Renovierte Propaganda:
Thora Ruths Leserbrief „Die besseren Argumente“

Jahr
1973

Chronologie

1970–1979

Erscheinungsdatum

Digital Object Identifier
2972

Themenfelder

Ideologie und Publikationen
Text

Post aus Buenos Aires

„Die besseren Argumente“ ist der Titel eines Leserbriefs der deutschen Studentin Thora Ruth (*1953). Der Text erschien 1973 in der Septemberausgabe der in Argentinien produzierten deutschsprachigen Monatszeitschrift La Plata Ruf – La Voz del Platadie zwischen 1967 und 1977 erschienen ist. Diese Zuschrift an die Redaktion in Buenos Aires hatte keinen konkreten Bezug zu einem bestimmten Beitrag des Magazins. Sie richtete sich an eine Wir-Gruppe.

Der La Plata Ruf war ein rechtes Sprachrohr innerhalb der deutschen Gemeinschaft in Argentinien. Das Magazin befasste sich hauptsächlich mit deutscher und argentinischer Politik und Kultur, die jeweils aus völkisch-nationalistischer Perspektive besprochen wurden. Leitender Redakteur des Magazins war Wilfred von Oven (1912–2008). Der ehemalige persönliche Pressereferent von Joseph Goebbels war 1951 von Hamburg nach Argentinien ausgewandert und hatte dort zunächst als Korrespondent für den Spiegel und die Frankfurter Allgemeine Zeitung gearbeitet. La Plata Ruf unterhielt enge Beziehungen zu rechtsextremen Organisationen in der Bundesrepublik. Eng verbunden war das Blatt unter anderem mit der Monatsschrift Nation Europa.

 

Ein neues Image für die extreme Rechte

Der Leserbrief wendete sich besonders an das in der Bundesrepublik lebende Publikum des La Plata Ruf. Thora Ruth skizzierte die ökonomischen und geopolitischen Fronten der nationalen Opposition: Innenpolitisch ginge es gegen die „Grossindustrie“ und ihre parlamentarischen Handlanger, zu denen sie ausdrücklich auch die regierende SPD zählte. In ganz Europa wäre indes der „Befreiungsnationalismus […] auf dem Vormarsch“ und müsse sich in Deutschland „sowohl gegen den sowjetischen Panzerkolonialismus als auch gegen den US-Dollarimperialismus“ stellen.

Innerhalb dieses Szenarios entfaltete Thora Ruth ihre Argumentation. Ihre zentrale Frage war, wie die politische Kommunikation erfolgreicher gestaltet werden könnte, da die „nationale Opposition“ über „die besseren Argumente“ verfügte, während die Linke „nur durch das stillschweigende Wohlwollen der Presse im Wachsen“ wäre. Das Image des „‚Ewig-Gestrigen‘“, das viele mit der extremen Rechten verbanden, sollte ihr zufolge durch eine zeitgemäße Ansprache des Publikums verschwinden. Zu diesem Zweck schlug sie vor, Feindschaft gegenüber Migrant*innen („Fremdarbeiter raus!“) mit antikapitalistisch klingenden Versatzstücken zu rahmen, damit diese im Publikum weniger Abwehr auslöse („‚Dem Grosskapital muss verboten werden, nur um des Profites willen ganze Völkerschaften in Europa zu verschieben. Der Mensch soll nicht zur Arbeit, sondern die Arbeit zum Menschen gebracht werden.‘“).

 

Die Migrationsdebatte und die Defensive der äußersten Rechten

Die Deutschlandberichterstattung des La Plata Ruf zeichnete das Bild einer ideologisch fremdbestimmten und von realitätsfernen Linken regierten Gesellschaft. In diesem Sinne beklagten etliche Texte der Zeitschrift eine „Überfremdung“ der Bundesrepublik durch Zuzug von nicht-deutschen Migrant*innen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Leserbriefs (September 1973) war in der Bundesrepublik zudem eine Debatte um den Status von „Gastarbeitern“ in vollem Gange. Die Anwerbung von Arbeitskräften aus Europa, der Türkei und Nordafrika seit 1955 war zum Teil durch das Interesse von Arbeitgeber*innen an niedrigen Löhnen motiviert – und deswegen auch in sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Kreisen umstritten. Der Begriff des „Gastarbeiters“ entsprach indes oft nicht mehr der Realität: Immer mehr Arbeitsmigrant*innen sahen ihren Lebensmittelpunkt dauerhaft in der Bundesrepublik. In den frühen 1970er-Jahren waren Diskriminierung und schlechte Arbeitsbedingungen von Migrant*innen ein wachsendes Thema; „Anwerbestopp“ und „Integration“ wurden zu bedeutenden Begriffen der bundesdeutschen Migrationsdebatte.

Der Leserbrief von Thora Ruth ist zugleich vor dem Hintergrund einer Krise der extremen Rechten Westdeutschlands zu lesen. Der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) gelang 1969 nicht der von vielen erwartete Einzug in den Bundestag. Die Partei hatte fortan mit einer Sinnkrise zu kämpfen. Junge Rechtsextreme, die nun außerhalb der NPD einen Neuanfang anstrebten, formierten sich in Gruppen und Zeitschriftenprojekten. Der Konflikt dieser zeitgenössisch häufig als „junge“ oder „Neue Rechte“ bezeichneten Aktivist*innen mit „Alten Rechten“ war weniger ideologisch, vielmehr strategisch, und trug die Züge eines Generationenkonflikts. Themen wie der Geschichtsrevisionismus, der auch von jüngeren Mitstreiter*innen nahezu ungebrochen geteilt wurde, verloren an Zugkraft. Thora Ruth schloss ihren Brief mit der provokanten Frage: „Wollen wir ausgelacht oder angehört werden?“

Mit dem kontroversen Thema Migration schien sich ein mögliches neues Agitationsfeld abzuzeichnen. Doch aus der Sicht Thora Ruths waren offen feindselige Parolen gegen nicht-deutsche Arbeitskräfte („‚Die sollen doch heimgehen‘“) nicht mehr opportun. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), die erstmals den Bundeskanzler stellte, setzte auf den Ausbau des Sozialstaats. Gewerkschaften kämpften für stärkere betriebliche Mitbestimmung. Kommunistische Organisationen sahen in der Arbeiter*innenschaft revolutionäres Potenzial und übten sich in klassenkämpferischer Betriebsarbeit. Der – nach kurzer Zeit niedergeschlagene – ‚wilde‘ Streik bei Ford im August 1973, der von der türkeistämmigen Belegschaft ausging, zeigte eindrücklich, dass nationalitätenübergreifende Arbeitskämpfe in der Bundesrepublik möglich waren – und zur Zielscheibe von rassistischen Ressentiments wurden.

 

Zwischen „Neuen“ und „Alten Rechten“

Ruths strategischer Vorschlag, Feindschaft gegenüber Einwanderer*innen zu einem Kampfmittel gegen das „Großkapital“ zu erklären, ist auch als ideologische Antwort auf diese wirtschafts- und sozialpolitischen Veränderungen zu verstehen. Ihr Leserbrief fällt mit der Entwicklung eines von etlichen „Neuen Rechten“ vertretenen Ansatzes zusammen, die „soziale Frage“ entlang völkisch-nationalistischer Identitäten in den Mittelpunkt zu stellen. Der „Ethnopluralismus“ des „Neuen Rechten“ Henning Eichberg (1942–2017), der 1973 erstmals öffentlich vorgestellt wurde, verband Rassismus mit radikaler Rhetorik gegen die Internationalität des Kapitals.[1] Ähnliche Vorstellungen fanden auch im Umfeld der Nation Europa Widerhall, die der neue Herausgeber Peter Dehoust (1936–2020) seit 1971 für „neurechte“ Positionen öffnete. Thora Ruths Leserbrief greift bis in die Formulierung einen Punkt auf, die der Zweite Nationaleuropäische Jugendkongreß im Juli 1973 zum Thema „Fremdarbeiter – Immigration“ beschlossen hatte und in der Augustausgabe der Nation Europa verbreitete: „Aufgabe einer europäischen Wirtschaftsordnung muß es sein, die Produktionsmittel zu den Menschen zu bringen […] – und nicht umgekehrt.“[2] Zusammen mit einem nationalneutralistischen Appell gegen die USA und die UdSSR lag der Leserbrief damit auf nationalrevolutionärer Linie.

Es ist aber umstritten, ob „Die besseren Argumente“ ein Dokument der Neuen Rechten ist. Einige Forscher*innen sehen Ruths Einlassungen als kennzeichnendes Beispiel für die neurechte Kommunikationsstrategie, welche sich vom Revisionismus der ‚ewig Gestrigen‘ entfernte und auf die ‚1968er‘ mit taktischer Nachahmung reagierte. Gegen die Lesart als Quelle der Neuen Rechten spricht, dass der Text in der La Plata Ruf erschienen ist, deren Positionen, Themen und Begriffe sich überwiegend am ideologischen Arsenal der nationalsozialistischen „Erlebnisgeneration“ orientierten.

Und auch die Autorin ist eher den etablierten Strukturen der „Alten Rechten“ zuzuordnen: Mindestens seit 1975 war sie im Nationaldemokratischen Hochschulbund (NHB) regional federführend aktiv, womit sie der NPD nahestand, von der sich „Neue Rechte“ aus unterschiedlichen Motiven zusehends entfernten. Im gleichen Jahr steuerte die damalige Biologiestudentin Ruth für die Neue Anthropologieeine vom Neonazi Jürgen Rieger herausgegebene pseudowissenschaftliche Zeitschrift, einen Artikel über die Risiken von „Rassenkreuzungen“ bei.[3] Verkompliziert wird die Zurechnung zur Alten oder Neuen Rechten dadurch, dass dem „Wissenschaftlichen“ Beirat der Zeitschrift auch der Vordenker der französischen Nouvelle Droite, Alain de Benoist, angehörte. Genuine Beiträge für eine Neue Rechte, verstanden als eigenständiges Milieu zwischen Konservatismus und extremer Rechter, leistete Ruth nicht. Fest steht auch, dass sie – nach ihrer Heirat mit dem dänischen Neonazi Hans Christian Krogh Pedersen unter dem Namen Andrea Regine Pedersen bekannt – in ihrer weiteren politischen Laufbahn fest im neonazistischen Milieu verankert blieb.[4]

 

Die Codierung von Menschenfeindlichkeit

Die von Thora Ruth erhobene Forderung, rechte Ideologien einer veränderten politischen Kultur anzupassen, taugt kaum zum Merkmal, um „Neue“ und „Alte Rechte“ trennscharf voneinander zu unterscheiden. Denn die Geschichte der äußersten Rechten nach 1945 ließe sich gerade über ihre strömungsübergreifenden Codierungen erzählen: Nach dem Verbot der neonazistischen Sozialistischen Reichspartei 1952 stieg in der äußersten Rechten der Druck, sich an parlamentarisch-demokratische Regeln anzupassen. Die NPD versuchte seit ihrer Gründung, die nationalsozialistische Idee der „Volksgemeinschaft“ unter den Bedingungen liberaler Demokratie zur Geltung zu bringen. Angesichts einer liberaleren politischen Kultur und gelegentlicher Repression sahen sich rechtsradikale und extrem rechte Gruppen seit den 1950er-Jahren grundsätzlich veranlasst, eine antisemitische „Umwegkommunikation“[5] zu entwickeln. 

Vor diesem Hintergrund ist Ruths Vorschlag, gegen „Großkapital“ und „Bosse“ zu agitieren, ein Appell, nationalsozialistische Antisemitismen wie „raffendes Kapital“ zugunsten unverfänglicherer Formeln aufzugeben. Genauso geboten schien es für viele Rechtsextreme, in einer zusehends als links empfundenen Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, dass die Abschottung gegen ausländische Arbeitskräfte kein Rassismus, sondern lediglich eine Maßnahme gegen ausbeuterische „Bosse“ wäre. In Wissenschaft und antifaschistischem Journalismus gilt „Die besseren Argumente“ häufig als Teil einer rechtsextremen Tarnungsstrategie, Dokument des neurechten Ethnopluralismus und einer erwogenen Querfront-Taktik. Dieser Lesart zufolge sollte mit rhetorischen Kniffen der Schulterschluss mit bis dato unzugänglichen Gruppen ermöglichen werden. Die Autorin selbst zeigte aber keine Distanz zur „Alten Rechten“ und verblieb in den am Nationalsozialismus orientierten Milieus.

Unabhängig davon, ob Thora Ruths Leserbrief „Die besseren Argumente“ als Dokument der Neuen oder der gesamten äußersten Rechten gelesen wird, ist seine Offenheit bemerkenswert. Diese ist ein Zeichen für intergenerationelle, thematische und strategische Umbrüche in den 1970er-Jahren. In seltener Klarheit gibt die Quelle einen Einblick in die Konstruktion rechter Propaganda, die sich immer wieder an Veränderungen der politischen Kultur anpasst.

 


[1] Vgl. Henning Eichberg, Ethnopluralismus. Eine Kritik des naiven Ethnozentrismus und der Entwicklungshilfe, in: Junges Forum (1973), H. 5, S. 3–12.

[2] 2. Europäischer Jugendkongreß, Entschließung des 2. NEC. Fremdarbeiter – Immigration, in: Nation Europa 23 (1973), H. 8, S. 36.

[3] Thora Ruth, Rassenmischung, Wissenschaft und Ideologie, in: Neue Anthropologie – Erbe und Verantwortung 3 (1975), H. 2S, 29–31.

[4] Volkmar Wölk, Faszinierende „Angstmacher“, in: der rechte rand (2017), Nr. 169 (online only), https://www.der-rechte-rand.de/archive/2778/faszinierende-angstmacher/ (letzter Zugriff: 7.2.2024).

[5] Werner Bergmann, Kommunikationslatenz und Vergangenheitsbewältigung, in: Helmut König/Michael Kohlstruck/Andreas Wöll (Hg.), Vergangenheitsbewältigung am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts (Leviathan-Sonderheft; 18), Opladen: Westdeutscher Verlag, 1998, S. 393–408.

Auswahlbibliografie
  • Margret Feit, Die „Neue Rechte“ in der Bundesrepublik. Organisation, Ideologie, Strategie, Frankfurt a.M./New York: Campus, 1987.

  • Rosa Weiß, Neonazi-Arzt terrorisiert Dorfbewohner, in: der rechte rand (1990), Nr. 8, S. 15.

  • Armin Pfahl-Traughber, Vom „Rassegedanken“ zum „Ethnopluralismus“. Nationalrevolutionäre Intellektuelle der 1970er Jahre und die Entwicklung des Rassismus-Verständnisses im deutschen Rechtsextremismus, in: Hendrik Hansen/Armin Pfahl-Traughber (Hg.), Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2019/20 (I), Brühl: Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, 2021, S. 199–221.

Quelle:

011 Thora Ruth

Text/Transkript

Die besseren Argumente

Während bei CDU und FDP die enge Verbindung zur Grossindustrie allgemein bekannt ist, erhofften sich viele Arbeiter von der SPD eine bessere Politik – und müssen allmählich feststellen, dass auch diese „Arbeiterpartei“ mit den scheinbar bekämpften Bossen versippt ist. Hierin liegt die Chance einer nationalen Opposition. Wir haben einfach die besseren Argumente – nicht nur auf dem Gebiet der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die Idee des Befreiungsnationalismus ist in ganz Europa – von Irland und der Bretagne bis zu den unterdrückten Völkern Osteuropas – auf dem Vormarsch.

Bei uns kann die nationale Selbstbestimmung von keiner der grossen Parteien durchgesetzt werden. Die CDU hängt ständig an Washingtons Rockschössen – das wurde besonders bei ihrer Chinapolitik deutlich, als sich Erhard von den Herren im Weissen Haus zurückpfeifen liess, obwohl eine Zusammenarbeit mit China wünschenswert ist, sagte doch der „grosse Vorsitzende“: „Ich kenne kein Kaliningrad, ich kenne nur Königsberg!“ Und über die SPD, die ihre Hauptaufgabe in der Erfüllung sowjetischer Wünsche sieht, braucht man kein Wort mehr zu verlieren. Wir wenden uns sowohl gegen den sowjetischen Panzerkolonialismus als auch gegen den US-Dollarimperialismus.

Wir haben die besseren Argumente – doch wie zeigen wir das dem Otto Normalverbraucher? Dass uns die bundesdeutschen Meinungsmanipulatoren kein Wohlwollen entgegenbringen, ist uns eine Ehre. Aber es erschwert natürlich unsere Arbeit. Die Linke ist nur durch das stillschweigende Wohlwollen der Presse im Wachsen. Doch Klagen darüber sind Zeitverschwendung. Wir müssen unsere Aussagen so gestalten, dass sie nicht mehr ins Klischee des „Ewig-Gestrigen“ passen. Eine Werbeagentur muss sich auch nach dem Geschmack des Publikums richten und nicht nach dem eigenen. Und wenn Kariert Mode ist, darf man kein Produkt mit Pünktchen anpreisen. Der Sinn unserer Aussagen muss freilich der gleiche bleiben. Hier sind Zugeständnisse an die Mode zwecklos. In der Fremdarbeiter-Frage etwa erntet man mit der Argumentation „Die sollen doch heimgehen“ nur verständnisloses Grinsen. Aber welcher Linke würde nicht zustimmen, wenn man fordert: „Dem Grosskapital muss verboten werden, nur um des Profites willen ganze Völkerscharen in Europa zu verschieben. Der Mensch soll nicht zur Arbeit, sondern die Arbeit zum Menschen gebracht werden.“ Der Sinn bleibt der gleiche: Fremdarbeiter raus! Die Reaktion der Zuhörer aber wird grundverschieden sein. Wollen wir ausgelacht oder angehört werden?

Thora Ruth,
74 Tübigen
Sieben-Höfe Strasse 49

Quellennachweis

Thora Ruth, Die besseren Argumente, in: La Plata Ruf / La Voz del Plata. Unabhängige Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur 6 (September 1973), Nr. 65, S. 25 (DISS-Archiv, Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung).