Weiblicher Machtanspruch in der NPD:
Ein Brief von Gertraude Winkelvoß an Adolf von Thadden
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Valérie Dubslaff, Weiblicher Machtanspruch in der NPD: Ein Brief von Gertraude Winkelvoß an Adolf von Thadden (1967), in: Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000. Eine kommentierte Online-Quellensammlung, 28.11.2025, https://radikale-rechte.de/comment/007-dubslaff-zu-winkelvoss-von-thadden, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2968.
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Brief von Gertraude Winkelvoß an Adolf von Thadden, o.O. 9.2.1967 (Hervorhebungen im Original), Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Hannover, Kleine Erwerbungen, Nr. 39 (alte Signatur: A6, Nr. 3).
Gertraude Winkelvoß, eine der profiliertesten Nationaldemokratinnen der Anfangszeit der Partei, fordert mehr Handlungsmacht für Frauen in der männlich dominierten extremen Rechten. Ihr Brief an den NPD-Landesvorsitzenden Adolf von Thadden zeigt dies eindrücklich.
Bei der vorliegenden Quelle handelt es sich um einen einseitigen Brief, den Gertraude Winkelvoß, damals Bundesfrauenreferentin der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), am 9. Februar 1967 an den niedersächsischen Landeschef Adolf von Thadden richtete, um im Kontext der anstehenden Landtagswahl einen aussichtsreichen Platz auf der niedersächsischen Landesliste zu erhalten. Dieser schnörkellose, von der Politikerin an der Schreibmaschine getippte Text ist bemerkenswert, da er recht schonungslos die Missstände in der NPD benannte, die Frauen an der selbstbestimmten politischen Mitwirkung in der Partei hinderten. Winkelvoß monierte die Tabuisierung von divergierenden Meinungen, die rigorose Parteidisziplin und den Sexismus, auf den Frauen auf allen Ebenen stießen. Im Tonfall recht appellierend und persönlich gehalten, vermengte sie im Brief Privates mit Politischem. Damit trug der Brief ihr Anliegen knapp vor und formulierte offen ihren Machtanspruch.
Das strategische Moment: Vom nationalistischen Höhenflug profitieren
Als Gertraude Winkelvoß (1917–1982) diesen Brief im Februar 1967 verfasste, war die NPD in einer sehr ambivalenten Lage. Politisch gesehen, befand sich die kurz zuvor, im November 1964, gegründete Partei im Höhenflug: Schon wenige Monate nach ihrem Entstehen hatte sie ziemlich erfolgreich (2 Prozent) an der Bundestagswahl 1965 teilnehmen können, bevor ihr bei den Landtagswahlen 1966 in Bayern (7,4 Prozent) und Hessen (7,9 Prozent) der Durchbruch gelang. Anfang Februar 1967, als Winkelvoß den Brief aufsetzte, standen noch weitere wichtige Wahlen in Bremen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein bevor, bei denen sich die NPD weitere Erfolge versprach. Auch dort wollte die nationalistische Partei Abgeordnete entsenden.[1]
Mit dem politischen Aufstieg verschärften sich zugleich innerparteiliche Konflikte, die von Anfang an schwelten und nun öffentlich ausgefochten wurden. Zu nennen ist insbesondere der Machtkampf zwischen dem Parteivorsitzenden Friedrich Thielen (ehemals Deutsche Partei, DP) und seinem Stellvertreter Adolf von Thadden (ehemals Deutsche Reichspartei, DRP), denen die Sammlung des nationalistischen Lagers 1964 unter dem Dach der NPD teilweise geglückt war, die seitdem aber um die Vorherrschaft in der Partei rangen.[2] Nach dem Landesparteitag in Nienburg am 5. Februar 1967, bei dem Adolf von Thadden zum niedersächsischen Landesvorsitzenden gewählt worden war, trugen sie diesen Machtkampf auch vor Gericht aus.
Wiederholt versuchte Gertraude Winkelvoß, als eine der exponiertesten Nationaldemokratinnen ihrer Zeit, in diesen Streit einzugreifen, ihn zu schlichten, beide Männer zur Mäßigung und zur Beilegung ihrer Differenzen aufzurufen; letztendlich ergriff sie jedoch Partei für Adolf von Thadden, der die Fehde für sich entscheiden konnte und beim Parteitag in Hannover (10.–12. November 1967) zum Parteivorsitzenden gewählt wurde.
Gertraude Winkelvoß, die 1938 als 21-Jährige der NSDAP beigetreten war und als Lagerführerin im Reichsarbeitsdienst gearbeitet hatte, war nach 1945 langjährige Wegbegleiterin von Thaddens. Schon Ende der 1950er-Jahre hatte sie an seiner Seite in der niedersächsischen DRP Politik betrieben. 1964 folgte sie ihm in die NPD, baute dort die Parteistrukturen mit auf, gründete beispielsweise den Kreisverband Lüneburg, den sie von da an auch über Jahre leitete. Recht schnell wurde sie mit Aufgaben, Ämtern und Leitungspositionen betraut, sodass sie in den 1960er-Jahren zu den wenigen weiblichen Multifunktionär*innen gehörte: 1967 saß sie sowohl im Bundes- als auch im niedersächsischen Landesvorstand an von Thaddens Seite. Vermutlich verdankte sie ihm in gewissem Maße ihre Stellung als NPD-Obfrau. Das Verhältnis der beiden zueinander war jedoch durchaus schwierig, wie es der vorliegende Brief unmissverständlich darlegt. Trotz ihrer Differenzen war beiden gemein, dass sie aus der Erlebnisgeneration stammten, gleiche volksgemeinschaftliche Ordnungsvorstellungen hegten und einer resolut restaurativen, antikommunistischen und nationalistischen Weltanschauung anhingen.[3]
Dass Gertraude Winkelvoß den vier Tage zuvor gewählten Landeschef direkt anschrieb, um persönliche Ansprüche zu artikulieren, zeigt die außerordentliche Entschlossenheit und den politischen Eigensinn dieser Akteurin. Sie scheute sich nicht, ihren für die Parteileitung ungemütlichen Standpunkt zu verteidigen, von Thadden Paroli zu bieten und dabei auch innerparteiliche Missstände anzuprangern. Die Abneigung von Thaddens nahm sie in Kauf; sie hinterfragte seinen „Hass“ ihr gegenüber im Brief sogar explizit („‚Warum hasst Thadden Sie so?‘ hat mich Winter kurz nach Karlsruhe gefragt. – Ich weiss es nicht“).
Ermächtigungskämpfe von Frauen in der NPD
Offensichtlich irritierte ihn der als zu extravagant geltende Ehrgeiz dieser Frau, die in der Politik nicht nur mitmischen und eine politische Rolle übernehmen wollte, sondern darüber hinaus auch noch die Feindseligkeit beanstandete, mit der man ihr und anderen Frauen in der Partei begegnete. Da sie als Bundesfrauenreferentin für die „Frauenarbeit“ zuständig war, sah sie es als ihre Aufgabe, Frauen nicht nur in Wahlkämpfen für die Partei und die ‚nationale Sache‘ zu mobilisieren, sondern auch deren Interessen in der NPD gegen männliche Vorbehalte und patriarchale Machtstrukturen lautstark zu verteidigen. Ganz konkret ging sie in ihrem Brief auf die Marginalisierung von Frauen in der Parteiarbeit ein („Wenn Sie meinen, Sie brauchten die Mitarbeit einer Frau nicht, geschweige meine, kann ich das nicht ändern“). Unumwunden kritisierte sie den Ausschluss von Frauen – auch ihren eigenen – aus den Entscheidungs- und Machtstrukturen der NPD, monierte etwa, dass Frauen meist nur als Beisitzerinnen ohne Stimmrecht in den Vorständen zugelassen seien. Sie schrieb, sie wolle nicht „irgendwie dabeisitzen“, ohne mitgestalten zu können. Genauso wenig wolle sie sich „durch willkürlich zusammengestrichene Referate präsentiert sehen“, womit sie auf die Zensur ihrer Schriften und Reden anspielte, die die Parteileitung systematisch gegenlas, kürzte und umschrieb. Im Zentrum ihrer Kritik standen somit nicht nur die vertikale Machtstruktur oder die strenge Kontrolle, die die Parteiführung über alle Kader ausübte, sondern auch die vermeintliche Minderwertigkeit, die Frauen als kleiner Minderheit – in den 1960er-Jahren machten sie etwa 11 Prozent der NPD-Mitglieder aus – allgemein zugeschrieben wurde. Ihr Ziel war es, aus der politischen Unmündigkeit auszubrechen, für sich und die anderen aktiven Frauen in der Partei politische Glaubwürdigkeit und Anerkennung zu erkämpfen.
In ihrem Brief sprach Winkelvoß ihr persönliches Anliegen ohne Umschweife an. Sie wolle „eine r i c h t i g e Aufgabe“ – diese Wörter hob sie typografisch hervor und unterstrich sie auf dem Briefpapier sogar noch. Konkret forderte sie: „Ich möchte in den Landtag“ und bat von Thadden, die Möglichkeiten „objektiv“ zu prüfen und dieser „Bitte“ bei seinen „Überlegungen bei der Landesliste“ nachzukommen. Mit dieser Forderung stellte sie ihr politisches Gespür unter Beweis. Erstens schätzte sie die Wahlchancen der NPD in Niedersachsen zu Recht als besonders günstig ein und wählte angesichts der dort anstehenden Landtagswahl den richtigen Zeitpunkt. Vielleicht meinte sie auch, vom Umstand profitieren zu können, dass bei einer vorherigen Wahl, und zwar in Hessen 1966, mit Anneliese Bläsing schon eine andere NPD-Frau ein parlamentarisches Mandat errungen hatte. So schien ein guter Listenplatz für eine Frau nichts Außergewöhnliches mehr zu sein. Zum anderen zeigt die eindringlich formulierte Bitte an den mächtigen Landeschef, dass Gertraude Winkelvoß die Funktionsmechanismen der Parteipolitik verstand und ihre Normen verinnerlicht hatte. Sie wusste augenscheinlich um die Wirkmacht politischer Seilschaften und heimlicher Absprachen. Um ihr Ziel zu erreichen, schlug sie einen informellen Weg ein und setzte auf nepotistische Mittel, weil sie sich dadurch mehr Erfolg und Einfluss versprach. Sie sollte mit diesem Kalkül Recht behalten.
Weibliche Legitimierungsstrategien
Interessant ist auch die Art und Weise, wie die Protagonistin ihre Bitte formulierte, die eine für die 1960er-Jahre zum Teil auch typisch weibliche Legitimierungsstrategie offenbart. Einerseits argumentierte sie politisch, indem sie zuallererst ihre Loyalität gegenüber Adolf von Thadden („Jedenfalls bin ich nie Ihr Gegner gewesen“) wie der Partei bekundete und auch sonst ihr langjähriges Wirken für die ‚nationale Sache‘ betonte. Wenn sie beiläufig erwähnte, was sie „seit über 10 Jahren“ alles getan hätte, dann meinte sie den politischen Aktivismus an der Seite von Thaddens in der DRP und der NPD. Für ihre treuen Dienste, für ihre Leistung, die Belastbarkeit und den politischen Eifer, den sie bis dahin an den Tag gelegt hatte und auch weiterhin „einzusetzen bereit“ war, erwartete sie nun eine politische Gegenleistung. Der Listenplatz sei die faire Belohnung für ihren Einsatz als politische Akteurin.
Doch kann das hier erwähnte Leistungsprinzip noch anders ausgelegt werden: Auch als Frau habe sie Verdienste vorzuweisen. So rechtfertigte Gertraude Winkelvoß ihre Bitte ebenfalls als Entlohnung für die Erfüllung ihrer weiblichen bzw. mütterlichen Pflichten. Sie habe vier Kinder großgezogen, die nun außer Haus seien; sie könne sich nunmehr gänzlich ihrer politischen Karriere widmen. Dieses Argument verdeutlicht die öffentliche Erwartungshaltung, die den Handlungsraum von Politikerinnen in den langen 1960er-Jahren immer noch bestimmte: Anders als bei ledigen Frauen, die vielen in der Politik ebenfalls als suspekt galten, wurde das politische Engagement von Müttern erst recht nicht gern gesehen. Das Leitbild der Hausfrauenehe war das oberste Ideal der bürgerlichen Gesellschaft und eine millionenfach gelebte soziale Realität. Familie und Mutterschaft blieben den damaligen westdeutschen Wertvorstellungen entsprechend bis in die 1970er-Jahre hinein der bevorzugte Wirkungsbereich für Frauen. In den Parteien der Bundesrepublik, die allesamt männlich-hegemonial geprägt waren, mussten Politikerinnen wie Gertraude Winkelvoß beweisen, dass sie Frauen blieben, obwohl sie sich politisch betätigten; gleichzeitig mussten sie aber auch zeigen, dass sie im Stande waren, Politik zu betreiben, obwohl sie Frauen waren.
Demgegenüber stand es den sittlichen Vorstellungen der Zeit nicht entgegen, als Frau in der späten, im Brief erwähnten „3. Lebensphase“ noch erwerbstätig oder politisch aktiv zu werden. Winkelvoß hatte ihre Rolle als Mutter erfüllt, nun wollte sie als 50-Jährige ins Parlament einziehen. Gleichzeitig verwies sie wiederholt auf ihren familiären Kontext: Ein Treffen mit ihren Kindern in Göttingen habe eine frühere Unterredung mit dem Landeschef unmöglich gemacht; ihre Mutter lebe noch in Hannover, weswegen sie sich im Vorfeld der Landtagswahl noch mehr für die NPD, deren Parteizentrale 1967 in ebenjener Stadt lag, hätte einsetzen können. Diese Informationen verdeutlichten die stete Verflechtung von intim-familiären und politisch-öffentlichen Gestaltungsräumen, die manchmal in Konkurrenz zueinander traten und die somit die Lebensentwürfe von Frauen besonders prägten.
Ein Machtwort mit Folgen: Der Einzug in den Landtag
Anscheinend zahlte sich die Hartnäckigkeit der Bundesfrauenreferentin der NPD aus. Sie erhielt den 5. Platz auf der Landesliste, der ihr bei Überwindung der 5-Prozent-Hürde den Einzug in den Niedersächsischen Landtag garantierte. Am 4. Juni 1967 wurde sie tatsächlich Mitglied des Landesparlaments und agierte dort bis April 1970 unter der Obhut des Fraktionschefs von Thadden.[4] Damit war sie eine von drei Frauen der NPD, die in den sieben Landtagsfraktionen ein Mandat erhielten. Als Parlamentarierin profilierte sie sich zwar weniger als andere Abgeordnete, wurde aber als Schriftführerin immerhin in das Präsidium gewählt. Sie beschrieb diese Landtagszeit als „Krönung“ ihrer politischen Karriere, die sie 1972 mit ihrem Austritt aus der nach der verlorenen Bundestagswahl 1969 dahinsiechenden NPD selbst beendete.
[1] Gideon Botsch, Die extreme Rechte in der Bundesrepublik Deutschland. 1949 bis heute, Darmstadt: WBG, 2012, S. 45–50.
[2] Uwe Hoffmann, Die NPD. Entwicklung, Ideologie und Struktur, Frankfurt am Main: Peter Lang, 1999, S. 84–96.
[3] Valérie Dubslaff, „Deutschland ist auch Frauensache“. NPD-Frauen im Kampf für Volk und Familie, 1964–2020, Berlin/Boston: De Gruyter Oldenbourg, 2022, S. 54–56.
[4] Dubslaff, „Deutschland ist auch Frauensache“, S. 87–91.
Die extreme Rechte in der Bundesrepublik Deutschland 1949 bis heute (Geschichte kompakt), Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2012.
Valérie Dubslaff, „Deutschland ist auch Frauensache“. NPD-Frauen im Kampf für Volk und Familie, 1964–2020, Berlin/Boston: De Gruyter Oldenbourg, 2022.
Uwe Hoffmann, Die NPD. Entwicklung, Ideologie und Struktur, Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang, 1999.
Lutz Niethammer, Angepaßter Faschismus. Politische Praxis der NPD, Frankfurt a.M.: Fischer, 1969.