erde in wenigen Jahrzehnten in einen Augiasstall verwandelt. [163]
V
Das Dritte Reich ist als Experiment, Grundlagen für einen neuen Weltzustand zu legen, an sich selbst gescheitert. Auch sein Ende versiegelt der Satz Friedrich Ratzels: „Kein Volk ist durch Schläge von außen zertrümmert worden, wenn es nicht schon innen zerrissen und unterwühlt war.“[3] Es ist nicht an gegnerischer Übermacht gescheitert, wie die Deutschen glauben sollen, um den Mut für neue eigene Unternehmungen zu verlieren. Als Generaloberst Rendulic am 7. Mai 1945 in Steyr seine Heeresgruppe übergab, begrüßte ihn ein amerikanischer General mit dem Satz: „Wie konnten Sie diesen Krieg verlieren?“[4]
VI
Des Scheiterns erster Hauptgrund war: das Dritte Reich fußte auf einem Fundamentalismus als Bürgerkriegspartei. Seine Volksgemeinschaft schloß sozialdarwinistisch zu viele aus: Sozialisten, Aristokraten, konservative Offiziere, Kirchen, Vertreter der deutsch-jüdischen Symbiose, „entartete“ Künstler, Homosexuelle. Eingliederungsbereitschaft nützte wenig. Sympathisierende Warnungen nützten nichts.[5] Das Regime setzte sich propagandistisch unter Vollzugszwang: der verlängerte Bürgerkrieg heischte Blut, wenn es ernst genommen werden wollte. [164]
VII
Der zweite Hauptgrund war die NSDAP als Träger der politischen Einheit. Sie war und blieb eine unreife Bewegung, wie Carl Schmitt sie 1932 sah.[6] Im übrigen war sie mit allen Nachteilen der Organisationsform Partei behaftet: für Führungsauslese, Sachverstand, allgemeine Interessen. Edgar Jung forderte die NSDAP nach der Machtergreifung auf, abzutreten und den Weg für den Neubau des Reiches ohne Parteien freizumachen. Er büßte es mit dem Tod; die Partei dachte nicht daran, auf die Früchte des Sieges zu verzichten. Carl Schmitt, der noch nicht sah, was geschieht, wenn ein Teil sich für das Ganze setzt, widersprach und entwarf 1933 seine ohnmächtige Konstruktion „Staat, Volk, Bewegung“.
VIII
Der dritte Hauptgrund lag in der Person des Führers. Adolf Hitler verstand die deutsche Geschichte nach dem [165] antäis chen Gleichnis. Er war indessen nicht der Übermensch oder das Tier aus der Tiefe – wie Freund und Feind ihn sahen. Er war halbgenial. Er teilte dieses Schicksal mit Cromwell und Napoleon. Er löste viele Aufgaben vorbildlich. Ihrer Fülle war er nicht gewachsen. Er hätte den inneren Frieden herstellen müssen, wie das Cavour nach der Einigung Italiens tat, und im Krieg nicht als Unterdrücker auftreten dürfen, was den Sieg im Osten kostete. Cromwell, Napoleon und Hitler hätten aus der römischen Geschichte lernen können, wie man sich mit Besiegten verbündet. Aber es lag wohl nicht in ihrer Natur.[7] [166]
IX
Das Scheitern des Dritten Reiches entbindet uns nicht von der Aufgabe, mit Blick auf die Zukunft, von den destruktiven die produktiven Elemente und Faktoren zu scheiden, unter denen zuvörderst die wesentlichen Bestandteile und Wirkkräfte der Wirtschafts- und Sozialpolitik, der Raumordnung, der Naturpflege, der Volksgesundheit, des Jugendschutzes und der Wehrerziehung hervorzuheben wären. Nach dem Ende des Krieges ließen sich die Amerikaner von deutschen Militärs Aufzeichnungen anfertigen, um von der Wehrmacht und von der Waffen-SS zu lernen. Während seiner Präsidentschaft riet Richard Nixon der amerikanischen Wirtschaft, von der Kriegswirtschaft im Dritten Reich Krisenman[a]gement zu lernen. Für die unterworfenen Deutschen gilt: quod licet Jovi non licet bovi.
X
Die militärisch-ökonomischen Anleihen halfen den USA nicht. Die Elemente und Faktoren einer bestimmten politischen Einheit sind nicht ohne weiteres übertragbar. Die chaosträchtige Moderne kann nur von deutschem Boden aus aufgehoben werden, „über den die Statthalter der Sieger bis zum Schwachsinn murmeln, es dürfe von ihm nie wieder ein Krieg ausgehen. Hier ist der größte Fundus der Kritik am Weltzustand herangewachsen. Hier sind Erfahrungen mit einem Neubau gemacht worden, die besä gen: so kann man es machen – so kann man es nicht machen. Hier glimmt auch heute noch das empfindlichste Problembewußtsein. Das Dritte Reich ist als ein Stück deutscher Geschichte anzuerkennen und im Guten und [167] im Bösen als das authentische Kapitel des 20. Jahrhunderts abzuhandeln.[8]
Walter Benjamin hat in seiner Faschismuskritik zu diesen Dingen nichts zu sagen. Sie ging von seiner marxistischen Pertinenz aus, die zu dem verschlissenen Weltzustand gehörte. Sein Selbstmord schrieb dazu einen esoterischen Kommentar. Auch Benjamin zog, gänzlich unapoka lyptisch, zwischen dem Kreis um Stefan George und dem Dritten Reich eine Verbindung. So war in ihr weder das eine noch der andere wiederzuerkennen.[9] [168]
9. Thesen zum Antisemitismus
Nach 1945 galt der Antisemitismus als Sammelbezeichnung für judenfeindliche Bewegungen, Verhaltensweisen, Gefühle und Gedanken überhaupt – ohne Ansehen der Objekte. Den Deutschen wurde die Lesart einer sozialpathologischen Reaktion auf den Leib geschrieben, mit der sie eigene Minderwertigkeit kompensierten. Das Lexikon „Geschichtliche Grundbegriffe“ von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck (1972 ff.) weitete den Begriff zu einem Synonym für Protestbewegungen gegen die Ideen von 1789, die liberale Staats- und Gesellschaftsordnung und die kapitalistische Wirtschaft aus. Niemand regte sich über diese Definition auf, die nach der Art des Hexenhammers von jüdischen Ursachen des Antisemitismus absah und nach der Art der heiligen drei Affen die Augen vor dem Umstand verschloß, daß immer Juden die schärfsten Antisemiten waren.
Der Antisemitismus begleitete die ganze jüdische Geschichte. Er hatte in jedem Volk mit einer jüdischen Minderheit seine Zeit in verschiedenen Graden nach unterschiedlichen Prämissen.[10] Wer vor seiner ubiquitären Aus- [169] breitung die Juden freispricht, frevelt fahrlässig. Er macht sie zu Herren dieser Erde, die niemand schelten darf. Dieses Privileg verträgt kein Volk. So öffnet der gut gemeinte und schlecht gedachte Freispruch eine Büchse der Pandora, aus der nur neuer und noch radikalerer Antisemitismus entweichen kann. Die folgenden Thesen setzen sich im Stil einer Roßkur über alle Rücksichten hinweg.
I
Die Juden waren nur in der Sage ihre eigenen Herren. Seit sie die belegbare Geschichte nennt, lebten sie fremden Herren untertan – in der babylonischen Gefangenschaft, die des Alten Testamentes erste Texte gebar, unter den Persern, unter den Römern, die sie wieder zerstreuten: als ein Volk ohne Raum und Souveränität. Stark genug, nicht unterzugehen, blieben sie unfähig, sich zu einem Gemeinwesen dauerhaft zu binden.
II
Der modus vivendi war ein Unterwerfungsstatus. Die Überlebensprämissen waren imperiale Protektion und rabbinische Selbstkontrolle. Nach der Auflösung des Ghettos, nach Säkularisation und Emanzipation, übten die Juden Assimilation, die in der Regel Mimikry blieb, nicht zur Identitätsverschmelzung mit dem Protektionsvolk führte, sondern die Dissimilations-Chancen wahrte. Der jüdische Charakter schwankte quer durch die Zeiten und Räume zwischen Erniedrigung und Überhebung, zwischen Selbsthaß und Anmaßung. „Das Judentum ist das Böseste überhaupt“, schrieb Otto Weininger zerknirscht. Der Antisemitismus ist „die natürliche Folge des hohen Be- [170] wußtseins, das die Juden von ihrer religiösen Überlegenheit und Sendung gegenüber den Völkern haben“, erklärte auftrumpfend Jizchak Fritz Baer.[11]
III
In hohen Kulturen kam es zu Symbiosen, die den jüdischen Geist befruchteten. Das geschah musterhaft in der jüdisch-arabischen und der jüdisch-deutschen Symbiose. Ihr Funktionsmodus war, laut Franz Rosenzweig, aneignende Selbstbehauptung.
IV
Die Protektionen waren von begrenzter Dauer. Entweder kündigte die schützende Macht sie auf, wenn eine jüdische Minderheit zu groß und zu einflußreich wurde, oder die Juden, wenn das schützende Volk an Macht verlor. Die Motive lagen in widerstreitenden Interessen. „Die Herren, die unsere Sonne nicht wärmt und unser Regen nicht naßmacht“, apostrophierte Bismarck jüdische Reichstagsabgeordnete.[12]
V
Des Antisemitismus erster Hauptgrund war, daß die Juden unter den Völkern, so Theodor Mommsen, als ein „Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Dekomposition“ wirkten (Römische Geschichte, Band III, 5. Buch, Kap. 11). Selbst nicht verwurzelt, erhoben sie sich [171] über den Mangel und Makel, indem sie die Verwurzelung anderen Völkern verächtlich machten.
VI
Der zweite Hauptgrund war die Hybris, die ausbrach wenn Juden der Versuchung erliegen, mit wachsendem Einfluß das Protektionsvolk zu dominieren. Sie bilden dann eine potestas indirecta, nach Hobbes die einzige politische Unmoralität, weil eine solche Macht herrschen will, ohne Verantwortung zu übernehmen.
VII
Der dritte Hauptgrund war die archaische Vorstellung von Schuld und Sühne, mit der die Juden, wie wilde Stämme, die der Blutrache frönen, sich gegen die juridische Zivilisation stemmen. Während die christlichen Völker in der Schule der Versöhnung mit der Dialetik von Freund und Feind entscheidungsfrei wurden, erstarrten die Juden mit ihrer Rechnung Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut zu einer barbarischen Säule der Entzweiung. War Selbstprüfung angestrebtes christliches Ideal, pflegten die Juden ihre Selbstgerechtigkeit mit einem, jeden Rechtsfrieden brechenden, Ritus, der seinen Höhepunkt vor dem Purimsfest am Sabbat des Eingedenkens hat, wenn als einzige Pflichtlektüre des Jahres 5. Mose, 25, 17–19 stehend gehört wird. Der Text lautet in der Übersetzung von Buber und Rosenzweig: „Gedenke was dir Amalek antat auf dem Weg, auf eurer Fahrt nach Ägypten: der auf dem Weg über dich kam, den Schweif all der Lahmgewordenen hinter dir abschnitt, da du müde und matt warst, und Gott nicht fürchtete. So seis: wann Er dein Gott dir Ruhe gewährt vor all deinen Feinden umher im Land das Er dein Gott dir als [172] Eigentum gibt, es zu erwerben, wegwische das Gedenken Amaleks ringsunter dem Himmel, vergiß nicht!“
VIII
Überschwemmten die Folgen das erträgliche Maß, verschafften sich die Völker mit Vertreibungen und Massakern Luft. Alle Protektionen großen Stils, Assimilationen und Symbiosen, nahmen dieses Ende, das Schuldige und Unschuldige verschlang. Die Juden bedienten sich ihrerseits des Antisemitismus, wenn ihre Identität bröckelte. Vertreibungen und Massaker halten dann Verschmelzungen mit Protektionsvölkern auf. Manche judenfeindliche Bewegung erfreute sich jüdischer Absegnung, hatte jüdische Paten. So spielte das gefälschte Papier, das den Major Dreyfus belastete, dem Ankläger ein Jude zu. So beschäftigte der „Stürmer“ vor 1933 einen jüdischen Mitarbeiter. Die Nürnberger Gesetze gefielen orthodoxen Juden, weil sie der Erhaltung auch ihrer Rasse dienten, und die zunehmenden Schikanen den Zionisten, weil sie die Auswanderung nach Palästina begünstigten.
IX
Die Liquidierung der Juden im Zweiten Weltkrieg war weder einmalig noch unvergleichlich. Sie waren für die Deutschen ein Zwischenspiel von ungewohnter Grausamkeit, für die Juden ein grausiger Akt der Normalität ihrer Geschichte.[13]Die hohe Opferzahl war ein Signum des 20. [173] Jahrhunderts, das ein Ausrottungsjahrhundert war. Sein Instrumentarium ließ selbst reguläre Kriege entarten. In Zeiten fieberhafter Vermehrung fallen offensichtlich Hemmungen für Massenausrottungen. Eine Jahrhundertsignatur war ebenso die Vulgarität der Kampagnen. Unter dieses Zeichen gehören aber auch die Diffamierungen der Deutschen seit dem Ersten Weltkrieg. Auch Vulgarität gehört zum Aufstand der Massen. Der Antisemitismus des Dritten Reiches war im übrigen, so sehr er dessen Untergang beschleunigte, in der Totalität der Aufgaben und Herausforderungen dieses Gemeinwesens, eine hermetische Randfrage. Die Eskalation durch jene hundert Personen, die, laut SS-Gruppenführer Ohlendorf in Nürnberg, mit der Judenvernichtung befaßt waren, hätte sonst nicht bis [174] zum Zusammenbruch geheimgehalten werden können. Das deutsche Volk sollte rein, allerdings auch unwissend bleiben, weil Hitler eine Empörung fürchtete.
X
1948 konstituierten die Juden in Palästina einen staatlichen Raum – gegen seine Bewohner, die sich nicht geschlagen geben. Daß Gott den Juden dieses Land unter Gewährung der Ruhe vor all ihren Feinden zum Eigentum gab, haben sie nicht zu sagen gewagt. Es hat den Anschein, als fürchten sie noch die Worte ihrer alten Propheten, die bestritten, daß sie die Herren des Landes seien.[14] Es steht nach vierzig Jahren schlecht um Israel. Der Gemeinsinn fehlt. Die Kriege, die es zusammenschmiedeten, sind vorbei. Statt mit erarbeiteten Pfunden zu wuchern, verschwendet es hereinströmendes Kapital. Es wird vom Orient überwuchert, von Juden zweifelhafter Abkunft. Ringsunter seinem Himmel lauern Amalekiter. Fällt Israel, schließt sich ein weltgeschichtlicher Kreis.
*
Die Judenfrage hat unter den christlichen Völkern eine theologische Dimension, die sich Verstandeskräften entzieht. Sie reicht von dem furchtbaren Spruch des Apostels Paulus, der im frühesten Stück des Neuen Testamentes, 1. Thessalonicherbrief, 2, 15, seinem Volk nachrief, daß es al- [175] len Menschen zuwider sei und Gott nicht gefalle, weil es nicht nur Jesus, sondern auch eigene Propheten tötete, bis hin zu Pascal, der in der geschichtlichen Existenz der Juden einen wunderbaren Beweis für die Wahrheit der christlichen Religion erblickte. Die theologische Dimension hat eine historische Pointe: das Christentum entstand in einer Zeit, als eine Symbiose, die Symbiose zwischen dem Judentum und der griechisch-römischen Antike zerfiel. Es hatte mit diesen Dingen zu tun, wenn Walter Benjamin schrieb, daß die Debatte mit Bachofen und Klages „gänzlich stringent nur aus der jüdischen Theologie zu fuhren ist, in welcher Gegend denn also diese bedeutenden Forscher nicht umsonst den Erbfeind wittern.“
Die Entstehung des Judentums scheint indessen eine mythologische Pointe zu haben, die sich aus einer psychoanalytischen Reduktion ergibt. Wir sehen das Alte Testament numerisch bemüht, eine Verortung des Judentums durch Geschlechterfolgen von Platz zu Platz nachzuweisen. Wo aber war der ureigene Ort? In Kanaan, in der Wüste, in Ägypten, in Mesopotamien, wo andere Völker herrschten? Und vorher? Die Angaben sind verwirrend. Verwirrend ist auch der Bericht der Genesis über die Vertreibung der Menschen aus dem Paradies. Gott, der sie zu Herren der Erde einsetzte und ihnen, den Pflanzen und [176] Tieren gleich, gebot: seid fruchtbar und mehret euch, soll Adam und Eva aus dem Garten Eden verjagt haben, weil sie ihren Verstand gebrauchen wollten und ihre Geschlechtlichkeit erkannten? Das ergibt keinen Sinn. Nähert man sich dem Bericht von den Greueln aus, die die Juden später gegen das Gebot oder auf Geheiß ihres Gottes begingen, müßte ein Erzgreuel die Verstoßung ausgelöst haben. War der Bericht eine universalgeschichtliche Projektion der ersten Judenvertreibung? Es ist oft bemerkt worden, daß die Topographie des Gartens Eden auf Mesopotamien deutet. Der Sündenfall wäre dann eine Verdrängung der Ursache, die so schrecklich gewesen sein mußte, daß aus Überlebensgründen das kollektive Gedächtnis der Juden sie – um den Preis apokalyptischer Hysterien – tilgte. [177]
[…]
[1] K. Löwith, Mein Leben in Deutschland…, aaO, 24 ff. Löwith verfaßte diesen autobiographischen Abriß für ein Preisausschreiben der Harvard University vor seiner Übersiedelung nach Amerika in Japan. Er machte sich offensichtlich übertriebene Vorstellungen von seiner künftigen Tätigkeit. Als ich ihn später nach seinen schlimmsten Erfahrungen im Exil fragte, antwortete er mir: „Amerikanische Studenten in Philosophie zu unterrichten.“
[2] Allen voran ein avancierter Konstrukteur und Exekutor amerikanischer Außenpolitik: Henry Kissinger, der die Forschungsergebnisse seines Werkes „A World Restored“ (Das Gleichgewicht der Großmächte – Metternich, Castlereagh und die Neuordnung Europas, 1812–1822), wie man in seinen späteren Memoiren der Jahre 1968–1973, 1973–1974, nachlesen kann, in übertragendem Sinne anwandte. Wie weit der Triumph der alten Mächte nach 1945 ging, zeigt, daß selbst der Bundeswehrgeneral Franz Uhle-Wettler in seiner Rehabilitierung des deutschen Soldatentums „Höhe und Wendepunkte deutscher Militärgeschichte[“], Mainz 1984, bei der Erörterung der Befreiungskriege und des Wiener Kongresses, den sanktionierenden Vergleich übernahm.
[3] F. Ratzel, Erdenmacht und Völkerschicksal, aaO, 266
[4] L. Rendulic, Soldat in stürzenden Reichen, München 1965, 410
[5] Zu einem Versuch, den Kirchenkampf zu verhindern, vgl. Sven Hedin, Ohne Auftrag in Berlin, Tübingen 1949. Der Antiklerikalismus bereitete die Entnationalisierung der Kirchen nach 1945 vor, der Sozialdarwinismus die westdeutsche Ellbogengesellschaft. Zur Lage der national-deutschen Juden vgl. E. Goldmann, Zwischen zwei Völkern, aaO, passim.
[6] C. Schmitt, Der Mißbrauch der Legalität, in: Tägliche Rundschau, 19.7.1932. Es handelte sich bei diesem Text in dem, General v. Schleicher nahestehenden, Blatt um einen Vorabdruck aus „Legalität und Legitimität“, aaO, der mit der redaktionellen „Nutzanwendung“ verknüpft war: „Wer den Nationalsozialisten am 31. Juli die Mehrheit verschafft, obwohl er kein Nationalsozialist ist und in dieser Partei nur das kleinere Übel sieht, der handelt töricht. Er gibt dieser weltanschaulich und politisch noch gar nicht reifen Bewegung die Möglichkeit, die Verfassung zu ändern, das Staatskirchentum einzuführen, die Gewerkschaften aufzulösen usw. Er liefert Deutschland dieser Gruppe völlig aus. Deshalb: es war bisher unter Umständen gut, die Widerstandsbewegung Hitlers zu fördern, am 31. Juli ist es überaus gefährlich, weil die 51 Prozent der NSDAP eine ‚politische Prämie‘ von unabsehbarer Tragweite geben.“ Zum Einfluß der unreifen NS-Bewegung auf die Offiziersausbildung der Waffen-SS vgl. R. Schulze-Kossens, Militärischer Führernachwuchs der Waffen-SS – Die Junkerschulen, 2. Aufl., Osnabrück 1987.
[7] Zu Hitlers antäischem Deutschlandbild vgl.: Ein anderer Hitler – Bericht seines Architekten Hermann Giesler – Erlebnisse, Gespräche, Reflexionen. Mit einem, den Quellenwert messenden Vorbericht von H.-J. Kausch, Leoni 1977, 374 f. Einen Übermenschen in Nietzscheschem Sinne nannte Hans Frank Hitler noch am 15. Oktober 1944 auf der Burg zu Krakau in seiner Rede zu Nietzsches 100. Geburtstag (Friedrich Nietzsche – Eine Gedenkrede, Gesellschaft der Wissenschaften des Generalgouvernements, Schriftenreihe 1944, 4. Folge, Burgverlag Krakau). Über Hitler als das „Tier aus der Tiefe“ vgl. Jakob Taubes (Hrg.), Der Fürst dieser Welt – Carl Schmitt und die Folgen. Religionstheorie und Politische Theologie, Bd. 1, München/Paderborn 1983, Vorwort. Die faszinierenden Züge und positiven Anlagen Hitlers hat. H. Giesler, oben, überzeugend dargelegt. Die genaue Komplementärfarbe hat Hans Domizlaff im Anhang seines „Breviers für Könige“, Hamburg 1958, wiedergegeben, deren Bedeutung darin liegt, daß der 1942 abgeschlossene Text den Untergang Hitlers in den Modalitäten präzis vorausgesagt hat. Herbert Cysarz war der Meinung, Hitler wäre als ein strahlender Heros in die Geschichte eingegangen, wenn ihn vor Kriegsausbruch ein todbringendes Attentat ereilt hätte. Der Vergleich mit Napoleon und Cromwell ist hier noch dadurch zu ergänzen, daß Hitler, wie diese, als Emporgekommener bessere Ratschläge, die ihm vor vielen Fehlentscheidungen zuteil wurden, in der uneingestandenen Furcht verwarf, Kräfte zu ermuntern, über ihn hinwegzuschreiten – wie er über andere hinweggeschritten war. – Zu diesem Punkt erhellend ist auch der Satz, den mir einmal H. Taege über Hitler sagte: „Der Autodidakt ist immer der beste seiner Klasse.“
[8] Die Fußnote 6, Kap. V erhellt, daß dies nicht nach dem „Mythos des 20. Jahrhunderts“ geschehen kann. Ad personam Rosenberg: nach der Lektüre seiner Nürnberger Aufzeichnungen (Großdeutschland – Traum und Tragödie – Rosenbergs Kritik am Hitlerismus, Selbstverlag H. Härtle, München 1970) sagte mir Hans Lipinsky-Gottersdorf: „Ich gebe zu, ich habe ihn bisher falsch eingeschätzt. Er war ein redlicher Mann. Der Gehängte hatte Züge von einem Engel. Aber, was für ein mittelmäßiges Gesicht!“ – Wie gestört das Geschichtsbewußtsein der Größen des Dritten Reiches gewesen ist, zeigt, daß sich Heinrich Himmler für eine Reinkarnation Heinrich I. halten konnte, der, wie es neuerdings H. Diwald (Heinrich der Erste – Die Gründung des Deutschen Reiches, Bergisch Gladbach 1987, 225 ff.) darlegte, die deutschen Stämme ohne Gewaltanwendung nach innen zur Einheit gebracht hatte.
[9] So jedenfalls liegt hier, wie Scholem, Fußnote 23, Kap. V, meinte, der Hund des dritten Reiches nicht begraben.
[10] Am 10. März 1988 erklärte in Wien auf einer Kundgebung vor dem Rathaus zum 50. Jahrestag des österreichischen Anschlusses an das Deutsche Reich der bekannte Arzt und Psychologe Viktor Frankl: „Ich wage die Behauptung, daß jedes Volk holocaustfähig ist“ („Die Welt“, 12.3.1988“).
[11] Q. Weininger, Letzte Aphorismen. Vollständige Wiedergabe in: Über die letzten Dinge, München 1980, 190; J.F. Baer, Galut, aaO, 6
[12] zit. nach M. Stürmer, Bismarck – Die Grenzen der Politik, München 1987, 88
[13] Sollten die Juden in New York bei dieser Stelle, wie Yehudi Menuhin sagen würde, aufheulen, sind sie vorab zu fragen, ob sie sich jahrzehntelang ebenso über die Progrome aufgeregt haben, denen in Polen nach Ausschwitz und nach der Befreiung, wie jüdische Flüchtlinge schätzten, um eine Million polnischer Juden zum Opfer fielen (vgl. E. Möllenhoff, Arzt hinter Stacheldraht, Lindhorst 1984, 112). Diese Vertreibungen und Massaker sind kaum je bekannt geworden. Nahm man sie bei den Polen als normal hin? War es der Grund, daß von den Polen weniger Vergütung zu erwarten gewesen wäre als von den gutherzigen Deutschen? Seit Januar 1987 wird in Polen über den Antisemitismus nach der Befreiung offen diskutiert, ohne daß freilich bisher Opferzahlen genannt wurden; hierzu: die Dokumentation in „Osteuropa“, 9/1987, A 499–506. Nach der Niederschrift dieser Thesen las ich im übrigen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27.11.1987, daß der britische Oberrabbiner Sir Immanuel Jacobovits in einem Vortrag auf einer Veranstaltung des Ordens Bnai Brith in Jerusalem erklärte, der Holocaust werde von den meisten führenden jüdischen Gelehrten im Vergleich zu den früheren nationalen Katastrophen des jüdischen Volkes als nicht wesentlich verschieden betrachtet. Er kritisierte dabei, daß es heute für den Holocaust einen „ganzen Industriezweig mit großen Profiten für Autoren, Forscher, Museenplaner und Politiker“ gebe. Die Überlebenden sollten den Holocaust, so Sir Immanuel, als „Teil des Kreislaufs der entsetzlichen Katastrophen der jüdischen Geschichte begreifen, denen jeweils eine Wiederbelebung folgt.“
[14] J. Taubes, Abendländische Eschatologie, aaO, 17: ähnlich auch F. Rosenzweig, Stern der Erlösung, Heidelberg 1954, III, 50 ff., der das Judentum im Ganzen positiver faßte. – Die politische Theologie des Islam bestreitet den Juden nach zweimaliger Vertreibung und Zerstörung des Tempels das Recht auf Jerusalem. ln der Nutzanwendung schwankt sie von der extremen Forderung nach „Entschmutzung des heiligen Jerusalems“ (Die Welt, 9.10.1980) bis zu der weltgeschichtlichen Betrachtung, im Staate Israel, analog den Kreuzfahrerstaaten, ein „vorübergehendes Phänomen“ (Süddeutsche Zeitung, 24.12.1987) zu sehen. „Wenn der Zionismus alle Juden nach Palästina führte, so würde es nach zweihundert Jahren keine Juden mehr geben“, schrieb F. Rosenzweig am 18.12.1917 an seine Eltern, Briefe, aaO, schon zu Beginn der Rekolonisierung.
Hans-Dietrich Sander, Die Auflösung aller Dinge. Zur geschichtlichen Lage des Judentums in den Metamorphosen der Moderne, München: Castel del Monte [Eigenverlag], 1988, Auszug S. 161–177.