Zitationsempfehlung
Henrike Voigtländer, Vom „Führer von Berlin“ zum Medienstar: Ingo Hasselbachs Die Abrechnung, in: Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000. Eine kommentierte Online-Quellensammlung, 28.11.2025,https://radikale-rechte.de/comment/031-voigtlaender-hasselbach, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2990.
Vom „Führer von Berlin“ zum Medienstar:
Ingo Hasselbachs Die Abrechnung
Chronologie
Erscheinungsdatum
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Das Buch Die Abrechnung. Ein Neonazi steigt aus von Ingo Hasselbach erschien 1993 im Berliner Aufbau-Verlag, wenige Monate nach dessen Ausstieg, den er in den Medien bekannt gegeben hatte. Die Publikation, die mit Fotos, Dokumenten und einer Chronologie über Hasselbachs Leben versehen ist, verfasste Hasselbach gemeinsam mit dem Drehbuchautor, Dokumentarfilmer und Regisseur Winfried Bonengel. Das Buch beginnt und endet jeweils mit einem Brief an den biologischen Vater des Verfassers, den kommunistischen Journalisten Hans Canjé, zu dem er zum Zeitpunkt der Publikation keinen Kontakt unterhielt. Zusammen mit seinem Co-Autor schildert der 1967 in Berlin-Weißensee geborene Hasselbach auf 160 Seiten in Kürze Kindheit und familiäre Situation, seine frühen Erfahrungen als Punk in der DDR (S. 15–19), wie er auf einem „Freundschaftsfest zu Ehren der sowjetischen Streitkräfte“ lautstark „Die Mauer muss weg!“ verkündete (S. 22) und ihn das ins Gefängnis brachte sowie die Erlebnisse während des knapp einjährigen Freiheitsentzugs. Die in den DDR-Strafvollzugseinrichtungen in Rummelsburg, Bitterfeld und Rüdersdorf verbrachte Zeit ebnete laut Hasselbach seinen Einstieg in die Neonaziszene. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt indes auf den frühen 1990er-Jahren, in denen Hasselbach mit Mitstreitern aus der Szene die extrem rechte Kleinstpartei Nationale Alternative gründete, ein Wohnhaus in der Weitlingstraße 122 in Berlin-Lichtenberg als „Parteizentrale“ etablierte, Kontakte zu Nazis aus Westdeutschland und Österreich knüpfte und nicht zuletzt massive Gewalt ausübte, die sich gegen links(-autonome) Gruppen oder als alternativ wahrgenommene und als „Ausländer“ markierte Menschen richtete. Das Buch endet mit der Schilderung, wie Hasselbach im Rahmen der Dreharbeiten des von Bonengel produzierten Dokumentarfilms über Neonazis im Osten Deutschlands Distanz zur Szene gewann und schließlich ausstieg. Die nicht konsequent chronologische Erzählung wird immer wieder von kurzen Kapiteln zu „Kameraden“ wie etwa Frank Lutz oder Mike Prötzke sowie zu prominenteren Protagonisten der extremen Rechten wie Michael Kühnen oder Gottfried Küssel unterbrochen.
Das Buch geht auf die Vorbereitungen und Dreharbeiten zu Bonengels Dokumentarfilm über die Naziszene in Ostdeutschland zurück. Bonengel und Hasselbach hatten sich im Herbst 1991 kennengelernt, als der Filmemacher, der zu dieser Zeit in Paris lebte, in Berlin auf Recherchereise war. Herrschte in der Naziszene allgemein Skepsis und Ablehnung gegenüber Journalist*innen, schien Hasselbach die mediale Aufmerksamkeit zu begrüßen und ließ sich Interviews vergüten. Bonengel und sein Kamerateam begleiteten Hasselbach eine Zeit lang. Hasselbach gibt an, der Kontakt zu Bonengel und seinem Team habe für ihn eine entscheidende Rolle dabei gespielt, sich von der Neonaziszene abzuwenden. Im Dezember 1992 wurde Bonengels Film Wir sind wieder da ausgestrahlt.[1]
Eine Quelle wofür?
Die Abrechnung war ein Anfang bzw. vielmehr die Fortsetzung von Hasselbachs Medienkarriere, die spätestens mit seinem Auftritt als „Führer“ oder „Gauleiter von Berlin“ in Bonengels Dokumentarfilm begonnen hatte und der schon zeitgenössisch mit Skepsis begegnet wurde[2]: Nicht nur hatte sich das Buch bis Mitte der 1990er-Jahre knapp 50.000 mal verkauft (2005 erschien die 5. Auflage),[3] mit dem US-amerikanischen Historiker und Journalisten Tom Reiss veröffentlichte Hasselbach 1996 sogar eine englische Version beim Verlag Random House.[4] Diese Veröffentlichung wurde wiederum öffentlichkeitswirksam beworben, inklusive eines mehrseitigen Exzerptes im Magazin The New Yorker samt Foto des Starfotografen Helmut Newton. Im gleichen Jahr veröffentlichte Hasselbach mit Die Bedrohung – Mein Leben nach dem Ausstieg aus der rechten Terrorszene eine weitere Publikation über seine Vergangenheit in der Naziszene und die Folgen seines Austritts.[5] 2001 folgte mit Lost Sons ein Dokumentarfilm des schwedischen Regisseurs Fredrik von Krusenstjerna, der der Beziehung zwischen Hasselbach und seinem Vater Canjé nachspürte, ein Jahr später mit Führer Ex ein von Hasselbach begleiteter Spielfilm, der sich an dessen Biografie orientierte. Eine Folge des Buches bzw. seiner Rezeption war also eine starke Fokussierung der Öffentlichkeit auf die Person Hasselbachs, dessen tatsächliche Bedeutung die Forschung allerdings anhand von anderen Quellen noch näher zu untersuchen hat: Welche Rolle nahm Hasselbach – und mit ihm die Nationale Alternative – innerhalb der Neonaziszene in Berlin(-Lichtenberg), Ostdeutschland und der vereinigten Bundesrepublik ein?
Dennoch ist Die Abrechnung von Hasselbach und Bonengel insofern ein Zeitdokument zur Geschichte der extremen Rechten nach 1945, als es das diskursive Framing von jungen organisierten Rechten (in Ostdeutschland) in den 1990er-Jahren in der Bundesrepublik zeigt. Hasselbachs Buch ist ein Beispiel dafür, wie Pädagog*innen und Teile der Wissenschaft oder Medien jungen Neonazis mit Empathie begegneten, deren Werdegang oftmals mit einer fehlenden oder autoritären Vaterfigur in engen Zusammenhang brachten oder als Folge eines sozialen Abstiegs (v)erklärten (Deprivationsthese) und die eigentlichen Opfer marginalisierten.[6]
Die Abrechnung als „Aussteigerbuch“
Das Buch bzw. der „Bericht“ (S. 156), wie es heißt, um dem Geschilderten Authentizität zu verleihen, ist gleichermaßen Teil eines Genres von Erzählungen von Aussteigern aus extrem rechten Szenen. Etwa zehn Jahre zuvor erschien in der Bundesrepublik, medial deutlich geringer wahrgenommen, eine Erzählung des Jugendlichen Gerald Wagener, der über seinen Ein- und Ausstieg in bzw. aus der Neonaziszene „berichtete“ und dabei seine politische Einstellung wie die seiner „Kameraden“ verharmloste.[7] Weitere „Aussteigerbücher“[8] folgten bis in die Gegenwart hinein. Irritierend, aber auch typisch für dieses „Genre“, ist der Opferduktus, der sich durch Die Abrechnung zieht. Das Buch beginnt als Geschichte eines Sohns, den sein biologischer Vater vernachlässigte; es geht weiter mit der Erzählung vom jungen Abweichler, der in der SED-Diktatur für sein deviantes Verhalten kriminalisiert wurde; schließlich endet es in der Schilderung eines ehemaligen Nazis, der aufgrund seines Verhaltens die Feindschaft einstiger Mitstreiter fürchtet. Diese Opfererzählung bricht auch nicht, wenn Hasselbach sich nach der Veröffentlichung des Buches selbst als eine Person darstellt, die durch den US-amerikanischen Medienrummel gejagt worden sei.[9] Schließlich scheint sie sich mitunter in der jüngeren Vergangenheit zu wiederholen, wenn Hasselbachs Weg in die Neonaziszene als (logische) Folge seiner Erfahrungen mit dem DDR-Staats- und Parteiapparat und dessen Sicherheitsorganen gezeichnet wird, zugleich aber die Rollen Hasselbachs und seiner Mitstreiter als Täter sowie die Folgen für die Opfer verblassen.[10]
[1] Zu Wir sind wieder da vgl. Angelika Nguyen, Der Fall Ingo H., der Freitag, 6.12.2002, https://www.freitag.de/autoren/angelika-nguyen/der-fall-ingo-h (letzter Zugriff: 3.6.2022). Zeitgleich zu Wir sind wieder da arbeitete Bonengel am Dokumentationsfilm Beruf Neonazi über den Neonazi Bela Ewald Althans, der – anders als Wir sind wieder da – große Debatten auslöste, da dem Regisseur vorgeworfen wurde, mit diesem Film „Propaganda für Neonazis“ zu machen: N.N., Riesiges Gelächter. Ein neuer Kinofilm macht Propaganda für Neonazis. Vier Bundesländer haben ihn finanziert, Der Spiegel, Nr. 46, 14.11.1993, S. 108f., https://www.spiegel.de/politik/riesiges-gelaechter-a-30d00a4a-0002-0001-0000-000013681720 (letzter Zugriff: 3.6.2022). Siehe hierzu ausführlich: David Bathrick, Anti-Neonazism as Cinematic Practice: Bonengel‘s Beruf Neonazi, in: New German Critique 67 (1996), S. 133–146.
[2] Mariam Niroumand, Ingo Hasselbach macht Karriere: Sexy Nazis, Die Tageszeitung, 10.2.1996, S. 10, https://taz.de/Sexy-Nazis/!1472093/ (letzter Zugriff: 3.6.2022); N.N., Krull der Rechten. Ein Neonazi-Aussteiger macht in den Vereinigten Staaten eine bemerkenswerte Medienkarriere, Der Spiegel, Nr. 23, 2.6.1996, https://www.spiegel.de/politik/krull-der-rechten-a-050ffd47-0002-0001-0000-000008931393 (letzter Zugriff: 3.6.2022); Tina Mendelsohn, Vermarktet. Ingo Hasselbach in Amerika, Klartext, Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg, 6.2.1996.
[3] N.N., Krull der Rechten.
[4] Ingo Hasselbach/Tom Reiss, Führer-ex. Memoirs of a Former Neo-Nazi, New York: Random House, 1996.
[5] Auch erschien 1994 vom Journalisten Burkhard Schröder ein Buch, das Hasselbachs „Abrechnung“ stark ähnelt, aber etwas stringenter geordnet ist: Burkhard Schröder, Ich war ein Neonazi. Reportage über den Aussteiger Ingo Haßelbach, Ravensburg: Ravensburger Buchverlag, 1994.
[6] Siehe zu diesem Muster ausführlich Carsta Langner/Julia Stegmann, Stau. Eine zeitgenössische Dokumentation über die Baseballschlägerjahre, in: Zeitgeschichte-online, 21.5.2021, https://zeitgeschichte-online.de/film/stau(letzter Zugriff: 10.6.2022).
[7] Gerald Wagener, „Ich heiße Gerald Wagener …“, München: DKV-Verlag, 1981.
[8] So zeichnete ZEIT-online die Publikation von Heidi Benneckenstein als „eines der besten Aussteigerbücher“ aus, vgl. das Buchcover: Heidi Benneckenstein, Ein deutsches Mädchen: Mein Leben in einer Neonazi-Familie, Stuttgart: Tropen, 2017. Selten scheint hier die Problematik reflektiert zu werden, dass ein „Ausstieg“ immer in eine Gesellschaft erfolgt, in der – in der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“ – Rassismus und Antisemitismus vorhanden und salonfähhig sind, vgl. Birgit Rommelspacher, „Der Hass hat uns geeint“. Junge Rechtsextreme und ihr Ausstieg aus der Szene, Frankfurt a.M./New York: Campus, 2006, S. 169f., und Ruben Gerczikow/Monty Ott, Gefeierte Neonazi-Aussteiger, vergessene Opfer, in: Volksverpetzer, Mai 2023, https://www.volksverpetzer.de/analyse/nazi-aussteiger-befremdliche-vermarktung (letzter Zugriff: 6.5.2023).
[9] N.N., Krull der Rechten.
[10] So auch eine Kritik aus dem Publikum anlässlich einer Podiumsveranstaltung mit Ingo Hasselbach im Mai 2018: Annika Glunz, Verleugnen, verschweigen, verstärken, Die Tageszeitung, 28.5.2018, https://taz.de/Nazi-Aussteiger-Ingo-Hasselbach/!5505793/ (letzter Zugriff: 3.6.2022).
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William Little, Leaving a Life of Political Violence: A Neo-Nazi Steigt Aus, in: New German Critique 39 (2012), H. 115, S. 139–167.
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Birgit Rommelspacher, „Der Hass hat uns geeint“. Junge Rechtsextreme und ihr Ausstieg aus der Szene, Frankfurt a.M./New York: Campus, 2006.
031 Hasselbach Abrechnung
[...]
Ich wohne jetzt wieder am Prenzlauer Berg, wo ich zuletzt vor sechzehn Jahren gelebt habe. Hier, in der Anonymität dieses tolerantesten aller Berliner Stadtbezirke fühle ich mich einigermaßen sicher.
Nach meinem unwiderruflichen Ausstieg aus der Neonaziszene erhielt ich Morddrohungen von verschiedenen Leuten, solche, die ich sehr ernst nehmen muß, aber auch solche, die mich eher amüsieren, zum Beispiel, wenn ein mir gut bekannter Hooligan in aller Öffentlichkeit damit prahlt, mich „killen“ zu wollen. Innerhalb der rechten Szene in Berlin gibt es allerdings gewaltbereite Gruppen, denen ich alles zutraue.
Deshalb habe ich mein Leben von Grund auf ändern müssen. Ich kann heute nicht mehr nach Berlin-Lichtenberg fahren, wo ich fast mein ganzes bisheriges Leben verbrachte. Meine Geschwister und meine ganze Familie leben in diesem Stadtteil von Ostberlin, und sie sind jetzt gefährdet.
Es fiel mir leichter, aufzuschreiben, was ich erlebt habe, wenn ich dabei an einen konkreten Menschen dachte. Dieser Mensch konnte nur mein leiblicher Vater sein. Und so ist das Ganze ein langer Brief an ihn geworden. [9]
[…]
„Die Mauer muß weg“ – ein Jahr Knast
Eines Nachmittags beschlossen Freddy und ich, mit einigen anderen Leuten auf das Freundschaftsfest zu Ehren der sowjetischen Streitkräfte in die Lichtenberger Parkaue zu gehen. Wir tranken ziemlich viel und begannen, die Polizei zu provozieren. Unter den Polizisten, die hier anwesend waren, sahen wir auch Oberleutnant Schuchard, unseren Stammbullen, der uns schon oft vernommen hatte. Er kam auf uns zu und sagte: „Ich will euch heute hier nicht mehr sehen.“ – Zwei Stunden später saß ich in Handschellen vor ihm. Ich hatte mehrmals laut in die Menge geschrien: „Die Mauer muß weg!“ Ein Streifenpolizist hatte uns in einen Keller des Polizeigewahrsams in der Keibelstraße gebracht. Zuerst wurde Freddy vernommen, und ich mußte zwölf Stunden warten, bis er endlich wieder zurückkam. Dann wurde ich zur Vernehmung geholt.
Ein ungefähr fünfzigjähriger Mann in einem zu knappen Anzug wartete in einem verrauchten Kellerraum auf mich. Der Mann saß vor einem riesigen Honeckerbild. Am Revers seines altmodischen Anzugs trug er das SED-Parteiabzeichen. Dieser Vernehmer empfing mich mit den Worten: „Veranstalten Sie bloß nicht so einen Zirkus, sonst platzt hier der Mond!“
Da mußte ich erst einmal grinsen, weil ich wußte, daß Freddy ihn total gestreßt hatte. Manchmal hatte ich selbst Probleme, Freddy, obwohl er mein Freund war, zwölf Stunden hintereinander zu ertragen. Ich sagte: „Ohne Dampf kein Kampf.“ Da schmiß mir der Vernehmer seine Dienstzigaretten auf den Tisch. Er sah mich vollkommen ernst an: „Da haben Sie sich ja ein schönes Ding eingebrockt. Haben Sie sich schon einmal überlegt, daß Sie Ihre Familie in den Abgrund stürzen? Wie soll das mit Ihnen bloß weitergehen?“ Er blätterte in meiner Strafakte, „Da wird einem ja schlecht, wo soll das bloß noch hinführen mit [22] Ihnen? Für Typen wie euch haben wir uns unser Leben lang den Arsch aufgerissen. Und nun das. Wenn ich den Meisel nur sehe, wird mir schon schlecht.“
„Was soll das, für diesen Vortrag habe ich jetzt zwölf Stunden hier rumgesessen?“ Ich sah ihn an.
„Glauben Sie, ich warte hier mit Rosen auf Sie?“ brüllte er zurück. Er stand auf, drehte sich zur Tür und sagte im Hinausgehen: „Sie werden die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen. Gott sei Dank haben wir Mittel und Wege gegen Menschen wie Sie.“ Ich grinste ihn an, und er brüllte: „Abführen!“
Frieder Meisel und ich wurden angeklagt und erhielten jeder eine Gefängnisstrafe von einem Jahr.
Unser Anwalt hatte eine zehnmonatige Haftstrafe beantragt. Freddy ist daraufhin völlig ausgeflippt. Er beschimpfte den Anwalt. Auch ich geriet in Wut und brüllte den Anwalt an, wofür er denn eigentlich bezahlt werde.
„Seien Sie doch ruhig. Sie machen doch alles nur schlimmer.“ Meine Mutter saß im Zuschauerraum. Nach der Urteilsverkündung heulte sie los. [23]
[…]
Mike Prötzke, genannt „Göring“
Ich ging nach meiner Scheidung jeden Abend in die Lichtenberger Gaststätte FAS. Die meisten Ostberliner Skinheads gingen dort ein und aus, und ich lernte viele jener Leute kennen, die zur rechten Szene zählten. Einer von ihnen war der damals siebzehnjährige Mike Prötzke, den seine Freunde Göring nannten, so fett und aufgeschwemmt war er. Göring war trotz seiner Jugend be- [40] reits ein überzeugter Nationalsozialist. Ich erinnere mich seines Kommentars, als die Mauer gefallen war: „Wir sollten versuchen, in der DDR den Nationalsozialismus zu etablieren, die Bundesrepublik kann man getrost an die Juden verschenken.“ Göring wurde ein richtiger neuer Freund. Er bot mir an, bei ihm und seiner Mutter zu wohnen. Da ich nach meiner Scheidung keine Bleibe mehr hatte, nahm ich Görings Angebot dankbar an. Görings Eltern hatten sich frühzeitig getrennt, Mike wuchs als verwöhntes Einzelkind bei seiner Mutter auf. Genau wie ich war er zunächst Punk, dann Skin, ehe er zum überzeugten Neonazi wurde. Sein Großvater hat in der SS oder in der Wehrmacht eine bedeutende Rolle gespielt, er galt für Mike immer als Vorbild. Schon in der Schule fiel Mike durch seine positive Einstellung zum Nationalsozialismus auf. Er wurde deswegen bei „Fahnenappellen“ immer wieder gerügt oder mit einem Tadel bestraft. 1988 wurde er erstmals wegen öffentlicher Herabwürdigung verurteilt. Er hatte eine Postkarte verschickt, auf der als Absender stand: „Reichshauptstadt Berlin“. Der Urteilsspruch lautete: Ein Jahr Bewährung, auf zehn Monate angedroht.
Nach einigen Monaten intensiver ideologischer Aufbauarbeit gründete ich zusammen mit ihm die „Bewegung 30. Januar“. Die Kameradschaft hatte sieben Mitglieder, unter ihnen der spätere Erste Vorsitzende der „Nationalen Alternative“, Frank Lutz. Wir hielten damals vor allem nationalsozialistische Schulungen ab, lasen verbotene Bücher aus der Nazizeit, sahen illegal besorgte Videos und machten Zukunftspläne.
Im März 1989 wurde unsere Kameradschaft von der Staatssicherheit gesprengt. Mehrere Wohnungen waren verwanzt und daraufhin Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. Gegen Frank Lutz und Mike Prötzke wurden Haftbefehle erlassen. Frank Lutz erhielt aufgrund seiner Vorstrafen eine Freiheitsstrafe von über zwei Jahren. Göring erhielt wegen Besitzes eines vollkommen unbrauchbaren Maschinengewehrs eine Strafe von fast drei Jahren Haft. Zehn Monate dieser Strafe saß er in der Jugendhaftanstalt Ichtershausen in Thüringen ab. Im Dezember 1989, nach der Wende, wurde er begnadigt.
Mike Prötzke, Mitbegründer der „Nationalen Alternative“, war [41] später einer der ersten und radikalsten von denen, die sich von Michael Kühnen wegen dessen Homosexualität getrennt haben. Prötzke gilt heute innerhalb der Neonaziszene als strenger Verfechter jenes Flügels, der sich vor allem an Ernst Rohm und Gregor Strasser orientiert.
Bei der Hausdurchsuchung in Görings Wohnung fand die Stasi ein Foto, auf dem ich zu sehen war, wie ich mit ausgestrecktem Arm den Hitlergruß imitiere. Ich erhielt daraufhin eine Bewährungsstrafe von zehn Monaten und den Paragraphen 48.
Ich wohnte auch weiterhin bei Görings Mutter. Im Sommer 1989 lud mich Frau Prötzke zu einem Urlaub an die Ostsee ein. Dort kamen wir uns auf eine Weise näher, daß mich dieses Verhältnis nach einigen Wochen, wir waren wieder in Berlin, zu sehr belastete, sie war schließlich die Mutter meines besten Freundes. Ich zog dort aus.
Raus aus der DDR und gleich wieder zurück
Ende August 1989 entschloß ich mich spontan und ohne lange zu überlegen, wie sehr viele junge Leute in meinem Alter, die DDR zu verlassen. Diese Massenflucht wurde später zu einer der unmittelbaren Hauptursachen für das schnelle Ende des Staates DDR.
Ob Du zu der Zeit schon etwas ahntest von diesem Ende, oder ob Du noch immer daran glaubtest, die DDR würde weiterexistieren noch für Jahrhunderte? Ich hatte fast vergessen, daß es Dich überhaupt gab.
Zwar hatte ich irgendwann einen Ausreiseantrag gestellt, aber der wurde seit drei Jahren nicht mehr bearbeitet. Auf dem Bahnhof Lichtenberg stieg ich erst einmal in einen Zug, der mich nach Dresden bringen sollte, um von dort aus weiter nach Prag oder Budapest zu gelangen. Auf dem Dresdner Hauptbahnhof angekommen, wurde ich sofort von einer Polizeistreife kontrolliert. Ich besaß damals nur einen sogenannten PM12, auf dessen Vorderseite vermerkt stand: „Dokument für eingezogenen Personalausweis.“ Mit diesem PM12 durfte ich überhaupt nicht aus Berlin raus. Der Polizist betrachtete sich die- [42] sen Ersatzausweis: „Sie wollen ja wohl offensichtlich die DDR illegal verlassen.“
Ich bestätigte ihm seine Vermutung, weil ich glaubte, es sei jetzt besser, alles auf eine Karte zu setzen. Vielleicht würde man mich nun endgültig in den Westen abschieben. Aber zunächst brachte man mich in die Dresdner Untersuchungshaftanstalt, und nach zweitägiger Vernehmung erhielt ich einen Haftbefehl wegen des Versuchs, illegal die Grenze zu übertreten. Nach vierzehn Tagen Untersuchungshaft in Dresden wurde ich über Bautzen und Cottbus nach Rummelsburg transportiert.
Inzwischen war der 7. Oktober 1989, der vierzigste Jahrestag der Gründung der DDR, „gefeiert“ worden. Nach den Ostberliner Krawallen in dieser Nacht wurden Bürgerrechtler in die Haftanstalt Rummelsburg gebracht und dort von Stasileuten brutal und ohne Grund zusammengeschlagen. Ich beobachtete zusammen mit anderen Häftlingen von den Fenstern aus diese völlig einseitige Auseinandersetzung. Plötzlich begannen die Häftlinge das Deutschlandlied zu singen, und die Zusammengeschlagenen auf dem Hof stimmten ein. Die Stasileute hörten auf zu prügeln. Das war für alle ein ungeheurer Moment. Brüllende Wärter liefen durch den Knast und versuchten erfolglos, die Häftlinge ruhigzustellen. Wir sangen und sangen und fanden kein Ende.
Ein paar Wochen später, am 30. Oktober, wurde ich aus der Haftanstalt entlassen. Honecker war abgesetzt worden, und sein Nachfolger Krenz hatte eine Amnestie für inhaftierte Republikflüchtlinge erlassen.
Ein paar Tage später, am 6. November, gelang es mir, mit Hilfe des geliehenen Reisepasses meines Bruders Jens, doch noch [43] über die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik zu fliehen. Als ich „drüben“ war, konnte ich nur heulen. Endlich war es mir gelungen, dem „Knast“ DDR zu entkommen. Als dann drei Tage später die Mauer fiel, hatte sich meine Euphorie verflüchtigt. Das beinahe Unmögliche war mir gelungen – und drei Tage später hätte ich alles auch legal tun können. Aber ich denke nicht, daß ich es dann noch gewollt hätte.
Nach dem Fall der Mauer ging alles plötzlich recht schnell. Durch die jahrelangen Inhaftierungen einzelner Leute und deren überraschende Freilassung konnte gewissermaßen über Nacht eine gewaltbereite rechte Szene in Ostdeutschland entstehen, die in der Lage war, völlig ungewohnte Freiräume zu nutzen. Waren vorher Rechtsradikale und Skinheads auf das schärfste bekämpft worden, so gab es nunmehr sogar die Möglichkeit, legale Parteiarbeit zu betreiben.
Im Januar 1990 traf ich mich zum ersten mal mit einer größeren Gruppe einschlägig bekannter Neonazis aus Westdeutschland. Michael Kühnen, mit dem ich schon vorher in Hamburg gesprochen hatte, Christian Worch und Nero Reisz kamen zum ersten Westberliner Treffen. Am gleichen Tag, kurz vor dem Treffen, war ich noch mit einem Bekannten zusammen. „Bist du schon aufgeregt?“ fragte er mich.
„Nein, warum?“
„Na, heute kommt doch der Führer nach Berlin!“
Der „Führer“, das war selbstverständlich Michael Kühnen, zu dieser Zeit von allen respektiert. Die meisten von uns kannten ihn bereits aus Zeitungsberichten.
Bei diesem ersten Treffen wurde uns erklärt, auf welches große Ziel wir alle gemeinsam hinarbeiten würden. Dieses Ziel hieß: Wiederzulassung der NSDAP als in Deutschland wählbare Partei. Ein paar Wochen später war die erste ultrarechte Partei der DDR im Parteienregister erfaßt. Mit einem allerdings noch gemäßigten Programm wurde die „Nationale Alternative“ registriert. Damit konnte diese Partei an Wahlen teilnehmen. Die NA hatte am Tage ihrer Gründung ganze sieben Mitglieder. Satzung und Programm waren komplett von der Hamburger „Nationalen Liste“ abgeschrieben worden. [44]
Der führende nationale Sozialist von Hamburg, Christian Worch, ermunterte mich, in Berlin ein Haus zu besetzen. Wir zogen illegal für kurze Zeit in Lichtenberg in ein Haus ein, das wir allerdings gleich wieder räumen mußten. Es handelte sich um ein historisches Gebäude, das unter Denkmalschutz stand. Die Wohnungsgesellschaft schlug uns aber bereitwillig zwölf andere Objekte zum Tausch vor, von denen wir uns eins auswählen konnten. Ich entschied mich für die Weitlingstraße 122. Das Gebäude war für unsere Zwecke groß genug, es war in gutem, bewohnbarem Zustand, seine Bausubstanz war hervorragend, und vor allem: es lag an strategisch ausgezeichneter Stelle und ließ sich gut verteidigen. Das Haus wurde sofort zur zentralen Anlaufstelle für alle Skinheads aus ganz Berlin. Es war bald in ganz Deutschland medienbekannt, und wir bekamen Zulauf aus der gesamten Bundesrepublik.
Vorsitzender der „Nationalen Alternative“
Journalisten aus aller Welt wollten plötzlich Berichte über das Haus in der Weitlingstraße machen, und ich gab Tag für Tag bis zu vier Interviews. Diese Interviews wurden immer honoriert. Die Tarife für solche Interviews lagen zwischen zweihundert und eintausend D-Mark. Eine bestimmte Menge des eingenommenen Geldes floß in die Parteikasse der „Nationalen Alternative“, wieviel, lag in meinem Ermessen. Zu jener Zeit hatte ich soviel Geld wie nie zuvor in meinem Leben, konnte mir kaufen, was ich wollte, und mußte natürlich nicht mehr arbeiten gehen.
Meine „Arbeit“ bestand jetzt darin, mich als Parteivorsitzender für die Ziele und die Belange meiner Partei einzusetzen. In den folgenden Monaten hatten wir einen ungeheuren Zulauf an neuen Mitgliedern, so daß wir schnell zu einer der mitgliederstärksten rechtsradikalen Parteien in ganz Deutschland wurden. Es kamen natürlich überwiegend Jugendliche und junge Männer in die Weitlingstraße, aber bald besuchten uns auch die ersten älteren Leute, um uns mit Propagandamaterial aus dem Dritten Reich zu versorgen, das sie zu Hause aufgehoben hatten. So kam zum [45] Beispiel der Vater eines bekannten Rechtsradikalen, der in der DDR eine staatliche Transportfirma leitete. Mit ihm hatten wir angeregte Gespräche.
Innerhalb kürzester Zeit verfügten wir über einen erlesenen Spenderkreis, zu dem vor allem Akademiker aus Westberlin, Juristen und Mediziner, gehörten.
Die Spender wollten in aller Regel unerkannt bleiben, viele begnügten sich damit, uns gelegentlich einen Beitrag zu überweisen. Wenn wir wirklich einmal dringend Geld brauchten, genügte ein Anruf bei einem der wohlhabenden Spender, und wir hatten das Geld. Einmal gab es ein Transportproblem: Ein Anruf, und am nächsten Tag hielt ich fünftausend D-Mark zum Kauf eines Autos in den Händen.
Ein japanisches Fernsehteam hatte uns sogar zehntausend D-Mark geboten, damit wir uns mit schweren Waffen während eines Wehrsportlagers von ihnen filmen ließen.
Ein amerikanischer Journalist versuchte ein Interview zu bekommen, ohne dafür zu bezahlen. Er argumentierte so, daß auch der Präsident der Vereinigten Staaten kein Geld für Interviews nehmen würde. Ich sagte ihm, erstens sei ich nicht der amerikani- [46] sche Präsident, der mache, was er für richtig hielte, wir jedenfalls nähmen Kohle. Die Diskussion war beendet. Der Amerikaner zahlte anstandslos das von uns geforderte Honorar.
[…]
[47]
Ekkehard Weil bastelt Bomben
In der Zwischenzeit war ich zum Hausführer und Haussprecher in der Weitlingstraße ernannt worden. Jetzt kamen alle möglichen Leute zu uns, und es wurde immer schwieriger, den Überblick zu behalten. Eines Tages brachte der Nazirocker Priem einen älteren Herrn mit ins Haus, der völlig unscheinbar wirkte und überhaupt nicht zu den übrigen Hausbewohnern paßte. Ich fragte Priem, den Chef von „Wotans Volk“, wer dieses Männlein sei. Priem antwortete ungewöhnlich ernst mit einer Gegenfrage: „Habe ich schon einmal jemanden mitgebracht, der nicht in Ordnung war?“ Küssel sagte mir am Abend, dieser Mann sei niemand anderes als der bekannteste deutsche Rechtsterrorist Ekkehard Weil.
Der Sprengstoffexperte mit akademischer Bildung, Ekkehard Weil, hat bisher insgesamt vierzehn Jahre in deutschen und österreichischen Haftanstalten verbüßt, und er gilt inzwischen innerhalb der rechten Szene als eine Art lebende Legende.
Ich gab Weil eine Wohnung, die neben der meines Freundes Stinki gelegen war. Stinki regte sich sofort bei mir auf: „Wer weiß, was der da rumbastelt, am Ende fliegen wir alle noch in die Luft.“ Weil hatte tatsächlich ein chemisches Versuchslabor in seiner Wohnung eingerichtet.
Weil wurde 1949 in Berlin geboren. Von 1966 bis 1968 leistete er den Dienst bei der Bundeswehr ab. Dort erwarb er sich fundierte Kenntnisse in der „Kunst des Sprengens“, die er anzuwenden versuchte. So hat er einen Sprengstoffanschlag auf das Haus des Nazijägers Simon Wiesenthal verübt und bei anderer Gelegenheit mit einer schweren Waffe einen sowjetischen Soldaten niedergeschossen, der am Westberliner Denkmal der Roten Armee in der Nähe des Brandenburger Tores Wache stand. Bei diesem, im Namen einer „Europäischen Befreiungsfront“ geführten Anschlag wurde der Soldat lebensgefährlich verletzt. Ein britisches Militärgericht verurteilte Weil daraufhin zu sechs Jahren Haft. Es war das einzige Mal, daß ein britisches Militärgericht einen Deutschen in Deutschland verurteilt hat. Weil bezeichnete das Attentat vor Gericht als „Vergeltungsschlag gegen die Sowjets“. Er habe mit mehreren EBF-Mitgliedern diesen Anschlag vorbereitet, [66] sagte er unter Eid aus. Eine Provokation gegen die Staatsgrenze der DDR habe sich wegen der Sicherheitsmaßnahmen der DDR- Organe als undurchführbar erwiesen. Weil verbüßte seine Haft in der Justizvollzugsanstalt Tegel unter strengsten Sicherheitsbestimmungen. Aus Protest dagegen gelang es ihm eines Tages, die Feuerlöschanlage einzuschalten und die Hauptzentrale der Haftanstalt zu überfluten. Nach diesem Vorfall wurden die Haftbedingungen für ihn gelockert.
Im November 1972 gelang ihm ein weiterer, sensationeller Coup. Ais der Wärter eines Morgens seine Zelle öffnete, war sie leer. Die Zeitungen überschlugen sich: „Wer organisierte die Flucht von Weil?“ Nach zwei Tagen kam der Rechtsterrorist aus dem Lüftungsschacht gekrochen: „Das war nur ein Scherz.“
Im September 1975 wurde er nach fünfjähriger Haftzeit vorzeitig entlassen. Er schloß sich sofort wieder einer ultrarechtsradikalen Gruppe an. 1978 kam er erneut vor Gericht. Diesmal wurde ihm zur Last gelegt, nach einem von ihm verursachten Unfall die Absicht gehabt zu haben, einen der Verletzten noch überfahren zu wollen.
Außerdem mußte er sich wegen eines Brandanschlags auf das Parteibüro der „Sozialistischen Einheitspartei Westberlins“ verantworten. In der Verhandlung kam es zu schweren Tumulten. Im Gerichtssaal Anwesende wurden von Rechtsradikalen angepöbelt: „Hängt die roten Schweine auf!“ Weil zertrümmerte einem Journalisten das Nasenbein. Drei Jahre waren das Ergebnis. 1979, nur ein Jahr später, zog er es vor, aus einem Hafturlaub nicht ins Gefängnis zurückzukehren. Nach einer Fahndung durch Interpol wurde er 1980 in Brüssel gefaßt und an die Bundesrepublik ausgeliefert. Nun setzte er sich nach Österreich ab, wo er mehrere Sprengstoffanschläge auf jüdische Geschäftshäuser verübte, unter anderem auch auf das des schon erwähnten Simon Wiesenthal. Als Folge von Hinweisen aus der rechten Szene selbst wurde er 1982 in Österreich festgenommen und 1983 in Wien zu fünf Jahren Haft verurteilt. Als er nach Verbüßung dieser Strafe nach Deutschland überstellt wurde, lagen hier schon wieder mehrere Haftbefehle gegen ihn vor. Er mußte bis [67] 1989 sitzen. Auch mit Anschlägen auf jüdische Friedhöfe wurde er in Verbindung gebracht.
Ein paar Tage nach Weils Ankunft in der Weitlingstraße rief mich Christian Worch aus Hamburg an. Er war entsetzt und riet mir dringend, Weil aus dem Haus zu entfernen: „Da, wo Weil sich aufhält, sind meist auch der Staatsschutz und der jüdische Geheimdienst nicht weit.“ Ich hatte mich aber mit Weil inzwischen angefreundet und konnte ihn deshalb auch nicht mehr aus dem Hause werfen.
Hausdurchsuchung
Worch sollte jedoch recht behalten, denn unser Haus wurde jetzt tatsächlich vom Staatsschutz und auch vom Mossad, dem israelischen Geheimdienst, überwacht. Auch die Ostberliner Staatsanwaltschaft war zum Handeln aufgefordert worden. Das wußten wir. Am 27. April 1990 war es soweit: Gegen vierzehn Uhr stürmte eine Anti-Terror-Einheit unser Haus. Die Anweisung dazu war vom damaligen DDR-Innenminister Diestel persönlich gegeben worden. Die Einheit durchsuchte das ganze Haus, die Beamten fanden lediglich Propagandamaterial, davon aber jede Menge.
Plötzlich glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Vor mir stand unser alter Bekannter: der Abschnittsbevollmächtigte aus meinem alten Wohngebiet. Ich sagte überrascht: „Na, Krause, was machst du denn hier! Da sind wir ja rechtzeitig mit dem Arsch an die Wand gekommen!“
Seine Kollegen sahen ihn verwundert an, und er selbst schien einen Moment lang nicht zu wissen, wo er hinsehen sollte. Als Freddy ihn erkannte und sich aufzuregen begann, wurde es ihm noch peinlicher. Aber dann wurde ich abgeführt, und da grinste Krause schon wieder. Krause war wirklich der mieseste ABVer, den ich kannte. Einmal, als ich unter dem Paragraphen 48 stand und nach zehn Uhr abends nicht mehr auf die Straße durfte, war ich noch mit Göring unterwegs, als ich auf den hämisch grinsenden Krause traf. Siegessicher kam er auf [68] mich zu: „Na, Herr Hasselbach, zeigen Sie mal Ihren Ausweis!“
„Kannst du vergessen, Krause.“ Ich grinste zurück.
Als ich ihm den Rücken zudrehte, nutzte Krause die Gelegenheit und haute mir seinen Knüppel von hinten über den Schädel. Göring hatte einen Fotoapparat dabei und fotografierte die Szene, obwohl es bestimmt viel zu dunkel war. Göring flüchtete, und Krause rannte hinter ihm her. Mit einemmal waren Krauses Kollegen da, so, als ob sie hinter dem nächsten Haus gewartet hätten. Göring und ich wurden abgeführt, der Fotoapparat wurde beschlagnahmt.
Der Erfolg der Durchsuchung unseres Hauses in der Weitlingstraße war für die Polizei relativ gering: Wir hatten von der Aktion vorher Wind bekommen und alle im Haus befindlichen Waffen ein paar Straßen weiter in einem PKW versteckt.
Die Polizei nahm dennoch neunzehn Personen fest. Aber die meisten konnten noch am gleichen Tag wieder nach Hause gehen. Gegen Frank Lutz, zwei andere und mich wurden auf der Stelle Haftbefehle erlassen. Das beschlagnahmte Propagandamaterial reichte für diesen Haftbefehl aus, denn auf die Verbreitung von faschistischem Gedankengut standen in der DDR damals mindestens vier Jahre Haftstrafe.
Doch die Polizisten schlugen uns einen Handel vor: Wir sollten sie über Strukturen in der rechten Szene aufklären, dann würde man uns bald wieder freilassen. Da wir alle zusammen keine Lust hatten, nochmals in den Knast zu gehen, machten wir, ohne irgend jemanden zu gefährden, unsere Aussagen. Die Polizei dürfte von uns vieren kaum mehr erfahren haben, als sie ohnehin schon wußte. Nach sechs Wochen waren wir alle wieder in Freiheit. Viel später hatte die Sache aber ein Nachspiel, auf das ich noch zurückkommen werde.
Der Erstürmung unseres Hauses durch die Anti-Terror-Einheit folgte ein Presseansturm nie dagewesenen Ausmaßes. Der Kontostand der „Nationalen Alternative“ war innerhalb mehrerer Wochen auf eine fünfstellige Zahl angewachsen, und von den eingehenden Pressegeldern konnten wir inzwischen auch unsere Anwälte bezahlen. Nun, wo die Medien im In- und Ausland so wir- [69] kungsvoll auf uns aufmerksam gemacht hatten, bekamen wir Spenden aus aller Welt. Ich organisierte täglich eine Pressekonferenz in unserem Haus, die immer gut besucht war. Die „Nationale Alternative“ war mit einem Schlag bekannter geworden, als es die verschiedenen Parteien Michael Kühnens je gewesen sind.
Gegendemos
In der Folge lenkten zahlreiche antifaschistische Gruppierungen ihre Aktivitäten gegen unser Haus. Immer häufiger wurden wir von Autonomen angegriffen, und die Gegend um die Weitlingstraße wurde für uns immer unsicherer. Mehrmals ließen die Autonomen alle unsere Autos in die Luft fliegen, und andauernd kam es vor unserem Haus zu regelrechten Straßenschlachten. An manchen Nachmittagen prügelten sich mehr als zweihundert Leute auf offener Straße. Die Polizei zog es noch immer vor, nicht einzugreifen, und manch ein Uniformierter freute sich geradezu darüber, daß wir uns gegenseitig die Schädel einschlugen.
Im Juni demonstrierten über sechstausend Leute in der Weitlingstraße gegen unser Haus. Ein paar Tage vorher hatte ich mich mit ein paar Hooligans, Fans des Berliner Fußball-Clubs Dynamo, getroffen und sie gebeten, uns am 23. Juni bei der Abwehr dieser Demonstration zu unterstützen. Ich wollte auf alles vorbereitet sein, denn wir gingen davon aus, daß es zu schweren Ausschreitungen kommen würde. Vorher hatte ich es möglichst vermieden, Hooligans in unser Haus zu lassen, sie hätten unsere Ordnung mit Sicherheit sehr stark gestört. Am Tag der groß angekündigten Demonstration erschienen die Hooligans sehr zahlreich, es kamen ungefähr einhundertsechzig Mann. Wir postierten uns alle auf dem Dach unseres Hauses. Mit Steinen, Brettern aber auch mit anderen Waffen waren wir bestens ausgerüstet.
Die Ostberliner Polizei verhinderte jedoch eine direkte Konfrontation zwischen rechten und linken Gruppen. Auf dem Dach unseres Hauses befanden sich mehr als dreihundert Leute, die nur darauf warteten, ungefähr vierhundert Liter Benzin aus Kanistern auf die Straße zu kippen. Wenn die Polizei nicht so energisch [70] gegen die linken Demonstranten vorgegangen wäre, hätte es an diesem Tag ein großes Blutbad gegeben.
Durch die Demonstration war das öffentliche Interesse an uns jedoch in einem Maße geweckt, daß die Wohnungsgesellschaft von allen Seiten Druck verspürte, uns die Verträge für das Haus zu kündigen. Das ging aber nicht so einfach, hatten wir doch erst Ende April einen völlig legalen Mietvertrag für das Haus unterschrieben. Inzwischen waren drei weitere, nebeneinanderliegende Häuser in der Weitlingstraße von Skinheads besetzt worden.
Ekkehard Weil versuchte immer wieder, die Hausbewohner zu disziplinieren. Er war mit sich selbst sehr streng und forderte von allen anderen die gleiche Selbstdisziplin. Damit machte er sich bei den meisten Glatzen unbeliebt. Jeden Morgen pünktlich drei Viertel sieben stand er auf und begann damit, auch die anderen zu wecken. Eines Morgens wollte er einen der Hooligans zum Aufstehen bewegen: „Kamerad, Kamerad, alle arbeiten schon im Haus! “ Der Hooligan in seinem Tran verstand gar nicht, was der schmächtige Weil von ihm wollte. Nach fünf Minuten kam der legendäre Terrorist wieder ins Zimmer, um ihn endgültig wachzurütteln. Der äußerst reizbare Jugendliche regte sich tierisch auf: „Sag mal, [71] Alter, hast du ‘ne Macke?“ Weil verstand ihn nicht: „Aber, Kamerad!“ Da hatte der andere die Schnauze voll und haute Weil kräftig eine vor die Birne. Weil kam völlig sprachlos die Treppe herunter.
Weils „Qualitäten“ lagen auf anderem Gebiet. Einmal war er in der Nähe, als zweihundert Neonazis einen Überfall auf das „Tacheles“ in der Oranienburger Straße durchführten. Während die Glatzen Molotowcocktails und Steine auf das autonome Kulturzentrum warfen, lief er, mit einem Fotoapparat am Hals als Tourist verkleidet, um das Haus herum und sparte nicht mit Ratschlägen. Als die Hooligans davon hörten, daß vor dem „Tacheles“ etwas los sei, kamen über hundert von ihnen vom Stadion der Weltjugend her, um mitzumischen und uns zu unterstützen. Noch vor dem Eintreffen der Polizei entfernten wir uns wieder in Richtung Weitlingstraße, von wo aus wir ein paar Tage zuvor diesen Angriff geplant hatten. Später erfuhren wir durch die Zeitungen, daß bei diesem Überfall eine Frau aus dem „Tacheles“ erblindet sei.
Auf dem Lichtenberger Bahnhof
Michael Kühnen schrieb uns ein paar Tage später, daß er diese Aktion außerordentlich begrüße und daß Erfolge dieser Art die nationalsozialistische Gemeinschaft stärken und dazu beitragen, den roten Pöbel ein für allemal von der Straße zu fegen. Gleichzeitig gab er uns in seinem Brief zu verstehen, trotz dieser Erfolge doch auch „unsere ausländischen Mitbürger nicht zu vernachlässigen“.
Meinem Freund Stinki mußte man solche Dinge nicht zweimal sagen. Mehrmals in der Woche zog er mit anderen Hausbewohnern los, um auf dem Bahnhof Lichtenberg Ausländerzusammen- zuschlagen, ich hab darüber schon geschrieben. Stinki sagte nur: „Ich muß den Bahnhof säubern, wer kommt mit?“ Auch wenn er sagte, er gehe Zigaretten holen, wußten wir alle, was gemeint war: [72] Er ging zum Bahnhof, verprügelte einen oder mehrere vietnamesische Zigarettenverkäufer und nahm ihnen anschließend ihre Ware ab. Nach ein paar Monaten gaben ihm die Vietnamesen freiwillig jede Woche drei Stangen Zigaretten, damit er sie in Ruhe ließe. Stinki hielt sich an diesen Vertrag, wenn aber neue Gesichter auftauchten, wurden die erst ein paarmal verprügelt, bis sie bereit waren, ihre „Schutzgebühr“ zu zahlen.
Einmal drehten wir mit einem französischen Fernsehteam auf dem Bahnhof Lichtenberg. Die Journalisten interviewten mich und Stinki, während wir über den Bahnhof gingen. Auf der Treppe kamen uns drei vietnamesische Zigarettenhändler entgegen, die Stinki sehr freundlich grüßten. Stinki grüßte ebenso freundlich zurück und sagte dann zu den verdutzten Journalisten: „Sehen Sie, das ist doch alles Blödsinn mit dieser Ausländerfeindlichkeit. Wir hier in Lichtenberg helfen uns im Gegenteil untereinander.“ Die Franzosen glaubten ihm diesen Blödsinn und sendeten die Szene im französischen Fernsehen.
Neben den täglichen Prügeleien auf dem Bahnhof nahmen wir uns einen ersten Überfall auf ein Asylbewerberheim vor. Wir ließen uns dafür Zeit und planten unser Vorgehen sorgfältig. Wir wählten das unweit gelegene Heim im Hans-Loch-Viertel in Lichtenberg aus, das wir im Juni mit ungefähr einhundertfünfzig Leuten überfielen. Wir warfen Steine und Molotowcocktails auf das Haus. Einige Glatzen waren damit beschäftigt, Flugblätter, beschrieben mit der Parole „Ausländer raus“, an die Häuserwände zu kleben.
Fünfzig Polizisten sahen uns zu, ohne Anstalten zu machen, einzugreifen und unsere Aktivitäten zu verhindern. Einer der Beamten, der mich offensichtlich gut kannte, fragte mich jovial: „Was wird denn das nun wieder, Hasselbach ? Sie haben doch wirklich nichts begriffen!“ Die Ostberliner Zeitung „Junge Welt“ machte allerdings den „Gauleiter“ von Salzburg, Günther Reinthaler, für die Planung und die Inszenierung dieses Angriffs verantwortlich.
[73]
Ingo Hasselbach, Winfried Bonengel, Die Abrechnung. Ein Neonazi steigt aus, Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verlag, 1993, Auszüge S. 1–9, 22–25, 40–47, 66–73 und 140–147