Der Beginn des Rechtsterrorismus:
Mordversuch am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin
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Gideon Botsch, Der Beginn des Rechtsterrorismus: Mordversuch am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin (1970), in: Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000. Eine kommentierte Online-Quellensammlung, 28.11.2025, https://radikale-rechte.de/comment/004-botsch-ebf-bekennerschreiben, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2966.
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Am 7. November 1970 schießt der Berliner Neonazi Ekkehard Weil auf den sowjetischen Wachsoldaten Ivan Shcherbak. Ein Bekennerschreiben markiert die Tat als Auftakt zum organisierten Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik.
Im Februar 1971 bringt das linksalternative Nachrichtenmagazin Berliner Extra-Dienst (ED) auf der Titelseite ein Faksimile. Darin bekennt sich eine Europäische Befreiungsfront (EBF) zum Kampf gegen die „Roten Sozialisten“. Mit dem „letzten politischen Mittel, der Liquidation“, gebe man den „Auftakt für eine Aktionskette“, die zur „Befreiung Deutschlands und somit Europas von der kommunistischen Brut“ führen werde.
Höchstwahrscheinlich handelt es sich um die Kopie eines Bekennerschreibens, das bereits am Tag nach dem Anschlag in Tatortnähe aufgefunden wurde. Zu sehen ist ein Ausschnitt mit redaktionell einmontierter Bildunterschrift. Der Bericht „Befreiungsfront: Neonazis drohen mit Liquidation“[1] beschreibt das Dokument so: „In Westberlin kursiert in den einschlägigen Kreisen seit einigen Tagen ein zweiseitiges Flugblatt“. Es sei mit „Aufruf zum Widerstand gegen den Ausverkauf Deutschlands“ überschrieben. Als Illustration diene eine Titelzeichnung der Zeitschrift MUT. Das Faksimile dürfte authentisch sein.
Der Anschlag auf das Sowjetische Ehrenmal
In der Nacht vom 6. auf den 7. November 1970 wird auf den Ehrenposten am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Tiergarten geschossen. Den zwanzigjährigen ukrainischen Wachsoldaten Ivan Shcherbak treffen zwei Schüsse aus einem Kleinkalibergewehr und verletzen ihn schwer. Das Ehrenmal befindet sich nur wenige hundert Meter vom Brandenburger Tor und von der Mauer entfernt im Britischen Sektor, also im Westteil Berlins. Die Polizei stellt im Umfeld Spuren sicher, die auf eine vorbereitete, gezielte Tat hindeuten. Unweit des Tatorts, am Mozartpavillon, sind großflächig Parolen angebracht: „Auftakt gegen den Bolschewismus“ und „Zerschlagt die rote Korruption“. Pfeile weisen in Richtung des Ehrenmals. Dort findet die Polizei auch das Flugblatt.
Es handelt sich um ein für den deutschen Rechtsterrorismus untypisches Dokument. Oft fehlt ein Tatbekenntnis, oder es werden nur sehr allgemeine Botschaften verbreitet, zum Beispiel in Form von Schriftparolen. Hier bekennt eine Gruppe mit Namen ihre Tötungsabsicht, stellt die Tat in einen politischen Zusammenhang und markiert sie als Auftakt zu einer geplanten Anschlagsserie. Die Überschrift „Aufruf zum Widerstand“ hat appellativen Charakter und lädt zu Nachahmungstaten ein.
Ekkehard Weil – ein Einzeltäter?
Bald nach dem Anschlag wurde der Täter verhaftet, der Hilfskrankenpfleger Ekkehard Weil (geb. 1949). In seiner Wohnung stellte die Polizei umfangreiches Propagandamaterial aus der Zeit des Nationalsozialismus sicher. Von den Medien in der Bundesrepublik und West-Berlin wurde Weil überwiegend als Einzeltäter dargestellt. Die Medien der DDR warfen den bundesdeutschen Behörden dagegen vor, die Bewaffnung rechtsextremer Gruppen im Westteil der Stadt nicht unter Kontrolle zu haben. Der ED schloss sich dieser Wertung an und stützte seine Einschätzung auf Recherchen des Journalisten Jochen Maes.[2]
Ob es tatsächlich einen Gruppenzusammenhang gab, wird nie geklärt. Die Verhandlung gegen Weil fand auf Grund des besonderen Status von Berlin vor einem britischen Militärgericht statt. Am 3. März 1971 schilderte Weil detailliert die Tatplanung: Insgesamt sieben Personen sollen beteiligt gewesen sein.[3] Die Aussage diente der Entlastung, da Weil behauptete, nicht selbst geschossen zu haben. Auch in anderen Teilen ist sie kaum glaubwürdig, zumal Weil die Namen der Tatbeteiligten nicht nennt. Für den britischen Militärrichter war es ein „Märchen“, eine „billige Spionagegeschichte“.[4] Während des Prozesses bekannte Weil sich zum Tatziel, die laufenden deutsch-sowjetischen und deutsch-deutschen Verhandlungen zu torpedieren. Beim Betreten des Gerichtssaals zeigte er regelmäßig den sogenannten Widerstandsgruß: In Anlehnung an den verbotenen Hitlergruß bildeten drei Finger der ausgestreckten rechten Hand den Buchstaben „W“.[5]
MUT, Nationalrevolutionäre Jugend und Aktion Widerstand
Weil hatte das Heft der Zeitschrift MUT, aus dem die Zeichnung ausgeschnitten war, am Rande des „Tages der Heimat“ erworben, den der Bund der Vertriebenen am 6. September 1970 in der Berliner Waldbühne veranstaltet hatte. Der Extra-Dienst charakterisierte MUT als „Hausblatt“ der National-Revolutionären Jugend .[6] Diese Berliner Gruppe gilt als eine der ersten Organisationen der sogenannten Neuen Rechten in Deutschland. Mehrfach waren ihre Anhänger mit gewalttätigen Störaktionen aufgefallen, an denen sich mindestens einmal – am 17. Juli 1970 – Ekkehard Weil aktiv beteiligte. Im Stadtteil Neukölln betrieb die National-Revolutionäre Jugend ein Nationales Zentrum „1871“. Dort bekräftigte am 6. November 1970, dem Tatabend, der Kopf der Gruppe, Sven Thomas Frank, den Anspruch, auf „deutsche“ Territorien dürfe nie verzichtet werden.[7]
MUT gehörte in dieser Phase seiner Entwicklung zu den militantesten Periodika der extremen Rechten. Ihr Gründer, Bernhard C. Wintzek, stand selbst kurz vor dem Gang in den rechtsterroristischen Untergrund.[8] Er war maßgeblich beteiligt an der Aktion Widerstand, die die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) und eine Reihe weiterer rechtsextremer Organisationen initiiert hatten. Am 31. Oktober 1970 fand in Würzburg die Auftaktkundgebung statt. Schon während einer Saalveranstaltung vor 3.000 Teilnehmenden riefen junge Rechtsextreme zum Mord auf („Hängt die Verräter“). Im Anschluss setzten sie einen nicht genehmigten, gewalttätigen Aufmarsch durch. Aktivisten der National-Revolutionären Jugend riefen schon im Vorfeld dazu auf, „als eindrucksvoller nationalrevolutionärer Block“ einer „militanten […] Bewegung der jungen Rechten“ aufzutreten.[9]
Weil verübte das Attentat mit Bedacht wenige Stunden vor der Kranzniederlegung zum Jahrestag der Oktoberrevolution am 7. November, aber die zeitliche Nähe zur Gründung der Aktion W ist ebenfalls hervorzuheben. In den folgenden Monaten wurden im gesamten Bundesgebiet Übergriffe gegen die politische Linke, Sozialdemokratie und Gewerkschaften verübt – teilweise mit Brandsätzen und Schusswaffen. Die Täter bezogen sich auf die Widerstands-Kampagne und verwendeten das „W“.[10] Ob es sich dabei um die angekündigte „Aktionskette“ handelte, lässt sich nicht feststellen.
Europäische Befreiungsfront und Odalsgruppe
Bereits im Mai 1970 war in Nordrhein-Westfalen eine Gruppe ausgehoben worden, die sich aus Aktivisten des Ordnerdienstes der NPD (OD) zusammensetzte. Unter dem Namen Europäische Befreiungsfront bereitete sie sich auf gewalttätige Aktionen vor. Die Polizeimaßnahmen fanden unmittelbar vor dem symbolisch wichtigen Treffen zwischen Bundeskanzler Willy Brandt und DDR-Außenminister Willi Stoph in Kassel am 21. Mai 1970 statt. Trotz den Festnahmen störten militante Rechtsextremisten das Gipfeltreffen massiv und erfolgreich.
Ob zwischen der westdeutschen EBF und Ekkehard Weil eine direkte Verbindung bestand, ist unsicher. Allerdings war Weil schon seit Längerem in rechtsextremen Kreisen aktiv. So gehörte er der 1965 in Berlin gegründeten Gemeinschaft deutscher Jugend an. Als Bundeswehr-Freiwilliger knüpfte Weil seit 1968 Kontakte zu Aktivisten des Bundes Heimattreuer Jugend (BHJ) im norddeutschen Raum. Diese seinerzeit militanteste rechtsextreme Gruppe stand bereits an der Schwelle zum Terrorismus.
Im Sommer 1970 sollen westdeutsche Angehörige des BHJ Weil, seinen eigenen Behauptungen zu Folge, in Berlin kontaktiert und sich als Mitglieder der EBF zu erkennen gegeben haben. Als Odalsgruppe bildeten sie demnach eine spezielle Untereinheit von Bundeswehrangehörigen und „Waffenkennern der nationalen Jugend“.[11] Von diesen Männern, die er nur unter Tarnnamen kannte, wollte Weil den Auftrag zum Kauf der Waffe erhalten haben. Ursprünglich sei sie für eine Fluchthilfeaktion an der Mauer vorgesehen gewesen. Als diese scheiterte, hätten ihn die BHJ-Aktivisten über den geplanten Anschlag am Ehrenmal informiert. Die Polizei versäumte es, solche Hinweise auszuermitteln. Einige seiner Angaben klingen indes plausibel. So fand am 17. Juli 1971 eine Aktion statt, die an Weils Aussage erinnerte: Als sich Aktivist*innen der rechtsextremen Szene um den Berliner BHJ-Standortführer, seine Freundin und den Kneipenwirt Horst Mach an der Mauer versammelten, ähnelten Tatort und Tatablauf den Planungen eines Fluchthilfeversuchs aus Weils Aussagen. Dabei wurden auch Schüsse auf DDR-Grenzanlagen abgegeben.[12]
1970: Der Terrorismus erreicht Deutschland – auch von rechts
Horst Mach war nicht nur ein aktiver Neonazi. Er betrieb auch die Berliner Halbweltkneipe Hottes Wolfsschanze, über die der Extra-Dienst bereits berichtet hatte.[13] In der Februarausgabe, der unsere Quelle entnommen ist, wurde sie ebenfalls erwähnt – allerdings in anderem Zusammenhang. Schon der Bericht zum Weil-Attentat behauptet einleitend: „Während die Hetzjagd auf die ‚Baader-Meinhof-Bande‘ immer monströsere Ausmaße annimmt […], sind in Westberlin und der BRD bewaffnete nazistische Terrorgruppen am Werk“.[14] Der ED bezog sich dabei auf die Ermittlungstätigkeiten gegen die Gründungszelle der Roten Armee Fraktion (RAF) um Ulrike Meinhof, die am 14. Mai 1970 Andreas Baader aus der Strafhaft befreit hatte. Dabei war ein Unbeteiligter angeschossen worden. Im selben Heft berichtete der ED über den Prozess gegen den Tatbeteiligten Horst Mahler. Wie darin beschrieben wurde, war der Kauf der Tatwaffe bei der Baader-Befreiung in der Wolfsschanze auf Vermittlung von „Hotte“ angebahnt worden.[15]
1970 war das Jahr, in dem der Terrorismus Deutschland erreichte. Neben den frühen Aktionen linksradikaler „Stadtguerillas“ führten auch palästinensische Kommandos erste Anschläge mit Todesopfern auf deutschem Boden durch. Und bei einer bis heute unaufgeklärten Brandstiftung im Jüdischen Gemeindezentrum München starben sieben Überlebende der Shoah in den Flammen.
Dass zeitgleich eine gewalttätige Radikalisierung der extremen Rechten stattfand, wird bis heute weniger beachtet. Ein erster Mordanschlag mit rechtsextremem Hintergrund zielte im April 1968 auf den prominentesten Kopf der Studentenbewegung, Rudi Dutschke, der 1979 an den Spätfolgen starb. Der NPD-Ordnerdienst griff während der Bundestagswahl 1969 Gegendemonstranten an, einmal wurden Protestierende angeschossen. Der Kern militanter Aktionsgruppen bestand oft aus OD-Angehörigen, wie es auch bei der EBF der Fall war.
Ekkehard Weil, der wegen versuchten Mordes zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, verübte schon kurz nach seiner Entlassung 1977 einen Brandanschlag. Während des anschließenden Prozesses brach er dem Journalisten Jochen Maes die Nase. Später tauchte er in Österreich unter, wo er sich an weiteren terroristischen Aktivitäten beteiligte. 1990 führte er jungen Neonazis in Ostdeutschland an Waffen und Sprengstoff heran. Insofern steht der Mordanschlag gegen den Wachsoldaten Ivan Shcherbak am Beginn einer Kontinuität des organisierten Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland.
[1] Unter dieser Überschrift erschien der Artikel im Extra-Dienst auf S. 2, obschon er auf dem Titelblatt als „Morddrohungen der Neonazis in Berlin“ für S. 9 angekündigt ist, wo zudem die Seitenangaben für diesen Bericht und einen Report über den RAF-Prozess um Horst Mahler vertauscht sind.
[2] Vgl. Der Überfall auf den Sowjet-Posten. Wer hinter dem „Einzelgänger“ steht…, ED, 89/IV, 11.11.1970, S. 1–4, sowie die Berichterstattung in den folgenden Wochen; ferner: Nicolaus Neumann/Jochen Maes, Der geplante Putsch. Die Rechte in der BRD. Ihre Hintermänner und ihre Organisation (Konkret extra; 18), Hamburg: Konkret-Buchverlag, 1971, S. 88–91.
[3] Vgl. die handschriftl. Mitschriften und maschinenschriftl. Abschriften von Jochen Maes in: Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin, Sammlung Stöss, Ordner „Weil, E.“, Nr. 1.1; Neumann/Maes, Der geplante Putsch, S. 90f.
[4] Zit. n. Neumann/Maes, Der geplante Putsch, S. 90.
[5] Vgl. Paul Moor, Die kleine Welt des Ekkehard Weil, Die Zeit, 12.3.1971.
[6] ED, 17.2.1971, S. 2; vgl. auch Otto Jörg Weis, Die „Nationalrevolutionäre Jugend“. Kann in Westberlin nicht sein, was nicht sein darf?, Stuttgarter Zeitung, 13.1.1971.
[7] Neumann/Maes, Der geplante Putsch, S. 74.
[8] Nach dem Bericht von Peter Steinbach, in: Thilo Schmidt, Die Abkehr vom Rechtsextremismus, Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 9.12.2020, https://www.deutschlandfunkkultur.de/zeitschrift-mut-im-wandel-die-abkehr-vom-rechtsextremismus-100.html (letzter Zugriff: 20.2.2024).
[9] Aktion Widerstand/Nationales Zentrum 1871, betr. Alle Mitglieder, Interessenten und Freunde der nationalfreiheitlichen Jugend Berlins, o.D. [Oktober 1970], hier zit. n. dem Faksimile bei: Günter Bartsch, Revolution von rechts? Ideologie und Organisation der Neuen Rechten, Freiburg i.Br.: Herder, 1975, S. 213.
[10] Vgl. Neumann/Maes, Der geplante Putsch, S. 102–110.
[11] Neumann/Maes, Der geplante Putsch, S. 91.
[12] Vgl. Neumann/Maes, Der geplante Putsch, S. 92f.
[13] Vgl. ED, 11.11.1970.
[14] Vgl. ED, 17.2.1971, S. 2.
[15] Vgl. Martin Buchholz, Mahler-Anklage auf schwachen Füssen, ED, 17.2.1971, S. 9–11, hier S. 11; vgl. auch Obskurer Waffenhandel – Neonazis kaufen Pistolen. Und die Polizei schweigt, ED, Nr. 81/IV, 14.10.1970, S. 1 u. 16; Staatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin – EStA Nagel, Schwurgerichtsanklage gegen Ingrid Schubert, Irene Goergens und Horst Mahler, Az 2 P Js 460/70, Berlin 10.12.1970, S. 41ff., International Association of Labour History Institutions, Social History Portal, RAF Document ID 0019701210, https://socialhistoryportal.org/raf/5311 (letzter Zugriff: 13.7.2023).
Nicolaus Neumann/Jochen Maes, Der geplante Putsch. Die Rechte in der BRD. Ihre Hintermänner und ihre Organisation (Konkret extra; 18), Hamburg: Konkret-Buchverlag, 1971.
Klaus-Henning Rosen, Rechtsterrorismus. Gruppen – Täter – Hintergründe, in: Gerhard Paul (Hg.), Hitlers Schatten verblaßt. Die Normalisierung des Rechtsextremismus, Bonn: Dietz, 1989, S. 49–78.
Fabian Virchow, Nicht nur der NSU. Eine kleine Geschichte des Rechtsterrorismus in Deutschland, Erfurt: Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, 2020.