Die Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit (HIAG) und die Apologie der Waffen-SS:
Paul Haussers Buchpublikation Soldaten wie andere auch
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Karsten Wilke, Die Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit (HIAG) und die Apologie der Waffen-SS: Paul Haussers Buchpublikation Soldaten wie andere auch, in: Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000. Eine kommentierte Online-Quellensammlung, 28.11.2025, https://radikale-rechte.de/comment/034-wilke-hausser-soldaten, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2992.
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Einer der wichtigsten Apologeten der Waffen-SS in der Bundesrepublik war der vormalige Kommandeur Paul Hausser. Mit seiner paradigmatischen Veröffentlichung beabsichtigte er, die Waffen-SS zu entpolitisieren und von NS-Verbrechen freizusprechen.
Paul Haussers Laufbahn im Nationalsozialismus
Als pensionierter Generalleutnant der Reichswehr durchlief Paul Hausser (1880–1972) während der Zeit des Nationalsozialismus eine zweite Karriere innerhalb der Schutzstaffel (SS). Während des Zweiten Weltkrieges befehligte er u.a. die Waffen-SS-Division „Das Reich“ und das II. SS-Panzerkorps. Mit diesen Einheiten war Hausser sowohl an der Ostfront als auch auf dem westlichen Kriegsschauplatz im Einsatz. Kurz nach der Landung der Alliierten in der Normandie erhielt er – als SS-Angehöriger – den Oberbefehl über die 7. Armee und wurde einige Wochen später kommissarischer Oberbefehlshaber einer Heeresgruppe. Als ranghöchster überlebender Offizier der Waffen-SS beanspruchte er nach 1945 für sich, die Geschichte dieser Formation zu erzählen und zu deuten sowie als ihr Fürsprecher die Interessen der Veteranen zu vertreten.[1]
Die Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Waffen-SS (HIAG)
Als institutionalisierte Interessenvertretung entstanden seit den frühen 1950er-Jahren in vielen westdeutschen Städten sogenannte Hilfsgemeinschaften auf Gegenseitigkeit (HIAG). Die zunehmende Vernetzung der lokalen HIAG-Gruppen setzte sich über den Aufbau von Landesverbänden fort und mündete schließlich 1959 in die Gründung des Bundesverbands der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS e.V. (kurz: HIAG-Bundesverband) mit ca. 20.000 Mitgliedern.
Hausser selbst stand dem Bundesverband eher skeptisch gegenüber, da nach seiner Auffassung, ein allgemeiner Soldatenbund die Interessen der früheren Waffen-SS besser vertreten hätte als eine Klientelvereinigung. Jedoch war dies unter den früheren Truppenangehörigen nicht mehrheitsfähig. Er hielt sich daher fortan aus den internen Debatten heraus, fungierte aber weiterhin als Repräsentant und widmete sich verstärkt der Lobbyarbeit.
Obwohl die Waffen-SS nur wenige Jahre zuvor vom Internationalen Militärtribunal im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher zu einer „verbrecherischen Organisation“ erklärt worden war, gelang es dem HIAG-Bundesverband als legitimes Sprachrohr anerkannt zu werden. Voraussetzungen hierfür waren ostentative Bekenntnisse zur Demokratie und ausdrückliche Distanzierungen von NS- bzw. SS-Traditionen, eine erfolgreiche Netzwerkarbeit innerhalb der Soldatenbünde sowie ein fortgesetzter Austausch mit den politischen Parteien.
Gleichwohl existierte an der Basis der HIAG – entgegen allen Beteuerungen der Organisationsspitze – sehr wohl ein systemoppositionelles rechtsextremes politisches Potenzial. Hier hielt man vielfach an Selbstverständnissen, Denkweisen und politischen Vorstellungen aus der Zeit des Nationalsozialismus fest.[2]
Die Apologie der Waffen-SS
Der sicherlich wichtigste Schlüssel für den Zugang zur demokratischen Gesellschaft waren die Integrationsangebote sowohl vonseiten der Christlich Demokratischen Union (CDU) als auch vonseiten der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), die beide das Ziel verfolgten, die Veteranen der Waffen-SS – als eine politisch schwer einschätzbare Klientel – durch Zugeständnisse für die Demokratie zu gewinnen. Dazu gehörten materielle Leistungen wie die sukzessive Angleichung der Rentenbezüge an diejenigen der früheren Wehrmachtsangehörigen, aber auch die Übernahme der apologetischen Geschichtsdeutungen aus dem Umfeld der HIAG.
In Zeitschriften- und Buchpublikationen sowie in zahlreichen Denkschriften, Erklärungen und auf öffentlichen Veranstaltungen hatten die HIAG-Gruppen die Verurteilung der Waffen-SS im Nürnberger Prozess bereits seit den frühen 1950er-Jahren als Ausdruck angeblicher „Siegerwillkür“ und vermeintlicher „Rachejustiz“ zurückgewiesen. Stattdessen grenzten sie die Formation von der Gesamt-SS sowie von Kriegs- und NS-Verbrechen ab und inszenierten sie als „wehrmachtsgleiche“ militärische Formation sowie nicht selten auch als politische Avantgarde, hier v.a. als zukunftsweisende „Europa-Armee“. Zu diesen Arbeiten gehörte nicht zuletzt Haussers erstes Buch Waffen-SS im Einsatz aus dem Jahre 1953.[3]
Soldaten wie andere auch als Kommentar zur Vergangenheitsbewältigung
Die Selbstbeschreibung und -deutung zielte vor allem darauf ab, die Angehörigen der Waffen-SS in die „Legende von der sauberen Wehrmacht“ mit einzuschreiben und sie mithin als „Soldaten wie andere auch“ – hierbei handelte es sich ursprünglich um einen Anfang der 1950er-Jahre durch Bundeskanzler Konrad Adenauer geprägten Topos – darzustellen. Die 370-seitige Veröffentlichung Soldaten wie andere auch aus dem HIAG-eigenen Munin-Verlag schreibt dieses Narrativ fort, passt es aber der sich wandelnden öffentlichen Diskussion an.[4]
Die politischen Parteien und weite Teile der Öffentlichkeit folgten zunächst weitgehend unhinterfragt den Entschuldungsnarrativen. Die vergangenheitspolitischen Debatten der 1960er-Jahre bedingten jedoch eine wesentlich kritischere gesellschaftliche Haltung zum Nationalsozialismus als noch während des ersten bundesrepublikanischen Jahrzehnts. Den Narrativen der HIAG wurde daher zunehmend weniger geglaubt.
Soldaten wie andere auch ist in vier Teile gegliedert, in denen erstensdie Geschichte der Waffen-SS vor dem Krieg (S. 11–59), zweitens die Kriegsjahre (S. 60–122) sowie drittens und hauptsächlich der Umgang mit der Waffen-SS nach 1945 (S. 123–230) behandelt werden, als „Beweis“ wird viertens ein Dokumentenanhang (S. 231–360) bereitgestellt. Hausser gründete seine Argumentation auf eine Kombination aus Quellen sowie persönlichen Einschätzungen und Meinungen, die er mit der Autorität des Zeitzeugen unterbreitete.
Die Schwerpunktsetzung auf die Nachkriegszeit lässt die Hauptintention des Verfassers erkennen: Soldaten wie andere auch ist ein Beitrag zu den zunehmend kontroversen Debatten um die Waffen-SS seit den 1960er-Jahren und stellt somit gleichzeitig nicht weniger als einen dezidierten Kommentar zur Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik insgesamt dar.
Ganz besonders setzte sich Hausser mit den kurz zuvor publizierten geschichts- und politikwissenschaftlichen Studien von Hans Buchheim, Krafft Freiherr Schenck zu Schweinsberg und Heinz Wewer auseinander, die die Geschichtsdarstellungen der HIAG teilweise ausdrücklich verwarfen.[5] Die Forscher hatten u.a. herausgearbeitet, dass die Waffen-SS und ihre Vorläuferorganisationen – im Widerspruch zu den Narrativen der HIAG, aber auch zu einem in dieser Zeit durchaus noch verbreiteten allgemeinen Geschichtsbild – sowohl strukturell als auch konkret an Verbrechen des Regimes beteiligt gewesen waren. Konkret genannt wurden u.a. die Mitwirkung der Leibstandarte-SS an der Ermordung der SA-Führung 1934, die Überschneidungen zwischen Waffen-SS und Konzentrationslager-SS aufgrund des Personalrevirements innerhalb der SS und aufgrund der strukturellen Einbindung der Totenkopfverbände in die Waffen-SS sowie die Beteiligung von Einheiten der Waffen-SS an der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto im Frühjahr 1943.
Gleichsetzung: Wehrmacht und Waffen-SS als „Schwestertruppen“
Hausser wusste dies zu kontern, indem er darauf verwies, dass gleichermaßen Reichswehr-Einheiten zumindest indirekt bei der „Röhm-Aktion“ mitgewirkt hatten,[6] dass auch Soldaten der Wehrmacht als Wachpersonal in den KZ eingesetzt worden waren[7] und an der Vernichtung des Warschauer Ghettos ebenfalls Verbände der Wehrmacht beteiligt gewesen waren.[8] Dies zeige deutlich, dass das Bild einer im Vergleich zur Wehrmacht per se „schuldhaften“ Waffen-SS fehlgehe. Das Heer und die Waffen-SS, so der Verfasser, seien vielmehr als „Schwestertruppen“ anzusehen, die „nebeneinander und miteinander im gleichen Einsatz“ gestanden hätten.[9]
An dieser Stelle bemerkenswert ist, dass Hausser die genannten Verbrechen nicht mehr beschwieg, verharmloste oder kategorisch leugnete, wie es andere vor ihm getan hatten, sondern dass er zur Entschuldung der Waffen-SS darauf verwies, dass auch Formationen der Wehrmacht Kriegs- und NS-Verbrechen begangen hatten bzw. die Wehrmacht als Organisation in verbrecherische Kontexte des NS-Regimes eingebunden war. Konsequent weitergedacht, entlarvte Hausser hiermit sogar – vermutlich ohne es ursprünglich beabsichtigt zu haben – die Legende von der sauberen Wehrmacht und damit die Lebenslüge der jungen westdeutschen Demokratie.
Geschichtspolitische Fortwirkung
Geschichtspolitik war und ist ein zentrales Betätigungsfeld der radikalen Rechten in der Bundesrepublik. Bis heute geht es dabei um eine beschönigende Darstellung der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges sowie um eine Leugnung bzw. Verharmlosung der begangenen Verbrechen. Die Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit (HIAG) war neben ihrer Funktion als politische Interessenvertretung und Sozialverband bis zu ihrer Auflösung Anfang der 1990er-Jahre ein wichtiger geschichtspolitischer Akteur.
Haussers Soldaten wie andere auch steht hier paradigmatisch und bringt die während der 1950er- und 1960er-Jahre durch die Vereinigung betriebene Apologie der Waffen-SS wie folgt auf den Punkt: Die Formation war allenfalls formal mit der Gesamt-SS verbunden, es handelte sich um eine rein militärische „Schwestertruppe“ des Heeres, die jederzeit „soldatisch“ kämpfte, bei Verbrechen handelte es sich um Einzelfälle und Ausnahmen.
In späteren Jahrzehnten änderten sich die Narrative der HIAG. Die zunehmende gesellschaftliche Isolierung der Vereinigung – die Soldatenbünde gingen auf Abstand und die politischen Parteien distanzierten sich ausdrücklich – drängte die Klientel in die Defensive und ließ sie strategische Rücksichtnahmen vergessen. Die Waffen-SS wurde nunmehr ausdrücklich als Eliteformation, aber auch als Trägerin einer politischen Mission dargestellt.
Durchgängig zu erkennen ist die ausdrückliche Ablehnung der Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik und das Bestreben nach Emanzipation von der angeblichen „Umerziehung“. Hier knüpfen die heutigen Protagonisten der radikalen Rechten an. Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) beispielsweise legte Soldaten wie andere auch im Jahre 2006 im Verlag Deutsche Stimme wieder auf.[10]
[1] Vgl. Karsten Wilke, Paul Hausser: Offizier und Apologet der Waffen-SS, in: Wolfgang Proske (Hg.), Täter, Helfer, Trittbrettfahrer, Bd. 10: NS-Belastete aus der Region Stuttgart, Gerstetten: Kugelberg, 2019, S. 182–192.
[2] Vgl. Karsten Wilke, Die „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ (HIAG) 1950–1990. Veteranen der Waffen-SS in der Bundesrepublik, Paderborn u.a.: Schöningh, 2011.
[3] Paul Hausser, Waffen-SS im Einsatz, Göttingen: Plesse Verlag K.W. Schütz, 1953.
[4] Paul Hausser, Soldaten wie andere auch. Der Weg der Waffen-SS, Osnabrück: Munin-Verlag, 1966.
[5] Vgl. Hans Buchheim, Die SS – das Herrschaftsinstrument, in: ders./Martin Broszat/Hans-Adolf Jacobson/Helmut Krausnick (Hg.), Anatomie des SS-Staates, 7. Aufl., München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1999 [zuerst 1965], S. 13–212; ders., Befehl und Gehorsam, in: ebd., S. 213–320; Krafft Freiherr Schenck zu Schweinsberg, Die Soldatenverbände in der Bundesrepublik, in: Georg Picht (Hg.), Studien zur politischen und gesellschaftlichen Situation der Bundeswehr, Berlin/Witten: Eckart, 1965, S. 96–177; Heinz Wewer, Die HIAG der Waffen-SS, in: Frankfurter Hefte 17 (1962), H. 7, S. 448–458.
[6] Vgl. Hausser, Soldaten, S. 194–197.
[7] Vgl. ebd., S. 220.
[8] Vgl. ebd., S. 217f.
[9] Ebd., S. 227f.
[10] Paul Hausser, Soldaten wie andere auch. Der Weg der Waffen-SS, 5. Aufl., Riesa: Verlag Deutsche Stimme, 2006.
Enrico Syring, „Türöffner“ und Kommandeur „seiner“ Waffen-SS, in: Ronald Smelser/ders. (Hg.), Die SS. Elite unter dem Totenkopf. 30 Lebensläufe, Paderborn u.a.: Ferdinand Schöningh, 2000, S. 190–207.
Karsten Wilke, Die „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ (HIAG) 1950–1990. Veteranen der Waffen-SS in der Bundesrepublik, Paderborn u.a.: Ferdinand Schöningh, 2011.
Karsten Wilke, Paul Hausser: Offizier und Apologet der Waffen-SS, in: Wolfgang Proske (Hg.), Täter, Helfer, Trittbrettfahrer, Bd. 10: NS-Belastete aus der Region Stuttgart, Gerstetten: Kugelberg Verlag, 2019, S. 182–192.
Karsten Wilke, Veteranen der Waffen-SS in der frühen Bundesrepublik. Aufbau, gesellschaftliche Einbindung und Netzwerke der „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“, in: Jan Erik Schulte/Michael Wildt (Hg.), Die SS nach 1945. Entschuldungsnarrative, populäre Mythen, europäische Erinnerungsdiskurse (Berichte und Studien; 76), Göttingen: V&R unipress, 2018, S. 75–97.
Karsten Wilke, Die Waffen-SS. Deutungsmuster der „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ (HIAG) und andere Apologien, in: Martin Langebach/Michael Sturm (Hg.), Erinnerungsorte der extremen Rechten, Wiesbaden: Springer VS, 2015, S. 157–175.