Vom „Führer von Berlin“ zum Medienstar:
Ingo Hasselbachs Die Abrechnung

Jahr
1993
Bild
Hasselbach, Abrechnung

Kurz nach dem öffentlichen Ausstieg aus der Neonaziszene publiziert der sogenannte „Führer von Berlin“, Ingo Hasselbach, 1993 seine Biografie. Das Buch veranschaulicht gesellschaftliche Deutungsmuster gegenüber organisierten Rechten in den 1990er-Jahren.

Das Buch Die Abrechnung. Ein Neonazi steigt aus von Ingo Hasselbach erschien 1993 im Berliner Aufbau-Verlag, wenige Monate nach dessen Ausstieg, den er in den Medien bekannt gegeben hatte. Die Publikation, die mit Fotos, Dokumenten und einer Chronologie über Hasselbachs Leben versehen ist, verfasste Hasselbach gemeinsam mit dem Drehbuchautor, Dokumentarfilmer und Regisseur Winfried Bonengel. Das Buch beginnt und endet jeweils mit einem Brief an den biologischen Vater des Verfassers, den kommunistischen Journalisten Hans Canjé, zu dem er zum Zeitpunkt der Publikation keinen Kontakt unterhielt. Zusammen mit seinem Co-Autor schildert der 1967 in Berlin-Weißensee geborene Hasselbach auf 160 Seiten in Kürze Kindheit und familiäre Situation, seine frühen Erfahrungen als Punk in der DDR (S. 15–19), wie er auf einem „Freundschaftsfest zu Ehren der sowjetischen Streitkräfte“ lautstark „Die Mauer muss weg!“ verkündete (S. 22) und ihn das ins Gefängnis brachte sowie die Erlebnisse während des knapp einjährigen Freiheitsentzugs. Die in den DDR-Strafvollzugseinrichtungen in Rummelsburg, Bitterfeld und Rüdersdorf verbrachte Zeit ebnete laut Hasselbach seinen Einstieg in die Neonaziszene. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt indes auf den frühen 1990er-Jahren, in denen Hasselbach mit Mitstreitern aus der Szene die extrem rechte Kleinstpartei Nationale Alternative gründete, ein Wohnhaus in der Weitlingstraße 122 in Berlin-Lichtenberg als „Parteizentrale“ etablierte, Kontakte zu Nazis aus Westdeutschland und Österreich knüpfte und nicht zuletzt massive Gewalt ausübte, die sich gegen links(-autonome) Gruppen oder als alternativ wahrgenommene und als „Ausländer“ markierte Menschen richtete. Das Buch endet mit der Schilderung, wie Hasselbach im Rahmen der Dreharbeiten des von Bonengel produzierten Dokumentarfilms über Neonazis im Osten Deutschlands Distanz zur Szene gewann und schließlich ausstieg. Die nicht konsequent chronologische Erzählung wird immer wieder von kurzen Kapiteln zu „Kameraden“ wie etwa Frank Lutz oder Mike Prötzke sowie zu prominenteren Protagonisten der extremen Rechten wie Michael Kühnen oder Gottfried Küssel unterbrochen.

Das Buch geht auf die Vorbereitungen und Dreharbeiten zu Bonengels Dokumentarfilm über die Naziszene in Ostdeutschland zurück. Bonengel und Hasselbach hatten sich im Herbst 1991 kennengelernt, als der Filmemacher, der zu dieser Zeit in Paris lebte, in Berlin auf Recherchereise war. Herrschte in der Naziszene allgemein Skepsis und Ablehnung gegenüber Journalist*innen, schien Hasselbach die mediale Aufmerksamkeit zu begrüßen und ließ sich Interviews vergüten. Bonengel und sein Kamerateam begleiteten Hasselbach eine Zeit lang. Hasselbach gibt an, der Kontakt zu Bonengel und seinem Team habe für ihn eine entscheidende Rolle dabei gespielt, sich von der Neonaziszene abzuwenden. Im Dezember 1992 wurde Bonengels Film Wir sind wieder da ausgestrahlt.[1]

 

Eine Quelle wofür?

Die Abrechnung war ein Anfang bzw. vielmehr die Fortsetzung von Hasselbachs Medienkarriere, die spätestens mit seinem Auftritt als „Führer“ oder „Gauleiter von Berlin“ in Bonengels Dokumentarfilm begonnen hatte und der schon zeitgenössisch mit Skepsis begegnet wurde[2]: Nicht nur hatte sich das Buch bis Mitte der 1990er-Jahre knapp 50.000 mal verkauft (2005 erschien die 5. Auflage),[3] mit dem US-amerikanischen Historiker und Journalisten Tom Reiss veröffentlichte Hasselbach 1996 sogar eine englische Version beim Verlag Random House.[4] Diese Veröffentlichung wurde wiederum öffentlichkeitswirksam beworben, inklusive eines mehrseitigen Exzerptes im Magazin The New Yorker samt Foto des Starfotografen Helmut Newton. Im gleichen Jahr veröffentlichte Hasselbach mit Die Bedrohung – Mein Leben nach dem Ausstieg aus der rechten Terrorszene eine weitere Publikation über seine Vergangenheit in der Naziszene und die Folgen seines Austritts.[5] 2001 folgte mit Lost Sons ein Dokumentarfilm des schwedischen Regisseurs Fredrik von Krusenstjerna, der der Beziehung zwischen Hasselbach und seinem Vater Canjé nachspürte, ein Jahr später mit Führer Ex ein von Hasselbach begleiteter Spielfilm, der sich an dessen Biografie orientierte. Eine Folge des Buches bzw. seiner Rezeption war also eine starke Fokussierung der Öffentlichkeit auf die Person Hasselbachs, dessen tatsächliche Bedeutung die Forschung allerdings anhand von anderen Quellen noch näher zu untersuchen hat: Welche Rolle nahm Hasselbach – und mit ihm die Nationale Alternative – innerhalb der Neonaziszene in Berlin(-Lichtenberg), Ostdeutschland und der vereinigten Bundesrepublik ein?

Dennoch ist Die Abrechnung von Hasselbach und Bonengel insofern ein Zeitdokument zur Geschichte der extremen Rechten nach 1945, als es das diskursive Framing von jungen organisierten Rechten (in Ostdeutschland) in den 1990er-Jahren in der Bundesrepublik zeigt. Hasselbachs Buch ist ein Beispiel dafür, wie Pädagog*innen und Teile der Wissenschaft oder Medien jungen Neonazis mit Empathie begegneten, deren Werdegang oftmals mit einer fehlenden oder autoritären Vaterfigur in engen Zusammenhang brachten oder als Folge eines sozialen Abstiegs (v)erklärten (Deprivationsthese) und die eigentlichen Opfer marginalisierten.[6] 

 

Die Abrechnung als „Aussteigerbuch“

Das Buch bzw. der „Bericht“ (S. 156), wie es heißt, um dem Geschilderten Authentizität zu verleihen, ist gleichermaßen Teil eines Genres von Erzählungen von Aussteigern aus extrem rechten Szenen. Etwa zehn Jahre zuvor erschien in der Bundesrepublik, medial deutlich geringer wahrgenommen, eine Erzählung des Jugendlichen Gerald Wagener, der über seinen Ein- und Ausstieg in bzw. aus der Neonaziszene „berichtete“ und dabei seine politische Einstellung wie die seiner „Kameraden“ verharmloste.[7] Weitere „Aussteigerbücher“[8] folgten bis in die Gegenwart hinein. Irritierend, aber auch typisch für dieses „Genre“, ist der Opferduktus, der sich durch Die Abrechnung zieht. Das Buch beginnt als Geschichte eines Sohns, den sein biologischer Vater vernachlässigte; es geht weiter mit der Erzählung vom jungen Abweichler, der in der SED-Diktatur für sein deviantes Verhalten kriminalisiert wurde; schließlich endet es in der Schilderung eines ehemaligen Nazis, der aufgrund seines Verhaltens die Feindschaft einstiger Mitstreiter fürchtet. Diese Opfererzählung bricht auch nicht, wenn Hasselbach sich nach der Veröffentlichung des Buches selbst als eine Person darstellt, die durch den US-amerikanischen Medienrummel gejagt worden sei.[9] Schließlich scheint sie sich mitunter in der jüngeren Vergangenheit zu wiederholen, wenn Hasselbachs Weg in die Neonaziszene als (logische) Folge seiner Erfahrungen mit dem DDR-Staats- und Parteiapparat und dessen Sicherheitsorganen gezeichnet wird, zugleich aber die Rollen Hasselbachs und seiner Mitstreiter als Täter sowie die Folgen für die Opfer verblassen.[10]

 

[1] Zu Wir sind wieder da vgl. Angelika Nguyen, Der Fall Ingo H., der Freitag, 6.12.2002, https://www.freitag.de/autoren/angelika-nguyen/der-fall-ingo-h (letzter Zugriff: 3.6.2022). Zeitgleich zu Wir sind wieder da arbeitete Bonengel am Dokumentationsfilm Beruf Neonazi über den Neonazi Bela Ewald Althans, der – anders als Wir sind wieder da – große Debatten auslöste, da dem Regisseur vorgeworfen wurde, mit diesem Film „Propaganda für Neonazis“ zu machen: N.N., Riesiges Gelächter. Ein neuer Kinofilm macht Propaganda für Neonazis. Vier Bundesländer haben ihn finanziert, Der Spiegel, Nr. 46, 14.11.1993, S. 108f., https://www.spiegel.de/politik/riesiges-gelaechter-a-30d00a4a-0002-0001-0000-000013681720 (letzter Zugriff: 3.6.2022). Siehe hierzu ausführlich: David Bathrick, Anti-Neonazism as Cinematic Practice: Bonengel‘s Beruf Neonazi, in: New German Critique 67 (1996), S. 133–146.

[2] Mariam Niroumand, Ingo Hasselbach macht Karriere: Sexy Nazis, Die Tageszeitung, 10.2.1996, S. 10, https://taz.de/Sexy-Nazis/!1472093/ (letzter Zugriff: 3.6.2022); N.N., Krull der Rechten. Ein Neonazi-Aussteiger macht in den Vereinigten Staaten eine bemerkenswerte Medienkarriere, Der Spiegel, Nr. 23, 2.6.1996, https://www.spiegel.de/politik/krull-der-rechten-a-050ffd47-0002-0001-0000-000008931393 (letzter Zugriff: 3.6.2022); Tina Mendelsohn, Vermarktet. Ingo Hasselbach in Amerika, Klartext, Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg, 6.2.1996.

[3] N.N., Krull der Rechten.

[4] Ingo Hasselbach/Tom Reiss, Führer-ex. Memoirs of a Former Neo-Nazi, New York: Random House, 1996.

[5] Auch erschien 1994 vom Journalisten Burkhard Schröder ein Buch, das Hasselbachs „Abrechnung“ stark ähnelt, aber etwas stringenter geordnet ist: Burkhard Schröder, Ich war ein Neonazi. Reportage über den Aussteiger Ingo Haßelbach, Ravensburg: Ravensburger Buchverlag, 1994.

[6] Siehe zu diesem Muster ausführlich Carsta Langner/Julia Stegmann, Stau. Eine zeitgenössische Dokumentation über die Baseballschlägerjahre, in: Zeitgeschichte-online, 21.5.2021, https://zeitgeschichte-online.de/film/stau(letzter Zugriff: 10.6.2022).

[7] Gerald Wagener, „Ich heiße Gerald Wagener …“, München: DKV-Verlag, 1981.

[8] So zeichnete ZEIT-online die Publikation von Heidi Benneckenstein als „eines der besten Aussteigerbücher“ aus, vgl. das Buchcover: Heidi Benneckenstein, Ein deutsches Mädchen: Mein Leben in einer Neonazi-Familie, Stuttgart: Tropen, 2017. Selten scheint hier die Problematik reflektiert zu werden, dass ein „Ausstieg“ immer in eine Gesellschaft erfolgt, in der – in der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“ – Rassismus und Antisemitismus vorhanden und salonfähhig sind, vgl. Birgit Rommelspacher, „Der Hass hat uns geeint“. Junge Rechtsextreme und ihr Ausstieg aus der Szene, Frankfurt a.M./New York: Campus, 2006, S. 169f., und Ruben Gerczikow/Monty Ott, Gefeierte Neonazi-Aussteiger, vergessene Opfer, in: Volksverpetzer, Mai 2023, https://www.volksverpetzer.de/analyse/nazi-aussteiger-befremdliche-vermarktung (letzter Zugriff: 6.5.2023).

[9] N.N., Krull der Rechten.

[10] So auch eine Kritik aus dem Publikum anlässlich einer Podiumsveranstaltung mit Ingo Hasselbach im Mai 2018: Annika Glunz, Verleugnen, verschweigen, verstärken, Die Tageszeitung, 28.5.2018, https://taz.de/Nazi-Aussteiger-Ingo-Hasselbach/!5505793/ (letzter Zugriff: 3.6.2022).

Digital Object Identifier
2990
Auswahlbibliografie
  • William Little, Leaving a Life of Political Violence: A Neo-Nazi Steigt Aus, in: New German Critique 39 (2012), H. 115, S. 139–167.

  • Birgit Rommelspacher, „Der Hass hat uns geeint“. Junge Rechtsextreme und ihr Ausstieg aus der Szene, Frankfurt a.M./New York: Campus, 2006.

Erscheinungsdatum

Themenfelder

Chronologie

Organisationen

Schlagworte

Zitationsempfehlung

Henrike Voigtländer, Vom „Führer von Berlin“ zum Medienstar: Ingo Hasselbachs Die Abrechnung, in: Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000. Eine kommentierte Online-Quellensammlung, 28.11.2025,https://radikale-rechte.de/comment/031-voigtlaender-hasselbach, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2990.

Open Access Logo

Dieser Text wird veröffentlicht unter der Lizenz „Creative Commons CC BY-NC-ND 4.0“. Eine Nutzung ist für nicht-kommerzielle Zwecke in unveränderter Form unter Angabe des Autors bzw. der Autorin und der Quelle zulässig. Im Artikel enthaltene Abbildungen, Quellentexte und andere Materialien werden von dieser Lizenz nicht erfasst. Detaillierte Angaben zu dieser Lizenz finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/deed.de Logo Creative Commons by-nc-nd 4.0