Zitationsempfehlung
Barbara Manthe, Inszenierung des Unpolitischen: Ein antisemitischer Artikel in der Zeitschrift Kommando der Wehrsportgruppe Hoffmann, in: Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000. Eine kommentierte Online-Quellensammlung, 28.11.2025, https://radikale-rechte.de/comment/020-manthe-hoffmann-mauerwerk, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2980.
Inszenierung des Unpolitischen:
Ein antisemitischer Artikel in der Zeitschrift Kommando der Wehrsportgruppe Hoffmann
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Zum Zeitpunkt des Erscheinens des Artikels im März 1979 war der 41-jährige Karl-Heinz Hoffmann einer der bekanntesten Funktionäre der militanten radikalen Rechten in der Bundesrepublik. Seine von ihm zu Beginn der 1970er-Jahre gegründete rechtsradikale Wehrsportgruppe (WSG) hatte sich zu einem bundesweit erfolgreichen, gerade bei jüngeren Männern beliebten rechtsradikalen Zusammenschluss entwickelt; sie bildete die mit Abstand größte derartige Gruppe in der Bundesrepublik.[1] Mit dem öffentlichen und demonstrativen Tragen von Waffen und Uniformen gab sich die WSG Hoffmann einen explizit militaristischen Anstrich, präsentierte sich aber auch als Truppe, die jungen Leuten Disziplin, Traditionsbewusstsein und Werte vermittele. Hoffmann versuchte in der Öffentlichkeit stets, Distanz zur neonazistischen Szene zu wahren. Auch wenn er sich immer wieder implizit positiv auf den Nationalsozialismus bezog und enge Kontakte zu anderen Szenegrößen pflegte, nutzte er – im Unterschied zu Funktionären wie Michael Kühnen oder Manfred Roeder – keine den Nationalsozialismus offen glorifizierende Sprache. Dies mag ein Grund dafür gewesen sein, weshalb er sich auch in den Medien erfolgreich als „unpolitischer“ Militarist darstellen konnte, der jegliche Verantwortung für rechtsterroristische Taten aus seinem Umfeld von sich wies.[2]
Hoffmanns Kommando-Artikel
Das wichtigste Organ seiner Außendarstellung war die WSG-eigene Zeitschrift Kommando. Zeitung der WSG für den europäischen Freiwilligen, in der Hoffmann selbst, aber auch Gesinnungsfreunde publizierten. Das Blatt erschien von Januar bis September 1979 und richtete sich in erster Linie an Sympathisant*innen der WSG und an das rechtsradikale Spektrum in der Bundesrepublik wie im westeuropäischen Ausland.[3] Es handelte sich dabei nicht um eine interne Schrift, die nur innerhalb der Szene zirkulieren sollte, sondern sie war auch für Außenstehende zugänglich, etwa für Journalist*innen.[4]
Im März 1979 erschien in der zweiten Ausgabe der Kommando der einseitige Artikel „Ist altes Mauerwerk politisch?“ In diesem Text behandelt der Verfasser Hoffmann drei Themen, die er miteinander in Beziehung setzt: Erstens kritisiert er den Umgang mit dem Rechtsradikalismus und der WSG Hoffmann, zweitens relativiert er die nationalsozialistische Judenverfolgung und greift die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus an und drittens verfolgt er eine antisemitische Stoßrichtung.[5]
Der Artikel befasst sich vordergründig mit zwei alten Bauwerken im oberfränkischen Ermreuth, einem Dorf rund 20 Kilometer von Erlangen entfernt: Zum einen thematisiert der Verfasser die negativen öffentlichen Reaktionen auf den Kauf des Schlosses Ermreuth, das Hoffmanns Verlobte kurz zuvor erworben hatte.[6] Zum anderen kritisiert Hoffmann den Zustand der Ermreuther Synagoge, die seiner Meinung nach nicht ausreichend gepflegt werde. In diesem Zusammenhang geht der WSG-Leiter auch auf die lokale und deutschlandweite Erinnerung an die Novemberpogrome 1938 ein. Als eine Ursache der ungenügenden Instandhaltung der Ermreuther Synagoge nennt Hoffmann das angeblich mangelnde Interesse des Landesverbands der israelitischen Kultusgemeinden und nennt in diesem Zusammenhang namentlich Shlomo Lewin. Dessen nachfolgende Ermordung durch einen engen Vertrauten Hoffmanns gibt dem Artikel eine besondere Bedeutung, denn er weist auf die Verbindung zwischen rechtsradikaler Propaganda und Gewalt hin.[7] Als der Doppelmord von Erlangen vor Gericht verhandelt wurde, sagte Hoffmann dort aus, der Täter Uwe Behrendt habe sich durch seine antisemitischen Äußerungen ermuntert gefühlt.[8]
Selbstdarstellung als „unpolitisch“
Die ansonsten vorherrschende Selbstdarstellung der Wehrsportgruppe als unpolitische Truppe unterstreicht auch die vorliegende Quelle: Das Schloss in Ermreuth, in dem Hoffmann ab 1979 residierte, bezeichnet er als „heruntergekommenes, kulturhistorisch wertvolles Anwesen“. Um es zu erhalten habe er „junge Leute“ motivieren können, „statt in stickigen Kneipen herumzulungern[,] ihre Arbeitskraft freiwillig und unentgeltlich“ einzusetzen – dies sei ein „für die heutige Zeit vollkommen unübliche[r] Zustand“. So präsentiert Hoffmann seine Anhänger in positivem Kontrast zu anderen jungen Menschen – ohne dass er es aussprechen musste, dürfte er damit Angehörige der in den 1970er-Jahren florierenden linksalternativen jugendlichen Subkulturen gemeint haben. Als völlig unverständlich stellt es Hoffmann daher dar, dass die Nutzung des Schlosses durch die WSG nicht auf allgemeine Zustimmung stieß.
In den späten 1970er-Jahren war die westdeutsche Öffentlichkeit für den erstarkenden Rechtsradikalismus sensibilisiert; die Medien berichteten kritisch über die gewalttätige rechtsradikale Szene, auch über die WSG Hoffmann. Zudem gewannen zivilgesellschaftliche Initiativen gegen rechts an Zulauf. Gegen die Präsenz Hoffmanns in Ermreuth fanden Kundgebungen und Demonstrationen statt. Flankiert und intensiviert wurden diese Entwicklungen von verschärften staatlichen Maßnahmen gegen den Rechtsradikalismus. So bereitete Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) 1979 ein Verbotsverfahren gegen die WSG Hoffmann vor, das er im Januar 1980 umsetzte. Hoffmanns Meinung nach seien es „gewisse Kreise in diesem komplexbeladenen Lande“, die jedwede seiner Aktivitäten „nach politischer Interessenslage“, also übermäßig kritisch beurteilten.
Verharmlosung des Nationalsozialismus
Der „Zeitgeist“ macht sich für Hoffmann nicht nur in der politischen Abwehrhaltung gegen den Rechtsradikalismus bemerkbar, sondern auch in der Erinnerung an den Nationalsozialismus. Das Gedenken an den Nationalsozialismus hatte Ende der 1970er-Jahre neue Impulse erhalten. Die bundesweiten Veranstaltungen zum 40. Jahrestag der Novemberpogrome 1978 und die immense Aufmerksamkeit für die TV-Serie Holocaust im westdeutschen Fernsehen im Januar 1979 waren deutliche Signale, dass sich die westdeutsche Gesellschaft nun mehr als zuvor mit der Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung auseinandersetzte.[9] In seinem Artikel deutet Hoffmann das Gedenken an die Novemberpogrome als „von oben befohlenen propagandistischen“ Akt. Als „unerträglich“ bezeichnet er die Berichterstattung der Nürnberger Nachrichten über die Pogrome in Ermreuth, und er bemühte sich, die Gewalt des Jahres 1938 als „Tumulte“ und Handgreiflichkeiten zu trivialisieren. So verharmlost er die schwere Misshandlung des Ermreuthers Max Wassermann durch einen NSDAP-Ortsgruppenleiter zu einer „Ohrfeige“, die zwar „bedauerlich“, aber kein „besonderes Ereignis von umwälzend historischer Bedeutung“ gewesen sei. Dass Wassermann 1942 an den Folgen starb und fast seine gesamte Familie deportiert und ermordet wurde, übergeht Hoffmann.[10] Der WSG-Leiter nutzt die gängige rechtsradikale Argumentationsstrategie, neben der Relativierung der NS-Verbrechen sich selbst als das eigentliche Opfer darzustellen. So schreibt er, für „Gewalttätigkeiten auf der Straße kennen wir ja auch genügend Beispiele aus unserem heutigen ‚demokratischen Rechtsstaat‘“, womit er vermutlich auf die Auseinandersetzungen bei rechtsradikalen Aufmärschen und Treffen abzielt, die häufig von Gegendemonstrationen begleitet waren.
Antisemitische Propaganda und Gewalt
Das Beispiel der Ermreuther Synagoge nimmt Hoffmann als Aufhänger für den dritten Themenkomplex, in dem er der jüdischen Gemeinde vermeintliches Fehlverhalten unterstellt. In diesem Textteil zeigen sich deutliche antisemitische Untertöne; sie strafen seine wiederholten öffentlichen Bekundungen, er habe eigentlich nichts gegen Juden, Lügen. Den schlechten Zustand der Synagoge kreidet Hoffmann unter anderem der angeblichen Gleichgültigkeit der israelitischen Kultusgemeinde an. Ohne Begründung behauptet er, es sei ausgeschlossen, „junge Juden zu finden, die bereit sind, ihre Kulturstätten auf deutschem Boden in freiwilligem Arbeitseinsatz zu pflegen“ – ganz im Gegensatz zu seinen eigenen Anhängern: Während die WSG-Angehörigen zur Arbeit bereit seien, bedient Hoffmann das antisemitische Klischee, dass Juden körperliche Arbeit fremd sei. Es „sollte wenigstens“, so Hoffmann weiter, das Vorurteil einer einflussreichen jüdischen Elite aufrufend, der „Einfluss kultivierter Juden ausreichen, um die Erhaltung auf andere Weise zu sichern“. Antisemitische Verschwörungserzählungen finden sich immer wieder in Hoffmanns Äußerungen; so deutete er gegenüber seinen Anhängern das Attentat auf das Münchner Oktoberfest im September 1980 als Aktion des israelischen Geheimdienstes Mossad.[11]
Schließlich erweckt Hoffmann den Eindruck, den schlechten Zustand der jüdischen Orte wollten nicht näher benannte „Propagandisten“ gegen die in Ermreuth ansässige WSG nutzen. Hier nennt er namentlich den in Erlangen lebenden Vorsitzenden der israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg, Shlomo Lewin, den er jedoch fälschlich als Vorsitzenden des Landesverbands der israelitischen Kultusgemeinden vorstellt.[12] Uwe Behrendt, einer der engsten Vertrauten Hoffmanns, der seinerzeit in dessen Schloss in Ermreuth wohnte, erschoss am 19. Dezember 1980 Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin Frida Poeschke in ihrem Wohnhaus in Erlangen.
Dass Hoffmann ausgerechnet Lewin nennt, mag daran gelegen haben, dass ihm dessen Engagement gegen Rechtsradikalismus und die Wehrsportgruppe Hoffmann bekannt war. 1977 war in der italienischen Zeitschrift OGGI eine große Reportage über die radikale Rechte in der Bundesrepublik erschienen, in der auch die WSG Hoffmann portraitiert wurde. In diesem Beitrag kam Shlomo Lewin als Repräsentant zivilgesellschaftlicher Bewegungen gegen rechts zu Wort. Zudem hatte sich Lewin als Redner an Demonstrationen gegen rechts in Nürnberg beteiligt.[13]
Im Winter 1980/81, in den ersten Wochen nach dem Mord an Lewin und Poeschke, zog die Polizei diese Dokumente und Informationen nicht dazu heran, eine mögliche Täterschaft im Umfeld der WSG Hoffmann zu prüfen. Stattdessen ermittelte sie vorrangig innerhalb der jüdischen Gemeinde.[14] Erst im Februar 1981 kamen die Ermittler auf die richtige Spur; Hoffmann und seine Verlobte wurden im Juni wegen dringenden Tatverdachts festgenommen, 1986 aber vom Mordvorwurf freigesprochen. Uwe Behrendt musste sich nicht vor Gericht verantworten, er war 1981 im Libanon verstorben, vorgeblich durch Suizid.[15]
Fazit
Der süffisante Schreibstil des Artikels ist typisch für die Art und Weise, wie Hoffmann in die Öffentlichkeit kommunizierte. Er kokettierte gerne mit dem Ruf des Antisemiten, der ihm vorauseilte – so bezeichnete er sich einmal als „Judenfresser“ –, markierte sich und seine Ausführungen aber stets als harmlos.[16] Tatsächlich gelang es Hoffmann, dass sein Antisemitismus – anders als etwa bei Roeder oder Kühnen – in den zeitgenössischen westdeutschen Medien kaum ein Thema war. Dass sich Hoffmann in den 1970er- und 1980er-Jahren immer wieder in großen Leitmedien selbst präsentieren konnte, teils in seitenlangen Interviews, ist ferner Anzeichen einer medialen Dynamik in der Berichterstattung über den Rechtsradikalismus: Die Medienstrategien eines eloquenten Interviewpartners wie Hoffmann wurden auch von einem Journalismus, der dem Rechtsradikalismus kritisch gegenüberstand, kaum hinterfragt.
[1] Vgl. Ulrich Chaussy, Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen. Wie Rechtsterrorismus und Antisemitismus seit 1980 verdrängt werden, 3. Aufl., Berlin: Ch. Links, 2020, S. 260–262.
[2] Vgl. Jörg Requate, Terrorismus in der Mediengesellschaft. Kommunikative Strategien links- und rechtsterroristischer Gruppen in der Bundesrepublik Deutschland, in: Nicolas Bonnet u.a. (Hg.), Sociétés face à la terreur (de 1960 á nos jours). Discours, mémoire et identité, Binges: Éditions Orbis Tertius, 2017, S. 321–342, hier S. 328–335; Gideon Botsch, Die extreme Rechte in der Bundesrepublik Deutschland. 1949 bis heute, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2012, S. 80.
[3] Vgl. Rainer Fromm, Die „Wehrsportgruppe Hoffmann“: Darstellung, Analyse und Entwicklung. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen und europäischen Rechtsextremismus, Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang, 1998, S. 29, 277.
[4] Die Ausgaben der Kommando sind in diversen staatlichen und nicht-staatlichen Archiven überliefert, so etwa im Bestand Wehrsportgruppe Hoffmann im BArch, B 106/102244; B 106/78959; B 106/78960.
[5] Vgl. zu dem Artikel auch Chaussy, Oktoberfest-Attentat, S. 273.
[6] Bundesministerium des Innern (Hg.), betrifft: 1978 Verfassungsschutz, Bonn 1979, S. 44–46.
[7] Vgl. hierzu umfassend Chaussy, Oktoberfest-Attentat; Uffa Jensen, Ein antisemitischer Doppelmord. Die vergessene Geschichte des Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik, Berlin: Suhrkamp, 2022.
[8] Landgericht Nürnberg-Fürth, Urteil der 3. Strafkammer in der Strafsache gegen Karl-Heinz Hoffmann und Franziska B., 7.5.1986, 3 Ks 340 Js 40387/81, Bl. 765; Jensen, Doppelmord, S. 187–204.
[9] Vgl. Frank Bösch, Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann, München: C.H.Beck, 2019, S. 363–395.
[10] Gedenkbuch der jüdischen Bürger Oberfrankens, Universität Bamberg, https://www.uni-bamberg.de/euroethno/forschung/projekte/forschungsstelle-landjudentum/gedenkbuch/ermreuth (letzter Zugriff: 15.6.2022); Jüdisches Leben in Bayern, Haus der Bayerischen Geschichte, https://www.hdbg.eu/juedisches_leben/gemeinde/ermreuth/648 (letzter Zugriff: 15.6.2022).
[11] Vgl. „Mit dem Rucksack“, Der Spiegel, 19.8.1984; Chaussy, Oktoberfest-Attentat, S. 277–280.
[12] Chaussy, Oktoberfest-Attentat, S. 255–257.
[13] Bundesministerium des Innern, Übersetzung eines Artikels aus der Wochenzeitung OGGI Nr. 9 vom 26.2.1977, Bundesarchiv (BArch) Koblenz, B 106/78958, o.Bl.; umfassend dazu Chaussy, Oktoberfest-Attentat, S. 260–271.
[14] Vgl. Chaussy, Oktoberfest-Attentat, S. 253–259; Ronen Steinke, Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt. Eine Anklage, Berlin/München: Berlin Verlag, 2020, S. 8–14.
[15] Der Leitende Oberstaatsanwalt beim Landgericht Nürnberg-Fürth an den Generalstaatsanwalt in Nürnberg, 31.3.1981, BArch, B 106/102245, Bl. 39–44; Schreiben des Bayerischen Landeskriminalamt, 19.10.1984, Staatsarchiv Nürnberg, Staatsanwaltschaft b.d. LG Nbg.-Fürth 2018-02,1520, Bl. 63.
[16] Hans-Wolfgang Sternsdorff, „Chef, ich habe den Vorsitzenden erschossen“, Der Spiegel, 18.11.1984; vgl. auch Flugblatt der WSG Hoffmann „Furz als Donnerschlag“, o.D., BArch, B 106/78959, o.Bl.
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Ulrich Chaussy, Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen. Wie Rechtsterrorismus und Antisemitismus seit 1980 verdrängt werden, 3. Aufl., Berlin: Ch. Links, 2020 [zuerst 1985].
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Rainer Fromm, Die „Wehrsportgruppe Hoffmann“: Darstellung, Analyse und Entwicklung. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen und europäischen Rechtsextremismus, Frankfurt am Main: Peter Lang, 1998.
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Uffa Jensen, Ein antisemitischer Doppelmord. Die vergessene Geschichte des Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik, Berlin: Suhrkamp, 2022.
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Ronen Steinke, Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt. Eine Anklage, Berlin/München: Berlin Verlag, 2020.
020 Hoffmann Mauerwerk
Ist altes Mauerwerk politisch?
Erwirbt eine Privatperson ein heruntergekommenes, kulturhistorisch wertvolles Anwesen in der Absicht, es zu erhalten, so sollte dies allgemein als glücklicher Umstand und grundsätzlich von jedermann als lobenswert beurteilt werden. Finden sich nun dazu noch jung Leute bereit, statt in stickigen Kneipen herumzulungern[,] ihre Arbeitskraft freiwillig und unentgeltlich für die Erhaltung dieses gefährdeten Kulturdenkmales einzusetzen, so sollte dieser, für die heutige Zeit vollkommen unübliche Umstand ebenfalls allgemein Anerkennung finden.
So sollte man meinen!
Leider können gewisse Kreise in diesem komplexbeladenen Lande nicht umhin, so gar [sic] die Instandsetzung eines erhaltungswürdigen Baukörpers nach politischer Interessenlage zu beurteilen.
Im konkreten Falle geht ein abgewirtschaftetes Schloß aus privater Hand in den Besitz einer anderen Privatperson über. Staat und Gemeinde sind zwar erst einmal froh, daß sich jemand findet, der den Mut hat, die Sanierung anzugreifen, dann aber stellt sich heraus, daß die Wehrsportgruppe Hoffmann den Ausbau betreibt, und sofort ist der Teufel los. Regierungsdirektor Hofmann vom Landratsamt Forchheim äußert, wie einem Artikel der Nürnberger - bzw. Erlanger Nachrichten zu entnehmen war: „Wir wußten nicht, welche Laus wir uns da in den Pelz gesetzt haben.“
Naja. als Regierungsdirektor weiß man eben hierzulande, was man dem Zeitgeist schuldig ist.
Ebenso unerträglich empfindet man auch, gelegentlich das Berichterstattungsniveau der Nürnberger Nachrichten. Im Zusammenhang mit der gigantischen, von oben empfohlenen, propagandistischen Aufbereitung der Reichskristallnacht wurde unter besonderer Herausstellung der damaligen Ereignisse in Ermreuth per Artikel vom 25.4.78 durch die in diesem Zusammenhang völlig unzutreffende Formulierung ‚brandschatzen‘ fälschlich der Eindruck erweckt, als sei die dortige Synagoge seinerzeit total zerstört und niedergebrannt worden. Auch ist es, am Rande vermerkt, selbstverständlich bedauerlich, wenn ein gewisser Herr Wassermann während der Kristallnachttumulte eine Ohrfeige erhielt, aber als besonderes Ereignis von umwälzend historischer Bedeutung kann man diesen Vorfall wiederum nicht gelten lassen. Für Gewalttätigkeiten auf der Straße kennen wir ja auch genügend Beispiele aus unserem heutigen „demokratischen Rechtsstaat“. Auf jeden Fall steht die Ermreuther Synagoge, allen überzogenen Formulierungen zum Trotz[,] heute noch, dazu in einem, am Alter gemessenen, relativ guten baulichen Erhaltungszustand. Leider profan als Lagerschuppen genutzt, seit langer Zeit ohne Fensterscheiben, verwahrlost. Mit anderen Worten ein Opfer der Interesselosigkeit unserer Gesellschaft und nicht zuletzt der jüdischen Kultusgemeinde. Wenn es schon ausgeschlossen erscheint, junge Juden zu finden, die bereit sind, ihre Kulturstätten auf deutschem Boden in freiwilligem Arbeitseinsatz zu pflegen, so sollte wenigstens der Einfluß kultivierter Juden ausreichen, um die Erhaltung auf andere Weise zu sichern.
Dieser Vorwurf muß sich in erster Linie gegen den Landesverband der israelitischen Kultusgemeinde richten (Vorsitzender Rabbi Schlomo Levin). Umsomehr als der Freistaat Bayern und der Bund die erforderlichen Mittel zweckgebunden für derartige Maßnahmen regelmäßig zur Verfügung stellen. Die jährlichen Zuwendungen liegen bei etwa einer halben Million DM. Mit diesen Mitteln soll der Landesverband die notwendigen Instandsetzungsmaßnahmen der israelitischen Kultstätten bestreiten.
Im Bulletin der Bayerischen Staatsregierung 11/76 vom 24. März 1976 heißt es dazu:
„Zum Pflegen gehört es insbesondere auch, die Grabdenkmäler sichern und umgestürzte Grabsteine wieder aufrichten zu lassen, sowie das regelmäßige Grasschneiden und die Beseitigung von Unkraut. Den Umfang der Arbeiten bestimmt der Landesverband selbst.“
Der Ermreuther Judenfriedhof sieht leider ebensowenig wie die Synagoge danach aus, als ob sich in den letzten Jahren jemand darum gekümmert hätte. Wenn es jedoch darum geht, die jüdischen Kultstätten gegen uns, die in Ermreuth weilende WSG zu nutzen, dann kommt den Propagandisten der verkommene Zustand offenbar nicht ungelegen.
Karl Heinz Hoffmann
Karl Heinz Hoffmann, Ist altes Mauerwerk politisch?, in: Kommando. Zeitschrift der WSG für den europäischen Freiwilligen 1 (März 1979), Nr. 2, S. 11.