Zitationsempfehlung
Frank Bösch, Der Aufstieg der Holocaustleugnung: Thies Christophersens Die Auschwitz-Lüge, in: Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000. Eine kommentierte Online-Quellensammlung, 28.11.2025, https://radikale-rechte.de/comment/003-boesch-auschwitz-luege, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2965.
Der Aufstieg der Holocaustleugnung:
Thies Christophersens Die Auschwitz-Lüge
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Zum Aufkommen der Holocaustleugnung
Seit den 1950er-Jahren verbreiteten sich in der Bundesrepublik rechtsradikale Geschichtsdeutungen, die den Nationalsozialismus und die Wehrmacht verteidigten. Einzelne Schriften oder Passagen relativierten bereits den Holocaust und griffen dabei oft entsprechende Texte aus dem Ausland auf. Besonders französische Holocaustleugner wie Paul Rassinier und US-amerikanische Revisionisten wie Austin J. App und Harry Elmer Barnes bildeten Bezugspunkte. Diese Schriften bestritten vor allem die Zahl der Ermordeten und sprachen von der „Lüge von den sechs Millionen“.[1] Dies geschah in der frühen Bundesrepublik meist in Andeutungen im Rahmen apologetischer Bücher in den 1960er-Jahren bereits etwas offener.[2] Ab Anfang der 1970er-Jahre gewann die direkte Leugnung des Holocaust größere Verbreitung. Flugblättern zur „Lüge von den Gaskammern“ folgte mit Emil Aretz Hexen-Einmal-Eins einer Lüge 1970 eine Publikation, die bereits im Titel ihre Stoßrichtung ankündigte. Basierend auf scheinbar investigativen Anfragen bei zuständigen Stellen und mit Versatzstücken von Zeitzeug*innen versehen behauptete seine Schrift, es habe keine Gaskammern gegeben und der Massenmord sei eine Erfindung der Juden. Thies Christophersens Broschüre Die Auschwitz-Lüge knüpfte 1973 daran an. Sie wurde zu einer der wichtigsten deutschen Schriften der Holocaustleugnung und prägte eines ihrer zentralen Schlagworte.[3]
Zur Entstehung der Broschüre
Der Werdegang des Autors Thies Christophersen und die Entstehung seiner Schrift sind trotz ihrer Reichweite bisher nicht erforscht; sie wird meist nur knapp erwähnt, in internationalen Studien zur Holocaustleugnung mitunter nicht einmal genannt.[4] Bekannt ist, dass der 1918 in Kiel geborene Landwirt Christophersen 1937 der NSDAP beitrat und nach kurzem Kriegseinsatz 1944 als „SS-Sonderführer für Pflanzenschutz“ in einem Außenlager von Auschwitz tätig war. Nachdem er in den späten 1960er-Jahren seinen Bauernhof vererbt hatte, trat er als rechtsradikaler Publizist hervor. Er agierte erst als Schriftleiter der Deutschen National-Zeitung, dann besonders als Herausgeber der rechtsradikalen Zeitschrift Die Bauernschaft. Für Recht und Gerechtigkeit und der Schriftenreihe Kritik – Die Stimme des Volkes, die sich 1972 zum gleichnamigen Verlag entwickelte.[5] Anfang der 1970er-Jahre, als er Die Auschwitz-Lüge verfasste, war er mit 55 Jahren trotz damaliger Vollbeschäftigung arbeitslos, wie er selbst andeutet.
Die 40-seitige Broschüre Die Auschwitz-Lüge veröffentlichte Christophersen 1973 in seinem eigenen Kritik-Verlag im heimischen Mohrkirch nahe Flensburg. Als Herausgeber fungierte die Deutsche Bürger-Initiative des rechtsextremen Anwalts Manfred Roeder, der ein längeres Vorwort beisteuerte. Die Schrift fand zahlreiche Auflagen. 1978 erschien sie als „8. erweiterte Auflage neu aufgelegt“ in Christophersens Reihe Kritik – Die Stimme des Volkes (Nr. 23). Erst dann wurde sie wegen Volksverhetzung verboten, da offenbar u.a. die Debatte um die Fernsehserie Holocaust die Öffentlichkeit sensibilisiert hatte. Die Herausgeber sprachen damals bereits von einer Verbreitung von 100.000 Exemplaren, was zwar schwer überprüfbar, aber nicht ausgeschlossen ist.
Strategien der Leugnung
Schon Manfred Roeder wendet sich im Vorwort gegen „Propagandalügen“ zu Konzentrationslagern, die angeblich alle Schulen, Ausstellungen und gefälschte NS-Prozesse verbreiten würden. Nicht nur Gaskammern, sondern selbst die Gewalt in den Lagern leugnet er hier und behauptet, in einer Bombennacht in Dresden seien mehr Deutsche umgekommen als Juden insgesamt (S. 10). „6 Millionen umgebrachte Ostdeutsche“ nennt Roeder, während Auschwitz nur ein „riesiger Rüstungsbetrieb“ gewesen sei. Wie auch andere Holocaustleugner verwenden Roeder und Christophersen kaum prüfbare Zitate und oft aus dem Zusammenhang gerissene Sätze von liberalen Zeitungen, Juden oder Sozialisten, um damit ihre Argumente zu untermauern.
Thies Christophersens „Erlebnisbericht“ ist wie eine Zeugenaussage verfasst. Sie beginnt mit dem Bekenntnis, dass er von Januar bis Dezember 1944 in Auschwitz gewesen sei. Er hatte nach einer Kriegsverwundung zunächst im Pflanzenanbau in der Ukraine gearbeitet, bis er als „SS-Sonderführer für Pflanzenschutz“ in die Versuchsanstalt für Pflanzenzucht Rajsko des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamts nahe dem Konzentrationslager Auschwitz wechselte, um dort Ersatz-Kautschuk zu fördern. Damit war er im vermutlich humansten Bereich des Lagersystems beschäftigt, da hier tatsächlich einige wissenschaftlich ausgebildete Häftlinge im Einsatz waren und größere Überlebenschancen hatten.[6] Indem sich der Text vornehmlich auf persönliche Eindrücke dieses kleinen Außenbereiches konzentriert, kann er leichter die massenhaften Tötungen und Folter in anderen Lagerbereichen, wie insbesondere im Vernichtungslager Birkenau, ausblenden.
Christophersen idyllisiert so zynisch den Lageralltag. Häftlinge hätten sich tagsüber frei bewegen können, mit Mittagspause und „17.00 Uhr Feierabend“. Die Arbeit in seinem Frauenlager hätte, wie auch in anderen Lagerteilen, „wissenschaftlichen Charakter“ gehabt, und die Gefangenen hätten hier, geschützt von den Bombenangriffen, ihn angelernt. Gehungert hätten die Häftlinge nie, und „Lippenstift, Puder und Schminke gehörten zu den Utensilien der weiblichen Häftlinge“ (S. 27). Birkenau erwähnt er kurz und grenzt es davon ab: Es sei überfüllt gewesen, „verwahrlost und schmutzig“, aber das „Selektieren“ hätte hier nur gemeint, Arbeitskräfte passend auszuwählen (S. 29f.). Es habe Filmabende und Gottesdienste gegeben und auch ein Krematorium, aber wie in jeder Stadt nur für natürlich Verstorbene. Nie habe es nach verbrannten Menschen gerochen. Kleine Missstände, wie dass ein SS-Wachmann Häftlinge „in den Hintern“ trat, hätte er gemeldet, und diese seien geahndet worden. Dass sein Vorgesetzter Joachim Caesar angeblich noch Jahrzehnte später mit seinen früheren jüdischen Lagerarbeiterinnen korrespondiere, führt Christophersen als Beweis für das beschriebene durchweg freundliche Verhältnis an. Die zweifelsohne besseren Zustände in seinem Außenlager zur Kautschuk-Forschung verklärt er so, dass sie stellvertretend für Auschwitz insgesamt und sogar für alle Vernichtungslager stehen sollen.
Mit seinem Auftreten als verständnisvoller Zeitzeuge konstruierte Christophersens einen Gegenpart zu den Aussagen der Opfer, die in den Prozessen der 1960er-Jahre erstmals breiteres Gehör fanden. Nachdem der Frankfurter Auschwitz-Prozess überhaupt erst Auschwitz zu einem Symbol für den Massenmord an den Juden gemacht hatte, versuchte er über seine „Erlebnisse“ in Auschwitz den gesamten Holocaust in Frage zu stellen. Die Konzentration auf das Erlebte entband ihn von der Aufgabe, sich mit Publikationen, Belegen und Quellen genauer auseinanderzusetzen. Berichte über Menschenversuche, Gewalt und Massentötungen erwähnt er, verwirft sie aber schlichtweg mit der vermeintlichen Autorität des Augenzeugens.
Darüber hinaus suggeriert Christophersen Objektivität mit Zahlen. Die jüdische Weltbevölkerung sei zwischen 1938 und 1948 um 50 Prozent angestiegen (S. 17) und nur 200.000 Juden seien in Deutschland während des Krieges gestorben, allerdings durch Bomben, als Partisanen oder durch natürlichen Tod (S. 18). Es dominiert jedoch der persönliche Bericht, den er abschließend mit seiner Unterschrift zu bezeugen versucht. Geschwiegen hätten er und andere bisher, weil niemand diese Berichte hören wollte und sie Repressionen fürchteten.
Rezeption und Wirkung
Die Auschwitz-Lüge wurde in mehrere Sprachen übersetzt – ins Englische sogleich vom Holocaustleugner Ernst Zündel, der von Toronto aus jahrzehntelang entsprechende Schriften verbreitete.[7] Bereits kurz danach gab Kritik (Heft Nr. 27) eine Ausgabe zum „Echo auf den Auschwitz-Betrug“ heraus, in der viele bestätigende Zuschriften und scheinbar neue Beweise folgten. Dem für die Edition verantwortlichen Verein Deutsche Bürger-Initiative wurde 1973 lediglich die Gemeinnützigkeit entzogen. In der 8. Auflage der Auschwitz-Lüge von 1978 negierte ein zusätzliches Vorwort des promovierten Juristen Wilhelm Stäglich die Existenz der Krematorien in Auschwitz, ebenso Gewalt und Massentötungen. Die erweiterte Ausgabe der Auschwitz-Lüge begann nun mit dem Hinweis, „Das internationale Judentum hatte Deutschland bereits 1933 den Krieg erklärt“, abgeleitet aus einer Zeitungsüberschrift aus dem Daily Express vom 24.3.1933. Vor allem war die Neuauflage mit zahlreichen Fotos angereichert, die den Autor im Lager mit seiner Frau und die Häftlinge auf freiem Feld bei scheinbar gewöhnlicher Gartenarbeit zeigten, um die idyllisierte Beschreibung zu belegen (S. 33). Beigefügt wurden nun Berichte über Recherchen, die Beweise für die Existenz von Gaskammern gesucht, aber keine gefunden hätten. Dass die israelische Holocaustgedenkstätte Yad Vashem oder Überlebende des Völkermords die Anfragen der Holocaustleugner nicht beantworteten, galt als Beweis dafür, dass ihnen Belege fehlten. Angeführt wurden dafür US-amerikanische Zeugen, die keine Gaskammern gesehen hätten, aber von Dachau und nicht von Auschwitz sprachen. Ebenfalls wurden zahlreiche Zuschriften abgedruckt, die aus angeblich eigener Erfahrung über die guten Zustände in den Lagern berichteten und den Holocaust als Lüge zur Unterdrückung der Deutschen auffassten.
Christophersens Schrift erschien nach dem Auschwitz-Prozess und einer in den 1960er-Jahren intensivierten Debatte über die deutschen Verbrechen. Sie gewann durch die Kooperation mit Manfred Roeder Aufmerksamkeit und beeinflusste Neonazis wie Michael Kühnen, der später mit Plakaten wie „Ich Esel glaube immer noch, daß in deutschen KZs Juden ‚vergast‘ wurden“ agitierte.
Christophersens Broschüre folgten weitere, insbesondere Wilhelm Stäglichs Buch Der Auschwitz-Mythos. Legende oder Wirklichkeit? Eine kritische Bestandsaufnahme im Grabert-Verlag 1979, der mit dem Anschein wissenschaftlicher Erkenntnisbildung auftrat und zugleich aber alle Belege für den Holocaust als gefälscht bezeichnete. Zur gleichen Zeit erschienen weitere Schriften, wie etwa von Erich Kern oder Robert Faurisson (Es gab keine Gaskammern, 1978). Sie reagierten auf die breite Erschütterung, die die Serie Holocaust ausgelöst hatte. Umgekehrt war diese Fernsehserie selbst eine Reaktion auf die Holocaust-Leugnung, die seit Mitte der 1970er-Jahre gerade auch in den USA und Kanada florierte, etwa in Ernst Zündels Publikationen, Richard Harwoods Pamphlet Did Six Million Really Die? The Truth at Last (1974) und Arthur R. Butz‘ Buch The Hoax of the Twentieth Century (1977). Mit dem Institute for Historical Review entstand 1978 in Kalifornien ein neues Zentrum für die internationale Verbreitung revisionistischer Geschichtsschriften. Leugnung und Aufklärung verstärkten sich somit gegenseitig.[8]
Die Holocaustleugner bildeten und bilden eine kleine Gruppe innerhalb der radikalen Rechten und dem weiteren Feld der „Holocaust-Negation“.[9] Augenzeugenberichte wie von Christophersen wurden in den 1980er-Jahren durch angeblich naturwissenschaftliche Erkenntnisse ergänzt. Innerhalb der Rechtsradikalen galten ihre angeblichen Beweise gegen Gaskammern und getötete Juden als eine wichtige Grundlage, um die deutschen Verbrechen während des Nationalsozialismus zu relativieren. Bei der Auseinandersetzung um die „unterdrückte Wahrheit“ bildete die Schrift Die Auschwitz-Lüge einen nachhaltigen Bezugspunkt, um die Zahl jüdischer Opfer kleinzurechnen, Gaskammern zu bestreiten oder das Wissen der NS-Führung hierüber. Auch nach dem Verbot in der Bundesrepublik wurde das Buch ab 1979 über den Schweizer Verlag Courrier du Continent weiterhin vertrieben. Christophersen agierte nach mehreren Strafverfahren ab 1981 vornehmlich aus dem benachbarten Ausland, besonders in Dänemark, wo er weiterhin Schriften versandte und Treffen abhielt. Durch das Aufkommen des Internets fand Thies Christophersens Schrift neue Verbreitung.
[1] So etwa Guido Heimann, Die Lüge von den sechs Millionen, in: Der Weg, Juli 1954, S. 479–487.
[2] Elke Mayer, Verfälschte Vergangenheit. Zur Entstehung der Holocaust-Leugnung in der Bundesrepublik Deutschland unter besonderer Berücksichtigung rechtsextremer Publizistik von 1945 bis 1970, Frankfurt a.M. u.a.: Lang, 2003, S. 271.
[3] Armin Pfahl-Traughber, Die Apologeten der „Auschwitz-Lüge“. Bedeutung und Entwicklung der Holocaust-Leugnung im Rechtsextremismus, in: Jahrbuch Extremismus & Demokratie 8 (1996), S. 75–104, hier S. 85.
[4] Nicht etwa in: Deborah E. Lipstadt, Betrifft: Leugnen des Holocaust, Zürich: Rio-Verlag, 1994.
[5] O.A., Thies Christophersen, in: Thomas Grumke/Bernd Wagner (Hg.), Handbuch Rechtsradikalismus. Personen – Organisationen – Netzwerke vom Neonazismus bis in die Mitte der Gesellschaft, Opladen: Leske + Budrich, 2002, S. 243–245, hier S. 234.
[6] Thomas Wieland, „Die Politischen Aufgaben der deutschen Pflanzenzüchtung.“ NS-Ideologie und die Forschungsarbeiten der akademischen Pflanzenzüchter, in: Susanne Heim (Hg.), Autarkie und Ostexpansion. Pflanzenzucht und Agrarforschung im Nationalsozialismus, Göttingen: Wallstein, 2002, S. 35–56, hier S. 52f.
[7] Juliane Wetzel, Die Auschwitzlüge, in: Wolfgang Benz/Peter Reif-Spirek (Hg.), Geschichtsmythen. Legenden über den Nationalsozialismus, Berlin: Metropol, 2003, S. 27–42, hier S. 33.
[8] Lipstadt, Betrifft: Leugnen des Holocaust, S. 132–191.
[9] Christian Mentel, „Auschwitz muss fallen ...“. Die Negation des Holocaust und die extreme Rechte in der Bundesrepublik, in: Hans-Peter Killguss/Martin Langebach (Hg.), „Opa war in Ordnung!“ Erinnerungspolitik der extremen Rechten, Köln: NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, 2016, S. 118–129, hier S. 120f.
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Deborah E. Lipstadt, Betrifft: Leugnen des Holocaust, Zürich: Rio-Verlag, 1994 [zuerst u.d.T.: Denying the Holocaust. The Growing Assault on Truth and Memory, New York 1993].
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Christian Mentel, „Auschwitz muss fallen ...“. Die Negation des Holocaust und die extreme Rechte in der Bundesrepublik, in: Hans-Peter Killguss/Martin Langebach (Hg.), „Opa war in Ordnung!“ Erinnerungspolitik der extremen Rechten, Köln: NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, 2016, S. 118–129.
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Christian Mentel, Die Auschwitz-Lüge (Thies Christophersen, 1973), in: Wolfgang Benz (Hg.), Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Bd. 6: Publikationen, Berlin/Boston: De Gruyter/Saur, 2013, S. 50–53.
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Hermann Graml, Auschwitzlüge und Leuchter-Bericht, in: Heiner Lichtenstein/Otto R. Romberg (Hg.), Täter – Opfer – Folgen. Der Holocaust in Geschichte und Gegenwart, Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung, 1995, S. 91–100.