Deutsch-deutsche Kontakte vor 1989/90:
Die Nationalistische Front und ihre Vernetzung in die DDR

Jahr
1985
Bild
001 Klartext

Titelseite Klartext, Nr. 16, 1985.

Die Nationalistische Front (NF) veröffentlichte 1985 in ihrer Publikation Klartext einen Artikel über den Besuch von „Kameraden“ in der DDR. Er ist eines der seltenen Zeugnisse für eine deutsch-deutsche Vernetzung im Neonazi-Spektrum vor dem Mauerfall.

Ein Treffen an der Oder

Es ist ein eher kurzer Artikel, der in der Rubrik „Nachrichten aus der Szene“ in der 16. Ausgabe der Klartext im Jahr 1985 erschien. Veröffentlicht wurde er in einer Zeitschrift, die zum damaligen Zeitpunkt als zentrale Publikation der jüngst gegründeten Nationalistischen Front (NF) fungierte, neben der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) seinerzeit die zweite bundesweit agierende Partei des neonazistischen Spektrums. Doch der Inhalt des nur vier Absätze langen Textes barg Brisantes, beschrieb er doch einen Besuch, den Westberliner NF-Aktivisten einem „Kameraden“ in Frankfurt/Oder abgestattet hatten. Laut der NF beruhte das deutsch-deutsche Treffen auf einem festen „Bündnis der Freundschaft“ zwischen Skinheads, die zum einen beim Fußballverein Hertha BSC in West-Berlin und zum anderen beim 1. FC Union Berlin in Ost-Berlin zur Fanszene gehörten. Die Heimspiele des jeweils anderen besuchen konnten in der Regel nur die Westberliner Hertha-Fans, die sich dank der Regelung über Tagesvisa regelmäßig im Köpenicker Stadion an der Alten Försterei einfanden.[1] Mit dem geschilderten privaten Besuch bei einem Bekannten, der nach Frankfurt/Oder verzogen war, kam es nun aber auch zu einer Zusammenkunft, die die NF als ein politisches Treffen deklarierte, bei dem vorgeblich gemeinsam beschworen wurde, nach „einem befreiten und vereinten Deutschland“ zu streben.

 

Die Gestaltung und Funktion der Klartext

In dem Artikel betont die NF ihre Verankerung in der Skinhead- und der Fußball-Szene Westberlins, über die Kontakte zu Gleichgesinnten bei Union Berlin geknüpft werden könnten. Tatsächlich sah die neonazistische Kleinpartei, die besonderen Wert auf die Schulung politischer „Kader“ legte, unter den Skinheads und Hooligans ein besonderes Rekrutierungspotenzial.[2] Die Zielgruppe der gewaltaffinen und autoritär eingestellten jungen Männer, in denen die NF den Kern der von ihr angestrebten neonazistischen Bewegung sah, ist eindeutig an der generellen Aufmachung der Klartext zu erkennen. Die Publikation orientiert sich in Form und Inhalt an Fanzines, die Fußballanhänger*innen oder Angehörige der Skinhead-Szene selbst produzier(t)en und die besonders in den Fankurven der 1980er-Jahre Verbreitung fanden: Die in der Regel kurz gehaltenen und an „deutsche Fußballfans“ gerichteten Beiträge sind etwa durch Abbildungen von Zuschauer*innen in Stadien oder von Skinheads, die den Hitlergruß zeigen, eingerahmt. Deutlich abzulesen ist die politische Ausrichtung der Zeitschrift und der Kreis der Adressat*innen ebenso an den illustrierend abgedruckten Keltenkreuzen und Comicstrips. Letztere befinden sich auch auf jener Seite der Klartext-Ausgabe, auf welcher der eingangs erwähnte Artikel zu lesen ist: Eine mit dem Ausspruch „Schlagt die Linken, wo ihr sie trefft!“ verknüpfte Abbildung zeigt einen kahlköpfigen Mann, der sich die Ärmel hochkrempelt, und steht sinnbildlich für die offen zur Schau gestellte Gewaltbejahung der NF. Eine weitere Zeichnung stellt ein zu einem militärischen Kriegsschauplatz stilisiertes Fußballfeld dar, auf dem die gegnerische Mannschaft mit Maschinengewehren und Handgranaten angegriffen wird; mit der Idealisierung des Kriegerischen und dem Streben nach der physischen Vernichtung des Feindes verweist dies ebenfalls auf zwei zentrale Aspekte neonazistischen Denkens und Handelns. Hieran anknüpfend verdeutlicht die dazugehörige Bildbeschriftung, „Das Gute an unseren SKINS … ist die kämpferische Leistung!“, wie die NF die Rolle des ‚politischen Soldaten‘ auf Skinheads projizierte, die für und in der Partei den Kampf um die Straße führen sollten. Für ihre Rekrutierung war die Klartext ein zentrales Instrument. Trotz der Anlehnung an Fanzines hob sich das Blatt von diesen ab, etwa durch ein professioneller wirkendes Layout und einem teils mehrfarbigen Druck. Damit bemühte sich das NF-Organ, die eigene Führungsrolle auch stilistisch zu untermalen, die die Partei mit dem Verweis auf bestehende politische Kontakte in die DDR inhaltlich zu vermitteln versuchte.

 

Die NF und die Genese des deutsch-deutschen Neonazismus

Obschon der Wunsch nach nationaler Einheit, Dominanz oder gar „Wiedergeburt“ zum weltanschaulichen Kern der nationalistischen Rechten gehörte, sind für die 1980er-Jahre bislang kaum engere Kontakte zwischen west- und ostdeutschen AktivistInnen der extremen oder explizit neonazistischen Rechten bekannt. Aus diesem Grund besitzt der Artikel einen Seltenheitswert. Er ist einer der wenigen Belege, die sich in den Primärquellen des bundesdeutschen neonazistischen Lagers dafür finden lassen, dass bereits vor dem Mauerfall erste deutsch-deutsche Kontakte geknüpft wurden und die Geschichte des vereinigten Neonazismus nicht erst Ende 1989 begann. Zudem lässt sich anhand dieser Veröffentlichung wie auch weiterer neuer Quellenfunde die maßgebliche Rolle der NF nachzeichnen, die sie beim Aufbau neonazistischer Organisationen in den alsbald ‚neuen‘ Bundesländern und speziell in Brandenburg spielte.

Besonders hervorzuheben ist hierbei die NF-Ortsgruppe in Westberlin um ihren prägenden Leiter Andreas Pohl. Bereits seit Beginn der 1980er-Jahre im neonazistischen Lager aktiv, galt Pohl schon in dieser Zeit als bekanntes Gesicht der frühen Westberliner Skinhead-Szene.[3] Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), das ihn im Verlauf der 1980er-Jahre intensiv beobachtete,[4] wies ihm die Herausgeberschaft[5] der 1983 erschienenen Attacke zu, das heute als eines der ersten rechten Fanzines dieser Szene im Westen Deutschlands gilt.[6] Des Weiteren war er Schlagzeuger bei Kraft durch Froide, eine der ersten bekannten Oi!- und zugleich Rechtsrock-Bands in der Bundesrepublik.[7] Im November 1985 nahm er an jener Versammlung der NF teil, auf der sie sich endgültig als Partei konstituierte. Pohl kann daher als ihr Gründungsmitglied angesehen werden.[8] Durch seine Verankerung und exponierte Stellung innerhalb der Westberliner Skinhead-Szene, für die die Fankurve von Hertha BSC einen wichtigen Anlaufpunkt darstellte, prägte Pohl als integrative Persönlichkeit[9] entscheidend die strategische Ausrichtung der NF und der parteieigenen Klartext auf Skinheads. Dies blieb nicht ohne Erfolg: Diverse Quellenfunde sprechen für eine gewichtige Position der NF unter den Skinheads Westberlins in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre.[10]

Das MfS beobachtete ab spätestens Anfang 1984 häufige Begegnungen zwischen Pohl und seinen Mistreitern sowie Anhängern des FC Union Berlin, die das MfS als extrem rechte Skinheads einordnete.[11] Als eine – jedoch nicht als Skinhead deklarierte – regelmäßige Kontaktperson notierte es einen Union-Fan mit Wohnsitz in Frankfurt/Oder.[12] Es ist wahrscheinlich, dass ihm der in der Klartext geschilderte Besuch von Pohl und weiteren NF-Mitgliedern galt.

Zwar ist infrage zu stellen, ob die Begegnungen mit Bekannten tatsächlich Treffen unter politisch verbündeten „Kameraden“ darstellten; schließlich waren die durch das MfS bis zu dessen Einreisesperre[13] verzeichneten Versuche Pohls, ostdeutsche Kontaktpersonen mit Propagandamaterialien wie der Klartext neonazistisch zu beeinflussen, nicht immer erfolgreich.[14] Doch selbst dann, wenn aufgrund einer möglichen selbstüberhöhenden Eigendarstellung Abstriche zu machen sind, hatte die NF gleichwohl die reelle Sonderrolle inne, als westdeutsche neonazistische Organisation persönliche Kontakte in die DDR geknüpft zu haben. Weitere Arbeiten der laufenden historischen Forschung zur extremen Rechten werden den entscheidenden Anteil aufzeigen, den die NF am „Netzwerk von Netzwerken“[15] des bald vereinigten Neonazismus trug, das sich seit 1983 herausgebildet hatte und ab 1990 endgültig den Charakter einer Bewegung annahm.
 


[1] Zur Fanfreundschaft zwischen dem 1. FC Union Berlin und Hertha BSC, die bereits seit den frühen 1990er-Jahren in eine Lokalrivalität umgeschlagen ist, vgl. u.a. Hanns Leske, Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder, Göttingen: Die Werkstatt, 2004, S. 456f.

[2] Gideon Botsch, „Nationalismus – Eine Idee sucht Handelnde“. Die Nationalistische Front als Kaderschule für Neonazis, in: Heike Kleffner/Anna Spangenberg (Hg.), Generation Hoyerswerda. Das Netzwerk militanter Neonazis in Brandenburg, Berlin: be.bra, 2016, S. 74–97; Eric Angermann, Der Beginn des organisierten Neonazismus in Brandenburg. Die Aktivitäten neonazistischer Kleinparteien in den 1990er Jahren, in: Gideon Botsch/Christoph Schulze (Hg.), Rechtsparteien in Brandenburg. Zwischen Wahlalternative und Neonazismus 1990–2020, Berlin: be.bra, 2021, S. 75–98, hier S. 76–83.

[3] Vgl. Revolte im Gespräch: mit Andreas Siegfried Pohl, in: Revolte. Die Zeitung der nationalistischen Bewegung, Nr. 5, Februar 1993, S. 3, antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e.V. (apabiz), Sammlung Nationalistische Front; Bundesarchiv (BArch), Ministerium für Staatssicherheit (MfS), HA XXII, Nr. 529/25, Bl. 48.

[4] Vgl. Andreas Förster, Zielobjekt rechts. Wie die Stasi die westdeutsche Neonaziszene unterwanderte, Berlin: Ch. Links, 2018, S. 35, 224.

[5] BArch, MfS, HA XXII, Nr. 1096, Bl. 83.

[6] Attacke. 1. Berliner Skinhead-Magazin, Nr. 1, 1983, Landesarchiv Berlin (LAB), B Rep. 002, Nr. 10668 b. Zur Bedeutung dieser ersten Fanzines für den Aufbau einer subkulturell geprägten Gegenöffentlichkeit vgl. Christian Dornbusch/Jan Raabe, 20 Jahre Rechtsrock. Vom Skinhead-Rock zur Alltagskultur, in: dies. (Hg.), Rechtsrock. Bestandsaufnahme und Gegenstrategien, Münster: Unrast, 2002, S. 19–50, hier S. 27–30.

[7] Michael Weiss, Subkultur, Kommerz und Terrorismus. Die Netzwerke von Blood & Honour und Hammerskins in Brandenburg, in: Gideon Botsch/Jan Raabe/Christoph Schulze (Hg.), Rechtsrock. Aufstieg und Wandel neonazistischer Jugendkultur am Beispiel Brandenburgs, Berlin: be.bra, 2019, S. 143–164, hier S. 144.

[8] Anwesenheitsliste NF-Gründung, Steinhagen, 16.11.1985, BArch, B 449/968, Bl. 2.

[9] Vgl. hierzu auch Christoph Schulze, Rechtsrock in Brandenburg. Bands – Konzerte – Netzwerke – Ereignisse, in: Botsch/Raabe/Schulze (Hg.), Rechtsrock, S. 45–142, hier S. 57.

[10] So registrierte beispielsweise die Polizei Westberlins ein größeres Treffen bei Pohl, das sie nicht eindeutig als Kameradschaftstreffen oder Skinhead-Konzert einordnen konnte, tummelten sich doch unter den Anwesenden beinahe alle stadtbekannten Neonazis, vgl. VB Berlin: Kameradschaftstreffen (Skinhead-Konzert) am 22.1.1986 in Berlin, 27.1.1987, Niedersächsisches Landesarchiv (NLA), Nds. Acc. 2000/087, Nr. 3. Auch die Gestaltung von Skinhead-Fanzines aus Westberlin ist hierfür ein Indiz, da sich das NF-Logo auf einigen Seiten abgedruckt finden lässt, vgl. Hass & Gewalt, Nr. 2, Berlin 1989, Archiv der Jugendkulturen e.V., Berlin.

[11] BArch, MfS, HA XXII, Nr. 17624, Bl. 161f. Zu den ersten Skinheads bei Union Berlin und dem BFC Dynamo vgl. u.a. Frank Willmann (Hg.), Stadionpartisanen. Fans und Hooligans in der DDR, Berlin: Verlag Neues Leben, 2007, S. 32f.

[12] BArch, MfS, HA IX, Nr. 1481, Bl. 26f.

[13] BArch, MfS, HA XXII, Nr. 529/25, Bl. 48.

[14] So zumindest laut Erkenntnissen des MfS, vgl. den OPK „Schwert“ gegen Pohl, MfS, AOPK, Nr. 7915/91.

[15] Thomas Grumke, Die rechtsextremistische Bewegung, in: Roland Roth/Dieter Rucht (Hg.), Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945. Ein Handbuch, Frankfurt a.M./New York: Campus, 2008, S. 475–491, hier S. 479.

Digital Object Identifier
2963
Auswahlbibliografie
  • Eric Angermann, Der Beginn des organisierten Neonazismus in Brandenburg. Die Aktivitäten neonazistischer Kleinparteien in den 1990er Jahren, in: Gideon Botsch/Christoph Schulze (Hg.), Rechtsparteien in Brandenburg. Zwischen Wahlalternative und Neonazismus 1990–2020, Berlin: be.bra, 2021, S. 75–98.

  • Gideon Botsch, „Nationalismus – Eine Idee sucht Handelnde“. Die Nationalistische Front als Kaderschule für Neonazis, in: Heike Kleffner/Anna Spangenberg (Hg.), Generation Hoyerswerda. Das Netzwerk militanter Neonazis in Brandenburg, Berlin: be.bra, 2016, S. 74–97.

  • Gideon Botsch/Jan Raabe/Christoph Schulze (Hg.), Rechtsrock. Aufstieg und Wandel neonazistischer Jugendkultur am Beispiel Brandenburgs, Berlin: be.bra, 2019.

Erscheinungsdatum

Themenfelder

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Publikationsorgane

Zitationsempfehlung

Eric Angermann, Deutsch-deutsche Kontakte vor 1989/90: Die nationalistische Front und ihre Vernetzung in die DDR, in: Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000. Eine kommentierte Online-Quellensammlung, 28.11.2025, https://radikale-rechte.de/comment/001-angermann-klartext, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2963.

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