Zitationsempfehlung
Karsten Wilke, Die Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit (HIAG) und die Apologie der Waffen-SS: Paul Haussers Buchpublikation Soldaten wie andere auch, in: Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000. Eine kommentierte Online-Quellensammlung, 28.11.2025, https://radikale-rechte.de/comment/034-wilke-hausser-soldaten, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2992.
Die Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit (HIAG) und die Apologie der Waffen-SS:
Paul Haussers Buchpublikation Soldaten wie andere auch
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Paul Haussers Laufbahn im Nationalsozialismus
Als pensionierter Generalleutnant der Reichswehr durchlief Paul Hausser (1880–1972) während der Zeit des Nationalsozialismus eine zweite Karriere innerhalb der Schutzstaffel (SS). Während des Zweiten Weltkrieges befehligte er u.a. die Waffen-SS-Division „Das Reich“ und das II. SS-Panzerkorps. Mit diesen Einheiten war Hausser sowohl an der Ostfront als auch auf dem westlichen Kriegsschauplatz im Einsatz. Kurz nach der Landung der Alliierten in der Normandie erhielt er – als SS-Angehöriger – den Oberbefehl über die 7. Armee und wurde einige Wochen später kommissarischer Oberbefehlshaber einer Heeresgruppe. Als ranghöchster überlebender Offizier der Waffen-SS beanspruchte er nach 1945 für sich, die Geschichte dieser Formation zu erzählen und zu deuten sowie als ihr Fürsprecher die Interessen der Veteranen zu vertreten.[1]
Die Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Waffen-SS (HIAG)
Als institutionalisierte Interessenvertretung entstanden seit den frühen 1950er-Jahren in vielen westdeutschen Städten sogenannte Hilfsgemeinschaften auf Gegenseitigkeit (HIAG). Die zunehmende Vernetzung der lokalen HIAG-Gruppen setzte sich über den Aufbau von Landesverbänden fort und mündete schließlich 1959 in die Gründung des Bundesverbands der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS e.V. (kurz: HIAG-Bundesverband) mit ca. 20.000 Mitgliedern.
Hausser selbst stand dem Bundesverband eher skeptisch gegenüber, da nach seiner Auffassung, ein allgemeiner Soldatenbund die Interessen der früheren Waffen-SS besser vertreten hätte als eine Klientelvereinigung. Jedoch war dies unter den früheren Truppenangehörigen nicht mehrheitsfähig. Er hielt sich daher fortan aus den internen Debatten heraus, fungierte aber weiterhin als Repräsentant und widmete sich verstärkt der Lobbyarbeit.
Obwohl die Waffen-SS nur wenige Jahre zuvor vom Internationalen Militärtribunal im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher zu einer „verbrecherischen Organisation“ erklärt worden war, gelang es dem HIAG-Bundesverband als legitimes Sprachrohr anerkannt zu werden. Voraussetzungen hierfür waren ostentative Bekenntnisse zur Demokratie und ausdrückliche Distanzierungen von NS- bzw. SS-Traditionen, eine erfolgreiche Netzwerkarbeit innerhalb der Soldatenbünde sowie ein fortgesetzter Austausch mit den politischen Parteien.
Gleichwohl existierte an der Basis der HIAG – entgegen allen Beteuerungen der Organisationsspitze – sehr wohl ein systemoppositionelles rechtsextremes politisches Potenzial. Hier hielt man vielfach an Selbstverständnissen, Denkweisen und politischen Vorstellungen aus der Zeit des Nationalsozialismus fest.[2]
Die Apologie der Waffen-SS
Der sicherlich wichtigste Schlüssel für den Zugang zur demokratischen Gesellschaft waren die Integrationsangebote sowohl vonseiten der Christlich Demokratischen Union (CDU) als auch vonseiten der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), die beide das Ziel verfolgten, die Veteranen der Waffen-SS – als eine politisch schwer einschätzbare Klientel – durch Zugeständnisse für die Demokratie zu gewinnen. Dazu gehörten materielle Leistungen wie die sukzessive Angleichung der Rentenbezüge an diejenigen der früheren Wehrmachtsangehörigen, aber auch die Übernahme der apologetischen Geschichtsdeutungen aus dem Umfeld der HIAG.
In Zeitschriften- und Buchpublikationen sowie in zahlreichen Denkschriften, Erklärungen und auf öffentlichen Veranstaltungen hatten die HIAG-Gruppen die Verurteilung der Waffen-SS im Nürnberger Prozess bereits seit den frühen 1950er-Jahren als Ausdruck angeblicher „Siegerwillkür“ und vermeintlicher „Rachejustiz“ zurückgewiesen. Stattdessen grenzten sie die Formation von der Gesamt-SS sowie von Kriegs- und NS-Verbrechen ab und inszenierten sie als „wehrmachtsgleiche“ militärische Formation sowie nicht selten auch als politische Avantgarde, hier v.a. als zukunftsweisende „Europa-Armee“. Zu diesen Arbeiten gehörte nicht zuletzt Haussers erstes Buch Waffen-SS im Einsatz aus dem Jahre 1953.[3]
Soldaten wie andere auch als Kommentar zur Vergangenheitsbewältigung
Die Selbstbeschreibung und -deutung zielte vor allem darauf ab, die Angehörigen der Waffen-SS in die „Legende von der sauberen Wehrmacht“ mit einzuschreiben und sie mithin als „Soldaten wie andere auch“ – hierbei handelte es sich ursprünglich um einen Anfang der 1950er-Jahre durch Bundeskanzler Konrad Adenauer geprägten Topos – darzustellen. Die 370-seitige Veröffentlichung Soldaten wie andere auch aus dem HIAG-eigenen Munin-Verlag schreibt dieses Narrativ fort, passt es aber der sich wandelnden öffentlichen Diskussion an.[4]
Die politischen Parteien und weite Teile der Öffentlichkeit folgten zunächst weitgehend unhinterfragt den Entschuldungsnarrativen. Die vergangenheitspolitischen Debatten der 1960er-Jahre bedingten jedoch eine wesentlich kritischere gesellschaftliche Haltung zum Nationalsozialismus als noch während des ersten bundesrepublikanischen Jahrzehnts. Den Narrativen der HIAG wurde daher zunehmend weniger geglaubt.
Soldaten wie andere auch ist in vier Teile gegliedert, in denen erstensdie Geschichte der Waffen-SS vor dem Krieg (S. 11–59), zweitens die Kriegsjahre (S. 60–122) sowie drittens und hauptsächlich der Umgang mit der Waffen-SS nach 1945 (S. 123–230) behandelt werden, als „Beweis“ wird viertens ein Dokumentenanhang (S. 231–360) bereitgestellt. Hausser gründete seine Argumentation auf eine Kombination aus Quellen sowie persönlichen Einschätzungen und Meinungen, die er mit der Autorität des Zeitzeugen unterbreitete.
Die Schwerpunktsetzung auf die Nachkriegszeit lässt die Hauptintention des Verfassers erkennen: Soldaten wie andere auch ist ein Beitrag zu den zunehmend kontroversen Debatten um die Waffen-SS seit den 1960er-Jahren und stellt somit gleichzeitig nicht weniger als einen dezidierten Kommentar zur Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik insgesamt dar.
Ganz besonders setzte sich Hausser mit den kurz zuvor publizierten geschichts- und politikwissenschaftlichen Studien von Hans Buchheim, Krafft Freiherr Schenck zu Schweinsberg und Heinz Wewer auseinander, die die Geschichtsdarstellungen der HIAG teilweise ausdrücklich verwarfen.[5] Die Forscher hatten u.a. herausgearbeitet, dass die Waffen-SS und ihre Vorläuferorganisationen – im Widerspruch zu den Narrativen der HIAG, aber auch zu einem in dieser Zeit durchaus noch verbreiteten allgemeinen Geschichtsbild – sowohl strukturell als auch konkret an Verbrechen des Regimes beteiligt gewesen waren. Konkret genannt wurden u.a. die Mitwirkung der Leibstandarte-SS an der Ermordung der SA-Führung 1934, die Überschneidungen zwischen Waffen-SS und Konzentrationslager-SS aufgrund des Personalrevirements innerhalb der SS und aufgrund der strukturellen Einbindung der Totenkopfverbände in die Waffen-SS sowie die Beteiligung von Einheiten der Waffen-SS an der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto im Frühjahr 1943.
Gleichsetzung: Wehrmacht und Waffen-SS als „Schwestertruppen“
Hausser wusste dies zu kontern, indem er darauf verwies, dass gleichermaßen Reichswehr-Einheiten zumindest indirekt bei der „Röhm-Aktion“ mitgewirkt hatten,[6] dass auch Soldaten der Wehrmacht als Wachpersonal in den KZ eingesetzt worden waren[7] und an der Vernichtung des Warschauer Ghettos ebenfalls Verbände der Wehrmacht beteiligt gewesen waren.[8] Dies zeige deutlich, dass das Bild einer im Vergleich zur Wehrmacht per se „schuldhaften“ Waffen-SS fehlgehe. Das Heer und die Waffen-SS, so der Verfasser, seien vielmehr als „Schwestertruppen“ anzusehen, die „nebeneinander und miteinander im gleichen Einsatz“ gestanden hätten.[9]
An dieser Stelle bemerkenswert ist, dass Hausser die genannten Verbrechen nicht mehr beschwieg, verharmloste oder kategorisch leugnete, wie es andere vor ihm getan hatten, sondern dass er zur Entschuldung der Waffen-SS darauf verwies, dass auch Formationen der Wehrmacht Kriegs- und NS-Verbrechen begangen hatten bzw. die Wehrmacht als Organisation in verbrecherische Kontexte des NS-Regimes eingebunden war. Konsequent weitergedacht, entlarvte Hausser hiermit sogar – vermutlich ohne es ursprünglich beabsichtigt zu haben – die Legende von der sauberen Wehrmacht und damit die Lebenslüge der jungen westdeutschen Demokratie.
Geschichtspolitische Fortwirkung
Geschichtspolitik war und ist ein zentrales Betätigungsfeld der radikalen Rechten in der Bundesrepublik. Bis heute geht es dabei um eine beschönigende Darstellung der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges sowie um eine Leugnung bzw. Verharmlosung der begangenen Verbrechen. Die Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit (HIAG) war neben ihrer Funktion als politische Interessenvertretung und Sozialverband bis zu ihrer Auflösung Anfang der 1990er-Jahre ein wichtiger geschichtspolitischer Akteur.
Haussers Soldaten wie andere auch steht hier paradigmatisch und bringt die während der 1950er- und 1960er-Jahre durch die Vereinigung betriebene Apologie der Waffen-SS wie folgt auf den Punkt: Die Formation war allenfalls formal mit der Gesamt-SS verbunden, es handelte sich um eine rein militärische „Schwestertruppe“ des Heeres, die jederzeit „soldatisch“ kämpfte, bei Verbrechen handelte es sich um Einzelfälle und Ausnahmen.
In späteren Jahrzehnten änderten sich die Narrative der HIAG. Die zunehmende gesellschaftliche Isolierung der Vereinigung – die Soldatenbünde gingen auf Abstand und die politischen Parteien distanzierten sich ausdrücklich – drängte die Klientel in die Defensive und ließ sie strategische Rücksichtnahmen vergessen. Die Waffen-SS wurde nunmehr ausdrücklich als Eliteformation, aber auch als Trägerin einer politischen Mission dargestellt.
Durchgängig zu erkennen ist die ausdrückliche Ablehnung der Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik und das Bestreben nach Emanzipation von der angeblichen „Umerziehung“. Hier knüpfen die heutigen Protagonisten der radikalen Rechten an. Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) beispielsweise legte Soldaten wie andere auch im Jahre 2006 im Verlag Deutsche Stimme wieder auf.[10]
[1] Vgl. Karsten Wilke, Paul Hausser: Offizier und Apologet der Waffen-SS, in: Wolfgang Proske (Hg.), Täter, Helfer, Trittbrettfahrer, Bd. 10: NS-Belastete aus der Region Stuttgart, Gerstetten: Kugelberg, 2019, S. 182–192.
[2] Vgl. Karsten Wilke, Die „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ (HIAG) 1950–1990. Veteranen der Waffen-SS in der Bundesrepublik, Paderborn u.a.: Schöningh, 2011.
[3] Paul Hausser, Waffen-SS im Einsatz, Göttingen: Plesse Verlag K.W. Schütz, 1953.
[4] Paul Hausser, Soldaten wie andere auch. Der Weg der Waffen-SS, Osnabrück: Munin-Verlag, 1966.
[5] Vgl. Hans Buchheim, Die SS – das Herrschaftsinstrument, in: ders./Martin Broszat/Hans-Adolf Jacobson/Helmut Krausnick (Hg.), Anatomie des SS-Staates, 7. Aufl., München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1999 [zuerst 1965], S. 13–212; ders., Befehl und Gehorsam, in: ebd., S. 213–320; Krafft Freiherr Schenck zu Schweinsberg, Die Soldatenverbände in der Bundesrepublik, in: Georg Picht (Hg.), Studien zur politischen und gesellschaftlichen Situation der Bundeswehr, Berlin/Witten: Eckart, 1965, S. 96–177; Heinz Wewer, Die HIAG der Waffen-SS, in: Frankfurter Hefte 17 (1962), H. 7, S. 448–458.
[6] Vgl. Hausser, Soldaten, S. 194–197.
[7] Vgl. ebd., S. 220.
[8] Vgl. ebd., S. 217f.
[9] Ebd., S. 227f.
[10] Paul Hausser, Soldaten wie andere auch. Der Weg der Waffen-SS, 5. Aufl., Riesa: Verlag Deutsche Stimme, 2006.
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Enrico Syring, „Türöffner“ und Kommandeur „seiner“ Waffen-SS, in: Ronald Smelser/ders. (Hg.), Die SS. Elite unter dem Totenkopf. 30 Lebensläufe, Paderborn u.a.: Ferdinand Schöningh, 2000, S. 190–207.
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Karsten Wilke, Veteranen der Waffen-SS in der frühen Bundesrepublik. Aufbau, gesellschaftliche Einbindung und Netzwerke der „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“, in: Jan Erik Schulte/Michael Wildt (Hg.), Die SS nach 1945. Entschuldungsnarrative, populäre Mythen, europäische Erinnerungsdiskurse (Berichte und Studien; 76), Göttingen: V&R unipress, 2018, S. 75–97.
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Karsten Wilke, Die Waffen-SS. Deutungsmuster der „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ (HIAG) und andere Apologien, in: Martin Langebach/Michael Sturm (Hg.), Erinnerungsorte der extremen Rechten, Wiesbaden: Springer VS, 2015, S. 157–175.
034 Hausser, Soldaten
EINFÜHRUNG
Eine Arbeit — wie die hier vorgelegte — bedarf über eine kurze Vorstellung[1] ihres Verfassers hinaus vor allem eines einführenden Hinweises auf die Absichten, die ihn bei der Niederschrift des Manuskripts geleitet haben. Diesen Erfordernissen entsprechend sei vorangestellt, daß ich nach meiner Erziehung im preußischen Kadettenkorps im März 1899 als Leutnant in den aktiven Dienst eingetreten und nach 33 Dienstjahren im Heer des Kaiserreiches sowie in der Reichswehr der Weimarer Republik im Jahre 1932 als Generalleutnant aus der Laufbahn eines Berufsoffiziers ausgeschieden bin. Seit dem Jahre 1934, in dem ich den Auftrag zum Aufbau der SS-Junkerschule Braunschweig – deren erster Kommandeur ich wurde – annahm und damit einer Berufung zu neuen soldatischen Aufgaben folgte, ist mein persönliches und militärisches Schicksal aufs engste mit dem der im Herbst 1934 aufgestellten „SS-Verfügungstruppe“ und der nach Kriegsausbruch aus ihr formierten „Waffen-SS“ verbunden gewesen. Als Generaloberst der Waffen-SS habe ich den zweiten Abschnitt meiner Laufbahn beendet. [7]
Dieser soldatische Lebensweg ist in früher Jugend von den Vorstellungen und Lebensformen des Zweiten Kaiserreiches geprägt oder doch zum mindesten mitbestimmt worden; in seinem Verlauf wurden während des Ersten Weltkrieges die Bewährungsproben eines Soldaten abverlangt und nach der Niederlage mußte das Welt- und Lebensbild sich auf dem Prüfstand einer neuen Staats- und Gesellschaftsordnung bewähren. Bei dieser Rückschau möge die Versicherung Glauben finden, daß die Beharrlichkeit und die Suche nach dem Beständigen in den Wertordnungen die kritische Betrachtung ebensowenig wie die Aufgeschlossenheit für Verwandlungen – deren Zeuge ich war und bin – beeinträchtigt oder die kritische Reserve beseitigt haben. Dies gilt auch für die an schwerwiegenden Entscheidungen und tragischen Ereignissen reichen Jahre nach dem Ende der Weimarer Republik.
Die mit dieser Arbeit verfolgte Absicht will der Erfahrung entsprechen, daß die Geschichte eines Volkes oder ein historischer Teilbereich nicht aus Akten allein abzulesen und zu beurteilen sind, auch wenn der dokumentarische Wert dieser Unterlagen nicht bestritten werden kann. Der Akteninhalt bedarf vielmehr der Ergänzung und Erläuterung durch die Wissensträger, deren Bekundungen zur historischen Vollständigkeit beitragen oder sie nicht selten sogar erst ermöglichen. So sind mir im Bereich der mir auferlegten Verantwortungen, die sich bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges fortlaufend steigerten, Erfahrungen und Erkenntnisse zugewachsen, die – wie ich meine – verpflichten, für historische Geschehnisabläufe Zeugnis abzulegen. Bedeutung und Wert dieses Zeugnisses können nicht dadurch geschmälert werden, daß ich es als rangältester und auch nach Lebensjahren ältester Soldat der ehemaligen Waffen-SS für diese Truppe ablege. Es wird, dessen bin ich mir bewußt, von einer kritisch oder gar feindselig eingestellten Öffentlichkeit nicht ohne weiteres „honoriert“ werden. Die Wahrheit als Grundlage für eine gerechte Beurteilung und für eine objektive Geschichtsschreibung muß jedoch für alle gültig sein. Wie die Erfahrungen lehren, ist in der Nachkriegszeit nicht immer im erforderlichen und notwendigen Umfange nach dem Grundsatz verfahren worden, das Phänomen „Waffen-SS“ wahrheitsgetreu zu behandeln. Viele Darstellungen beruhen auf durchaus vermeidbaren Irrtümern oder auf einseitiger Betrachtung und politischen Ressentiments. [8]
Bei der Planung der hiermit vorgelegten Arbeit ist deshalb berücksichtigt worden, daß bereits vorliegende Darstellungen auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht werden müssen. Eine wertvolle und in ihrer Art erstmalige Aufklärung über den Aufbau und die Organisationsform der Waffen-SS verdanken wir dem Werk des Historikers Dr. K.-G. Klietmann: „Die Waffen-SS – eine Dokumentation“. Die überlebenden Angehörigen dieser Truppe schulden ihm – auch namens ihrer gefallenen und vermißten Kameraden – für diese Leistung aufrichtigen Dank. Sein Werk hat eine maßgebliche Grundlage auch für die Gestaltung meiner Arbeit geschaffen. Die von ihm veröffentlichten Dokumente sind von mir in diese Arbeit dann aufgenommen worden, wenn ihr voller Wortlaut und nicht nur Auszüge zur Beweisführung notwendig erschien. Weitere Dokumente, die bisher nicht veröffentlicht worden sind, wurden beigefügt. Bei aufmerksamem Vergleichen wird auffallen, wo sich ein Unterschied zwischen den aus Beständen des Heeres stammenden Dokumenten und denen von Partei- bzw. SS-Ämtern ergibt. Die Dokumente der Heeresdienststellen zeigen klar und eindeutig auf, daß die Truppe einen rein militärischen Status hatte; sie lassen zugleich die Abgrenzung von der polizeilichen Ausbildung anderer Formationen der „SS“ erkennen. Diese Dokumente sprechen für sich, und ihr Inhalt ist durch die Aussagen der Truppenführer immer wieder bestätigt worden. Gerade diese Aussagen ergeben eine Fülle entscheidender Aufschlüsse über die Praxis der Truppenführung, die sich von den theoretischen Weisungen der Partei- und SS-Ämter in vielfältiger Weise erheblich unterschied. Wohl bemühte sich Himmler, die Einheit all seiner Befehlsbereiche nach außen zu demonstrieren; auf die Struktur und den Charakter der Truppe mußte jedoch eine Friedensausbildung nach den Grundsätzen und Weisungen wie auch unter der Kontrolle des Heeres und später der dauernde Einsatz in Verbänden des Heeres eine entgegengesetzte Auswirkung haben. Sie führte zu einer fortlaufend wachsenden Eigenständigkeit der Truppe und damit zu einer Entfernung und Loslösung von anderen Gruppen und Einrichtungen des Himmler‘schen Befehlsbereichs. Diese Entwicklung ist zwar nicht durch eine offen herausgestellte Opposition der Truppenführer bewirkt worden, aber sie wurde durch die erwähnten Faktoren gleichsam automatisch eingeleitet und fortgesetzt. Aus diesen Gründen spiegelt der Widerspruch zwischen dokumentarisch be-[9]legten Weisungen und dem Zeugnis der Wissensträger auffällig den Widerstreit zwischen Theorie und Praxis. Im Hinblick hierauf muß bei der Benutzung zahlreicher Dokumente aus den Beständen von Partei» und SS=Ämtern der Quellenwert kritisch auf die Bedeutung in Theorie und Praxis geprüft werden, zumal viele dokumentarisch festgehaltene Erklärungen und programmatische Gedanken in Wirklichkeit spontan geäußerte Ideen waren und später in der Praxis nie verwirklicht worden sind.
Im dritten Teil dieser Arbeit sind die rechtlichen Auswirkungen der Behandlung der ehemaligen Soldaten der Waffen-SS nach dem Kriege ausführlich dargestellt. Sie sind insbesondere durch die Verweigerung des Anspruchs, als Soldaten „wie andere auch“ behandelt zu werden, gekennzeichnet und für viele überlebende Angehörige dieser Truppe wie denn auch für die Hinterbliebenen der Gefallenen und Vermißten so tragisch, daß ihre sachliche Feststellung von höchster Dringlichkeit ist. Sie will dazu beitragen, eine Liquidation dieser Folgen zu erreichen und damit die Rechtsstaatspraxis von dem Verdacht zu befreien, rechtsstaatliche Grundsätze könnten in ihrer Anwendung opportuner Parteilichkeit unterworfen werden und die Gerechtigkeit, die ein Volk erhöht, hänge von zeitgemäßen Zufälligkeiten ab. Als Zeuge vor dem Internationalen Militär-Tribunal in Nürnberg, bei den Verhandlungen in den Entnazifizierungsverfahren und bei vielen anderen Gelegenheiten habe ich zwangsläufig oder aus eigenem Antrieb Einblick in die rechtlichen Probleme gewonnen und ihn vertieft. Es drängt mich, an dieser Stelle jedoch für eine sorgfältige und umfassende Beratung bei der Behandlung juristischer Fragen und Tatbestände zu danken. Dankbarkeit erfüllt mich auch gegenüber allen Mitarbeitern, die durch die Übermittlung von Urkunden oder die Eröffnung spezieller Kenntnisse zur Fertigstellung dieser Arbeit helfend beigetragen haben.
Ludwigsburg, im September 1966
Paul Hausser
[…]
AUSKLANG
Vom Eintritt in das preußische Kadettenkorps an war ich bereit, die einem Soldaten seinem Volk und Vaterland gegenüber obliegenden Pflichten getreulich zu erfüllen. Ich habe es für meine Pflicht gehalten, auch nach der Rückkehr aus Gefangenschaft die Männer meiner Truppe zu staatsbürgerlicher Loyalität und Aufgeschlossenheit mit der Blickrichtung „nach vorn“ aufzurufen. Ich hielt es nun für meine Pflicht, mich mit diesem Buch noch einmal zu Wort zu melden und zu versuchen, einen Beitrag zur Urteilsbildung über die Waffen-SS zu liefern. Dies erschien mir insbesondere als eine Pflicht gegenüber allen ehemaligen Soldaten dieser Truppe, von denen mir bis heute und somit über zwei Jahrzehnte hinweg eine Treue bewiesen worden ist, die mich oft tief bewegt. Sie nennen mich ihren „Senior“ und weisen mir Autorität zu, ohne daß sie von einem Dienstgrad, von Rangabzeichen oder von einem Befehlsverhältnis dazu angehalten werden. Darin sehe ich ein Zeichen gewachsener und verwurzelter Kameradschaft, zu der nur gute Soldaten fähig sind; „pervertierte soldatische Tradition“ oder „Kameraderie“ – die einer der zitierten Schriftsteller nachweisen zu können glaubte – hätten ein solches Verhältnis nicht zu begründen und zu erhalten vermocht. Ich habe den Weg und die Entwicklung der Waffen-SS in den wichtigsten Stadien und in ihren wesentlichen Grundzügen aufgezeigt. Der kriegsgeschichtlichen Forschung bleibt es überlassen, die Einsatzwege der einzelnen Divisionen mit ihren Serpentinen zu den Höhen der Erfolge und ihren Gefällstrecken zu Mißerfolgen, Ver-[229]lusten und Untergang zu verfolgen und aufzuzeichnen. Ich habe keine Sorge wegen des Ergebnisses dieser Forschung, wenn sie objektiv und bestimmt ist von dem echten historischen Auftrag, so darzustellen, wie es gewesen ist. Dann werden die Tapferkeit, die Pflichttreue und die Opferbereitschaft von vielen hunderttausend Soldaten und Offizieren hervortreten, die stets den alleingültigen Maßstab bilden für den Wert einer Armee.
Möchte am dritten Teil meiner Ausführungen abgelesen werden können, welches Schicksal einer Armee nach einer Niederlage und einem staatlichen Zusammenbruch widerfahren kann. Gefangenschaft, Entnazifizierung, rechtliche Schlechterstellung in vielfältigster Weise, kollektive Diffamierung und einseitige, mit der historischen Wahrheit nicht immer glimpflich verfahrende Beurteilungen können die Meilensteine ihres „Nach-Weges“ sein. Wieviele Nachteile haben die Soldaten der ehemaligen Waffen-SS seit dem Zusammenbruch im Jahre 1945 im bürgerlichen Existenzringen und im beruflichen Streben bis heute hinnehmen müssen? Welcher soziale Abstieg ist ungezählten Witwen und Waisen auferlegt worden? Wieviel Haß und Gehässigkeit hat sie in Presse, Rundfunk und Fernsehen verfolgt? Ein Zeitraum von 20 Jahren war nicht genug, er wird weiter ausgedehnt werden!
Aber der objektive Historiker wird dereinst auch konstatieren müssen: All dessen ungeachtet sind sie nicht der Staatsverdrossenheit, der Staatsfeindlichkeit, der Illoyalität oder dem Nihilismus verfallen. Sie haben sich im Gegenteil nach ihrer Entlassung aus der Gefangenschaft diszipliniert in die Gesellschaft und den neuen Staat eingeordnet, sie haben sich zur Bundesrepublik als ihren Staat bekannt und sie waren pflichttreue Staatsbürger, von denen zu keiner Zeit eine Gefahr ausgegangen ist. Keine Untergründigkeit, kein Widerstand, kein Widersetzen gegen die Ordnung ihres Vaterlandes, – an dieser Feststellung wird die abschließende Geschichtsschreibung nicht vorbeikommen.
Sie waren Soldaten, wie andere auch; sie sind heute Bürger, wie alle anderen auch! Möge deshalb auch für sie gelten, was die Treue zum Grundgesetz der Bundesrepublik gebietet, das in seinen Grundrechtsgarantien erklärt:
„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“
[230]
[1]Ausführlich schildert der Autor seinen Werdegang im 1. Teil dieses Buches, Seit[e] 35 ff. Der Verlag.
Paul Hausser, Soldaten wie andere auch. Der Weg der Waffen-SS, Osnabrück: Munin-Verlag, 1966, S. 7–10, 229–230.