Zitationsempfehlung
Christoph Schulze, Bomben gegen das US-Imperium: Abschied vom Hitlerismus, in: Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000. Eine kommentierte Online-Quellensammlung, 28.11.2025, https://radikale-rechte.de/comment/029-schulze-hepp-kexel, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2988.
Bomben gegen das US-Imperium:
Abschied vom Hitlerismus
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Kritik am eigenen Lager
Beim „Abschied vom Hitlerismus“ handelt es sich um ein Rundschreiben, welches dreieinhalb maschinenschriftliche Seiten umfasst. Eine Adresse in Offenbach ist als Kontaktmöglichkeit der Autoren, den Neonazi-Militanten Odfried Hepp und Walther Kexel, vermerkt. Das Schreiben ist datiert auf den 30. Juni 1982 und handschriftlich signiert. Weil über sie in „nationalen“ Kreisen „Unsinn“ erzählt werde, sei dieses Schreiben nötig, erklären die Autoren eingangs. Es diene dazu, sich sowohl vom „Hitlerismus“ als auch von „bürgerlichen Erscheinungsformen des Nationalismus“ loszusagen. In welchen Stückzahlen und an wen das Papier verschickt wurde, ist nicht dokumentiert.
Der Nationalsozialismus als Idee, so Hepp und Kexel, sei vom Nationalsozialismus in der Praxis und an der Macht zu unterscheiden. Er habe „richtige und gute“ Ansatzpunkte gehabt, und in der NSDAP seien hellsichtige und „gute revolutionäre Kräfte“ tätig gewesen. Namentlich Bezug nehmen die beiden auf die NS-Abweichler Ernst Niekisch, Otto und Gregor Strasser, auf Walther Stennes und den als „letzten Revolutionär in der SA“ gewürdigten Ernst Röhm. Offen bleibt, ob die Datierung des Schreibens auf den Jahrestag der „Nacht der langen Messer“ (30. Juni/1. Juli 1934) anspielt, in der Hitler Röhm und andere Konkurrenten ermorden ließ.
Hepp und Kexel grenzen sich von der „bürgerlichen“ NSDAP und der Person Hitlers ab. Durch einen sanften Kurs gegenüber dem Westen und Unerbittlichkeit gegenüber dem Osten sei von Hitler das „Versailler Diktat“ stabilisiert worden. Er habe sich vom Westen „wie ein Schulkind in den Krieg […] führen“ lassen. Durch den Angriff auf die Sowjetunion sei „unsägliches Leid für das deutsche und das russische Volk“ entstanden. Die hier geübte Kritik verbleibt trotz ihrer Deutlichkeit im Wesentlichen beschränkt auf die Person Hitlers. Die Shoah und andere NS-Verbrechen werden nicht erwähnt.
Hepp und Kexel warnen darauf aufbauend „junge Kameraden“, sich nicht dem „Hitler-Kult“ zu unterwerfen, in den weite Teile des eigenen Lagers abgeglitten seien und der genauso wie ein pro-westlicher, bürgerlicher Nationalismus zu verwerfen sei. Die DDR hingegen sei nicht als feindlich zu bewerten, gerade weil ihr deutscher Charakter nicht durch westlichen Einfluss deformiert worden sei. Vonnöten sei es, einen „antiimperialistischen Befreiungskampf“ „gegen den Amerikanismus“ einzuleiten. Dafür sollte sich „die aktivistische Jugend, die es in linken und rechten Kreisen gibt“, zusammenschließen. Auch „ausländische Antiimperialisten“ seien willkommen. Hepp und Kexel reklamieren, sich selbst weder als „rechts“ noch als „links“ zu verorten und für ein neutrales Deutschland einzutreten. Den Signaturen ist eine Parole vorangestellt: „Vorwärts im antiimperialistischen Befreiungskampf“.
Weg in den Terrorismus
Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Erklärung waren Hepp und Kexel 24 bzw. 20 Jahre alt. Obschon vergleichsweise jung handelte es sich bei den beiden um polizeibekannte Neonazis und Rechtsterroristen, die bereits Gewalttaten verübt hatten und einen harschen Antisemitismus vertraten. Kexel amtierte zuvor als hessischer Vize-Landesvorsitzender der (im Januar 1982 verbotenen) Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands (VSBD).[1] Er war befreundet mit VSBD-Mitglied Frank Schubert, der im Dezember 1980 bei einem Waffenschmuggel zwei Schweizer Grenzbeamte erschossen und sich dann selbst getötet hatte. Durch seinen Kontakt zum Altnazi Erwin Schönborn in Frankfurt am Main war Kexel mit der Adaption antiimperialistischer Rhetorik im Rechtsextremismus vertraut.[2]
Hepp wiederum war in völkischen Jugendbünden wie der Wiking-Jugend politisch sozialisiert worden[3] und ideologisch stark vom späteren Anführer der Deutschen Aktionsgruppen, Manfred Roeder, beeinflusst.[4] 1980/81 verbrachte Hepp mehrere Monate in einem Lager im südlibanesischen Operationsgebiet der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), in das sich nach dem Verbot der Wehrsportgruppe Hoffmann rund 15 deutsche Neonazis zurückgezogen hatten.[5] Zur Finanzierung der Reise hatte Hepp eine Bank überfallen.[6] Er fiel im Lager in Ungnade, wurde zeitweise als Gefangener gehalten und misshandelt. Sein Begleiter Kay-Uwe Bergmann wurde ermordet. Hepp gelang die Flucht zurück in die Bundesrepublik, wo er zu 16 Monaten Haft verurteilt wurde, von denen er mehrere absaß. Während des Prozesses präsentierte er sich als „reichstreuer“ Aktivist.[7]
Mit Kexel, den Hepp erst im Dezember 1981 kennengelernt hatte, diskutierte er über neue Wege für einen bewaffneten Kampf. Kexel hatte angesichts seiner Enttäuschungen über das Neonazimilieu zuvor versucht, Kontakte zum Unterstützermilieu der Roten Armee Fraktion (RAF) und zur (Provisional) Irish Republican Army aufzubauen.[8] Währenddessen nahm Hepp im Februar 1982 Verbindung zum Ministerium für Staatssicherheit in Ost-Berlin auf und trug dem DDR-Geheimdienst fortan Informationen über den bundesrepublikanischen Rechtsextremismus zu.[9]
Kexel und Hepp bereiteten dann gemeinsam mit dem Rechtsterroristen Peter Naumann eine Aktion vor, bei der am 8. Mai 1982 der ehemalige Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß aus dem Spandauer Kriegsverbrechergefängnis befreit werden sollte. Allerdings wurde das Vorhaben in der Planungsphase verworfen.[10] Teile der Kritik am Neonazismus in ihrer Erklärung dürften konkret auf die Erfahrung mit Naumann gemünzt gewesen sein.[11]
Hepp und Kexel rekrutierten sodann andere Neonazis für die geplante terroristische Zelle und standen vor dem Schritt in den Untergrund, als sie ihre Erklärung verfassten. Insofern erscheint es als kühn, dass sie das Schreiben mit Klarnamen und Adresse verschickten. Vor der Niederschrift hatte die Gruppe schon eine Sparkasse ausgeraubt, danach folgten weitere Banküberfälle. Schließlich verübte sie eine Reihe von Sprengstoffanschlägen auf Einrichtungen der US-Armee, bei denen mehrere GIs verletzt wurden.[12] Zu den Anschlägen wurden keine Tatbekenntnisse veröffentlicht. Während mithilfe der Banküberfälle die konspirative Existenz der Zelle abgesichert und ein legaler Arm unter der Bezeichnung Deutsche Befreiungsorganisation[13] finanziert werden sollte, erhoffte die Gruppe durch ihre Anschläge, den Abzug der US-Truppen auslösen zu können.[14] Die Wahl von einfachen US-Armee-Angehörigen als Ziele habe diesem Zweck als „blindes“ Zuschlagen „an beliebigen Stellen“ gedient.[15] Die Behörden ermittelten trotz Unterschieden im Modus Operandi in Richtung der linksradikalen Revolutionären Zellen und der RAF.[16]
Im Februar 1983 wurden Kexel und ein Komplize in England sowie drei weitere Zellenmitglieder in Frankfurt am Main verhaftet.[17] Nach der Verurteilung zu einer hohen Haftstrafe im März 1985 nahm sich Kexel das Leben. Hepp gelang die Flucht in die DDR, wo er von der Staatssicherheit betreut wurde.[18] Ab 1983 hielt er sich in Syrien und Tunesien auf, schloss sich dort einer Fraktion der Palestine Liberation Front (PLF) an,[19] wurde 1985 in Paris festgenommen, nach Deutschland ausgeliefert und im Oktober 1987 zu einer zehneinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt. Bis 1993 blieb er inhaftiert.
Ablehnung im Neonazismus
Der „Abschied vom Hitlerismus“ rief im Frühsommer 1982 in der Neonazi-Bewegung scharfe Ablehnung hervor. Dabei hatte Michael Kühnen, der damals bekannteste deutsche Neonazi, in seiner 1979 verfassten Programmschrift ebenfalls positive Bezüge auf Ernst Röhm formuliert, Antiamerikanismus und Antiimperialismus propagiert sowie auf das Potenzial hingewiesen, welches eine Vereinigung der „gewaltigen revolutionären Ströme von rechts und links“ angeblich berge.[20] Die als Beschimpfung verstandene Kritik durch Hepp/Kexel und ihre Ablehnung eines „Uniformfetischismus“ gingen Kühnen jedoch zu weit. Er urteilte, Hepp und Kexel hätten sich jenseits einer „sinnvollen politischen Gestaltung und Zukunftsbewältigung“ gestellt. Ein Antiimperialismus „im Bündnis mit dem derzeit größten Imperium der Erde“ (gemeint war die Sowjetunion) sei widersinnig. Zudem sei taktisch nur eine „legale Revolution“ aussichtsreich.[21] In ihrer Erwiderung an Kühnen vertieften Hepp und Kexel den Graben weiter und sprachen ihm sarkastisch Dank dafür aus, dass er ihnen die „Hitler-Fetischisten vom Halse“ halte.[22]
Eine Ausnahme gegenüber anderen Reaktionen aus dem Neonazismus auf den „Abschied vom Hitlerismus“ stellt ein offener Brief der zu dieser Zeit inhaftierten Neonazis Christine und Klaus-Dieter Hewicker dar, die darin ähnlich wie Hepp und Kexel argumentierten und ihnen Solidarität bekundeten. Das Ehepaar hatte sich zuvor aus der VSBD gelöst und ebenfalls rechtsterroristischen Strategien verschrieben.[23]
Antiamerikanismus rückt in den Vordergrund
Der „Abschied vom Hitlerismus“ markiert einen Zwischenschritt in der politischen Entwicklung von Hepp und Kexel. Just zum endgültigen Eintritt in den Terrorismus lösten sie sich aus ihrem politischen Heimatmilieu. Dafür dürften mehrere Faktoren ausschlaggebend gewesen sein: Eine Enttäuschung über Erscheinungsbild und Aussichtslosigkeit der Neonazipolitik; die Konjunkturen der Friedensbewegung, der antiimperialistischen Linken sowie der palästinensischen Militanten; eine Bewunderung der konspirativen Fähigkeiten der RAF; eine politische Analyse, die auf antisemitischer Grundlage in den USA den Hauptgegner Deutschlands ausmachte. Die Autoren gingen von einer Übereinstimmung ihrer Interessen mit denen der radikalen Linken im Westen und dem Ostblock im Ganzen aus. Sie konnten sich dabei durch ein RAF-Papier ermutigt fühlen, in dem eine breite „antiimperialistische Front“ gefordert wurde.[24]
In die Zeit der Niederschrift des Papiers fallen Versuche, weitere Kontakte zur PLO auszubauen.[25] Unterlagen der DDR-Staatssicherheit zeigen, dass sich die Gruppe – im Ergebnis erfolglos – ebenfalls bemühte, eine Verbindung zur RAF aufzubauen.[26] Die Revolutionären Zellen lehnten Ideen und Ansatz von Hepp und Kexel öffentlich ab.[27] Andere militante Linke schätzten die Angriffe auf „stinknormale“ US-Soldaten ein als „Versuche von Staatsschutz oder Faschos, unseren Kampf“ zu delegitimieren.[28]
Zunehmend beeinflusst durch die Kontakte zur Staatssicherheit, der er während seines DDR-Aufenthalts noch intensiver als zuvor Informationen über die bundesdeutsche Neonaziszene zutrug, entwickelte Hepp weitere Sympathien für die DDR, da sie „mehr Richtung Volksgemeinschaft“ tendiere.[29] Als er 1987 vor Gericht stand, legte er ein Geständnis ab und distanzierte sich vom rechtsextremen Milieu.
Der Öffentlichkeit bekannt wurde der „Abschied vom Hitlerismus“ erst Monate nach Niederschrift durch eine leicht gekürzte Veröffentlichung in der tageszeitung im April 1983.[30] In einer Vorbemerkung warnte die Redaktion, dass sich „mittlerweile Faschisten und ‚Linke‘“ im Nationalismus treffen würden.
Der „Abschied vom Hitlerismus“ galt in späteren Betrachtungen teilweise als Zeugnis eines neuartigen, rechten Befreiungsnationalismus. Zur Bildung einer „Querfront“ oder als ein erfolgversprechendes Bündnisangebot an Linke erscheinen die Bekenntnisse zur Grundidee des Nationalsozialismus sowie die Verleugnung der deutschen Kriegsschuld allerdings ungeeignet. Eine vehemente Ablehnung ‚des Westens‘, aggressiver Antiamerikanismus sowie antiimperialistisches Vokabular waren im bundesrepublikanischen Rechtsextremismus indes kein Novum, sondern schon bei den Jungen Nationaldemokraten, in früheren nationalneutralistischen Gruppen, in Teilen der Neuen Rechten und nicht zuletzt in anderen Teilen des Neonazispektrums anzutreffen.
Trotzdem bleibt der Werdegang der Hepp-Kexel-Gruppe bemerkenswert und in vielerlei Hinsicht für den deutschen Neonazismus untypisch. Ihre Wandlung beschränkte sich nicht auf die rhetorisch-symbolische oder strategische Ebene, sondern führte die beiden Hauptprotagonisten aus dem neonazistischen Milieu heraus und im Falle Hepps in die PLF hinein. Der Antiamerikanismus drängte dessen nationalsozialistische Überzeugungen in den Hintergrund und überschrieb diese schließlich.
Gleichwohl wurde im neonazistischen Spektrum auch später mit einer positiven Rezeption der Hepp-Kexel-Gruppe experimentiert. Die Nationalistische Front etwa erinnerte 1988 an Kexel als angebliches „Opfer“ der Staatsgewalt. Der „Abschied vom Hitlerismus“ wurde als Dokument des Kampfes gegen „reaktionäre Kräfte“ in der eigenen Bewegung und für die „internationale Solidarisierung nationalrevolutionärer Gruppen“ herausgestellt.[31]
[1] Bernhard Rabert, Links- und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis heute, Bonn: Bernard & Graefe, 1995, S. 289.
[2] Vgl. Robert Wolff, Die „Abkehr vom Hitlerismus“ als Neupositionierung einer bewaffneten antiimperialistischen Avantgarde? Die Hepp-Kexel-Gruppe und ihre Folgen, in: Hendrik Puls/Fabian Virchow (Hg.), Rechtsterrorismus in der alten Bundesrepublik. Historische und sozialwissenschaftliche Perspektiven, Wiesbaden: Springer VS, 2023, S. 129–154.
[3] Rabert, Links- und Rechtsterrorismus, S. 289f.
[4] Yury Winterberg, Der Rebell. Odfried Hepp – Neonazi, Terrorist, Aussteiger, Bergisch Gladbach: Lübbe, 2004, S. 44f.
[5] Ebd., S. 74ff.
[6] Wolff, „Abkehr vom Hitlerismus“.
[7] Vgl. Odfried Hepp, Schlußerklärung, in: Wikinger. Gestalt und Ausdruck volkstreuer Jugend 4/1981, S. 9, sowie Prozeßberichterstatterin, Im Namen des Volkes, in: ebd., S. 7, Archiv antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum berlin e.V. (apabiz), WJ-W.
[8] Wolff, „Abkehr vom Hitlerismus“.
[9] O.A., „Du bist jetzt einer von uns“, Der Spiegel 47/1991, 17.11.1991, https://www.spiegel.de/politik/du-bist-jetzt-einer-von-uns-a-36b489a4-0002-0001-0000-000013491897 (letzter Zugriff: 9.6.2022).
[10] Winterberg, Rebell, S. 163f.
[11] Wolff, „Abkehr vom Hitlerismus“.
[12] Rabert, Links- und Rechtsterrorismus, S. 293f.
[13] Wolff, „Abkehr vom Hitlerismus“
[14] Rabert, Links- und Rechtsterrorismus, S. 293.
[15] Jan Peter, Odfried Hepp – Der Rebell Neonazi, Terrorist, Aussteiger, TV-Dokumentation, Arte, 2006, https://wwaw.youtube.com/watch?v=sdBqctcA-es (letzter Zugriff: 9.6.2022), ab 01:10:17.
[16] O.A., Machtvolle Kader, Der Spiegel 8/1983, 20.2.1983, https://www.spiegel.de/politik/machtvolle-kader-a-5bb49db1-0002-0001-0000-000014022641 (letzter Zugriff: 9.6.2022).
[17] Vgl. Peter Dudek: Jugendliche Rechtsextremisten. Zwischen Hakenkreuz und Odalsrune, 1945 bis heute, Köln: Bund Verlag, 1985, S. 190.
[18] Rabert, Links- und Rechtsterrorismus, S. 294.
[19] Samuel Salzborn, Die Stasi und der westdeutsche Rechtsterrorismus. Drei Fallstudien (Teil II), in: Deutschland Archiv, 19.4.2016, http://www.bpb.de/224934 (letzter Zugriff: 9.6.2022).
[20] Michael Kühnen, Die zweite Revolution, 1979, Archiv der Emil Julius Gumbel Forschungsstelle (EJGF) Potsdam, o.Sign.
[21] Michael Kühnen, Nationalsozialismus oder „Abschied vom Hitlerismus“? Eine notwendige Klarstellung, Celle 10.8.1982, Archiv Fritz Bauer Institut, VL Hennig, K 1.
[22] Winterberg, Rebell, S. 182. Ein weiterer Schriftwechsel mit ähnlicher Stoßrichtung wie die Auseinandersetzung mit Kühnen ist dokumentiert. Vgl. Ein sogenannter „Nationaler“, Eine notwendige Antwort an „Die Zwei“, undatiert, Archiv Fritz Bauer Institut, VL Hennig, K 1, und Odfried Hepp/Walther Kexel, Betr.: Eine notwendige Antwort an „Die Zwei“ vom 7.7., Offenbach, 11.7.1982, ebd.
[23] Christine Hewicker/Klaus-Dieter Hewicker, Offener Brief an Walther Kexel und Odfried Hepp, Köln und Wuppertal, 23.7.1982, Archiv Fritz Bauer Institut, VL Hennig, K 1, und Christine Hewicker/Klaus-Dieter Hewicker, Eine letzte Stellungnahme, Köln und Wuppertal, 12.9.1982, ebd.
[24] Vgl. RAF, Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front, Mai 1982, https://socialhistoryportal.org/raf/text/307187 (letzter Zugriff: 9.6.2022).
[25] Winterberg, Der Rebell, S. 183.
[26] Salzborn, Stasi und der westdeutsche Rechtsterrorismus; Wolff, „Abkehr vom Hitlerismus“.
[27] Revolutionäre Zellen, Beethoven gegen MacDonald, in: ID-Archiv (Hg.), Früchte des Zorns, Bd. 1, Berlin/Amsterdam: ID Verlag, S. 364–369.
[28] O.A., Zwischen dem Feind und uns einen klaren Trennungsstrich ziehen! Zu den Anschlägen in Butzbach, Frankfurt, Darmstadt, 14.2.1983, freilassung.de, http://freilassung.de/div/texte/rz/radi114_0383d.htm (letzter Zugriff: 9.6.2022).
[29] Peter, Rebell, 01:17:45.
[30] Odfried Hepp/Walther Kexel, Abschied vom Hitlerismus, taz, 11.4.1983, S. 3.
[31] O.A., Niemals vergessen!, Nachrichten aus der Szene, 1/1988, S. 4.
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Bernhard Rabert, Links- und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis heute, Bonn: Bernard & Graefe, 1995.
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Yury Winterberg, Der Rebell. Odfried Hepp – Neonazi, Terrorist, Aussteiger, Bergisch Gladbach: Lübbe, 2004.
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Robert Wolff, Die „Abkehr vom Hitlerismus“ als Neupositionierung einer bewaffneten antiimperialistischen Avantgarde? Die Hepp-Kexel-Gruppe und ihre Folgen, in: Hendrik Puls/Fabian Virchow (Hg.), Rechtsterrorismus in der alten Bundesrepublik. Historische und sozialwissenschaftliche Perspektiven, Wiesbaden: Springer VS, 2023, S. 129–154.
029 Hepp-Kexel
Odfried Hepp + Walther Kexel Offenbach, den 30.6.1982
Waldstr. 282
6050 Offenbach
ABSCHIED VOM HITLERISMUS
Diese Erklärung wurde nötig, da man in „nationalen“ Kreisen in immer größerem Umfang über uns Unsinn erzählte. Wir verabschieden uns nun mit dieser Erläuterung nicht nur vom Hitlerismus, sondern ebenso von allen bürgerlichen Erscheinungsformen des Nationalismus, insbesondere von den Fetischisten der sogenannten NS-Bewegung.
Der Hitlerismus von 1933–1945 hat das deutsche Volk konsequent in das Verderben von 1945 geführt, in dem wir heute noch stecken.
Nachdem der Westen 1919 Deutschland das Versailler Diktat aufgezwungen hatte, wuchs neben der KPD und den nationalrevolutionären Kräften auch die NSDAP zu einer Kraft gegen Versailles. Während anfänglich die NSDAP sehr gute revolutionäre Kräfte band, verließen diese im Laufe der Zeit die „Bewegung“ (Otto Strasser, Walther Stennes, Gregor Strasser usw.), weil diese sich immer mehr als bürgerliche Hitlerpartei entlarvte. Während z.B. Ernst Niekisch ganz klar erkannte, daß der Feind der westlich-bürgerliche Kapitalismus ist und nicht der russische Bolschewismus, begann man seitens der NSDAP schon damals mit dem Westen zu liebäugeln. Dies führte dann dazu, daß der Hitlerismus, nachdem er die Macht errungen hatte und die letzten Revolutionäre in der SA um Ernst Röhm, –ohne die Adolf Hitler niemals an die Macht gekommen wäre –, ermorden ließ, in entwürdigender Weise versuchte, um die Freundschaft Englands zu buhlen. Sogar, nachdem es dem Westen über sein Stiefkind Polen gelungen war, Hitler wie ein Schulkind in den Krieg zu führen, versuchte dieser und eine kleine Clique um ihn, immer noch einen Ausgleich mit den Westmächten zu finden. Nachdem man 1939 mit Rußland sehr schnell zu einem Bündnis gekommen war, überfiel man dasselbe am 22. Juni 1941, dem wohl unglücklichsten Tag [1] unserer Geschichte. Dieser „Ostfeldzug“ brachte unsägliches Leid für das deutsche- und das russische Volk. Beide Völker opferten in ihm die Elite ihrer Jugend. Der Westen vergalt Hitlers Liebeleien damit, daß er die deutsche Bevölkerung durch Bombenterror massakrierte. Dies alles ist die Schuld Adolf Hitlers, der als oberster Führer, Feldherr und Reichskanzler die alleinige Verantwortung über den Lauf der Dinge hatte. Das Resultat Hitlerscher Politik ist der Zustand, in dem wir heute leben.
Vielleicht noch einige abschließende Worte zum historischen Nationalsozialismus, den wir nicht mit dem Hitlerismus gleichsetzen. Der NS hat richtige und gute Ansatzpunkte gehabt, wie z.B. in der Sozial-, Familien-, Jugend- und Kulturpolitik. Dem Hitlerismus ist es dank der vorhandenen Fähigkeiten seines Führers gelungen, diese guten Seiten bruchstückhaft in die Tat umzusetzen, und so hat das dadurch begeisterte Volk dem anschließenden Amoklauf Hitlers kein Widerstand entgegengesetzt. Wie Recht hatte Ernst Niekisch als er 1932 voraussah, daß am Ende der Sarg stünde, in dem die deutsche Nachkriegsjugend, auf die Niekisch damals einige Hoffnung setzte, verschwinden würde, denn deren deutschen Widerstandswillen werde der Demagoge gründlich zu brechen wissen.
„Ein ermattetes, erschöpftes, enttäuschtes Volk bleibt dann zurück, das alle Hoffnung fahrenläßt und müde am Sinn jeder ferneren deutschen Gegenwehr verzweifelt. Die Versailler Ordnung aber wird gefestigter sein, als sie jemals war.“ – Ernst Niekisch, – Hitler – ein deutsches Verhängnis.
Mit Erschrecken mußten wir feststellen, daß die äußerste Rechte immer mehr in einen Hitler-Kult abgeglitten ist, der sich von anderen Sekten und Religionen nur dadurch unterscheidet, daß er noch keine Opfertiere schlachtet und sich mit Weihrauch einnebelt. Wer heute noch meint, Adolf Hitler sei unser Führer und Reichskanzler, dem können wir nur raten, solchen unrealistischen Quatsch nicht Politik zu nennen, sondern irgendeine Kirchengemeinde zu gründen, in der sie dann ja die Reliquien –Jesus Christus, Kreuz, Bibel usw. gegen Adolf Hitler, Hakenkreuz, „Mein Kampf“ austauschen und anbeten können. [2]
Dies soll vor allen Dingen ein Aufruf an junge Kameraden sein, die noch am Suchen sind, sich nicht dem Dogma Hitlerismus zu unterwerfen, sondern ihn kritisch zu überprüfen, wie wir es gemacht haben, die wir auch einmal in dieser Engstirnigkeit gefangen waren.
Ebenso wie den Hitlerismus verurteilen wir auf das Schärfste den bürgerlichen Nationalismus, der schon wieder mit dem kapitalistischen Westen liebäugelt oder sogar offen zu einem Bündnis mit demselben aufruft. Wir können inzwischen froh sein, daß es eine Mauer durch Deutschland gibt, denn diese gewährleistet, daß es im Ostteil unseres Landes immerhin noch 17 Millionen gesunde Deutsche gibt, während bei uns im Westen die Menschen geistig und seelisch am Absterben sind.
Zu diesen beiden Abarten des Nationalismus gesellt sich die dritte, die des NS- und Uniformfetischismus. Über diesen wollen wir keine Worte verlieren, denn wer sich aufgrund eines persönlichen Befriedigungsverlangens und mangelndem Persönlichkeitsbewußtseins an einem Fetisch aufbaut, ist politisch nicht ernst zu nehmen.
Somit bleibt festzustellen, daß diese drei Unarten des Nationalismus dem eigentlichen Anliegen unseres Volkes, dem antiimperialistischen Befreiungskampf mehr schaden als nützen. Wir bezweifeln nicht, daß es in dieser Szene noch gute, revolutionäre Kräfte gibt, doch ändert dies nichts an unserer grundlegenden Ablehnung. Unser Ziel ist es nicht, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und einen Staat Hitlerscher Prägung wiederzuerrichten, sondern einen undogmatischen Befreiungskampf zu führen, der unserem Volk das Überleben sichert. Bei diesem Kampf gegen den Amerikanismus ist uns jeder recht, der wie wir erkannt hat, daß nur, wenn die aktivistische Jugend, die es in linken und rechten Kreisen gibt, ihre Dogmen überwindet und sich zum Befreiungskampf zusammenschließt, wir eine Chance haben. Selbstverständlich heißen wir auch in der BRD lebende, ausländische Antiimperialisten die sich an unserem Kampf beteiligen wollen, -herzlichst willkommen. [3]
Abschließend möchten wir nochmals betonen, dass wir wieder „Rechts“ noch „Links“ sind und weder einen amerikanischen Bundesstaat, noch eine weitere Sowjet-Republik aus Deutschland machen wollen. Wir halten ein System, das auf Rußland passt, nicht auf unser Land für übertragbar. Wir verkennen aber auf keinen Fall die antibürgerlich-kapitalistische Stoßkraft des Bolschewismus und es ist unser Wunsch und Wille, als neutrales Deutschland in Friede und Freundschaft mit Sowjet-Rußland zu leben.
Wir haben versucht bei dieser Erklärung möglichst objektiv und emotionsfrei zu bleiben, obwohl dies bei unserer grenzenlosen Verachtung gegenüber einem Großteil der Rechten nicht immer einfach war.
In diesem Sinne,–
Vorwärts im antiimperialistischen Befreiungskampf
Walter Kexel + Odfried Hepp
Odfried Hepp/Walther Kexel, Abschied vom Hitlerismus, Offenbach 30.6.1982, Bundesarchiv (BArch), Ministerium für Staatssicherheit (MfS), AOPK 7896/91, Bd. 1, Bl. 26–29.