Ein Grundstein des deutschen Rechtsrocks:
Böhse Onkelz – „Türken raus“

Jahr
1981

Das Lied „Türken raus“, 1981 erstmals aufgenommen, prägte lange das Image der Böhsen Onkelz als Speerspitze der Skinheadszene der frühen 1980er-Jahre. Die frühen Veröffentlichungen der Band bilden den Grundstein für das, was heute als Rechtsrock gilt.

„Türkän Rauhs“ war das vierte je komponierte Lied der Böhsen Onkelz. Geschrieben hatte es deren Bassist Stephan Weidner, veröffentlicht wurde es auf zwei Demokassetten: zunächst auf der Demo Böhse Onkelsz (als Böhse Onkelsz) von 1981 und noch einmal 1983 auf einer unbetitelten Demoveröffentlichung (als Böhse Onkels). Darunter befand sich auch „Deutschland den Deutschen“, das zweite Lied, das den Ruf als rechtsextreme Band nachhaltig prägen sollte.[1] Darüber hinaus ist das Stück auf zahlreichen Bootlegs (Mülla Milch / Mülla Milch Deutschland und Nazionalzeitung) zu finden. Die Demo von 1981 war nicht zur Veröffentlichung gedacht, sondern ist lediglich eine überspielte Kelleraufnahme.[2] Das Lied, das als „Türken raus“ bekannt ist, wurde im Original als „Türkän Rauhs“ veröffentlicht. Hierbei bediente sich die Band der gleichen bewussten sprachlichen Abwandlung wie bei ihrem Bandnamen Böhse Onkelsz (später Böhse Onkels und Böhse Onkelz statt „Böse Onkel“). Dies zeigte sich auch in weiteren sprachlichen Abwandlungen im Beiblatt zur Demo von 1981, in der die unautorisierte Vervielfältigung der Aufnahme untersagt werden soll: „Verpfhilfältikung Untersahgt“.[3]

 

Die Böhsen Onkelz – (r)echte Skins & Straßenschläger?

Die Band bestand zum damaligen Zeitpunkt aus Kevin Richard Russell, Matthias „Gonzo“ Röhr, Peter „Pe“ Schorowsky und Stephan Weidner. Alle Texte der Band, mit Ausnahme des von Kevin Russell geschriebenen „SS-Staat“, verfasste Weidner. „Türken raus“ entstand noch in der Punk-Phase der Band – der Split zwischen Punks und Oi!-Skins sowie später zwischen linken und rechten Skinheads sollte sich erst in den nächsten Jahren vollziehen. Die Band wurde jedoch mit ihren frühen Veröffentlichungen zu einem Pionier des entstehenden Rechtsrock und zu Ikonen im Lager der rechten Skinheads.

Der Text des Liedes „Türken raus“ ist sowohl in seiner Wortwahl und Struktur als auch in seiner Aussage sehr einfach gehalten. Den Kern bildet die beständige Wiederholung der Aussagen „Türken raus“ und „Türkenfotze unrasiert, Türkenfotze nicht rasiert“ im Refrain. In den kurzen Strophen werden die stark vorurteilsbehafteten, individuellen Zuschreibungen „Nadelstreifenanzug, Plastiktütenträger, Altkleidersammler und Bazillenträger“ an die Türkeistämmigen adressiert, die kollektiv als „Türkenpack“ bezeichnet werden. Die Zuschreibungen basieren auf selektiven Eindrücken und Vorurteilen des Autors des Liedtextes über den ethnisch-kulturellen Hintergrund sowie die alltäglichen Umgangsformen der Türkeistämmigen, die der Gruppe als kollektives Verhalten abwertend zugeordnet werden. Dies wird von Weidner mit der redundanten Forderung verbunden, dass die Angehörigen dieser Personengruppe – als wahrgenommener Fremdgruppe – Deutschland („unserm Land“) möglichst schnell verlassen sollen, da diese die Bandmitglieder als selbst wahrgenommene Stellvertreter der Eigengruppe der Deutschen „krank“ mache. Die Band nimmt mit dem Text eine gezielte Feindbildmarkierung einer Gruppe auf Basis von vermeintlicher Staatsangehörigkeit und Ethnie sowie daraus zugeschriebenen Verhaltensweisen vor, die sie stellvertretend für die Eigengruppe ablehnt. Mit einer solchen Unterscheidung unterteilt die Band ihre Welt in eine Fremd- und eine Eigengruppe, die in weiten Teilen dem ideologischen Bezugssystem des Rechtsextremismus entspricht. Dieser zeigt sich in Schlag- und Schlüsselwörtern als sprachliche Repräsentation der Ideologie. 

Der Aufbau des Liedes ist typisch für den frühen Rechtsrock, der durch den spielerischen Minimalismus und einprägsamen Rhythmus eine symbiotische Beziehung von Text und Musik als Kampflied ermöglicht. Diese eingängige Kombination aus Text und Musik hat den Rechtsrock bis heute stilbildend geprägt. Die Einfachheit und Eingängigkeit zeigt sich in häufig live gecoverten Liedern wie beispielsweise „Blut muß fließen“ der Band Tonstörung oder „Polackentango“ von Landser. Auch bei diesen beiden Liedern stehen Personen im Fokus, die – als Mitglieder wahrgenommener Fremdgruppen – als Feinde markiert und zu Objekten von Vernichtungsfantasien gemacht werden. Eine Gemeinsamkeit, die sich zudem in den Texten aller drei Lieder findet, sind weitere sexistische, antisemitische und rassistische Abwertungen, die sowohl eine Provokationsfunktion erfüllen als auch zugleich im Einklang mit der Ideologie des Rechtsextremismus stehen. 

Im Fall der Böhsen Onkelz wird hier deutlich, dass sich ihre Texte aus eigenen, lebensweltlichen Erfahrungen im sozialen Nahfeld speisten. Bandmitglieder waren immer wieder in oft selbst, aber auch fremd provozierte Auseinandersetzungen mit Türkeistämmigenin und zwischen ihren Heimatstädten, dem unterfränkischen Hösbach und Frankfurt am Main, verwickelt. Deutlich wird aber auch, dass sich gerade in den Texten von Russell und Weidner ein zunehmend internalisierter, sich verfestigender Nationalismus und Rassismus niederschlagen. Insbesondere die Verbindungen des gebürtigen Hamburgers Russell in die Fanszene des Hamburger SV, speziell zum Fanklub Die Löwen, der Anfang der 1980er-Jahre in Teilen stark von Rechtsextremen aus dem Umfeld des Neonazianführers Michael Kühnen geprägt war, dürfte erheblichen Einfluss gehabt haben. Während die Mitglieder der Band, vor allem Weidner, später versuchten, die politische Dimension des Titels „Türken raus“ zu negieren und ihn als provokative Auseinandersetzung mit türkischen Gangs zu erklären, räumten sie die offen rassistische Aussage des Textes zumindest teilweise ein. Demgegenüber grenzte sich die Band jederzeit entschieden gegen eine Vereinnahmung durch organisierte, rechtsextreme Akteure wie die Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP), die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) oder die Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten (ANS/NA) ab. Hier offenbart sich ein nicht nur damals in der Skinheadszene weit verbreitetes, enges Politikverständnis, das Politik nur als verfasste Partei- und Parlamentstätigkeit einer kleinen Elite definierte. Dem steht ein stilisiertes Idealbild der großen Masse der sich auflösenden Arbeiterklasse mit übersteigerten Männlichkeitsprojektionen – „eine rückwärts-fordistisch ausgerichtete Gegenbewegung zum globalisierten Neoliberalismus unter autoritär-rassistischen Prämissen“[4] – diametral gegenüber.

 

Soziale Außenseiter, aber „ideologische Mitte“?

Mit ihrer nationalchauvinistisch-autoritären Haltung bei einer gleichzeitigen Ablehnung von offen rechtsextremen Akteuren entsprachen die vier Bandmitglieder jedoch viel mehr dem Zeitgeist, als sich die meisten Zeitgenossen eingestehen wollten: Während einerseits rechtsextreme Parteien kaum eine Chance auf politische Macht hatten, wurde andererseits der Resonanzboden für rechtsextreme Einstellungen in der Bevölkerung in der 1981 veröffentlichten SINUS-Studie offengelegt. Dort zeigte sich, dass 13 Prozent der Befragten ein geschlossen rechtsextremes Weltbild aufwiesen und sechs Prozent sogar Gewalt als probates Mittel erachteten, politische Ziele durchzusetzen.[5] Diese Gewaltbereitschaft zeigte sich zur gleichen Zeit vielfach in Deutschland, zum Beispiel beim Rohrbombenanschlag auf zwei türkische Migranten in Kassel im Februar 1981.[6] Die verantwortliche Gruppe Aktion Wehrhafter Demokraten hinterließ Flyer mit Parolen wie „Tod den Kanaken!“ und „Türkische Schweine ins KZ!“.[7]

 

Die Geister, die sie riefen: Reifende Einsichten, langsame Distanzierung 

Mit ihren frühen Veröffentlichungen hatten sich die Böhsen Onkelz den Ruf als führende rechte Skinheadband erspielt. Entscheidend für die weitere Entwicklung sollten vor allem ihr späteres Plattenlabel Rock-O-Rama und die wenigen Auftritte sein, die sie in der Zeit vor ihrer Distanzierung von dieser Szene spielten. Im Juli 1983 gab die Band zusammen mit Kraft durch Froide ein Konzert in deren Proberaum „Bunker“ in der Koloniestraße in Berlin-Wedding vor ungefähr 50 Skinheads. Hier spielten die Böhsen Onkelz das letzte Mal die beiden Titel „Deutschland den Deutschen“ und „Türken raus“. Dieser Zeitpunkt markiert den zaghaften Beginn der Distanzierung von der immer weiter nach rechts rückenden Skinheadszene, wenngleich es zunächst zu einer ambivalenten Haltung gegenüber rechtsextremen Positionen kam. Dies zeigte sich beispielsweise bei zwei Konzerten, die aufgrund ihrer Medialisierung bis heute nachhaltig in Gedächtnis der Fans verankert sind: Am 17. August 1985 spielte die Band in Groß Parin beim „Rock gegen Links“ unter anderem mit Kahlkopf und am 9. November 1985 erneut im „Bunker“ von und mit Kraft durch Froide sowie Vortex – bei beiden Auftritten wurde es toleriert, dass im Publikum der Hitlergruß gezeigt und rechtsextreme Parolen gegrölt wurden, obwohl sich die Band zumindest in Berlin von der Bühne aus dagegen aussprach.

Diese Ambivalenz spiegelte sich auch im privaten Verhalten der Bandmitglieder wider, insbesondere bei Weidner und Russell. So ist in der Bandbiografie nachzulesen, wie Weidner einerseits offen rechts auftretenden Skinheads mit markigen Sprüchen und extremer Gewalt begegnete. Andererseits trat er von ihm als ausländisch beziehungsweise fremd wahrgenommenen Personen, die ihm nicht passten, in gleicher Manier gegenüber.[8]

Das zweite „Bunker“-Konzert der Böhsen Onkelz wird häufig als Schlüsselereignis auf dem Weg der Abkehr von der Szene benannt. Seltener wird die Begegnung mit Ian Stuart Donaldson, dem Sänger des britischen Rechtsrockvorreiters Skrewdriver, bei ihrem Konzert in einem Londoner Pub am 17. Dezember 1985 als Impuls zur Abwendung angeführt, obwohl sie bei den Bandmitgliedern einen bleibenden negativen Eindruck hinterlassen hatte. Dieser Prozess ließ sich auch auf den Platten Der nette Mann (1984) und Böse Menschen – Böse Lieder (1985) erkennen, die in den Texten immer weniger Bekenntnisse zum Dasein als Skinhead und keine rechtsextremen Parolen mehr beinhalteten.

Trotz der sichtbaren Distanzierung von der Szene ab 1986 ist festzuhalten, dass die Band einen entscheidenden Impuls für den aufkommenden Rechtsrock in Deutschland setzte, wie es Skrewdriver in England getan hatten. Dadurch konnten nach ihrer Abkehr Bands wie Störkraft oder Noie Werte nachkommen und die „Begleitmusik zu Mord und Totschlag“[9] zu den rassistischen Übergriffen und Pogromen produzieren, die nach der deutschen Wiedervereinigung zwischen März 1991 und Mai 1993 unter anderem in Dresden, Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingenstattfanden. Sie traten damit in die Fußstapfen der Böhsen Onkelz, die nicht nur einen zentralen Grundstein für die Entwicklung des Rechtsrock, sondern vielmehr für die extrem rechte Subkultur in Deutschland gelegt haben.
 


[1] Vgl. Edmund Hartsch, Böhse Onkelz – „Danke für nichts“, Frankfurt a.M.: BO Management, 1997, S. 19, 68.

[2] Vgl. Klaus Farin, Böhse Onkelz. Gehasst, geliebt, vergöttert. Die Geschichte einer deutschen Band, Berlin: Hirnkost, 2017, S. 31.

[3] Beiblatt, Demo 1981, https://i.discogs.com/IfcH9WBrOhkaal7_i_X5ORP7OdtmBy6t1k8WYuloHWI/rs:fit/g:sm/q:90/h:600/w:418/czM6Ly9kaXNjb2dz/LWRhdGFiYXNlLWlt/YWdlcy9SLTE2Mzkw/NjAyLTE2MDc5NzI1/MjgtODU1NC5wbmc.jpeg (letzter Zugriff: 20.7.2022).

[4] Alexander Häusler, Szene, Stil, Subkultur oder Bewegung?, in: Christian Dornbusch/Jan Raabe (Hg.), RechtsRock. Bestandsaufnahme und Gegenstrategien, Münster: Unrast, 2002, S. 263–286, hier S. 271.

[5] Vgl. SINUS-Institut, Fünf Millionen Deutsche: „Wir sollten wieder einen Führer haben…“. Die SINUS-Studie über rechtsextremistische Einstellungen bei den Deutschen, Reinbek: Rowohlt, 1984, S. 78–79, hier S. 86.

[6] Vgl. Barbara Manthe, Ziele des westdeutschen Rechtsterrorismus vor 1990, in: Wissen schafft Demokratie. Schriftenreihe des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (2019), H. 6, S. 30–39, hier S. 36.

[7] Staatsanwaltschaft beim Landgericht Frankfurt am Main: Anklageschrift (50 Js 15364/81), 29.9.1981, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, 461/35913, Bd. 1, S. 223–229, zit. nach ebd. 

[8] Vgl. Hartsch, Böhse Onkelz – „Danke für nichts“, S. 90.

[9] Michael Weiss, Begleitmusik zu Mord und Totschlag. Rechtsrock in Deutschland, in: Searchlight/Antifaschistisches Infoblatt/Enough is enough/rat (Hg.), White Noise. Rechts-Rock, Skinhead-Musik, Blood & Honour – Einblicke in die internationale Neonazi-Musik-Szene, Hamburg u.a.: Unrast, 2004, S. 67–92.

Digital Object Identifier
2978
Auswahlbibliografie
  • Klaus Farin, Böhse Onkelz. Gehasst, geliebt, vergöttert. Die Geschichte einer deutschen Band, Berlin: Hirnkost, 2017.

  • Edmund Hartsch, Böhse Onkelz – „Danke für nichts“, Frankfurt a.M.: BO Management, 1997.

  • Stephan Richter, „Gehasst – verdammt – vergöttert“. Das Phänomen der ehemaligen Skinhead-Kultband „Böhse Onkelz“ und ihre Bezüge zum Rechtsextremismus, in: Herbert Kloninger (Hg.), Rechtsextremismus als Gesellschaftsphänomen, Brühl: Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, Fachbereich Öffentliche Sicherheit, 2006, S. 110–189.

Erscheinungsdatum

Chronologie

Zitationsempfehlung

Maximilian Kreter, Ein Grundstein des deutschen Rechtsrocks: Böhse Onkelz – „Türken raus“, in: Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000. Eine kommentierte Online-Quellensammlung, 28.11.2025, https://radikale-rechte.de/comment/018-kreter-tuerken-raus, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2978

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