Vom „sexuellen Klassenkampf“:
Erich Johann Kernmayr und die „sexuelle Revolution“

Jahr
1970

Chronologie

1970–1979

Erscheinungsdatum

Digital Object Identifier
2964

Themenfelder

Ideologie und Publikationen
Text

Die „sexuelle Revolution“ der langen 1960er-Jahre und die Studierendenbewegung

Im Schlagwort ‚sexuelle Revolution‘ verdichten sich Wandlungsprozesse auf dem Gebiet der Sexualität, die die westeuropäischen und nordamerikanischen Gesellschaften der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten. In das kollektive Gedächtnis haben sich diese Entwicklungen als lineare Fortschrittsgeschichte, im Sinne einer Befreiung von vormals sexualkonservativen Normen eingeschrieben. Diese Vorstellung ist innerhalb des deutschsprachigen und US-amerikanischen Diskurses eng mit der 68er-Bewegung verknüpft, geprägt vom Bild einer eruptionsartigen Umwälzung der sexuellen Verhältnisse in diesen Jahren. Eine solche Verbindung scheint allerdings eher einer idealisierten – oder von konservativer Warte aus dämonisierten – Interpretation der 68er-Bewegung zu entsprechen, als dass sie deren Rolle im historischen Wandel der öffentlichen Sexualmoral adäquat fasst. So hat die zeithistorische Forschung gezeigt, dass es sich dabei in Westeuropa und Nordamerika um einen bereits Ende der 1940er-Jahre einsetzenden, langsamen und breit getragenen gesellschaftlichen Prozess handelte. Die hervorstechenden Marker waren: die Kommodifizierung und Medialisierung von Sexualität, die Liberalisierung von Sexualmoral im Zuge eines veränderten Geschlechterarrangements und der Entwicklung neuer Verhütungsmethoden sowie die Modernisierung des Sexualstrafrechts im Rahmen eines allgemeinen rechtspolitischen Wandels.

 

Die Reform des Sexualstrafrecht und die Einführung der schulischen Sexualaufklärung

In der Bundesrepublik kam es nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs im Jahr 1969, in dem der 1749 erstmals erschienene erotische Roman Fanny Hill nicht mehr als Pornografie, sondern als Kunstwerk eingestuft wurde, zu einer schubhaften Entwicklung, zeitgenössisch als „Pornowelle“ bezeichnet. Für einige Jahre war (der Umgang mit) Pornografie ein dominantes Thema in Presse, Literatur und Film. 1970 soll beispielsweise die Hälfte der westdeutschen Filmproduktion aus (Soft-)Sexfilmen bestanden haben.[1] Doch bereits seit etwa 1964 war von einer „Sexwelle“ die Rede gewesen, die vor allem in der Nutzung des sexuellen Reizes in der Werbung und auf Covern von Illustrierten bestand. Auch Sexualratgeber, u.a. die Kolumnen von Oswalt Kolle, waren Bestandteil dieses medialen Phänomens. Ein weiteres innenpolitisches Kampffeld entstand in der Zeit der Großen Koalition in der Frage der Einführung des schulischen Sexualkundeunterrichts, 1969 löste vor allem die Herausgabe des Schulbuchs Sexualkunde-Atlas im Auftrag des Gesundheitsministeriums unter Käte Strobel (SPD) Kontroversen aus.

 

Rechte Gegenwehr gegen den sexuellen Wandel

Gegen die als „Sittenverfall“ kritisierten Entwicklungen positionierten sich nicht nur konservative und kirchliche Akteure, sondern insbesondere auch die radikalnationalistisch-völkische Rechte. Diese war durch die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) – die 1969 nur knapp den Einzug in den Bundestag verpasste und zeitweise in sieben von elf Länderparlamenten vertreten war – mit gesellschaftlichem Einfluss ausgestattet und entdeckte schnell die Mobilisierungskraft des Themas „Sex- und Pornowelle“. Zwar agierten auch einige sozialdemokratische Politiker wie der NRW-Sozialminister Werner Figgen als wertkonservative Akteure, und auch Teile der Neuen Linken äußerten Kritik an der „repressiven Entsublimierung“ (Herbert Marcuse). Dennoch verliefen die Sexualdebatten in den langen 1960er-Jahren – im Gegensatz zu jenen um 1900[2] – deutlich entlang der politischen Achse von rechts und links; oder, wie es die Deutschen Nachrichten 1970 ausdrückten: „Die Stellung zum Sex wird immer mehr zu einer klaren politischen Trennungslinie.“[3] So sahen zahlreiche radikalnationalistisch-völkische Akteure wie Heinrich Härtle und Erwin Schönborn, aber auch Grenzgänger zwischen Konservatismus und extremer Rechte wie Armin Mohler oder der sich alsbald dem Neonazismus zuwendende Manfred Roeder, Anfang der 1970er-Jahre in dem Thema ein zentrales Aktionsfeld. Schönborn gründete noch 1977 mit seinem Kampfbund Deutscher Soldaten eine Bürgerinitiative für die Todesstrafe und gegen Pornographie und Sittenverfall.

 

Erich Kern alias Erich Johann Kernmayr

Der österreichische Publizist und Schriftsteller Erich Johann Kernmayr (1906–1991) hatte im Nationalsozialismus hochrangige Funktionsposten bekleidet, u.a. als Gaupresseamtsleiter im Saarland. Ab 1948 veröffentlichte er unter dem Namen Erich Kern, um das gegen ihn in Österreich ausgesprochene Verbot publizistischer Betätigung zu umgehen.[4] In den frühen 1950er-Jahren zog er nach Bayern, wurde Mitglied der Sozialistischen Reichspartei und übernahm die Schriftleitung der Deutschen Soldatenzeitung. Zusätzlich wurde er 1956 Herausgeber der Zeitschrift Der Freiwillige der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS e.V. (HIAG). Seine publizistische Hochphase erlebte er in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre, als viele seiner revisionistischen Veröffentlichungen zu Bestsellern wurden.[5] Auch heute werden Texte von ihm neu veröffentlicht, beispielsweise im völkisch-populistischen Compact-Magazin[6], das auch Neuauflagen seiner Bücher im Online-Shop vertreibt.

Kernmayr war um 1970 kein Hauptakteur in den sexualpolitischen Debatten der Bundesrepublik, stattdessen konzentrierte er sich weiterhin auf geschichtsrevisionistische Agitation, nun im Umfeld der NPD. Allerdings widmete er sich in seinem Werk SPD ohne Maske von 1970 ausführlich der von der SPD vermeintlich geförderten „Sittenverluderung“ und „Lustseuche“.[7] Auch die von ihm Ende 1970 mitbegründete Aktion Widerstand legte einen bisher wenig beachteten Schwerpunkt auf den „Sittenverfall“ und kämpfte gegen Theateraufführungen und Sexmessen.[8] Im vorliegenden Text, der Anfang 1970 im NPD-Parteiblatt Deutsche Wochen-Zeitung erschien, fasst Kernmayr die zentralen Argumentationsmuster der rechten Seite in der sexualpolitischen Debatte zusammen und fügt einige interessante Spezifika hinzu. Die Veröffentlichung fiel in eine sexualpolitische Interimszeit, als der rechte Aufschrei über den Sexualkunde-Atlas gerade abgeebbt und die Gegenwehr gegen die von der sozialliberalen Koalition geplante rechtliche Freigabe pornografischer Medien noch nicht zu einem (kurzzeitigen) Hauptkampffeld der politischen Rechten geworden war.

 

„Eigentlich begann alles mit der psychoanalytischen Erkenntnis …“

Kernmayr präsentiert dem Publikum einen Zeitstrahl, der die angebliche Degeneration vom Naturzustand zum „enthemmten Sex“ der Nachkriegsgesellschaft erklären soll. Der ursprüngliche Mensch, wie man ihn nur noch in der „Dritten Welt“ antreffe, habe keine Probleme in sexuellen Fragen gekannt. Diese Probleme seien erst aufgetreten, als man sich in der „Wohlstandsgesellschaft der Industriestaaten“ von der Natur entfernt habe. Sigmund Freud stehe am Anfang dieser „neuen Wege“, die dann über die empirischen Arbeiten von Alfred Kinsey und die Einführung der Antibabypille schließlich zur experimentellen Studie von William Masters und Virginia Johnson führten. Letztere war bei ihrem Erscheinen (Human Sexual Response 1966, dt. 1967) von der gesamten bundesdeutschen Rechten als Höhepunkt eines schamlosen und technizistischen Menschenbildes kritisiert worden. Die von Kernmayr gewählte Formulierung der „Entseelung der Liebe“ verweist auf das in der Zeit allgegenwärtige, facettenreiche Schreckensszenario einer Hypersexualisierung. Ein Freud unterstellter Pansexualismus habe sich mit der Kommodifizierung der viralen Lebensenergie, des Eros, ja, der gesamten menschlichen Seele verbunden. Übrig bleibe nur noch eine – häufig als US-amerikanisch gedeutete – Rumpfform namens „Sex“. Dieser Prozess sei durch die szientistischen Sexualwissenschaften gefördert worden, die den Geschlechtstrieb zerlegt hätten, und für deren Verbreitung in Deutschland NPD-Blätter meist die „Remigranten“ verantwortlich machten. Kernmayr argumentiert, dass die daraus resultierende sexuelle Aufklärung, die rein auf das Biologische fokussiere, zwangsläufig zu sexueller Gewalt führen müsse. Damit knüpft er an eine Debatte an, die als zentrales Feld zeitgenössischer Aushandlungsprozesse über die Bedeutung von Moral in Bezug auf Familie, Kindheit, das Eingriffsrecht des Staates und das Verhältnis von Staat und Kirche betrachtet werden kann. Kernmayr führt weiter aus, dass es nichts gegen die schulische Vermittlung biologischer Fakten einzuwenden gebe. Mit dieser Haltung steht er im Gegensatz zur allgemeinen Ablehnung staatlicher Sexualaufklärung in Teilen des rechtschristlichen Milieus, das sich zu dieser Zeit zur sogenannten Lebensschutzbewegung formierte. Hingegen forderten völkisch-radikalnationalistische Periodika oft, dass der schulische Sexualkundeunterricht sich auf praktische, insbesondere erbbiologische Fragen konzentrieren solle, ohne ihn grundsätzlich abzulehnen.

 

Die politische Manipulation durch Sex

Für Kernmayr führt die „Sexwelle“ und die sexuelle Aufklärung zu einer inneren Leere, die durch Rauschmittel kompensiert werden müsse – eine Verbindung, die zeitgenössisch oft in der „moral panic“ um Sex, Drogen (und häufig auch Rock‘n’Roll) anzutreffen war. Ein in der Jugend weitverbreitetes Gefühl der Sinnlosigkeit habe sich die Neue Linke zunutze gemacht und planmäßig den „sexuellen Klassenkampf“ angefacht. Dadurch habe sie erfolgreich die umfassende Manipulation der akademischen, als arbeitsscheu betrachteten Jugend erreicht, die deshalb nun gegen alle Autoritäten der Gesellschaft aufbegehre. Im Gegensatz dazu sei die breite Masse aus Arbeiter- und Bauernschaft „sauber“ geblieben, verweigere sich diesen Einflüsterungen zur „sittlichen Entartung“. Dennoch stehe die Lebensart der breiten Bevölkerung unter Druck, da die Massenmedien verbreiteten, dass „sauber zu sein […] idiotisch“ sei und „Jungfräulichkeit glattweg verdächtig“.

Die positive Erwähnung der „Jungfräulichkeit“ fällt auf, da dies in radikalnationalistisch-völkischen Periodika seit Mitte der 1960er-Jahre nur noch selten geschah. Doch eine Sonderstellung in diesem Milieu nimmt Kernmayr vor allem mit der Markierung der Neuen Linken als Antreiberin und Nutznießerin des „Sittenverfalls“ ein. In der zeitgenössischen Wahrnehmung war die Verknüpfung von Sexualität und der Studierendenbewegung nur ein Randaspekt im rechten Feindbild Außerparlamentarische Opposition (erst in den 1980er-Jahren sollte sich dies bei der Herausbildung des Erinnerungsorts ‚1968‘ auf breiter Front ändern). Ab 1966 diente vielmehr die SPD in der Wahrnehmung der meisten völkisch-radikalnationalistischen Periodika als Hauptgegner. Der Liberalismus und die FDP wurden in diesen Jahren seltener für die „Sexualbewegung“ verantwortlich gemacht, während vor 1966 die „Sittenlosigkeit“ in rechten Zeitungen und Zeitschriften meist als Ausdruck der materialistisch-kapitalistischen Zeitläufte betrachtet wurde – ein Argument, das gelegentlich antisemitisch ausgedeutet wurde und auch nach 1966 relevant blieb, jedoch durch die klare Feindmarkierung in den Hintergrund trat.[9]

Die von Kernmayr beschriebene Strategie der Neuen Linken, den „sexuellen Klassenkampf“ zu entfachen, wurde vielfach auch dem Weltkommunismus zugeschrieben. Allerdings erwähnt Kernmayr dies nicht. Stattdessen wird in einer typografisch abgesetzten Coda (ob von Kernmayr selbst oder von der Deutsche Wochen-Zeitung eingefügt) die „positive“ Seite dieses Feindbilds aufgeführt: der Ostblock, repräsentiert durch einen DDR-Kulturwissenschaftler, als Antipode des „Sittenverfalls“ im Westen. Ähnliche Aussagen aus der DDR und insbesondere der Sowjetunion fanden in dieser Zeit wohlwollende Resonanz in völkisch-radikalnationalistischen Periodika und wurden auch in Zuschriften in konservativen Zeitungen und Zeitschriften häufig abgedruckt. Dies ging meist mit der Annahme einher, dass die Ostblockstaaten ihrer eigenen Bevölkerung – vorbildliche – Sittenstrenge verordnen würden, da die Sowjetunion nach der Oktoberrevolution schmerzhaft erlebt habe, wie gesellschaftsschädigend lockere Sitten seien. Das in dieser historischen Situation generierte ‚Wissen‘ würde nun wiederum vom Ostblock genutzt, um durch die Flutung westlicher Staaten mit Pornografie die dortige sexuelle Liberalisierung und somit ihren Verfall voranzutreiben. Dieses Argument war in der rechten Diskussion derart populär, dass es hier lediglich aktualisiert werden musste. Doch auch wenn sich in der bundesdeutschen Rechten um 1970 das Feindbild, wer Träger dieses „Sittenverfalls“ sei, unterschied – sei es die Neue Linke wie bei Kernmayr, die Sozialdemokratie oder (im Hintergrund) die Sowjetunion –, einig war man sich darin, dass sexuelle Libertinage Gesellschaften zerrütte, die Arbeitsmoral und Wehrbereitschaft untergrabe und somit die Grundlage für eine Bolschewisierung bereite.

 


[1] Vgl. Annette Miersch, Schulmädchen-Report. Der deutsche Sexfilm der 70er Jahre, Berlin: Bertz, 2003, S. 108.

[2] Vgl. Tilmann Walter, Begrenzung und Entgrenzung. Zur Genealogie wissenschaftlicher Debatten über Sexualität, in: Claudia Bruns/ders. (Hg.), Von Lust und Schmerz. Eine Historische Anthropologie der Sexualität, Köln u.a.: Böhlau, 2004, S. 129–174, hier S. 143.

[3] N.N., Die Sozis und der Sex, in: Deutsche Nachrichten, Nr. 14, 3.4.1970, S. 2.

[4] Vgl. Uwe Baur/Karin Gradwohl-Schlacher, Literatur in Österreich 1938–1945. Handbuch eines literarischen Systems, Bd. 1: Steiermark, Wien u.a.: Böhlau, 2008, S. 164–169, hier S. 168.

[5] Vgl. Gunnar Mertz, Erich Johann Kernmayr (1906–1991). Vom Kommunisten zu einem der führenden rechtsextremen Publizisten in der Bundesrepublik, in: Gideon Botsch/Christoph Kopke/Karsten Wilke (Hg.), Rechtsextrem: Biografien nach 1945, Berlin/Boston: De Gruyter Oldenbourg, 2023, S. 189–209, hier S. 207.

[6] Vgl. Erich Kern, Heldenhaft: Rommel und der Sturm auf Tobruk, in: Compact, 14.10.2023, https://www.compact-online.de/heldenhaft-rommel-und-der-sturm-auf-tobruk (letzter Zugriff: 22.10.2023).

[7] Erich Kern, SPD ohne Maske. Eine politische Dokumentation, Hannover: National-Verlag, 1970, S. 10–13/70–71, die Zitate S. 5 u. 10.

[8] Vgl. Sebastian Bischoff, Nation und Perversion. Der „Anti-Porno-Anwalt“ Manfred Roeder und sein Übergang in die völkisch-radikalnationalistische Rechte, 1969–1975, in: Geschichte und Gesellschaft 48 (2022), H. 4, S. 584–618, hier S. 604. Außerdem sind Proteste gegen eine Hamburger Operettenaufführung im März 1971 aktenkundig. Im Gründungsmanifest findet das Thema ebenfalls Erwähnung, vgl. Manifest des Deutschen Widerstands, in: Widerstand. Der Schwur von Würzburg, Nürnberg: National-Verlag, 1970, S. 29.

[9] Hierzu ausführlich Sebastian Bischoff, Wa(h)re Sexualität. Antikapitalismus von rechts in den bundesrepublikanischen Pornografie-Debatten um 1970, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 70 (2022), H. 11, S. 928–945.

Auswahlbibliografie
  • Uwe Baur/Karin Gradwohl-Schlacher, Literatur in Österreich 1938–1945. Handbuch eines literarischen Systems, Bd. 1: Steiermark, Wien u.a: Böhlau, 2008, S. 164–169.

  • Sebastian Bischoff, Nation und Perversion. Der „Anti-Porno-Anwalt“ Manfred Roeder und sein Übergang in die völkisch-radikalnationalistische Rechte, 1969–1975, in: Geschichte und Gesellschaft 48 (2022), H. 4, S. 584–618.

  • Sebastian Bischoff, Wa(h)re Sexualität. Antikapitalismus von rechts in den bundesrepublikanischen Pornografie-Debatten um 1970, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 70 (2022), H. 11, S. 928–945.

  • Sebastian Bischoff, „Die Stellung zum Sex wird immer mehr zu einer klaren politischen Trennungslinie“. Der Kampf der bundesdeutschen Rechten gegen die „Pornowelle“ um 1969, in: Archiv für Sozialgeschichte 63 (2023), S. 193–221.

  • Gunnar Mertz, Erich Johann Kernmayr (1906–1991). Vom Kommunisten zu einem der führenden rechtsextremen Publizisten in der Bundesrepublik, in: Gideon Botsch/Christoph Kopke/Karsten Wilke (Hg.), Rechtsextrem: Biografien nach 1945, Berlin/Boston: De Gruyter Oldenbourg, 2023, S. 189–209, https://doi.org/10.1515/9783111010991-010 (open acces).

Quelle:

002 Kern Sex als Sprengstoff

Text/Transkript

Sex als Sprengstoff gegen die Gesellschaft

Die politische Manipulation mit der Pubertät / Von ERICH KERN

Seit die Menschheit besteht, gibt es für jeden jungen Menschen, wenn er der Kindheit entwächst, gewisse Entwicklungsschwierigkeiten. Man nennt diesen Lebensabschnitt die Pubertät. Bisher ist jede junge Generation mit diesem Problem mehr oder minder ohne fremde Hilfe fertig geworden. Der unwiderlegbare Beweis dafür ist die steigende Zahl der Weltbevölkerung durch alle Jahrhunderte. In der Dritten Welt gar, wo die farbigen Völker sich noch nicht so weit von der Natur entfernten, gibt es auch heute noch diesbezüglich alles eher als Schwierigkeiten. Allein bei den weißen Völkern, vor allem in der Wohlstandsgesellschaft der Industriestaaten glaubt man, mit den bisherigen Erfahrungen nicht auskommen zu können und ganz „neue“ Wege beschreiten zu müssen.

Eigentlich begann alles mit der psychoanalytischen Erkenntnis des Prof. Dr. Siegmund Freud, der als Grundlage aller seelischen Vorgänge den Geschlechtstrieb betrachtete. Diese Überbewertung eines Teils der natürlichen Vorgänge unseres Körpers bewog schließlich den amerikanischen Professor Alfred Kinsey zu seinen Reporten über das sexuelle Verhalten der Frau und des Mannes und führte pfeilgerade in die Laboratorien der St. Louis University in Missouri des Dr. William Masters und seiner Mitarbeiterin Virginia E. Johnson, wo der Gipfel der Geschmack- und Taktlosigkeit der sogenannten Sexualforschung erreicht wurde. Mit Kamera, Ton- und Meßgeräten die Intimsphäre der Menschheit zu belauschen, hat wohl nichts mehr mit Wissenschaft zu tun, sondern gehört in jene abgründigen Bereiche einer Pseudowissenschaft, die nicht unwesentlich an der völligen Entseelung der Liebe Schuld trägt.

Nichts Neues

Von diesen Auswüchsen abgesehen, bringt die ganze „Sexualwissenschaft[“] nichts wesentlich Neues. Es hat schon immer Prostitution auf der Welt gegeben, und immer Ehepartner, die fremdgegangen sind. Ja selbst der jetzt mit soviel Geschrei proklamierte Gruppensex, der Massenfamilie, ist nichts Neues: Wir treffen diese Dinge heute noch bei vielen auf tiefster Kulturstufe stehenden Völkerstämmen in Afrika und Asien an. Manche dieser Dinge haben sich nur – mit der Bevölkerungsexplosion der Welt – vermehrt und so haben wir heute in der Bundesrepublik rund 60 000 Prostituierte (Kenner behaupten sogar, illegal würden sich mindestens noch einmal 120 000 Damen des ambulanten Gewerbes tummeln); in den USA gibt es derer sogar zwei Millionen.

Es ist von besonderer Pikanterie, daß die damals christdemokratisch geführte Bundesrepublik mit dem Urteil des Bundesgerichtshofes vom 2. März 1965 die Prostitution offiziell anerkannte: „Die weibliche Prostitution ist als solche weder strafbar noch rechtswidrig. Sie ist unsittlich und wird daher von der Sitte mißbilligt, vom Recht dagegen geduldet.“ Diese Verbeugung war in dem Augenblick notwendig, in dem sich der Staat entschloß, an dem Sündengeschäft der Dirnen in Form von Steuern teilzunehmen.

Mit der fragwürdigen Sexual-„Wissenschaft“ verbreitete sich der Wunsch einer weitgehenden Aufklärung der Jugendlichen, die sich in unserer sozialistisch-liberalistischen Gesellschaft geradezu überschlägt. Zweifelsohne ist gegen eine biologische Unterrichtung der Jugend, wenn sie in die Pubertät eintritt, nichts zu sagen, wenn sie nicht, wie das heute in vielen Fällen der Fall ist, das Schamgefühl der Jugendlichen verletzt. Daß aber sozusagen mittels Sexatlanten und Aufklärungen bereits die Volksschüler über die intimen Vorgänge des Geschlechtsverkehrs unterrichtet werden, ist geradezu verantwortungslos. Schon zeigen sich in manchen Fällen die grauenhaften Schattenseiten dieser Aufklärungs-Verirrungen. Erst kürzlich versuchte ein 11jähriger Schüler in Düsseldorf ein 15jähriges Mädchen zu vergewaltigen, vor der Polizei gestand der Knabe: „Ich habe zu Hause Aufklärungsbücher gelesen. Darum wollte ich auch mal etwas mit einem Mädchen versuchen.“ Der 15jährige Schüler Bernhard, der im Vorjahr in Duisdorf eine 35jährige Mutter ermordete, gab an, daß er besonders durch Aufklärungsschriften den Wunsch hatte, die hübsche Frau, in deren Nachbarschaft er lebte, nackt zu sehen. Wer glaubt, daß diese erschütternden Dokumentarbeweise eine Änderung des Irrwegs dieser verfrühten und rein auf die materiellen Vorgänge ausgerichteten „Aufklärung“ erwartet, der ist ein Illusionist.

Die Illustrierten, die westdeutsche Filmindustrie, überschlagen sich mit Nacktfilmen, Bildern, Sexreportagen, und selbst die Werbung hat sich längst des Sexes bemächtigt. Das Verhängnisvolle dabei ist, daß diese Form von Sexualerziehung und Sexual-„Wissenschaft“ pfeilgerade in eine beinahe schrankenlose Enthemmung führt. Das Leben wird schon im Kindesalter in allen Phasen ausgeschöpft. Einschlägige Literatur berät die Jugendlichen detailliert mit aller Raffinesse.

 

Sex-Jahrmarkt mit Exhibitionismus

So wurde alles Mini, die Röckchen, die Bikinis, und da dies noch zu wenig war, folgte man begeistert dem Ex-Wiener Gernreich und warf zuerst oben – vielleicht schon bald unten – alles ab, um sich mit deutlichen Merkmalen eines Exhibitionismus mehr oder minder gut gewachsen auf dem Sex-Jahrmarkt zu präsentieren. Schließlich führt die Pille zur Empfängnisverhütung dazu, daß die letzten Hemmungen zusammenbrachen. Wenn sogar das Oberhaupt der anglikanischen Kirche, Erzbischof Michael Ramsey, im Meinungsstreit der busenfreien Mode auf einer Pressekonferenz in Durham zur Toleranz aufrief, fallen die letzten Hemmungen selbst bei den gläubigsten Christen.

Die logischen Folgen sind nicht zu beschreibende sexuelle Abwegigkeiten und als letzte Rettung aus der trostlosen Misere das Rauschgift. Die Leere aber bleibt trotzdem. Der Jugendliche, der vorzeitig alles bekam, hat nichts mehr, was erstrebenswert wäre. Wer alles schon besitzt, oder geschenkt bekommt, kann eben nichts mehr wünschen, nichts mehr erhoffen. Das Ende für die 20jährigen ist ein erschreckendes Nichts.

Daß dabei die venerischen Krankheiten sprunghaft ansteigen, ist eine, wenn auch sehr bedrückende Randerscheinung. Es kann wenig beruhigen, wenn diese Ansteckungen uns mit Fremdarbeitern und tropischen Reisen erklärt werden. Auch dort und da mußten zuerst die Hemmungen fallen, um sich in Masse den venerischen Gefahren auszusetzen. Zahlen waren aus der Bundesrepublik auf diesem Gebiet nicht zu erhalten. Doch in den USA, wo alles statistisch errechnet wird, stieg in den letzten Jahren die Syphilis bei männlichen Jugendlichen unter 18 Jahren um 56 Prozent. Wir sehen, wir gehen auch hier herrlichen Zeiten entgegen.

Der sexuelle Klassenkampf

Die kleine Gruppe der „neuen Linken“ kam lange Zeit bei der Jugend nicht so recht voran. Schließlich sind Herbert Marcuse, Theodor Adorno, Max Horkheimer und Genossen längst keine Jünglinge mehr. Diese Opas der „Jugendrevolution“ zogen einfach nicht. Selbst die teilweise sehr berechtigten Forderungen nach Universitätsreformen und Schulverbesserungen vermochten die Massen nicht in Bewegung zu setzen. Da kam einigen cleveren Managern der Studenten- und Schülerrevolte die grandiose Idee, den enthemmten Sex vor ihren linkgedrallten Karren zu spannen. Alle Studenten- und Schülerzeitungen bemächtigten sich schlagartig des schrankenlosen Sexes und predigten im Detail, nur kümmerlich theoretisch verbrämt, alle seine Formen. Natürlich folgten alle jene kommerziellen Magazine, die mit der Jugendrevolte viele kapitalistische DM machen. Dieser verlockenden Lektüre, die aus teils getarnter, teils aus offener Pornographie besteht, konnte ein Teil der akademischen und Oberschuljugend nicht widerstehen. So kamen schließlich Karl Marx, Che Guevara, Mao Tse tung, Rosa Luxemburg und Genossen über die propagierte Massenprostitution in die Reihen des verirrten Teils der westdeutschen Jugend. Es wird seither offiziell die optimale Triebbefriedigung als Voraussetzung für die Charakterbildung gepredigt. Die eventuelle Triebversagung wird als „bürgerliche Deformation“ hingestellt. Das Lustprinzip als solches wird durch die Polit-Pornographie offiziell proklamiert. Das Bündnis der Pornographie mit der Revolution lohnte sich: Der sexuelle Klassenkampf wurde geboren. So wurde der Sex zum Sprengstoff gegen die Gesellschaft!

Das immer bestehende Generationsproblem wurde natürlich systematisch angeheizt und führte in vielen Fällen zu einem Aufstand gegen das Elternhaus, die Schule und den Staat. Diese nunmehr aufgehetzte, zum Teil verluderte Gruppe der Jugend, fühlt sich bei allem und jedem vergewaltigt – „frustiert“. Vergewaltigung ist für sie vor allem, daß sie lernen und Prüfungen ablegen sollen; Vergewaltigung ist die Leistung an sich und natürlich jede Pflicht. Man will frei sein. Ganz frei sein. Vom Gesetz, von Vorschriften und Auflagen aller Art. Man will also nicht mehr und nicht weniger als die Anarchie.

Pubertäts-Neurosen

Die verschwommenen Ziele sind eine Mischung von Mehrheitsbeglückern der Vergangenheit, von Proudhon, Marx, Bakunin bis Mao Tse Tung, zeigen alle Züge echter Pubertäts-Neurosen, ihre Sprache, ein oft kaum verständlicher Slang, kommt zum Teil aus der Analsphäre. Dabei sind diese Rebellen gegen jede Autorität, die ihren Großvätern und Vätern nicht verzeihen können, weil sie auch unter einer Diktatur an Deutschland glaubten, die heute noch bei jeder NPD-Versammlung den versäumten Widerstand gegen Adolf Hitler nachholen wollen, die aus triefender Menschenliebe den Wehrdienst verweigern, und gegen jeden, natürlich nur amerikanischen, südafrikanischen, griechischen und portugiesischen, Militarismus marschieren, von einer aufreizenden Widersprüchlichkeit. Denn diese antiautoritäre Jugend ist im höchsten Maße und brutal autoritär. Sie duldet keine andere Meinung; sie brüllt jeden nieder, der anders denkt als ihre kommunistisch-anarchistischen Götter. Sie setzt Gebäude in Brand, sie zerschlägt und beschmutzt Einrichtungen, zertrümmert Fensterscheiben, sie schlägt ganz und gar unpazifistisch politisch Andersdenkende nieder, sie geht gegen die ihre Pflicht erfüllenden Polizeibeamten los und sie legt schließlich sogar Bomben und Höllenmaschinen. In einem förmlichen Veitstanz strebt sie nur nach einem: Der Zerstörung aller Werte und Einrichtungen. Freilich hat dieser anarchische Bazillus bisher nur einen kleinen Teil der studierenden westdeutschen Jugend erfaßt. Bezeichnenderweise blieben vor allem die jungen Arbeiter und die jungen Bauern davon verschont. Sie leben aber dank der propagandistischen Förderung der Zersetzung durch die Massenmedien beinahe in einem seelischen Ghetto. Sauber zu sein ist ja heute in der öffentlichen Meinung idiotisch, Jungfräulichkeit glattweg verdächtig.

Wohlstandskinder

Das verblüffendste ist, daß die Träger der sittlichen Entartung und der anarcho-kommunistischen Revolution keineswegs die proletarischen oder bäuerlichen Teile der westdeutschen Jugend sind. Die Meuterer gegen Zucht und Ordnung, gegen Staat und Recht stellt, nach dem Jargon der Marxisten, die junge westdeutsche Bourgeoisie. Nichtstuer und Nichtskönner, zum größten Teil vom Monatswechsel ihrer allzu nachsichtigen Väter finanziert, stellen die Masse der Zerstörungssüchtigen, sexbesessenen Pubertätsrevoluzzer. Selbst unter diesen befinden sich noch manche fehlgeleitete Idealisten, die mit dem Widerspruch der Theorie und Praxis unserer durch und durch vermorschten Gesellschaft nicht fertig werden. Um sie braucht niemand bange zu sein. Denn auch heute noch gilt die Weisheit: Wer mit 18 nicht Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer es mit 40 noch ist, der aber hat einen Dachschaden.

Viel größeren Schaden als die politischen Entgleisungen eines Teils der studentischen Jugend wird der Nation durch die propagierte sittliche Verluderung zugefügt. Denn so unglaublich es scheint: Auch aus den Reihen dieser Sexenthemmten kommen die Väter und Mütter von morgen.

 

Kapitalistische Nackedeis

Der Experte des Institutes für Allgemeine Kulturwissenschaft der Karl Marx-Universität Leipzig, Dr. Slooma, kam in der Erforschung von Sex-Fotos zu folgendem Ergebnis. „Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen sozialistischer und kapitalistischer Nacktheit Die kapitalistische Gesellschaft löst sexuelle Gegensätze auf privatem Weg, z. B. durch Heirat; die innere Leere der Form wird durch äußeren Prunk übertüncht. Die Beziehung der Geschlechter wird auf ein tierisches Verhältnis herabgewürdigt Um von den Sex-Fotos zu sprechen: Man steht spätbürgerlicher Afterkunst gegenüber.“

Es wird langsam schwierig, diesem „Experten“ zu widersprechen!

 

[Bildunterschrift:]

Die Familie, ironisch „Einfamilie“ genannt, steht im Mittelpunkt des Angriffes der anarcho-kommunistischen Sex-Revolutionäre. Die Massenfamilie wird propagiert. ln „Kommunen“ (unser Bild zeigt die Kommune 1 mit ihren männlichen Vertretern Kunzelmann, Teufel, Langhans, Enzensberger mit Kommunekindern) soll ein neuer Lebensstil erprobt werden. Die meisten dieser Kommune-Experimente sind unterdessen gescheitert.

Quellennachweis

Erich Kern [Pseudonym von Erich Johann Kernmayr], Sex als Sprengstoff gegen die Gesellschaft. Die politische Manipulation mit der Pubertät, in: Deutsche Wochen-Zeitung, Nr. 3, 16.1.1970, S. 5.