Neuer Anstrich für den alten Nationalismus:
Gert Waldmanns „Von der Linken lernen?“
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Marie Müller-Zetzsche, Neuer Anstrich für den alten Nationalismus: Gert Waldmanns „Von der Linken lernen?“, in: Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000. Eine kommentierte Online-Quellensammlung, 28.11.2025, https://radikale-rechte.de/comment/023-mueller-zetzsche-von-linken-lernen, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2982.
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Mit einem provokanten Aufruf in der Zeitschrift Nation Europa löst Gert Waldmann eine Debatte um Ideologie und Aktionsformen der Nationalen Opposition aus. Der Wunsch, der Neuen Linken den Rang abzulaufen, verbindet sich mit neuem Generationsbewusstsein: Die Neue Rechte entsteht.
Das Augustheft der Nation Europa von 1969 ist dem Themenschwerpunkt „Ideologie und Weltanschauung“ gewidmet. Auf dem Titel wird ein Artikel „Von Linken lernen?“ als Beitrag „Junge[r] Stimmen“ angekündigt. Der Text mit dem Untertitel „Respektlose Gedanken eines jungen Nationalisten“ stammt von Wolfgang Günther, der unter dem Pseudonym Gert Waldmann schreibt. Er ist gerade einmal eine gute Seite lang.[1] Vor Waldmanns Text steht ein Artikel des 21-jährigen Michael Meinrad (d.i. Michael Troppenz), danach folgt eine Rezension von Hermann Ravensberg zu Caspar von Schrenck-Notzings Buch über „Die neue Linke in Deutschland“. Diese drei Texte, letzterer ein Abdruck aus der Zeitschrift fragmente, werden im Inhaltsverzeichnis unter der gemeinsamen Überschrift „Junge Stimmen“ zusammengefasst.
Forum für rechte Ideologie
Wolfgang Günther (geb. 1941) ist einer der jungen „Nationalrevolutionäre“, die wie Henning Eichberg früh vom Herausgeber der Nation Europa Arthur Ehrhardt gefördert werden.[2] Er ist seit seinem Studium der Germanistik politisch aktiv, zunächst in der Vereinigung Heimatvertriebener Deutscher Studenten (VHDS), nach deren Auflösung als Initiator einer Neuen Rechten[3] im Umfeld der Zeitschrift Junges Forum. Im Juni 1968 veröffentlicht er seinen ersten Text in Nation Europa: „Sechs Thesen zum modernen Nationalismus“. Nation Europa ist die zu dieser Zeit die wichtigste rechte Monatszeitschrift. Sie wurde von Arthur Ehrhardt seit der Gründung 1951 als Forum für verschiedene Strömungen der westdeutschen und internationalen Rechten betrieben. Neben Texten der teils prominenten Stammautorinnen und -autoren wie Ehrhardt selbst, Erich Kernmayr, Peter Kleist, Helmut Sündermann und Brigitte Pohl, druckt die Redaktion auch regelmäßig Texte aus ihren zahlreichen Zuschriften und Leserbriefe.
Mitten in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Studentenbewegung und der Neuen Linken erscheint Wolfgang Günthers zweiter Text: „Von der Linken lernen?“ Gedanken, die in kleineren neurechten Zeitschriften wie Junges Forum und fragmente seit mehreren Jahren ausführlich diskutiert werden, kann er hier in polemischer Weise dem ungleich größeren Kreis der Leserinnen und Leser von Nation Europa präsentieren.
Linke Phrasen zur Erneuerung des Nationalismus?
Günther ist dabei bewusst, dass es sich um einen im Durchschnitt deutlich älteren Kreis, ja mehrheitlich eine andere Generation von Rechten handelt, an die er sich wendet. So stilisiert er sich selbst nicht nur als „jungen Nationalisten“, er unterstellt auch den Älteren, „die Jugend“ als „völlig amoralisch und anarchistisch“ abzuurteilen. Zu Beginn spricht er die Leserin und den Leser mit der Frage „Verblüfft Sie diese Überschrift?“ direkt an, um dann die vermutete Reaktion für sich zu nutzen: Er will zum „Nachdenken“ aufrufen und skizziert dabei zunächst einen in seiner Sicht intellektuell desolaten Zustand der Rechten. Es fehle ihr an neuen Formen von „Aktionen“ und eine „schlagkräftige Publizistik“. Die Begriffe die er infrage stellen will, setzt Günther dabei in Anführungszeichen: ‚Ordnung‘, ‚Sicherheit‘ und ‚rechts‘. Er fragt rhetorisch: „Waren Sie einmal auf einer Veranstaltung einer rechtsgerichteten Organisation?“ Dann folgt seine Kritik in Form polemischer Fragen nach den dort gemachten Erfahrungen. Er unterteilt die Leserinnen und Leser in solche, die verärgert den Text zur Seite legen würden, und solche, die nun weiterlesen. Wer sich abwendet, dem wünscht er „weiterhin viel Erbauung und einen guten Schlaf“ mit Träumen von der Staatsgewalt, die junge Menschen verprügele, und von „Vorbeugehaft“ gegen Kritiker des „Establishments“. Mit dem so unterstellten Ressentiment schließt er sehr deutlich an die Generationenkonflikte in der Studentenrevolte an.
Das, was seiner Ansicht nach die Rechte von der Neuen Linken zu lernen habe, umreißt Günther in sechs knappen Thesen. Erstaunlich ist, dass es sich bei fünf der Thesen um Urteile über die Gesellschaft und die Notwendigkeit ihrer Veränderung handelt, die im engeren Sinne nicht gelernt, sondern eher geteilt oder abgelehnt werden können. Lediglich die Aussage, „dass nur Aktionen Erfolge bringen“, könnte auf eine Erfahrung zurückzuführen sein. Sowohl Formulierung als auch Aussage der Thesen zeigen, wie der Autor die Sprache der Neuen Linken nachahmt: Von der notwendigen Revolutionierung der Gesellschaft bis zum „Establishment“ lässt er kaum eine Parole aus.
In den letzten kurzen Absätzen des Textes umreißt Wolfgang Günther das nationalrevolutionäre Ideologie-Programm und verortet es schließlich – ganz neurechts gedacht – „gleich weit entfernt von der klassischen Linken wie der klassischen Rechten“. Der Appell, der von seinem Text ausgeht, zielt darauf ab, in einem gesellschaftskritischen Diskurs, der zu diesem Zeitpunkt deutlich von der Neuen Linken bestimmt ist, Hegemonie zu erlangen. Er fordert dazu auf, „radikale Kritik“ an den Institutionen Staat und Kirche sowie an den „politischen Religionen“ Faschismus und Kommunismus zu üben. Der neue nationalistische Standpunkt soll ein europäischer und sozialrevolutionärer sein.
Dabei handelt es sich allerdings nicht um einen Standpunkt, auf den sich die gesamte junge Rechte oder auch nur die intellektuelle Neue Rechte einigen könnte. Vielmehr ist neben dem nationalrevolutionären Flügel noch ein nationalkonservativer in der Studentenschaft aktiv. Beide stehen 1969 unter Druck, denn die Neue Linke ist an den Hochschulen gut vertreten und vernetzt; sie zieht immer mehr junge Menschen an, hatte zeitweise mit dem SDS einen organisatorischen Vorsprung und auch publizistisch deutlich mehr zu bieten. Das ist sicher ein Grund, aus dem die junge Rechte einen Spagat versucht zwischen dem Habitus der Neuen Linken und den Inhalten der alten Rechten, aus der sie kommt.[4]
„Neue“ und „alte“ Rechte in der Diskussion
Die „respektlose[n] Gedanken“ bleiben in Nation Europa nicht unwidersprochen. Im folgenden Heft druckt die Redaktion als „Leserdiskussion“ unter der Überschrift „Von der Linken lernen?“ drei Beiträge, die sich mit Wolfgang Günthers Kritik und Forderungen auseinandersetzen. Dabei überwiegt eine ablehnende Haltung, vertreten von Richard Etzel (Gründer des Jugendbund Adler) und Renate von Stieda (ehemals NS-Frauen-Warte). Lediglich Helmuth Hingkeldey stimmt Günther zu, dass eine neue rechte Protestkultur entwickelt werden müsse, diffamiert aber gleichzeitig Studierende als „Umerzogene“.[5] Im Oktoberheft folgt nur ein Leserbrief, der wiederum auf die wünschenswerte neue Form von Auseinandersetzungen eingeht: „H. Bölz“ fordert Flugschriften, statt historische Wälzer und Bildbände sowie eine „Sprache der Zeit“.[6] Vor diesem Brief platziert die Redaktion allerdings eine dreieinhalbseitige Replik von Brigitte Pohl. In aller Deutlichkeit widerspricht sie dem Artikel Günthers: „Von der Linken können wir nichts lernen, denn ihr Nihilismus ist ein Weg nach unten.“ Sie prangert Werteverfall und Chaos der Gegenwart an und ist sich durchaus des schwelenden Generationenkonflikts bewusst. Sie kontert: „Nur auf dem Kulturniveau der Steinzeit wird der Vater bereits mit Vierzig weggeräumt.“[7]
Das Novemberheft enthält die „Fortsetzung der Leserdiskussion“, namentlich einen Beitrag von „Dr. H.G. Amsel“, der sowohl auf Brigitte Pohl (zustimmend) als auch auf Wolfgang Günther (kritisch und ergänzend) eingeht. Das Januarheft 1970 ist schließlich dem Schwerpunkt „Jugend im Aufstieg? Jugend verstiegen?“ gewidmet und enthält unter der Überschrift „Junger Nationalismus in der Diskussion“ sieben Beiträge, darunter einen weiteren von Michael Meinrad und einen von Hartwig Singer (d.i. Henning Eichberg). Peter Degner schreibt über den SPD-Bundeskongress und interessiert sich mehr für parteipolitische Debatten und Differenzen als für grundsätzliche ideologische Diskussionen. Eineinhalb Jahre später, nach Ehrhardts Tod, übernimmt dieser junge Rechtsradikale mit dem bürgerlichen Namen Peter Dehoust die Chefredaktion der Nation Europa. Dehoust, ehemaliges Mitglied der Deutschen Reichspartei (DRP) und seit 1966 der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), wechselt vom Deutschen Studenten Anzeiger. Er wird Nation Europa NPD-näher ausrichten und nationalrevolutionäre Stimmen zunächst nicht mehr veröffentlichen. Eine deutliche Absage an die „Fortschrittler […]“[8] enthält schließlich das Januarheft 1972, das erneut der Jugend gewidmet ist. Jürgen Reg fordert hier in direkter Auseinandersetzung mit Artikeln von Hartwig Singer und Michael Meinrad, dieses „Autorenkollektiv“, zu dem er auch Waldmann zählt, „‚Links liegen [zu] lassen‘“. Einen Generationenkonflikt würden diese „Schreibtischstrategen“ nur herbeischreiben. In Reaktion auf einen Nachruf auf Arthur Ehrhardt in der Reichs-Arbeiter-Zeitung der Unabhängigen Arbeiter-Partei (UAP), in dem dieser als „unverbesserliche[r] negative[r] Faschist“ bezeichnet und Nation Europa als „eines der reaktionärsten Blättchen der Alten Rechten“, rollt Dehoust allerdings bereits im September 1972 die Frage eines Generationenkonflikts als eine Debatte mit ‚linksnationalen‘ Kräften erneut auf. Sein Gegner, der Herausgeber der Reichs-Arbeiter-Zeitung Wolfgang Strauss, wird ab 1980 allerdings Stammautor von Nation Europa.
Der Artikel Wolfgang Günthers bringt die verschiedenen Lager und Generationen der radikalen Rechten miteinander in Diskussion. Immer wieder aufkommende rechte Lagerkämpfe werden sichtbar: Soll der neue Nationalismus theoriebildend sein oder misstraut man „utopischen Fernzielen“ (Renate von Stieda)? Wie antikapitalistisch soll er sein? Gilt es, die eigene Meinung in Aktionen auf der Straße zu vertreten, die Führungsetagen anzustreben oder Einfluss im vorpolitischen Raum zu gewinnen? Gleichzeitig zeigen sich die Bruchlinien zwischen „alter“ und „Neuer Rechter“ implizit an der Frage, wie wichtig das Feindbild Bolschewismus noch für die jeweilige politische Agenda ist. Richard Etzel, Renate von Stieda und Brigitte Pohl setzen auf das alte Feindbild der „Blutroten“ (Etzel), während bei den „Jungen Stimmen“ aus dem Antikommunismus ein Antiimperialismus wird. Sie wollen die Linke nicht mehr „dogmatisch“ als Feind bekämpfen, sondern ihr den Rang ablaufen. Damit schließen die Jüngeren an den bundesrepublikanischen Mainstream der 1960er-Jahre an. Während der Antikommunismus gesamtgesellschaftlich an integrativer Kraft verliert, wird die Beschäftigung mit dem Marxismus populärer. Kommunistisch orientierte Linke werden zu Konkurrenten, mit denen man reden kann.[9] Das gilt aber, wie die Diskussion um „Von der Linken lernen?“ zeigt, nur für eine Minderheit der Neuen Rechten und möglicherweise nur als Pose denn als Abkehr von alten Inhalten. Gleichzeitig mit den Debatten formiert sich ein gewaltaffiner „Widerstand“ gegen die neue Ostpolitik, an dem die Neue und die alte Rechte sich gemeinsam beteiligen.
[1] Gert Waldmann, Von der Linken lernen? Respektlose Gedanken eines jungen Nationalisten, in: Nation Europa 19 (1969), H. 8, S. 23–24.
[2] Günter Bartsch, Revolution von rechts? Ideologie und Organisation der Neuen Rechten, Freiburg: Herder, 1975, hier S. 96.
[3] Ebd., S. 25.
[4] Bartsch, Revolution, 129f.
[5] Helmuth Hingkeldey, „Neue Denkmodelle genügen nicht, in: Nation Europa 19 (1969), H. 9, S. 59.
[6] H. Bölz, „Ein kritischer Leser spricht“, in: Nation Europa 19 (1969), H. 10, S. 64–65, hier S. 64.
[7] „Brigitte Pohl schreibt“, in: Nation Europa 19 (1969), H. 10, S. 61–64, hier S. 61.
[8] Jürgen Reg, Der vorgetäuschte Generationenkonflikt, in: Nation Europa 22 (1972), H. 1, S. 23–25, hier S. 25.
[9] Axel Schildt, Antikommunismus von Hitler zu Adenauer, in: Norbert Frei/Dominik Rigoll (Hg.), Der Antikommunismus in seiner Epoche. Weltanschauung und Politik in Deutschland, Europa und den USA, Göttingen: Wallstein, 2017, S. 186–203, hier S. 202.
Günter Bartsch, Revolution von rechts? Ideologie und Organisation der Neuen Rechten, Freiburg: Herder, 1975.
Margret Feit, Die „Neue Rechte“ in der Bundesrepublik. Organisation, Ideologie, Strategie, Frankfurt a.M./New York: Campus, 1987.
Martina Koelschtzky, Die Stimme ihrer Herren. Die Ideologie der Neuen Rechten, Köln: Pahl-Rugenstein, 1986.
Axel Schildt, Antikommunismus von Hitler zu Adenauer, in: Norbert Frei/Dominik Rigoll (Hg.), Der Antikommunismus in seiner Epoche. Weltanschauung und Politik in Deutschland, Europa und den USA, Göttingen: Wallstein, 2017, S. 186–203.
Volkmar Wölk, Alter Faschismus in neuen Schläuchen? Auf den Spuren der „Neuen“ Rechten: Ideologische Zeitreise von Dresden nach Italien und zurück, in: Friedrich Burschel (Hg.), Das faschistische Jahrhundert. Neurechte Diskurse zu Abendland, Identität, Europa und Neoliberalismus, Berlin: Verbrecher Verlag, 2020, S. 165–227.