Amerikanische Propaganda in Deutschland:
Der NS Kampfruf, Gerhard Lauck und die NSDAP/AO
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Michelle Lynn Kahn, Amerikanische Propaganda in Deutschland: Der NS Kampfruf, Gerhard Lauck und die NSDAP/AO, , in: Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000. Eine kommentierte Online-Quellensammlung, 28.11.2025, https://radikale-rechte.de/comment/015-kahn-ns-kampfruf, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2976.
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Ab 1973 publizierte der US-Neonazi Gerhard Lauck den NS Kampfruf. In Nebraska gedruckt, in Deutschland verbreitet, zeigt das Propagandablatt Herausforderungen des grenzüberschreitenden Rechtsextremismus und Tücken des amerikanischen Rechts auf Meinungsfreiheit auf.
Der Aufstieg Laucks und die NSDAP/AO
Das deutschsprachige propagandistische Mitteilungsblatt NS Kampfruf mit seinem griffigen Slogan „Trotz Verbot, nicht tot!“ ist eine der zentralen Quellen für die Geschichte des transatlantischen Rechtsextremismus. Von 1973 bis in die 1990er-Jahre verfasste, druckte und verbreitete dieses Blatt der wohl prominenteste in Deutschland und Europa tätige US-Neonazi: Gary Rex (Gerhard) Lauck (geb. 1953).[1] Lauck hatte 1972 die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei/Auslands- und Aufbauorganisation (NSDAP/AO) mit Sitz in Lincoln, Nebraska, gegründet. Wegen des Standorts im landwirtschaftlich geprägten mittleren Westen der USA wurde er auch als „Farm Belt Fuehrer“ bekannt. Ab Mitte der 1970er-Jahre stieg er zum wichtigsten Schmuggler von Nazi-Propaganda, einschließlich des NS Kampfrufs, nach Westdeutschland auf.
Lauck war deshalb so erfolgreich, weil er zum einen das amerikanische Recht auf Rede- und Pressefreiheit ausnutzte, um deutsche Zensurvorschriften zu umgehen, und weil er zum anderen enge Verbindungen zu führenden deutschen Rechtsextremisten aufbaute. Laut Feststellungen bundesdeutscher Behörden unterhielt Lauck von allen ausländischen Rechtsextremisten „die engsten Beziehungen“ zu westdeutschen Neonazis.[2] In den Worten eines ehemaligen Regionaldirektors der Anti-Defamation League: „Wenn wir über amerikanische Nazis reden, die in den letzten 50 Jahren international Einfluss gehabt haben, dann ist Gerhard wahrscheinlich die Nummer 1.“[3] Laucks engster Kontakt bestand zu Michael Kühnen. Als dieser 1979 in Bückeburg vor Gericht stand, wurde Lauck eigens als Zeuge eingeflogen. Zu seinem Netzwerk gehörten ferner Rechtsextreme wie Christian Worch, Ursula and Curt Müller, Paul Otte, Thies Christophersen, Christian Malcoci, Arnulf Priem, Wilhelm Wübbels und Gottfried Küssel.[4]
Strategien für den Versand und die Verbreitung der Propaganda
Ein gewichtiger Artikel im NS Kampfruf findet sich unter der Überschrift „Die Organisation“ auf der Titelseite der Ausgabe vom November/Dezember 1977. Darin erläutert Lauck die drei Hauptaufgaben der NSDAP/AO. Die erste sei demnach, „die ganze NS-Bewegung Deutschlands mit NS-Propagandamaterial zu versorgen.“ Hierbei betont Lauck, wie wichtig es sei, dass die Auslandszentrale in den USA angesiedelt sei, „wo ihre Legalität eine grossangelegte Propagandamaschine ermöglicht.“ Die zweite Aufgabe bestünde darin, Spenden zu sammeln, um Propagandamaterial zu finanzieren. Und als dritte Aufgabe nennt Lauck „die Bildung einer einheitlichen Organisation“ mit einem Zellensystem im Untergrund, in dem NSDAP/AO-Mitglieder zu zweit oder in kleinen Gruppen weitgehend unabhängig operieren könnten; dies solle es unwahrscheinlicher machen, dass sie gefasst würden.[5]
In einem anderen Artikel wird die Taktik der „Klebeaktionen“ erläutert, bei denen NSDAP/AO-Mitglieder allerorten Hakenkreuz-Aufkleber verteilten, um Deutschland in einen „wunderschönen Hakenkreuzgarten“ zu verwandeln.[6] Tatsächlich pappten deutsche Neonazis Hunderttausende von Laucks Aufklebern in zahllosen Städten auf Telefonmasten, Straßenschilder und andere Stellen. Auf den Aufklebern prangten Slogans wie „Wir sind wieder da!“, „Jetzt NSDAP“, „NS Verbot aufheben!“, „Ausländer raus!“, „Rotfront verrecke!“ oder „Kauft nicht bei Juden!“[7] Die Anschrift der NSDAP/AO war ebenfalls darauf angegeben, damit Interessierte beitreten oder spenden konnten: „NSDAP/AO, Box 6414, Lincoln, NE 68506 USA.“
Solche Materialien schickte Lauck mit der regulären internationalen Post nach Westdeutschland. Um deren Beschlagnahmen zu vermeiden, sandte er jeweils nur kleine Mengen an Postfächer; unter falschem Namen und mit geheimem Nummerncode konnten deutsche Neonazis diese Sendungen abholen und das Material bei ihren lokalen Treffen verteilen. Das antifaschistische presse- und bildungszentrum (apabiz) in Berlin bewahrt einen Umschlag mit einer solchen Sendung auf. Neben US-Briefmarken, auf denen patriotische Figuren wie George Washington und Thomas Jefferson abgebildet sind, klebt darauf ein Zollformular; um zu verschleiern, dass es sich um Propaganda handelt, ist die Sendung darauf auf Englisch als „religiöses Material“ deklariert.[8]
Das inhaltliche Spektrum des NS Kampfrufs
Heutigen Historiker*innen bietet die Lektüre von Artikeln aus dem NS Kampfruf etwa zum „Dritten Reich“ oder über das jeweilige Zeitgeschehen die Möglichkeit, Einblick in zeitgenössische neonazistische Anschauungen zu erhalten. Holocaustleugnung findet sich in dem Blatt zuhauf. In einer Ausgabe bestreitet Lauck beispielsweise, dass die Nationalsozialisten sechs Millionen Juden ermordet hatten, höhnt aber: „‚es wäre besser gewesen, wenn sechs und mehr Millionen Juden tatsächlich über den Umweg einer Gaskammer die Welt verlassen hätten‘“.[9] An anderer Stelle fordert einer der regelmäßigen westdeutschen Autoren, Juden als „‚gemeingefährliche Bestien… niederzumachen‘“; und in einem Artikel gegen die „‚minderwertigen und schmarotzenden Asylanten und Gastarbeiter‘“ werden diejenigen Deutschen, die sich um deren Integration bemühen, als „‚Mörder am eigenen Volk‘“ bezeichnet.[10] Mit dem Abdruck von Liedtexten, Gedichten und antisemitischen Karikaturen präsentiert der NS Kampfruf zudem kulturelle Quellen.
Der NS Kampfruf liefert lokale wie globale Perspektiven und er bietet einen Blick ‚von unten‘. So widmet sich z.B. die Rubrik „Frontberichte“ den Aktivitäten örtlicher NSDAP/AO-Zellen. Viele der Artikel sind von Unterstützer*innen verfasst, die aber oft anonym bleiben. Laufend abgedruckte Leserbriefe kamen aus Frankreich, Irland, Finnland, Polen, Südafrika, Indien und anderen Ländern. Das Blatt veranschaulicht zudem die Verwobenheit der Neonazi-Netzwerke: Unzählige Personen sind namentlich erwähnt; die Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige (HNG) schaltete Anzeigen, um Gelder für inhaftierte Neonazis aufzutreiben. Und während der Jugoslawienkriege in den 1990er-Jahren forderte der NS Kampfruf dazu auf, nach Zagreb zu gehen, um an der Seite kroatischer Extremisten zu kämpfen.
Überdies war der NS Kampfruf daran beteiligt, auch anderweitig Propaganda zu verbreiten: Neonazi-Kongresse überall auf der Welt wurden angekündigt oder übersetzte Reden und Texte ausländischer Extremisten veröffentlicht, etwa vom amerikanischen Neonazi Frank Collin.[11] Bestellformulare boten Leser*innen die Möglichkeit, zusätzliches Propagandamaterial aus den USA zu beziehen: Hakenkreuz-Aufkleber und -Fahnen, Kassetten und Schallplatten mit Liedern und Reden von Nazis, Filme wie Leni Riefenstahls Triumph des Willens, Bücher wie Hitlers Mein Kampf oder Thies Christophersens Auschwitz-Lüge sowie Nachbildungen des NS-Mutterkreuzes und des SS-Kragenabzeichens oder Dolche mit Hitlers Konterfei.
Wirkungsvoller Einfluss und die Herausforderungen internationaler polizeilicher Verfolgung
Laucks Propaganda fand weite Verbreitung und weckte internationales Medieninteresse. Die NSDAP/AO baute deutschlandweit Ortsgruppen und Gaue auf. Bei Verhaftungen und Ermittlungsverfahren gegen westdeutsche Neonazis der unteren Ränge fand die Polizei in den Wohnungen der Beschuldigten regelmäßig den NS Kampfruf, Hakenkreuz-Aufkleber und andere NSDAP/AO-Propaganda.[12]
Diese Art, Propaganda zu betreiben, offenbarte zugleich Schwierigkeiten bei der polizeilichen Verfolgung transnational agierender Neonazis. Die NSDAP/AO wurde zwar 1974 in der Bundesrepublik als verfassungswidrig verboten, und Lauck 1976 abgeschoben, nachdem er in Mainz beim Verlassen eines Zugs mit einem Koffer mit 20.000 Hakenkreuz-Aufklebern erwischt worden war.[13] Doch berichtete das Bundesamt für Verfassungsschutz 1979, dass Lauck trotz seiner Abschiebung Propagandamaterial an ca. 25 Neonazi-Gruppen und damit an etwa 1.300 Rechtsextreme in Deutschland geliefert habe – das Amt bezeichnete dies als „verbalterroristisches Engagement“.[14] Bundesdeutschen Behörden fiel es schwer, Lauck zu belangen, da er amerikanischer Staatsbürger war und seine Propaganda von Nebraska aus verbreitete.
Obendrein sorgte Laucks Propagandamasche für zwischenstaatliche Spannungen. Die Bundesregierung zeigte sich wiederholt verärgert, weil das amerikanische FBI (abgesehen davon, gelegentlich Beamte zum Haus von Lauck zu schicken) nicht zum Eingreifen bereit war, da es den NS Kampfruf nicht als Bedrohung der amerikanischen Sicherheit wertete.[15] In den späten 1980er-Jahren versuchte das Auswärtige Amt auf Grundlage des deutsch-amerikanischen Zollabkommens die Beschlagnahmung von Laucks Propagandamaterial vor dessen Versendung zu erreichen. Beamte der US-Botschaft lehnten dieses Ansinnen jedoch unter Hinweis auf die im ersten Verfassungszusatz verankerte Rede- und Pressefreiheit ab; stattdessen schlugen sie vor, die Propagandasendungen erst dann zu beschlagnahmen, wenn sie die westdeutsche Grenze erreichten.[16]
Laucks Vermächtnis im Internet-Zeitalter
In den 2000er-Jahren ging der Einfluss des NS Kampfrufs und der Hakenkreuz-Aufkleber zurück. Interpol hatte Lauck 1995 in Dänemark verhaftet und nach Hamburg ausgeliefert. Vor Gericht konnte ihm in fast 40 Fällen die Verbreitung von NS-Propaganda nachgewiesen werden; er wurde zu vier Jahren Haft in Deutschland verurteilt.[17] Seine Verhaftung war mit der Operation Atlantik II des Bundeskriminalamts zusammengefallen, bei der lokale Polizeikräfte (mit Hilfe von FBI-Informationen) 80 Wohnungen in 15 Bundesländern durchsucht, 56 Personen verhaftet sowie Waffen und NSDAP/AO-Propaganda beschlagnahmt hatten.[18]
Im Jahr 2000 kehrte Lauck nach Nebraska zurück und passte sich der heraufziehenden Internet-Ära an. Mit Online-Chatrooms, die international agierenden Neonazis nie zuvor dagewesene anonyme Kommunikationsmöglichkeiten boten, verlor der Versand von gedruckter Propaganda weiter an Bedeutung. So schuf Lauck 2001 die Web-Hosting-Plattform zensurfrei.com, mit deren Hilfe Extremisten ihre Webseiten sicher auf amerikanischen Servern unterbringen können.[19]
(Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Georg Wamhof)
[1] Dieser Text beruht auf meinem längeren Artikel: Michelle Lynn Kahn, The American Influence on German Neo-Nazism: An Entangled History of Hate, 1970s–1990s, in: Journal of Holocaust Research 35 (2021), H. 2, S. 91–105.
[2] Schreiben Bundesministerium des Innern (BMI) an Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), betr. Zusammenarbeit deutscher rechtsextremistischer Gruppen mit Rechtsextremisten im Ausland, 11.1.1980, Bundesarchiv (BArch), B 106/101996.
[3] Bob Wolfson, zit. nach Carson Vaughan, The Farm Belt Führer: The Making of a Neo-Nazi, The Guardian, 6.7.2017, https://www.theguardian.com/world/2017/jul/06/neo-nazi-gerhard-lauck-nebraska-antisemitism (letzter Zugriff: 26.1.2024).
[4] Hinsichtlich der Verbindung Laucks zu Otte siehe: Annelotte Janse, From Letters to Bombs: Transnational Ties of West German Rightwing Extremists, 1972–1978, in: Behavioral Sciences of Terrorism and Political Aggression 14 (2022), H. 3, S. 241–258.
[5] N.N., Die Organisation, NS Kampfruf (Nov./Dez. 1977), Nr. 23, S. 1, Fortsetzung S. 3 und 4 (Hervorheb. im Orig.).
[6] Die Strategie der NSDAP/AO, NS Kampfruf (Jan./Feb. 1987), Nr. 98, S. 3.
[7] Viele Beispiele dafür finden sich im antifaschistischen pressearchiv und bildungszentrum (apabiz), Berlin.
[8] Umschlag, 1978, apabiz, Ordner „NSDAP/AO“.
[9] Zit. nach Schreiben BfV an BMI, betr. Die Bedeutung der neonazistischen Agitation aus Nordamerika für die Aktivitäten deutscher NS-Gruppen, 18.6.1980, BArch, B 106/101996.
[10] Zit. nach Schreiben BfV an Referat für Öffentlichkeitsarbeit, betr. Neonazistische Agitation aus dem Ausland, 2.2.1982, BArch, B 106/101997.
[11] Frank Collin, Vietnam-Chicago Stil!, übersetzt von Hans von Thenen, NS Kampfruf 4 (Sommer 1976), H. 18, S. 1.
[12] Neben vielen anderen siehe z.B.: Hakenkreuze aus den USA importiert, Süddeutsche Zeitung, 24.6.1975; Hakenkreuze im Spind, die tat, 22.9.1978; Gewehre und Bajonette – NS-Anführer ins Ausland, Die Neue, 10.8.1979.
[13] Paul Lansing/John D. Bailey, The Farmbelt Fuehrer: Consequences of Transnational Communication of Political and Racist Speech, in: Nebraska Law Review 76 (1997), H. 3, S. 653–678, hier S. 656.
[14] Dem NS-Propagandisten Lauck sicheres Geleit zugesagt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.6.1979.
[15] Diese Information beruht auf vertraulichen FBI-Dokumenten, die der Autorin aufgrund des U.S. Freedom of Information Act (FOIA) zugänglich waren.
[16] Auswärtiges Amt, betr. Zollrecht; hier: zollrechtliche Maßnahmen gegen neonazistische Propaganda, 20.1.1987, Politisches Archiv des Auswärtigen Amts (PAAA), B 85-REF.511/1823.
[17] Stephen E. Atkins, Encyclopedia of Right-Wing Extremism in Modern American History, Santa Barbara: ABC-CLIO, 2011, S. 111.
[18] Lansing/Bailey, The Farmbelt Fuehrer, S. 658f.
[19] Abraham H. Foxman/Christopher Wolf, Viral Hate: Containing Its Spread on the Internet, New York: St. Martin’s Press, 2013, S. 24.
Paul Lansing/John D. Bailey, The Farmbelt Fuehrer: Consequences of Transnational Communication of Political and Racist Speech, in: Nebraska Law Review 76 (1997), H. 3, S. 653–678.
Annelotte Janse, From Letters to Bombs: Transnational Ties of West German Rightwing Extremists, 1972–1978, in: Behavioral Sciences of Terrorism and Political Aggression 14 (2022), H. 3, S. 241–258.
Michelle Lynn Kahn, The American Influence on German Neo-Nazism: An Entangled History of Hate, 1970s–1990s, in: Journal of Holocaust Research 35 (2021), H. 2, S. 91–105.